Leser­brie­fe in der Süd­deut­schen Zei­tung vom 25.01.2018

Tot ist tot, aber nicht hirntot

Die Bereit­schaft zur Organ­spen­de sinkt, daher wird die Wider­spruchs­lö­sung pro­pa­giert. Der Wider­stand dage­gen ist jedoch beträcht­lich. Leser ver­lan­gen mehr Auf­klä­rung im Organ­spen­de­aus­weis über die Bedin­gun­gen der Organ­ent­nah­me.

Die Süd­deut­sche Zei­tung ver­öf­fent­licht 2 Lese­brie­fe von Dr. med. Mar­tin Stahn­ke und Erd­mu­te Witt­mann und Gise­la Mei­er zu Biesen zu den Arti­keln “Der Appell an die Moral bleibt fol­gen­los” vom 22. Janu­ar, “Kli­nisch tot” vom 17. Janu­ar sowie “War­ten auf die Trans­plan­ta­ti­on” und “Die Halb­her­zi­gen” vom 13./14. Janu­ar .

Aufrecht erhaltene Fiktion

Es ist schwer erträg­lich, den aus­la­den­den Arti­kel “Der Appell an die Moral bleibt fol­gen­los” zu lesen, der die Wider­spruchs­lö­sung recht­fer­tig, da er auf einer fal­schen Annah­me beruht. Andre­as Diek­mann könn­te sich leicht dar­über infor­mie­ren, dass die “Organ­spen­de nach dem Tod” eine auf­recht­erhal­te­ne Fik­ti­on ist. Es han­delt sich um Ster­ben­de. Wenn dies nicht schon eine Mehr­heits­mei­nung ist, so ist das “Post­mor­ta­le” an der Organ­spen­de höchst umstrit­ten. Das ist in medi­zi­ni­schen und phi­lo­so­phi­schen Arti­keln nach­zu­le­sen. Man kann dar­über dis­ku­tie­ren, ob sich ein Ster­ben­der opfern soll, aber man kann nicht erwar­ten, dass in sol­cher, meist unin­for­mier­ter Situa­ti­on, die ers­te Opti­on die Auf­ga­be des Lebens ist.

Dr. Mar­tin Stahn­ke, Kem­pen

Was fällt ihnen noch alles ein?

Es ist letzt­lich das Nicht-ertra­gen-Kön­nen von Lei­den, das immer wie­der dazu zwingt, ande­re lei­den zu machen.” Die Erkennt­nis von H. E. Rich­ter aus dem Buch “Der Got­tes­kom­plex” trifft genau die Pro­ble­ma­tik der Organ­trans­plan­ta­ti­on. Ursprüng­lich als Aus­nah­me­me­di­zin gedacht, wird die Organ­trans­plan­ta­ti­on inzwi­schen zum Stan­dar­d­an­ge­bot, das man Pati­en­ten mit Organ­ver­sa­gen in der medi­zi­ni­schen Behand­lung schul­dig ist. Dies bringt der Arti­kel “Kli­nisch tot” von Bru­no Mei­ser unver­blümt zum Aus­druck. Ohne einen Hauch von Selbst­zwei­fel und gegen sein medi­zi­ni­sches Wis­sen will er sei­ne Kol­le­gen in den Kli­ni­ken und die Poli­ti­ker unter Druck set­zen, dass sie die Organ­ent­nah­me aus einem noch leben­den Men­schen for­cie­ren. Der Bevöl­ke­rung wird vor­ge­macht, dass die Organ­ent­nah­me “nach dem Tod” gesche­he, aber in der Pati­en­ten­ver­fü­gung soll sie dar­um bit­ten, dass die Inten­siv­be­hand­lung bis zur Durch­füh­rung der Organ­ent­nah­me auf­recht­erhal­ten wird. Für wie dumm hält er die Deut­schen, die die­sen Wider­sprü­chen nicht glau­ben wol­len? Es erin­nert an die Prak­ti­ken in einer Dik­ta­tur, wenn der Trans­plan­ta­ti­ons­be­auf­trag­te wie ein Kom­mis­sar auf der Inten­siv­sta­ti­on her­um­spio­nie­ren und ohne Wis­sen der Ange­hö­ri­gen einen poten­zi­el­len “Spen­der” mel­den soll. Offen­sicht­lich gibt es dan­kens­wer­ter­wei­se noch immer genug Ärz­te, die sich dem Schutz des vor ihnen lie­gen­den Pati­en­ten ver­pflich­tet füh­len und ihm weder die Schmerz­mit­tel ver­wei­gern noch ihn mit einer Hirn­tod­dia­gno­se in sei­nem Zustand quä­len wol­len.

Man soll­te end­lich auf­hö­ren, zwei Leid­si­tua­tio­nen mit­ein­an­der zu ver­knüp­fen und Men­schen gegen­ein­an­der auf­zu­brin­gen, und soll­te statt­des­sen die mil­lio­nen­schwe­ren Wer­bungs­kos­ten in For­schung für neue Ver­fah­ren für organ­ge­schä­dig­te Men­schen ste­cken. Und jetzt soll das “Stan­dar­d­an­ge­bot” erwei­tert wer­den auf Organ­ent­nah­me nach Herz­still­stand. Was fällt die­sen Medi­zi­nern noch alles ein, wenn die Ehr­furcht vor einem auf Schutz ange­wie­se­nen Men­schen ver­lo­ren geht!

Die Wider­spruchs­lö­sung ver­schafft dem Staat das Ver­fü­gungs­recht und den Zugriff auf den Pati­en­ten. Die Alter­na­ti­ve zu all die­sen auf Erhö­hung der Organ­ent­nah­me zie­len­den, skru­pel­lo­sen Vor­stö­ßen der Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zi­ner wäre, wenn Gesetz wür­de, dass nur jeder für sich ent­schei­den könn­te (enge Zustim­mungs­lö­sung) bei umfas­sen­der ehr­li­cher Auf­klä­rung der Bevöl­ke­rung. Nur dann könn­te man auch von einer Spen­de im Sin­ne des Wor­tes reden.

Erd­mu­te Witt­mann und Gise­la Mei­er zu Biesen, Sin­zig-Bad Boden­dorf

Auch die ande­ren  Leser­brie­fe sind sehr lesens­wert:

http://www.sueddeutsche.de/kolumne/2.220/organspende-tot-ist-tot-aber-nicht-hirntot-1.3840217

Die Lese­rin Gabrie­le Lem­pert­se­der aus Mün­chen, wur­de als Betrof­fe­ne (das Organ eines ande­ren Men­schen Erwar­ten­de?) dazu ange­hal­ten auf die so viel bes­se­ren Zah­len aus Spa­ni­en öffent­lich hin­zu­wei­sen. Ob sie den Preis die­ses rigi­den Sys­tems kennt? Mari­na Hart­mann und ihre Fami­lie muss­te ihn lei­der bezah­len.