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Loslassende Hände

Organ„Spende“ – der Ver­zicht auf pal­lia­ti­ve Sor­ge und einen pie­tät­vol­len Umgang

Alle the­ra­peu­ti­schen Maß­nah­men zie­len exklu­siv auf die unter Zeit­druck ste­hen­de Gewin­nung der Orga­ne ab. Kei­ne ein­zi­ge medi­zi­ni­sche Maß­nah­me erfolgt zum Wohl der Spen­der. Ab dem Zeit­punkt ihrer Todes­fest­stel­lung auf der Inten­siv­sta­ti­on haben sie als Tote alle Pati­en­ten­rech­te ver­lo­ren. Jeg­li­che Sor­ge um die Ster­ben­den wird zuguns­ten ihrer Ver­ding­li­chung hin­fäl­lig. Und so hat die Pal­lia­tiv­me­di­zin wäh­rend der inten­siv­me­di­zi­ni­schen „Spen­der­kon­di­tio­nie­rung“, eben­so wie bei dem auf dem Ope­ra­ti­ons­tisch erfol­gen­den chir­ur­gisch erzeug­ten Herz­tod der Spen­der zu wei­chen.

Die Medi­zi­nie­rung des Todes

Die Sor­ge um ster­ben­de Men­schen und der Umgang mit den Toten sind in allen Kul­tu­ren von spi­ri­tu­el­len sowie reli­giö­sen Bräu­chen geprägt. Par­al­lel zur Pra­xis unse­rer Ster­be- und Bestat­tungs­sit­ten ist die moder­ne Medi­zin für die kul­tu­rel­le Wahr­neh­mung des Ster­bens und des Todes feder­füh­rend gewor­den. Der medi­zi­nisch-natur­wis­sen­schaft­li­che Zugang legt den Akzent auf die Beob­ach­tung patho­phy­sio­lo­gi­scher Vor­gän­ge. Defi­ni­tio­nen wie die des „kli­ni­schen Todes“ oder des „Hirn­to­des“ beschrän­ken sich auf bio­lo­gi­sche Beschrei­bun­gen des Ster­bens und des Todes­ein­tritts, wobei der Ver­lust ein­zel­ner Organ­funk­tio­nen im Zen­trum steht. Die­se auf phy­sio­lo­gi­sche Pro­zes­se redu­zier­te Wahr­neh­mungs­wei­se war bis zur Eta­blie­rung der Hos­piz­be­we­gung und der Pal­lia­tiv­me­di­zin Ende des 20. Jahr­hun­derts ganz allein hand­lungs­an­wei­send für den Umgang mit Ster­ben und Tod im Kran­ken­haus.

Im Zuge der Medi­zi­nie­rung des Todes ver­la­ger­te sich das Ster­ben immer mehr in die Kli­nik. Damit wur­de nicht nur ein Orts­wech­sel voll­zo­gen. Viel­mehr ver­bin­den sich für Betrof­fe­ne und deren Ange­hö­ri­ge mit dem medi­zi­ni­schen, auf bio­lo­gi­sche Abläu­fe fokus­sier­ten Wahr­neh­mungs­mus­ter des Todes im Kran­ken­haus gänz­lich ande­re Erfah­run­gen als mit dem Ster­ben in der häus­li­chen Umge­bung. Das Ende des Lebens eines an Moni­to­re, Schläu­che und Appa­ra­te­an­ge­schlos­se­nen Men­schen wird zuneh­mend als Gip­fel einer inhu­ma­nen Medi­zin gefürch­tet, sodass mitt­ler­wei­le Vor­sor­ge­voll­mach­ten und Pati­en­ten­ver­fü­gun­gen die­ses Hor­ror­sze­na­rio zu ver­hin­dern suchen.

Heut­zu­ta­ge stirbt etwa ein Drit­tel der Bevöl­ke­rung in der eige­nen Woh­nung und zwei Drit­tel in Insti­tu­tio­nen. Dem natur­wis­sen­schaft­lich ratio­na­li­sier­ten Zugang zum Tod auf der Inten­siv­sta­ti­on ent­spricht der von der Rea­li­tät stark abwei­chen­de Wunsch vie­ler Men­schen, in der ver­trau­ten Umge­bung zu ster­ben, wie die in einem Hos­piz arbei­ten­de Ärz­tin Dr. Eli­sa­beth Medi­cus aus Inns­bruck berich­tet: „70 Pro­zent wol­len zu Hau­se ster­ben und nur 30 Pro­zent lie­ber in einer Insti­tu­ti­on.“ Die­sem Bedürf­nis nach einem Ster­ben, das Ruhe und Raum für die gemein­schaft­li­che wie indi­vi­du­el­le Bewäl­ti­gung spi­ri­tu­el­ler Art lässt, kom­men vor allem unse­re tra­di­tio­nel­len Bräu­che der Ster­be­be­glei­tung und der Toten­pfle­ge ent­ge­gen.

Die Pal­lia­tiv­me­di­zin und die Hos­piz­be­we­gung haben eine Rück­be­sin­nung auf die hohe kul­tu­rel­le Bedeu­tung die­ser Tra­di­tio­nen in Gang gesetzt. Sie kon­zen­trie­ren sich auf die sozia­len wie phy­si­schen Bedürf­nis­se der Ster­ben­den und respek­tie­ren vor allem die Gren­zen der ärzt­li­chen Kunst zu hei­len. Schon der berühm­te Arzt des Alter­tums Hip­po­kra­tes unter­sag­te gera­de­zu, unheil­ba­re Men­schen zu behan­deln. Das Ster­ben wur­de nicht als eine medi­zi­nisch zu bekämp­fen­de Krank­heit auf­ge­fasst, aber den Ster­ben­den bei­zu­ste­hen, zähl­te zum ärzt­li­chen Auf­ga­ben­feld.[1] Auch die heu­ti­ge Hos­piz­be­we­gung und die Pal­lia­tiv­me­di­zin set­zen die sozia­le und ärzt­lich betreu­te Gestal­tung des Ster­bens gegen die medi­zi­ni­sche Bekämp­fung des Todes im Sin­ne einer ver­hin­der­ba­ren Krank­heit, wo jedes Mit­tel recht gewor­den ist. Ent­spre­chend geht es in der pal­lia­tiv-hos­piz­li­chen Sor­ge um den Schutz und die Bet­tung von Men­schen, die sich in der letz­ten Pha­se ihres Lebens befin­den. Eli­sa­beth Medi­cus erklärt den Grund­satz, das Ster­ben und das Lebens­en­de als „eine kost­ba­re Lebens­pha­se“ für die Ange­hö­ri­gen und den betrof­fe­nen Men­schen anzu­er­ken­nen. „Es ist wich­tig, wie die­se Zeit aus­sieht und wie sie gelebt wird. Auch für die Gemein­schaft, in der die Men­schen leben, ist es abso­lut nicht egal.“

Was heißt das für das Ster­ben von Organ­spen­dern?

Die Todes­fest­stel­lung die­ser Pati­en­ten beschränkt sich allein auf das Ver­sa­gen des Gehirns, sodass „Hirn­to­te“ für den Zweck der Organ­ge­win­nung inten­siv­me­di­zi­nisch wei­ter­be­han­delt und ope­riert wer­den. Schließ­lich gilt nur ihr Gehirn als „tot“, ihr Kör­per aber wei­ter­hin als leben­dig. Der Ster­be­ort ist somit die Kli­nik und das Hirn­ver­sa­gen – der Ein­tritt des soge­nann­ten „Hirn­tods“ – erfolgt auf der Inten­siv­sta­ti­on. Als Kom­a­pa­ti­en­ten befin­den sie sich inmit­ten des eben beschrie­be­nen Sze­na­ri­os der Appa­ra­te­me­di­zin. Sie blei­ben trotz Todes­be­schei­ni­gung künst­lich beatmet, an Gerä­te ange­schlos­sen. Die Voll­endung ihres Ster­be­pro­zes­ses darf mit allen Mit­teln der inten­siv­me­di­zi­ni­schen Kunst bis hin zu einer Reani­ma­ti­on auf­grund eines Herz­ver­sa­gens vor der Organ­ge­win­nung ver­hin­dert wer­den, denn die Orga­ne müs­sen für deren Ver­pflanz­bar­keit aus einem leben­den Kör­per stam­men.

Obwohl mitt­ler­wei­le die pal­lia­tiv-hos­piz­li­che Sor­ge um Ster­ben­de Ein­zug in die Kran­ken­häu­ser gehal­ten hat, ver­bie­tet sich eine sol­che Beglei­tung von Organ­spen­dern, denn sie ist zweck­wid­rig.

Eine Anäs­the­sie­schwes­ter schil­dert die beson­de­re Atmo­sphä­re im Ope­ra­ti­ons­saal, wenn ein Organ­spen­der den Herz­tod erlei­det und sich in eine Lei­che ver­wan­delt: „In die­ser Situa­ti­on ist immer eine gewis­se Span­nung. Vor­her ist man beschäf­tigt und gibt dem Pati­en­ten Medi­ka­men­te, da ist etwas zu tun. Und dann kommt irgend­wann der Augen­blick, in dem der Pati­ent sehr viel Blut ver­liert, und man steht dane­ben und schaut zu, wie das Herz auf­hört zu schla­gen. Für mich ist die­se Situa­ti­on furcht­bar. […] Es schaut in die­sem Moment so aus, als wenn ich erle­be, wie ein Pati­ent stirbt. […] Da ist einem der Schau­er über den Rücken gelau­fen.“[2]

Ein pal­lia­tiv betreu­tes Ster­ben auf der Inten­siv­sta­ti­on ist die Alter­na­ti­ve zu die­ser Todes­art. Da die Pal­lia­tiv­me­di­zin (lat. pal­lia­tio: „Bemän­te­lung“) grund­sätz­lich nicht für die Hei­lung eines schwer kran­ken Men­schen, son­dern aus­schließ­lich für die Lin­de­rung sei­ner Beschwer­den zustän­dig ist, zählt die medi­zi­ni­sche, eben­so die psy­cho­lo­gi­sche und die sozia­le Beglei­tung von Pati­en­ten im fina­len Sta­di­um auf einer Inten­siv­sta­ti­on zu ihrem Auf­ga­ben­feld. Wenn die The­ra­pie been­det und dem Ster­ben frei­er Lauf gelas­sen wird, ist die Pal­lia­tiv­me­di­zin dar­auf kon­zen­triert, durch ärzt­li­che Maß­nah­men den Ster­be­pro­zess zu erleich­tern: Bevor alle lebens­ver­län­gern­den Maß­nah­men ein­ge­stellt wer­den, erhal­ten die Pati­en­ten Medi­ka­men­te zur Beru­hi­gung gegen Atem­not und Schmer­zen (Anal­go­se­da­ti­on). Kom­a­pa­ti­en­ten mit dro­hen­dem oder bereits ein­ge­tre­te­nem Hirn­ver­sa­gen, die für eine Organ­spen­de nicht zur Ver­fü­gung ste­hen, haben – wie alle ande­ren Pati­en­ten wäh­rend der Been­di­gung ihrer The­ra­pie auch – bei einem Behand­lungs­ab­bruch auf der Inten­siv­sta­ti­on einen Rechts­an­spruch auf eine pal­lia­tiv­me­di­zi­ni­sche Betreu­ung.[3] Poten­zi­el­le Organ­spen­der hin­ge­gen, die sich zuvor für eine Explan­ta­ti­on bereit erklärt haben oder dafür frei­ge­ge­ben wor­den sind, ver­lie­ren die Opti­on einer pal­lia­ti­ven Behand­lung. Eben­so ver­zich­ten sie auf eine fami­liä­re und

freund­schaft­li­che Unter­stüt­zung. Die medi­zi­ni­sche wie die sozia­le Gestal­tung des Ster­bens und des Todes von Organ­spen­dern ist aus­schließ­lich von fremd­nüt­zi­gen Inter­es­sen bestimmt. Im Gegen­satz dazu ste­hen in einem Hos­piz und der pal­lia­ti­ven Sor­ge um Ster­ben­de, genau­so wie ihre Fami­lie und ihr Freun­des­kreis im Mit­tel­punkt des dra­ma­ti­schen Gesche­hens, auch in dem beson­de­ren Moment, wenn sich eine Per­son vor aller Augen in einen Leich­nam ver­wan­delt.

Ist der Tod eines Men­schen ein­ge­tre­ten, ver­än­dern sich – egal, ob in einer Insti­tu­ti­on oder in der häus­li­chen Umge­bung – die Bezie­hungs­struk­tu­ren und die Atmo­sphä­re im Ster­be­zim­mer radi­kal. Für die Fami­lie und den Freun­des­kreis beginnt nun eine gänz­lich neue Pha­se: der Abschied von einem toten Men­schen. Ab jetzt sind nur noch sym­bo­li­sche und spi­ri­tu­el­le Kom­mu­ni­ka­ti­ons­for­men mög­lich. Die Hos­piz­ärz­tin Eli­sa­beth Medi­cus erklärt die hohe Bedeu­tung von Ritua­li­sie­run­gen die­ses beson­de­ren und hoch­dra­ma­ti­schen Augen­blicks. Ange­hö­ri­ge und der Freun­des­kreis müs­sen nun in eine neue Bezie­hung zu dem toten Men­schen tre­ten. Sie ist von Tren­nung, Erin­ne­rung, Schmerz, Cha­os und Trau­er gezeich­net: „Für die Situa­ti­on nach Ein­tritt des Todes eines Men­schen haben wir ein paar Ritua­le ent­wi­ckelt, die sich bewährt haben. Zunächst ermu­ti­gen wir die Ange­hö­ri­gen, ein­fach dazu­blei­ben und wir zie­hen uns zurück und kom­men dann nach einer hal­ben Stun­de oder nach 20 Minu­ten mit einer Ker­ze mit dem Namen des Ver­stor­be­nen. Den Namen set­zen wir aus aus­ge­schnit­te­nen Wachs­buch­sta­ben zusam­men und er wird auf die Ker­ze geklebt. Das trös­tet in die­sem ers­ten Moment – denn das sagt: Die­ser Mensch ist noch da. […] Spä­ter wird der Tote schön auf­ge­bahrt, das Bett wird in einer pas­sen­den Bett­wä­sche neu bezo­gen, Blu­men wer­den drauf­ge­legt. […] Zur Rea­li­sie­rung des Todes ist es extrem hilf­reich, die Gewiss­heit zu bekom­men, die­sen Men­schen als Toten wirk­lich gese­hen zu haben. Das weiß man ja auch von ver­miss­ten Men­schen, dass es schwie­rig wird, einen Ver­miss­ten tat­säch­lich als Toten zu betrau­ern.“ Die noch vor­han­de­ne leib­li­che Gegen­wart der Toten ist ein­zig­ar­tig und kann für die letz­ten Momen­te des Abschieds, die Rea­li­sie­rung des Todes eines Men­schen im begin­nen­den Trau­er­pro­zess eine nicht zu unter­schät­zen­de Bedeu­tung haben. Es gehört zur Pro­fes­si­on von Bestat­tern, eben­so wie zu dem in einem Hos­piz pal­lia­tiv­me­di­zi­nisch aus­ge­bil­de­ten Per­so­nal, die Ange­hö­ri­gen in die­ser extre­men Gefühls­si­tua­ti­on zu unter­stüt­zen.

Eine Organ­ent­nah­me hin­ge­gen durch­kreuzt und ver­än­dert die ohne­hin chao­ti­sche Situa­ti­on und den Trau­er­pro­zess uner­bitt­lich.

So müs­sen sich die Ver­wand­ten und der Freun­des­kreis von dem medi­zi­nisch erklär­ten toten Men­schen auf der Inten­siv­sta­ti­on ver­ab­schie­den. Er hat das Erschei­nungs­bild eines leben­den Men­schen, sein Tod bleibt für Spe­zia­lis­ten wie für Lai­en abs­trakt, er wird wie alle ande­ren Pati­en­ten ärzt­lich wei­ter­be­han­delt. Alex­an­der von Hehl pro­ble­ma­ti­siert aus der Per­spek­ti­ve eines Bestat­ters die Aus­wir­kun­gen der para­doxa­len Todes­bot­schaft auf den Trau­er­pro­zess: „Es ist für mich als Bestat­ter ein ganz wich­ti­ger Punkt zu fra­gen: ‚Kann ich tat­säch­lich jeman­den los­las­sen, wenn ich ihn noch atmen sehe?’ Ein Organ­spen­der wird beatmet und er sieht nicht so aus wie nor­ma­ler­wei­se ein Ver­stor­be­ner.“ Karo­li­na Mül­ler und ihre Kin­der hat­ten der Organ­spen­de ihres Ehe­man­nes und Vaters zuge­stimmt. Nach der Hirn­tod­fest­stel­lung wur­den sie auf­ge­for­dert, sich am Bett auf der Inten­siv­sta­ti­on zu ver­ab­schie­den. Bis heu­te ver­steht Frau Mül­ler nicht, war­um ihr „toter“ Ehe­mann medi­zi­nisch und pfle­ge­risch wei­ter betreut wur­de: „Das hat mich sehr ver­wun­dert, weil ich mir gedacht habe: ‚Wenn er tot ist‘ – das mag viel­leicht ein biss­chen komisch klin­gen – ‚wozu dann Medi­ka­men­te, wenn er tot ist?‘ Für mich war das unvor­stell­bar. Und noch unvor­stell­ba­rer und kras­ser war für mich, dass wir raus­ge­hen muss­ten, weil er völ­lig neu gebet­tet wur­de. […] Mei­ne Toch­ter hat mir noch gesagt: ‚Die machen eben ihre Arbeit nach ihrem Rhyth­mus und für sie ist er noch Pati­ent.‘“[4] Wie vie­le ande­re Hin­ter­blie­be­ne von Organ­spen­dern lehn­te auch die­se Fami­lie einen Blick in den Sarg kate­go­risch ab, und Karo­li­na Mül­ler blieb lan­ge Zeit von Zwei­feln geplagt. Sie quäl­te sich mit der Fra­ge, ob ihr Ein­ver­ständ­nis für die Organ­ent­nah­me ihres Man­nes rich­tig und alles mit rech­ten Din­gen zuge­gan­gen war.

Der Ber­li­ner Bestat­ter Alex­an­der von Hehl kom­men­tiert die aktu­el­le Dis­kus­si­on über die Ein­füh­rung der Wider­spruchs­lö­sung vor dem Hin­ter­grund sol­cher Ein­grif­fe in den Trau­er­pro­zess kri­tisch. Denn die Sei­te der Hin­ter­blie­be­nen bleibt gänz­lich igno­riert. Die Fra­ge nach einer Organ­spen­de wird von ihnen abge­schnit­ten und auf eine indi­vi­du­el­le Ent­schei­dung redu­ziert:

Ich erle­be es immer wie­der, dass man wirk­lich nur Abschied neh­men kann, wenn jemand defi­ni­tiv tot ist und zwar so, wie wir das klas­si­scher­wei­se ver­ste­hen.“ (Bestat­ter)

Ich rate Ange­hö­ri­gen auch immer dazu, wenn sie das kön­nen: ‚Fas­sen Sie den Ver­stor­be­nen an.‘ Denn einen Ver­stor­be­nen zu berüh­ren, bedeu­tet, dass man über den Tast­sinn den Tod erfährt und begreift. Der Tote hat eine ande­re Tem­pe­ra­tur, die Haut fühlt sich anders an. Die Ange­hö­ri­gen müs­sen nie­man­dem mehr glau­ben, dass der­je­ni­ge tot ist, son­dern sie haben es unmit­tel­bar erfah­ren. Die­ses Begrei­fen ist so wich­tig, dass ich nicht weiß, ob das anders funk­tio­nie­ren kann. Kann ich bei einer Organ­spen­de wirk­lich los­las­sen, wenn ich an die­sem Punkt nicht bin? Es gibt auch Leu­te, die ein Abschied­neh­men am Sarg ableh­nen, weil sie es nicht kön­nen oder wol­len. Aber ich rate immer dazu, das zu tun, weil ich fest­ge­stellt habe, dass das ein zen­tra­ler Bau­stein in der Trau­er­be­wäl­ti­gung ist. Und die­sen Bau­stein durch eine Organ­spen­de per Gesetz durch die Wider­spruchs­lö­sung jeman­dem zu ver­weh­ren, weil ihm als Hin­ter­blie­be­nen kei­ne Ent­schei­dung dar­über zuge­stan­den wird, son­dern nur dem ein­zel­nen Betrof­fe­nen vor­weg, das fin­de ich unglaub­lich schwie­rig und das sehe ich sehr kri­tisch. Das soll nicht hei­ßen, dass man es gar nicht machen soll­te, nur den­ke ich, die Hin­ter­blie­be­nen sind die­je­ni­gen, die auch mit den Bil­dern im Kopf wei­ter­le­ben müs­sen.“

Organ­spen­de und Pie­tät

Die Ope­ra­ti­ons­lo­gik einer Organ­spen­de zwingt zur Auf­ga­be von Grund­sät­zen unse­rer Bestat­tungs­kul­tur, des Hos­piz­ge­dan­kens, der Pal­lia­tiv­me­di­zin und der Pie­tät. Der Begriff Pie­tät stammt aus dem Latei­ni­schen (lat. pie­tas) und bedeu­tet „dank­ba­re Lie­be“, „Ehr­furcht“, „ehr­erbie­ti­ge Rück­sicht­nah­me“. Er beinhal­tet zwei sehr ver­schie­de­ne Auf­ga­ben­be­rei­che, die nicht an spi­ri­tu­el­le oder reli­giö­se Vor­stel­lun­gen gebun­den sind: Pie­tät bezieht sich auf einen wür­de­vol­len Umgang mit den Toten, der auch in unse­rer säku­la­ren Kul­tur in dem Recht auf Toten­ru­he gesetz­lich ver­an­kert ist. Ent­spre­chend gilt die Lei­chen­schän­dung als eine Straf­tat. Die Stö­rung der Toten­ru­he wird bei­spiels­wei­se in Deutsch­land mit dem Para­gra­fen 168 (Öster­reich: §190 StGB, Schweiz: Art. 262 StGB) des Straf­ge­setz­bu­ches mit bis zu drei Jah­ren Gefäng­nis und Geld­stra­fen geahn­det. Über die­ses Recht der Toten­ru­he ver­fü­gen die Ver­stor­be­nen ein­zig­ar­tig über den Tod hin­aus.[5]

Außer­dem umfasst Pie­tät den Schutz der Ange­hö­ri­gen in ihrer Trau­er. Sie räumt den Ver­wand­ten eine zu respek­tie­ren­de Tabu­zo­ne und das juris­tisch zuge­stan­de­ne Recht auf ein ehr­erbie­ten­des Toten­ge­den­ken ein. Ent­spre­chend sind Bestat­tungs­un­ter­neh­men zu einem pie­tät­vol­len Umgang sowohl mit den Toten als auch den Ange­hö­ri­gen ver­pflich­tet. „Pie­tät heißt für mich Respekt vor dem Ver­stor­be­nen, vor den Hin­ter­blie­be­nen, Respekt vor der Situa­ti­on ins­ge­samt, der­die Hin­ter­blie­be­nen aus­ge­setzt sind,“ erläu­tert der öster­rei­chi­sche Bestat­ter Ste­phan Sarg: „Pie­tät umfasst ihre Trau­er, sie sind in einem Aus­nah­me­zu­stand. Pie­tät bedeu­tet aber eben­so einen respekt­vol­len Umgang mit den Ver­stor­be­nen, also dass man sie nicht umschmeißt und dass man sie gut her­rich­tet.“ Die im Rah­men einer Organ­ge­win­nung vor­ge­nom­me­ne Zer­stö­rung der leib­li­chen Inte­gri­tät von Organ­spen­dern hin­ge­gen kün­digt Regeln unse­rer Bestat­tungs­kul­tur sowie die anthro­po­lo­gisch ver­an­ker­te „hei­li­ge Scheu“[6] vor dem Leich­nam nicht nur auf, son­dern kehrt sie in das Gegen­teil um: In ein aggres­si­ves Ver­hält­nis, das aus Tötungs­ri­ten des Krie­ges als Rache­akt bekannt ist. Hier kön­nen die Lei­chen des Fein­des Opfer einer Zer­stü­cke­lung wer­den. Die Organ­ge­win­nung ist zwar dem heh­ren Ziel der Lebens­ret­tung tod­kran­ker Men­schen ver­pflich­tet und gänz­lich anders moti­viert. Den­noch erlaubt eine Mul­ti­or­gan- und Gewe­be­ent­nah­me die Sek­ti­on (lat. sec­tio: „Zer­tei­len“) eines „hirn­to­ten“ Pati­en­ten: Bei der übli­chen Mul­ti­or­gan­ex­plan­ta­ti­on dür­fen Spen­der in bis zu acht Orga­ne zer­legt wer­den, nach dem Herz­tod im Rah­men der kom­mer­zia­li­sier­ten Gewe­be­spen­de in wei­te­re Frag­men­te – z. B. Kno­chen, Knor­pel, Venen, Blut­ge­fä­ße. Auch wenn für die Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zin recht­li­che Aus­nah­me­re­ge­lun­gen gel­ten und der Ret­tung des Lebens ande­rer Men­schen die Prio­ri­tät ein­ge­räumt wor­den ist, muss die Bar­rie­re der „hei­li­gen Scheu“ vor dem Leich­nam wei­ter­hin über­wun­den wer­den. Denn Ekel, Ohn­macht, Erbre­chen – also hef­ti­ge kör­per­li­che Reak­tio­nen – wer­den schon im Sek­ti­ons­kurs bei Stu­die­ren­den der Medi­zin durch die Zer­stö­rungs­hand­lung des Leich­nams aus­ge­löst, was auf die Macht des Todes­ta­bus und auf die hohe kul­tu­rel­le Bedeu­tung der Toten­für­sor­ge ver­weist. Die Ver­pflan­zungs­me­di­zin muss sich bei einer Mul­ti­or­gan- und Gewe­be­spen­de über das Todes­ta­bu hin­weg­set­zen. Im Ver­gleich zu Ärz­ten gelingt dem in sei­ner Aus­bil­dung dafür nicht sozia­li­sier­ten Pfle­ge­fach­per­so­nal die­se Tabu­über­schrei­tung am wenigs­ten. So schil­dert ein Kran­ken­pfle­ger, wie ihn Ekel über­kam, als Gelen­ke eines Spen­ders explan­tiert wur­den, „weil da ein­fach alles auf­ge­schnit­ten und aus­ge­nom­men wird. […] Wenn dann die gan­zen ande­ren Tei­le noch mit her­aus­kom­men, dann ist das nur noch eine Haut­hül­le. […] Auch die ande­ren Sachen, also wenn sie mit Ham­mer und Mei­ßel an einen Toten her­an­ge­hen und hand­werk­lich tätig sind, das hat für mich noch eine ande­re Qua­li­tät.“[7] Und selbst der Pio­nier der öster­rei­chi­schen Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zin Rai­mund Mar­grei­ter sträub­te sich noch 1998, als die Trans­plan­ta­ti­ons­ära von Extre­mi­tä­ten (Hän­de, Arme, Bei­ne) gera­de ange­bro­chen war, gegen eine Kno­chen­ent­nah­me: „Wenn inne­re Orga­ne ent­nom­men wer­den, dann stört das ja im Prin­zip den äuße­ren Aspekt nicht. Damit habe ich über­haupt kei­ne Pro­ble­me. Aber wenn es dar­um geht, lan­ge Röh­ren­kno­chen zu ent­neh­men, die dann nicht ersetzt wer­den, sodass ein Bein her­un­ter­fällt wie beim Ham­pel­mann, das wäre etwas, das mich per­sön­lich stö­ren wür­de […] Dage­gen weh­re ich mich. Des­we­gen habe ich mich auch nie dazu ent­schlie­ßen kön­nen, gan­ze Gelen­ke zu ent­fer­nen.“[8] Die­se Hem­mung ver­lor Mar­grei­ter, als unter sei­ner Lei­tung am 7. März 2000 die welt­weit drit­te beid­sei­ti­ge Hand­trans­plan­ta­ti­on in der Inns­bru­cker Kli­nik durch­ge­führt wur­de.

Die hos­piz­li­che und pal­lia­ti­ve Sor­ge ist dar­auf aus­ge­rich­tet, schwer kran­ken Men­schen bis zum letz­ten Augen­blick ihres Lebens bei­zu­ste­hen und ihnen ein Ster­ben in Wür­de zu ermög­li­chen. Bestat­tungs­sit­ten, das Gebot der Pie­tät, die Auf­bah­rung und das letz­te Abschied­neh­men von den Toten geben der aus den Fugen gera­te­nen Bezie­hung zu einer gera­de ver­stor­be­nen Per­son eine neue Ord­nung – eine sinn­lich erfahr­ba­re Stüt­ze für die Trau­er­be­wäl­ti­gung, die sich in das Leben der Hin­ter­blie­be­nen für immer ein­schreibt. Sie schützt die Ange­hö­ri­gen und Ster­ben­den in einer Situa­ti­on fun­da­men­ta­ler Ver­let­zung, eben­so wie die Toten vor einer fremd­nüt­zi­gen Bemäch­ti­gung. Prak­ti­ken der Organ­ge­win­nung hin­ge­gen zer­stö­ren zuguns­ten einer pro­fa­nen Ver­wer­tungs­lo­gik die­se Kul­tur des Ster­bens und des Todes.

Lite­ra­tur


  1. Vgl. Stol­berg, Micha­el: Die Geschich­te der Pal­lia­tiv­me­di­zin. Medi­zi­ni­sche Ster­be­be­glei­tung von 1500 bis heu­te. Frank­furt am Main 2011, S. 21; Gro­ne­mey­er, Rei­mer /​ Hel­ler, Andre­as: In Ruhe ster­ben. Was wir uns wün­schen und was die moder­ne Medi­zin nicht leis­ten kann. Mün­chen 2014
  2. Zit. n. Bau­reit­hel, Ulri­ke /​ Berg­mann, Anna: Herz­lo­ser Tod. Das Dilem­ma der Organ­spen­de. Stutt­gart 1999, S. 171. Vgl. auch für das Fol­gen­de: Berg­mann, Anna: Der ent­seel­te Pati­ent. Die moder­ne Medi­zin und der Tod. Stutt­gart 2015, S. 256–307.
  3. Vgl. Peters, Alex­an­der /​ Wehn, Roland: Pal­lia­tiv­me­di­zin: Wenn das Leben eines Pati­en­ten nicht mehr zu ret­ten ist … Rechts­an­wäl­te erläu­tern die der­zei­ti­ge Rechts­la­ge zur indi­rek­ten, akti­ven und pas­si­ven Ster­be­hil­fe. http://​www​.wer​ner​schell​.de/​w​e​b​/​0​5​/​s​t​e​r​b​e​h​i​l​f​e.php (26.07.2019). „Bei einer schuld­haf­ten Ver­let­zung die­ser Pflicht liegt eine straf­ba­re Kör­per­ver­let­zung vor. Jeder Pati­ent hat einen Anspruch auf Grund­pfle­ge und Lei­dens­min­de­rung“, erklä­ren die Juris­ten Alex­an­der Peters und Roland Wehn.
  4. Zit. n. Berg­mann, Anna: Organ­spen­den zwi­schen ani­mis­tisch­ma­gi­schen Todes­vor­stel­lun­gen und medi­zi­ni­scher Ratio­na­li­tät. In: Klin­ger, Cor­ne­lia (Hrsg.), Per­spek­ti­ven des Todes in der moder­nen Gesell­schaft. Wien/​Berlin 2009, S. 24 – 55, hier S. 39.
  5. Zum deut­schen, öster­rei­chi­schen und schwei­ze­ri­schen Toten­recht und Pie­täts­ver­ständ­nis vgl. Rüping, Hin­rich: Mate­ri­el­les und Imma­te­ri­el­les im straf­recht­li­chen Schutz der Lei­che. In: Bon­dol­fi, Alber­to /​ Kost­ka, Ulri­ke /​ Seel­mann, Kurt (Hg.): Ethik und Recht. Bd. 1: Hirn­tod und Organ­spen­de. Tübin­gen /​ Basel 2004, S. 105 –118; für Deutsch­land, die Schweiz, die Nie­der­lan­de vgl.: Forß­bohm, Mat­thi­as: Selbst­be­stim­mung wider das uni­ver­sel­le Tötungs­ver­bot: Betrach­tun­gen zu medi­zi­ni­schen Ent­schei­dun­gen am Lebens­en­de und Aus­nah­men vom gene­rel­len Lebens­schutz in Deutsch­land, Schweiz und den Nie­der­lan­den. Tech­ni­sche Uni­ver­si­tät Dres­den Phil. Diss. 2017, S. 61 – 80. http://tud.qucosa.de/api/qucosa%3A30559/attachment/ATT‑1/ (26. 07. 2019).
  6. Zit. n. Mit­scher­lich, Alex­an­der: Auf dem Weg zur vater­lo­sen Gesell­schaft. Ideen zur Sozi­al­psy­cho­lo­gie. Mün­chen 1968, S. 260.
  7. Zit. n. Baureithel/​Bergmann 1999, S. 177; vgl. außer­dem: ebd., S. 181f.
  8. Zit. n. ebd., S. 177.

Die­ser Bei­trag erschien auch in dem sehr lesens­wer­ten Maga­zin

Pra­xis Pal­lia­ti­ve­Ca­re 44 /​ 2019 | The­ma: Die ‚pal­lia­ti­ve‘ Sei­te der Organ­trans­plan­ta­ti­on”

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Die Medi­zin- und Kul­tur­his­to­ri­ke­rin Anna Berg­mann lehrt als apl. Pro­fes­so­rin an der Kul­tur­wis­sen­schaft­li­chen Fakul­tät der Euro­pa-Uni­ver­si­tät Via­dri­na. Sie war als Gast­pro­fes­so­rin an den Uni­ver­si­tä­ten in Braun­schweig, Graz, Inns­bruck, Kla­gen­furt und Wien tätig.

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von Anna Bergmann

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