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Patient im CT

Zum Unter­schied zwi­schen dem Hirn­tod­syn­drom und einer Defi­ni­ti­on des Todes

Mit­te der 1990er-Jah­re habe ich an vie­len Organ­ent­nah­men als Anäs­the­sist mit­ge­wirkt. Den damals wie heu­te übli­chen Vor­ga­ben ent­spre­chend wur­den bei der Organ­ent­nah­me kei­ne Nar­ko­ti­ka ver­wen­det. Die Organ­spen­der waren – ja soll­ten – tot sein. Jeder, der bei Organ­ent­nah­men (Explan­ta­tio­nen) dabei war, weiß, dass Pati­en­ten sich bei Beginn der Ope­ra­ti­on noch bewe­gen und ihr Blut­druck sowie ihre Herz­fre­quenz als Reak­ti­on auf die Eröff­nung des Kör­pers anstei­gen kön­nen. Frei­lich sind dies alles, so wird erklärt, Reak­tio­nen, die „nur“ vom Rücken­mark aus­ge­hen. Nun ja, das Rücken­mark scheint noch zu leben und gehört zum zen­tra­len Ner­ven­sys­tem. In die­ser Situa­ti­on kam vor vie­len Jah­ren mei­ne dama­li­ge Ober­ärz­tin in den OP-Saal und dreh­te den Nar­ko­se­mit­tel­ver­damp­fer auf. Der Pati­ent, des­sen Orga­ne gera­de ent­nom­men wur­den, bekam also eine Anäs­the­sie. Dies ist ein „klei­nes“ Ein­ge­ständ­nis dafür, dass der viel­leicht doch noch nicht so ganz tot ist, wie gemein­hin behaup­tet wird. Soll­te ich etwa eine Lei­che nar­ko­ti­sie­ren? Ich frag­te die Anäs­the­sis­tin, was das denn nun soll­te, schließ­lich wäre der Pati­ent doch tot. Sie ant­wor­te­te knapp: „Wis­sen Sie das so genau, Herr Stahn­ke?“ An die­se Wor­te wer­de ich mich immer erin­nern.

Ja, woher weiß ich das so genau? Das soll­te sich jeder fra­gen. Und so began­nen mei­ne Zwei­fel. Als ich mich näher mit dem soge­nann­ten „Hirn­tod“ beschäf­tig­te und auch eine Ver­an­stal­tung besuch­te, an der Kri­ti­ker und Befür­wor­ter des Hirn­tod­kri­te­ri­ums teil­nah­men und bei der auch eine Schul­klas­se im Publi­kum war, wun­der­te ich mich, wel­che Vor­stel­lun­gen über den Gesund­heits­zu­stand von Organ­spen­dern kur­sier­ten. Die Organ­spen­der wären an Herz-Lun­gen-Maschi­nen ange­schlos­sen, hät­ten Herz­schritt­ma­cher und Ähn­li­ches. Der Kör­per, das Fleisch, die Orga­ne, so die Vor­stel­lung, könn­ten nur mit maxi­ma­ler Unter­stüt­zung der Inten­siv­me­di­zin qua­si kon­ser­viert wer­den. Dies ist, zumin­dest in der von den Schü­lern ange­nom­me­nen Aus­prä­gung, nicht der Fall.

Hirn­to­te Pati­en­ten sind auf den ers­ten Blick gar nicht von ande­ren inten­siv­me­di­zi­nisch betreu­ten Pati­en­ten zu unter­schei­den. Sie sind warm, pro­du­zie­ren Urin, erhal­ten Medi­ka­men­te, wer­den ernährt und gepflegt so wie alle ande­ren beatme­ten Pati­en­ten auch. Kein Herz­schritt­ma­cher, kei­ne Herz-Lun­gen-Maschi­ne. Und selbst die Atmung kann bei die­sen Pati­en­ten bes­ser sein als bei so manch ande­ren schwer kran­ken Inten­siv­pa­ti­en­ten. Das muss ja auch so sein, von wem soll­ten die zu trans­plan­tie­ren­den Lun­gen sonst stam­men? Nur funk­tio­niert defi­ni­ti­ons­ge­mäß das Auf und Ab des Brust­kor­bes nicht, der Sauer­stoff­trans­port hin­ge­gen ist tadel­los intakt. Die zur Organ­spen­de vor­ge­se­he­nen Men­schen wei­sen für jeden Men­schen sicht­bar ein­deu­ti­ge Zei­chen des Lebens auf. Die­se Pati­en­ten sind aller­dings schwer­krank und wür­den ohne die inten­siv­me­di­zi­ni­sche Behand­lung tat­säch­lich ster­ben, bis sie sich in eine Lei­che ver­wan­deln und kalt, starr und blass­blau sind. All das sind Hirn­to­te nicht.

Zum Begriff des Hirn­tod­kri­te­ri­ums

In der Dis­kus­si­on über die Hirn­tod-ver­ein­ba­rung wer­den all­ge­mein drei Ebe­nen unter­schie­den.[1]: Ers­tens die Fra­ge nach dem Todes­be­griff oder nach dem Todes­ver­ständ­nis: Wie ist der Sta­tus „tot“ zu fas­sen? Dar­an schließt sich die Bestim­mung des Todes­kri­te­ri­ums an: Wann ist jemand tot? Die Ant­wort dar­auf wird durch dia­gnos­ti­sche Tests, die für eine Todes­un­ter­su­chung not­wen­dig sind, gege­ben, und an die Fra­ge geknüpft sind: Wie ist der Zeit­punkt des Todes­ein­tritts fest­stell­bar? Die­se drei Ebe­nen wer­den in der Dis­kus­si­on über den Hirn­tod häu­fig ver­wischt.

Der Hirn­tod als Kri­te­ri­um – also: das Hirn­tod­kri­te­ri­um – erfüllt eben nicht die Ansprü­che für eine Defi­ni­ti­on des Todes. Es ist ein Sym­ptom. Und die­ses Anzei­chen muss für die von uns gewähl­te Todes­de­fi­ni­ti­on akzep­ta­bel sein. Die als sicher bezeich­ne­ten Todes­zei­chen wie Lei­chen­fle­cken und Toten­star­re sind Kri­te­ri­en der seit Jahr­hun­der­ten und der bis heu­te bestehen­den Ansicht: Der Still­stand des Her­zens und das anschlie­ßend fol­gen­de Ver­sa­gen aller Orga­ne, nicht nur eines ein­zel­nen Organs, zei­gen den Tod an.

In Dis­kus­sio­nen, ins­be­son­de­re mit Ärz­ten, wer­de ich immer wie­der gefragt, wie ich nur solch eine „unwis­sen­schaft­li­che“ Hal­tung gegen­über dem Hirn­tod als Tod des Men­schen ein­neh­men kön­ne. Die Ant­wort ist sim­pel: Es gibt kei­ne „wis­sen­schaft­li­che“ Hal­tung, gegen die ich ver­sto­ße.

Die bekann­te Emp­feh­lung des Ad Hoc Com­mit­tee der Har­vard Medi­cal School von 1968[2], ein Mei­len­stein in der Ver­pflan­zungschir­ur­gie, wie Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zi­ner sagen und auf die sie sich immer wie­der beru­fen, hat nichts ande­res gemacht, als das unum­kehr­ba­re Koma zu dem Kri­te­ri­um für den ein­ge­tre­te­nen Tod fest­zu­le­gen. Sie erin­nern sich, wir befin­den uns auf der Ebe­ne der Kri­te­ri­en. Mit der Auf­stel­lung eines ein­zi­gen Merk­mals wer­den wir jedoch noch lan­ge nicht den Ansprü­chen für eine Defi­ni­ti­on des Todes gerecht. Ein Kri­te­ri­um muss mit einer Defi­ni­ti­on des Todes kor­re­spon­die­ren kön­nen, damit es als Merk­mal gel­ten kann. Die Har­vard-Kom­mis­si­on hat hin­ge­gen kei­ne neue Defi­ni­ti­on des Todes vor­ge­legt. Sie hat die kri­te­rio­lo­gi­sche Ebe­ne mit der defi­ni­to­ri­schen ver­mischt und in eins gesetzt. Ent­spre­chend lau­tet auch die Über­schrift des Reports: „A Defi­ni­ti­on of Irrever­si­ble Coma“. Und dar­aus wur­de unre­flek­tiert geschlos­sen: Die neu­en Todes­de­fi­ni­ti­on. In erstaun­li­cher Schlicht­heit ist dort zu lesen:

”Our pri­ma­ry pur­po­se is to defi­ne irrever­si­ble coma as a new cri­ter­ion for death.” Also: „Unser pri­mä­res Anlie­gen ist, das irrever­si­ble Koma als neu­es Todes­kri­te­ri­um zu defi­nie­ren.“

In der Ein­lei­tung heißt es: „2. Über­hol­te Kri­te­ri­en für die Defi­ni­ti­on des Todes kön­nen zu Kon­tro­ver­sen bei der Beschaf­fung von Orga­nen zur Trans­plan­ta­ti­on füh­ren.“ Es ist kaum zu glau­ben: Unver­hoh­len wird hier ein neu­es Todes­kri­te­ri­um ein­ge­führt und unre­flek­tiert als Todes­de­fi­ni­ti­on gedeu­tet, um Orga­ne für Trans­plan­ta­tio­nen zu gewin­nen. So schreibt der Medi­zin­his­to­ri­ker Tho­mas Schlich in sei­nem Auf­satz „Ethik und Geschich­te: Die Hirn­tod­de­bat­te als Streit um die Ver­gan­gen­heit“[3]: „Eine wei­ter­ge­hen­de inhalt­li­che Begrün­dung, war­um das neue Kri­te­ri­um tat­säch­lich den Tod des Men­schen anzei­ge, gab die Kom­mis­si­on nicht.“

Auch erklärt Clau­dia Wie­se­mann[4]: „Die zur­zeit gül­ti­gen Kri­te­ri­en für den Aus­fall ‚aller‘ inte­gra­ti­ven Leis­tun­gen des Orga­nis­mus stel­len eben­so wie die fest­ge­setz­ten Sym­pto­me für das Abster­ben des Hirn­stam­mes nur eine Aus­wahl dar.“ Die­se wer­den übri­gens in ver­schie­de­nen Län­dern mit jeweils unter­schied­li­chen Para­me­tern getrof­fen. Wie­se­mann führt wei­ter aus, oft wer­de ver­schlei­ert, „dass über­haupt von Men­schen auf­grund bestimm­ter Argu­men­te signi­fi­kan­te von nicht signi­fi­kan­ten Zell­men­gen unter­schie­den wer­den. Die zer­stör­ten Hirn­zel­len selbst, rufen den Hirn­tod her­vor‘. Hin­ter die­ser For­mu­lie­rung ver­schwin­det der Wis­sen­schaft­ler oder die Gesell­schaft.

Hier wird sug­ge­riert, die Schwel­le zum Hirn­tod sei ein in der Natur vor­ge­ge­be­nes Phä­no­men.

Doch die­ser Über­gang vom Tod ein­zel­ner Zel­len zum Hirn­tod ist nicht schon natür­lich vor­han­den und wird des­we­gen auch nicht von der Natur in einem bestimm­ten Moment über­schrit­ten. Er wird von Men­schen gesetzt.“ Die vie­len unter­schied­li­chen Para­me­ter sind schließ­lich eine Kon­se­quenz die­ser von Men­schen gemach­ten Todes­de­fi­ni­ti­on. Ein Bei­spiel – Sie erin­nern sich an die mus­kel­ent­span­nen­den Mit­tel oder die Nar­ko­se, die auch ich als Anäs­the­sist Hirn­to­ten schon wegen ihrer Reak­ti­ons­fä­hig­kei­ten, die im Rücken­mark ange­sie­delt wer­den, ver­ab­reicht habe: Die Har­vard-Kom­mis­si­on leg­te das Aus­blei­ben aller Refle­xe sowie Mus­kel­be­we­gun­gen als zwei von ins­ge­samt vier Sym­pto­men des Hirn­tods („No Move­ments“, „no refle­xes.“)[5] fest, weil sie das Rücken­mark mor­pho­lo­gisch noch zum Teil des Gehirns zähl­te. Das Aus­blei­ben aller Refle­xe wur­de aller­dings noch im sel­ben Jahr 1968 auf­ge­ge­ben, weil die „Har­vard-Hirn­to­ten“ für die Bedürf­nis­se der Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zin bereits zu tot waren.[6]

Und noch etwas zur His­to­rie der Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zin

1967 gab es in Süd­afri­ka einen drah­ti­gen, ehr­gei­zi­gen Chir­ur­gen namens Chris­tia­an Bar­nard. Das fol­gen­de Zitat stammt aus einer Fest­schrift des Uni­ver­si­täts­spi­tals Zürich zum dor­ti­gen 50-jäh­ri­gen Jubi­lä­um der Herz­chir­ur­gie.[7] Dar­in lesen wir:

Am 3. Dezem­ber 1967 hat Chris­tia­an Bar­nard am Groo­te Schur Hos­pi­tal in Kap­stadt in Süd­afri­ka die ers­te Herz­trans­plan­ta­ti­on bei einem Men­schen durch­ge­führt. Vor­aus­ge­gan­gen war ein Wett­lauf zwi­schen Bar­nard und meh­re­ren Herz­chir­ur­gen in den USA. Hier­zu gehör­ten Nor­man Shum­way an der Stan­ford Uni­ver­si­ty, Richard Lower in Vir­gi­na und Adri­an Kan­tro­witz in New York. Bar­nard sieg­te.“ Unter der Zwi­schen­über­schrift „Die Früch­te der ande­ren ern­ten“ heißt es wei­ter:

Shum­way und Lower hat­ten bereits im Jah­re 1958 in Stan­ford begon­nen, Tier­ex­pe­ri­men­te auf dem Gebiet der Herz­trans­plan­ta­ti­on durch­zu­füh­ren. Sie ent­wi­ckel­ten Metho­den zur chir­ur­gi­schen Tech­nik der Herz­trans­plan­ta­ti­on sowie zur Prä­ser­va­ti­on des Her­zens. Ende 1959 gelang ihnen die ers­te erfolg­rei­che Herz­trans­plan­ta­ti­on an einem Hund. Ein bedeu­ten­des Ereig­nis, erschien es gar auf der Titel­sei­te der New York Times vom 31. Dezem­ber 1959. Auch wenn das Stan­ford-Team rein tech­nisch der Durch­füh­rung der ers­ten mensch­li­chen Herz­trans­plan­ta­ti­on am nächs­ten kam, waren es doch die unge­lös­ten Pro­ble­me der Absto­ßungs­re­ak­ti­on, die sie brems­ten. Außer­dem gab es Beden­ken dazu, wann beim Men­schen ein Herz explan­tiert wer­den konn­te. Die Defi­ni­ti­on des Hirn­tods gab es zu die­ser Zeit noch nicht. 1966 kam Chris­tia­an Bar­nard nach Vir­gi­nia, um sich zum Pro­blem der Absto­ßung wei­ter­zu­bil­den. Sein Ziel war es, in Süd­afri­ka Nie­ren­trans­plan­ta­tio­nen durch­zu­füh­ren. In den Mona­ten der Jah­re 1966 und 1967 waren Richard Lower in Vir­gi­na und Nor­man Shum­way in Stan­ford bereit für die ers­te Herz­trans­plan­ta­ti­on. Doch die Suche nach einem pas­sen­den Spen­der war zunächst nicht erfolg­reich. Adri­an Kan­tro­witz in New York schei­ter­te am Wider­stand sei­nes Teams und an der noch feh­len­den Akzep­tanz des Hirn­tods. So konn­te schließ­lich Chris­tia­an Bar­nard sei­nen ame­ri­ka­ni­schen Kol­le­gen in sei­nem Hei­mat­land zuvor­kom­men. Die gesetz­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen, die in Süd­afri­ka nicht so strikt waren wie in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten, haben Bar­nard die­sen Vor­teil ver­schafft. Er konn­te das Herz einem hirn­to­ten Spen­der ent­neh­men, was in den USA zu die­sem Zeit­punkt noch nicht erlaubt war.“

Und Mit­te 1968, ein paar Mona­te nach dem für die ame­ri­ka­ni­schen Medi­zi­ner schmäh­lich ver­lo­re­nen Wett­lauf um die ers­te Herz­trans­plan­ta­ti­on, hat­te das Har­vard-Ad-Hoc-Com­mit­tee sein Gut­ach­ten vor­ge­legt, in dem auch das Motiv die­ser Exper­ti­se erklärt ist: Man woll­te die Kon­tro­ver­sen für die Organ­be­schaf­fung der inter­na­tio­na­len Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zin bei­le­gen. Und die­se, wie es bei Hans Jonas heißt, „prag­ma­ti­sche Umde­fi­nie­rung des Todes“[8] soll nichts mit dem dama­li­gen Stand der Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zin zu tun gehabt haben?

Eine Gren­ze zwi­schen Leben und Tod exis­tiert nicht. Sie wur­de aber gezo­gen, um die Organ­ent­nah­me bei Men­schen mit einem Hirn­ver­sa­gen zu ermög­li­chen.

Ohne die­se hypo­the­ti­sche und durch kei­ne medi­zi­nisch-natur­wis­sen­schaft­li­che Metho­de empi­risch beweis­ba­re Todes­de­fi­ni­ti­on im Sin­ne eines Natur­ge­set­zes wäre die Wei­ter­ent­wick­lung der Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zin nicht mög­lich gewe­sen.

Jetzt erklärt sich auch die Wahl mei­nes Titels.

Der soge­nann­te „Hirn­tod“ ist kei­ne Defi­ni­ti­on, kein mor­pho­lo­gi­scher Zustand, son­dern allen­falls ein Hirn­tod­syn­drom. Denn ein Syn­drom kenn­zeich­net allein eine Anzahl von der Medi­zin selbst auf­ge­stell­ter Sym­pto­me, um dar­aus eine Krank­heits­be­zeich­nung abzu­lei­ten und zu bestim­men.[9] Selbst­ver­ständ­lich wur­den in der Geschich­te der Medi­zin dia­gnos­ti­sche Kri­tie­ri­en für Krank­heits­bil­der immer wie­der auf­ge­ge­ben, revi­diert und neu bestimmt, wie dies auch in der Gene­se des Hirn­tod­syn­droms der Fall war und ist.

In dem For­mu­lar zur Bean­tra­gung des Organ­spen­de­aus­wei­ses wird jedem Bür­ger der jet­zi­ge Ent­schei­dungs­weg belas­sen, jedoch um eine wei­te­re Wahl­mög­lich­keit ergänzt – etwa mit fol­gen­den Wor­ten: Weil ich das Hirn­tod­kon­zept für falsch, unmensch­lich, ver­fas­sungs­wid­rig oder unmo­ra­lisch hal­te, bin ich zur Spen­de mei­ner Orga­ne zwar bereit, aber nur unter der Bedin­gung, dass alle Betei­lig­ten davon aus­ge­hen, dass ich nicht nur bis zu mei­nem soge­nann­ten Hirn­tod, der real nur als Hirn­tod­syn­drom exis­tiert, son­dern bis zu mei­nem Herz­tod ein leben­der Mensch und nicht aus der Gemein­schaft der Leben­den aus­ge­schlos­sen bin.“

Ich möch­te anmer­ken, dass die­se For­mu­lie­rung „Aus­schlie­ßen aus der Gemein­schaft“ mich stark berührt hat und aus mei­ner Sicht die gedrück­te Atmo­sphä­re bei einer Organ­ent­nah­me sehr gut erfasst. Ich zitie­re wei­ter: „Das bedeu­tet zwar für die Ärz­te eine mora­li­sche Erschwe­rung, aber für mich genau­so; denn ich kann eine Spen­de, ein Geschenk, ein Opfer, eine Gabe nicht als Lei­che, son­dern nur als leben­der Mensch geben; nur als leben­der Mensch kann ich mich von einem ande­ren dazu bestim­men las­sen. Inso­fern kann es nur Lebend­spen­den geben. Und schließ­lich: Ob der Arzt mir nur eine Nie­re ent­nimmt oder ob er mit dem Abklem­men der Herz­ge­fä­ße mei­nen ohne­hin sich voll­zie­hen­den, oft sogar über­fäl­li­gen Ster­be­pro­zess gewäh­ren lässt – in jedem Fall begeht er im her­kömm­li­chen Sin­ne eine straf­ba­re Kör­per­ver­let­zung, gerecht­fer­tigt nur auf­grund mei­ner frei gewähl­ten Ver­ant­wor­tung und auch nur dann, wenn ich mit mei­ner Ver­ant­wor­tung auf die vita­le Not eines kon­kre­ten ande­ren ant­wor­te, mich einer Bedeu­tung für ande­re aus­set­ze, was mich in der letz­ten Lebens­pha­se eines Ster­bens ohne­hin mehr bestimmt als mei­ne Selbst­be­stim­mung. Mit die­sem fai­ren Las­ten­aus­gleich zwi­schen allen wäre Ver­trau­en wie­der­her­ge­stellt. Ärz­te, Pfle­gen­de, Spen­der, Ange­hö­ri­ge und Emp­fän­ger wären wie­der ehr­lich, die Spen­den­be­reit­schaft wür­de erheb­lich stei­gen. Und alle könn­ten mit die­sem Kom­pro­miss für die heu­ti­ge Über­gangs­zeit leben, bis der tech­ni­sche Fort­schritt die trotz allem immer frag­wür­di­ge Organ­spen­de über­flüs­sig gemacht haben wird.“[10]

Lite­ra­tur

  1. Erk, Chris­ti­an: Das Eigent­li­che des Todes. Ein Bei­trag zur Bele­bung der Debat­te über Hirn­tod und Trans­plan­ta­ti­on. In: Ethik Med 26 (2014), S. 121–135.
  2. A Defi­ni­ti­on of Irrever­si­ble Coma. Report of the Ad Hoc Com­mit­tee of the Har­vard Medi­cal School to Exami­ne the Defi­ni­ti­on of Brain Death. In: Jour­nal of the Ame­ri­can Medi­cal Asso­cia­ti­on 205 (1968), H. 6, S. 337–340, hier S. 337. doi:10.1001/jama.1968.03140320031009.
  3. Schlich, Tho­mas: Ethik und Geschich­te: Die Hirn­tod­de­bat­te als Streit um die Ver­gan­gen­heit. In: Ethik Med 11 (1999), S. 79–88.
  4. Wie­se­mann, Clau­dia: Hirn­tod und Gesell­schaft. In: Ethik Med 7 (1999), S. 16–28.
  5. A Defi­ni­ti­on of Irrever­si­ble Coma 1968: „No Move­ments or Breat­hing. – Obser­va­tions covering a peri­od of at least one hour by phy­si­ci­ans is ade­qua­te to satisfy the cri­te­ria of no spon­ta­ne­ous mus­cu­lar move­ments […].“ S. 337: „3. No refle­xes. – Irrever­si­ble coma with aboli­ti­on of cen­tral ner­vous sys­tem acti­vi­ty is evi­den­ced in part by the absence of eli­ci­ta­ble refle­xes. […] As a rule the stretch of ten­don refle­xes can­not be eli­ci­ted; ie, tap­ping the ten­dons of the biceps, tri­ceps, and pro­na­tor mus­cles, quadri­ceps and gas­tro­c­ne­mi­us mus­cles with the reflex ham­mer eli­ci­ts no con­trac­tion of the respec­ti­ve mus­cles. Plan­t­ar or noxious sti­mu­la­ti­on gives no respon­se.“ S. 338.
  6. Vgl. Lin­de­mann, Gesa: Beun­ru­hi­gen­de Sicher­hei­ten. Zur Gene­se des Hirn­tod­kon­zepts. Kon­stanz 2003, S.5. Berg­mann, Anna: Der ent­seel­te Pati­ent. Die moder­ne Medi­zin und der Tod. Stutt­gart 2019, S. 266f.
  7. Wil­helm, Mar­kus: Her­zwech­sel. Dem Mythos Herz­trans­plan­ta­ti­on auf der Spur. In: 50 Jah­re Herz­chir­ur­gie am Uni­ver­si­täts­spi­tal Zürich. Hrsg. von Volk­mar Falk und Sacha Salz­berg. o.J. Zürich S. 88–90.
  8. Jonas, Hans: Gehirn­tod und mensch­li­che Organ­bank: Zur prag­ma­ti­schen Umde­fi­nie­rung des Todes. In: Ders.: Tech­nik, Medi­zin und Ethik: Zur Pra­xis des Prin­zips Ver­ant­wor­tung. Frank­furt am Main 1985, S. 219–241.
  9. PSYCHREMBEL. Kli­ni­sches Wör­ter­buch. Hrsg. von der Psychrem­bel-Redak­ti­on. Berlin/​New York 1994 (257. neu bearb. Aufl.).10 Dör­ner, Klaus: Vor­trags­ma­nu­skript. Vor­trag gehal­ten am 27.05.2005 in Han­no­ver (Podi­ums­dis­kus­si­on auf dem 30. Evan­ge­li­schen Kirchen­tag), S. 3–4.
  10. Dör­ner, Klaus: Vor­trags­ma­nu­skript. Vor­trag gehal­ten am 27.05.2005 in Han­no­ver (Podi­ums­dis­kus­si­on auf dem 30. Evan­ge­li­schen Kirchen­tag), S. 3–4.

Die­ser Bei­trag erschien auch in dem sehr lesens­wer­ten Maga­zin

Pra­xis Pal­lia­ti­ve­Ca­re 44 /​ 2019 | The­ma: Die ‚pal­lia­ti­ve‘ Sei­te der Organ­trans­plan­ta­ti­on”

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Dr. med. Mar­tin Stahn­ke M. Sc. war Anäs­the­sist an der MHH in Han­no­ver und der Hein­rich-Hei­ne-Uni­ver­si­tät Düs­sel­dorf. 1997–2013 Chef­arzt Anäs­the­sie und Inten­siv­me­di­zin am Hos­pi­tal zum Hei­li­gen Geist, Kem­pen. Ab 2014 ange­stell­ter Anäs­the­sist an einer Anäs­the­sie­pra­xis in Kre­feld.
FA für Anäs­the­sie, fakul­ta­ti­ve Wei­ter­bil­dung „Spe­zi­el­le anäs­the­sio­lo­gi­sche Inten­siv­me­di­zin“, Zusatz­be­zeich­nung Pal­lia­tiv­me­di­zin, Fach­kun­de
Ret­tungs­dienst, Mas­ter of Sci­ence in Hos­pi­tal Admi­nis­tra­ti­on.

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von Dr. med. Martin Stahnke

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