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Junge der zwischen Gräbern liegt

Totenfürsorge und das Pietätsgebot in unserer Bestattungskultur und der transplantationsmedizinische Blick auf Organspender*innen als „lebende Zellbestandteile“

Anna Berg­mann

Der Tod über­schrei­tet sämt­li­che Mög­lich­kei­ten des mensch­li­chen Bewusst­seins, ihn begrei­fen zu kön­nen. So bleibt auch der Begriff ‚Tod‘ in sei­nem meta­pho­ri­schen Cha­rak­ter eines Sprach­bil­des ste­cken. Denn alle Bemü­hun­gen, das Wort ‚Tod‘ zu ver­ste­hen, sind ange­sichts der Tran­szen­denz des Todes zum Schei­tern ver­ur­teilt: Ver­su­chen wir „den Tod“ in Wor­te zu fas­sen, so der Phi­lo­soph Tho­mas Macho „wird uns die Tür vor der Nase zuge­schla­gen“.[1] Unser Erfah­rungs­ho­ri­zont mit ‚dem Tod‘ beschränkt sich ganz allein auf unse­ren Umgang als Über­le­ben­de mit den Toten.

Ver­wan­delt sich eine Per­son in einen Leich­nam, stellt die­ses Gesche­hen ein mäch­ti­ges Ereig­nis dar. Mehr noch: das Erlö­schen der Exis­tenz eines Men­schen bleibt von Geheim­nis­sen umhüllt. Und so zie­len sämt­li­che Umgangs­for­men mit den Toten, die jemals von einer Kul­tur ent­wi­ckelt wor­den sind, dar­auf ab, den Über­le­ben­den etwas in die Hand zu geben, um die für immer auf den Kopf gestell­te Bezie­hung zu den Ver­stor­be­nen bewäl­ti­gen zu kön­nen. Wenn ein Mensch stirbt, befin­den sich die Anwe­sen­den in einer zuschau­en­den, ohn­mäch­ti­gen Posi­ti­on. Das sich abspie­len­de leib­li­che und geis­ti­ge Erle­ben der Ster­ben­den und erst recht die Undurch­dring­lich­keit des Todes sind allen Ver­su­chen zum Trotz, ‚den Tod‘ ratio­nal erfas­sen oder gar beherrsch­bar machen zu wol­len, von Geheim­nis­sen, Angst und Furcht umhüllt. Inso­fern bleibt der Tod allen auf­klä­re­ri­schen Ver­su­chen zum Trotz nicht rationalisierbar.

Um nicht in einem dunk­len Abgrund zu ver­har­ren, haben alle Kul­tu­ren spi­ri­tu­el­le und reli­giö­se Bräu­che ent­wi­ckelt, die einen Umgang mit der Unbe­greif­lich­keit des Todes ermög­li­chen. Sie eröff­nen einen Spiel­raum, der tief­sit­zen­de Ängs­te und die zugleich für immer erfolg­te Tren­nung von einem gelieb­ten Men­schen lin­dern hilft. Daher wird die Bei­set­zung der Toten in sozia­le, magi­sche und reli­giö­se Ritua­le gefasst, die eine sym­bo­li­sche Kom­mu­ni­ka­ti­ons­form eröff­nen. Mögen Ster­be- und Bestat­tungs­ze­re­mo­nien in den ein­zel­nen Reli­gio­nen und Kul­tu­ren sich von­ein­an­der unter­schei­den, so sind sie den­noch uni­ver­sal auf­find­bar und auch in unse­rer moder­nen Gesell­schaft unver­zicht­bar geblieben.

Der Toten­kult regu­liert die viel­fäl­ti­gen Bezie­hun­gen der Leben­den einer Gemein­schaft zu ‚ihren’ Ver­stor­be­nen. Daher geht es in jeder Bestat­tungs­kul­tur um sehr viel mehr, als nur um die Besei­ti­gung von toten Kör­pern. Im Zuge säku­la­rer Ent­wick­lun­gen sowie ver­stärk­ter Indi­vi­dua­li­sie­rungs­pro­zes­se tra­ten seit Ende des 20. Jahr­hun­derts zur reli­giö­sen Bestat­tungs­pra­xis z. B. das anony­me Rasen­grab, die Beer­di­gung in einem Fried­wald und damit ein­her­ge­hen­de Ver­än­de­run­gen der Fried­hofs­ar­chi­tek­tur hin­zu.[2] Sol­che Libe­ra­li­sie­run­gen der Bestat­tungs­bräu­che sind zwar abge­kop­pelt von Kon­fes­si­ons­zu­ge­hö­rig­kei­ten und einem Got­tes­glau­ben, den­noch beru­hen sie auf Spi­ri­tua­li­tät und Ritua­len. So knüp­fen die seit den 1990er Jah­ren ent­stan­de­nen neue­ren Bestat­tungs­for­men wie­der an Vor­stel­lun­gen über eine kos­mo­lo­gi­sche Ein­ge­bun­den­heit sowie die Zyk­li­zi­tät von Leben und Tod an. Bei­spiels­wei­se greift das Are­al des Parks der Ruhe und Kraft auf dem Wie­ner Zen­tral­fried­hof auf magi­sche Sym­bo­le zurück – etwa auf die Spi­ra­le, das Laby­rinth, das Qua­drat oder den Kreis als Zei­chen der kos­mo­lo­gi­schen Ein­ge­bun­den­heit in eine beseel­te Natur.

Zu der reli­giö­sen sowie spi­ri­tu­el­len Gestal­tung des Ster­bens und des Umgangs mit den Toten ist die moder­ne Medi­zin hin­zu­ge­tre­ten. Par­al­lel zu den bis heu­te prak­ti­zier­ten, uralten Tra­di­tio­nen ist sie für die kul­tu­rel­le Wahr­neh­mung des Todes feder­füh­rend gewor­den. Der medi­zi­nisch-natur­wis­sen­schaft­li­che Zugang ist davon geprägt, das Ster­ben sowie den Todes­ein­tritt als blo­ße patho­phy­sio­lo­gi­sche Tat­sa­chen zu beob­ach­ten. Die auf bio­lo­gi­sche Abläu­fe redu­zier­te Wis­sens­form der moder­nen Medi­zin hat ihr in unse­rer Kul­tur immer mehr das Anse­hen ver­lie­hen, die vor­ran­gi­ge Spe­zia­lis­tin des Ster­bens und des Todes zu sein. Selbst vom Chris­ten­tum, Juden­tum und vom Islam ist die medi­zi­ni­sche Exper­ten­rol­le für den Tod unbe­strit­ten. Im Lau­fe des 20. Jahr­hun­derts erfolg­te schließ­lich unter der Vor­aus­set­zung einer Medi­zi­nie­rung der Auf­fas­sung über das Ster­ben und den Todes­ein­tritt auch eine zuneh­men­de Ver­la­ge­rung des Ster­bens aus dem häus­lich-fami­liä­ren Bereich in das Krankenhaus.

Aber selbst wenn in medi­zi­ni­schen Räu­men tra­di­tio­nel­le Ster­be­ze­re­mo­nien im 20. Jahr­hun­dert in den Hin­ter­grund getre­ten sind, ist den­noch in unse­rer säku­la­ren Kul­tur der Moder­ne die spi­ri­tu­el­le Bezie­hung zum Tod nicht wirk­lich auf­ge­ge­ben und nicht zuletzt auch durch die inter­na­tio­na­le Hos­piz­be­we­gung sehr leben­dig geblieben.

Die Auf­fas­sung von einem abso­lu­ten Tod ist unse­ren Bestat­tungs­sit­ten nicht nur fremd, im Gegen­teil: Sie die­nen dazu, einen sozia­len Kon­takt und eine sym­bo­li­sche Kom­mu­ni­ka­ti­on mit den See­len der Ver­stor­be­nen her­zu­stel­len. Sämt­li­che magi­schen sowie reli­giö­sen Bräu­che einer Bei­set­zung ori­en­tie­ren sich an der Vor­stel­lung von einer Wei­ter­exis­tenz der See­len. Auch geht es in der Bestat­tungs­kul­tur immer dar­um, den Toten mög­lichst eine Ehr­er­bie­tung zukom­men zu lassen.

Die hohe Bedeu­tung der Toten­pfle­ge kommt daher nicht weni­ger aus­ge­prägt im säku­la­ren poli­ti­schen Toten­kult zum Zuge, etwa wenn in sozia­lis­ti­schen Län­dern wie in der DDR soge­nann­te „ver­dien­te Bür­ger“[3] auf dem Fried­hof einen expo­nier­ten Platz und ein Ehren­grab erhiel­ten oder wenn Kriegs­par­tei­en den Aus­tausch von Toten ver­han­deln, um sie in die Hei­mat­län­der zu über­füh­ren und dort bei­set­zen zu können.

Auch moder­ne Rechts­ord­nun­gen gewäh­ren einen Schutz nach dem Tode, der die Toten­ru­he und die kör­per­li­che Unver­sehrt­heit des Leich­nams ver­si­chert. Aus dem in Bestat­tungs­ge­setz­ge­bun­gen ver­an­ker­ten Per­sön­lich­keits­recht, das die Wah­rung der Men­schen­wür­de über den Tod hin­aus gewähr­leis­tet, lei­tet sich die Straf­bar­keit der Stö­rung der Toten­ru­he ab. Sei­ner hohen Bedeu­tung ent­spre­chend sind Prin­zi­pi­en der Toten­für­sor­ge mit einer Bemäch­ti­gung des Leich­nams unver­ein­bar. Die­ser Grund­satz ist kein urei­ge­nes Merk­mal von soge­nann­ten archai­schen Gesell­schaf­ten und somit kei­ne Fra­ge, ob es sich um eine Kul­tur han­delt, in der eher eine magisch-reli­giö­se oder eine mehr welt­lich akzen­tu­ier­te Auf­fas­sung über den Tod vor­herrscht. Die Zuge­hö­rig­keit von Ver­stor­be­nen zu einer Gemein­schaft, ihr Sta­tus als ‚eige­ne’, im Gegen­satz zu ‚frem­den Toten’, ist aus­schlag­ge­bend für die Ver­pflich­tung zur Toten­für­sor­ge. Her­vor­zu­he­ben ist, dass Ster­be­ord­nun­gen eine wich­ti­ge Unter­schei­dung zwi­schen den ‚eige­nen Toten‘ und den ‚frem­den’ Toten vor­ge­ben.[4]

Vor die­sem Hin­ter­grund ist es in Tötungs­ri­ten des Krie­ges bis heu­te üblich, die (‚frem­den’) Toten des Fein­des zu zer­stö­ren, so dass die Toten­ru­he und ‑pfle­ge ver­hin­dert und in ihr genau­es Gegen­teil ver­kehrt wer­den. Eben­so konn­ten in den früh­neu­zeit­li­chen Hin­rich­tungs­ri­tua­len die Exe­ku­ti­ons­lei­chen Opfer einer Zer­stü­cke­lungs­ze­re­mo­nie wer­den. Je höher die ver­häng­te Stra­fe war, umso mehr wur­de eine Total­ver­nich­tung des Kör­pers ange­strebt.[5] Sol­che inter­kul­tu­rell vor­zu­fin­den­den Prak­ti­ken unter­lie­gen ein- und der­sel­ben Logik des Toten­kults: Wäh­rend die ‚eige­nen Toten’ zu pfle­gen und in ihrer Inte­gri­tät zu bewah­ren sind, dür­fen die ‚frem­den Toten’ zu Objek­ten der Zer­stö­rung und Schän­dung wer­den, um Ver­ach­tung und eine sozia­le Aus­sto­ßung zu demonstrieren.

Ist der Tod eines Men­schen ein­ge­tre­ten und hat sich das Ster­be­bett in ein Toten­bett ver­wan­delt, ver­än­dern sich die Bezie­hung zu dem gera­de ver­stor­be­nen Men­schen und die Atmo­sphä­re im Ster­be­zim­mer radi­kal. Für die Fami­lie und den Freun­des­kreis beginnt eine neue Pha­se des Abschieds, in der nur noch sym­bo­li­sche und spi­ri­tu­el­le Kom­mu­ni­ka­ti­ons­for­men mög­lich sind.

Die wei­ter­hin vor­han­de­ne leib­li­che Gegen­wart eines toten Men­schen kann für den letz­ten Abschied und die Rea­li­sie­rung sei­nes Todes in der ers­ten Pha­se der Trau­er von nicht zu über­schät­zen­der Bedeu­tung sein. Es gehört zur Pro­fes­si­on von Bestat­tern, eben­so wie zu dem in einem Hos­piz pal­lia­tiv­me­di­zi­nisch aus­ge­bil­de­ten Per­so­nal, die Ange­hö­ri­gen in die­ser extre­men Gefühls­si­tua­ti­on zu unter­stüt­zen. Die Lei­chen­wä­sche, das Her­rich­ten und die Beklei­dung der Toten sowie ihre anschlie­ßen­de Auf­bah­rung geben der aus den Fugen gera­te­nen Bezie­hung zu einem gera­de ver­stor­be­nen Men­schen eine Ori­en­tie­rung. Die Her­stel­lung einer neu­en Ord­nung ist umso wich­ti­ger, als der Anblick der ver­trau­ten Per­son, die sich nun­mehr als Lei­che offen­bart, höchst zwie­späl­tig ist, wie Tho­mas Macho verdeutlicht:

Die Toten sind Anar­chis­ten. Sie sehen nie­mand an, ihr Blick zeugt von merk­wür­di­ger und stren­ger Distanz, ein ‚böser Blick’, der gefürch­tet wird, weil er sein Gegen­über ‚durch­schaut’ als wäre es gar nicht anwe­send. Der Tote spricht nicht, und sei­ne Mie­ne bleibt ver­schlos­sen. Er bewegt kei­nen Mus­kel, zuckt nicht mit den Wim­pern, rührt kei­nen Arm und kein Bein. Den­noch haben die Toten Augen, Mün­der und Zun­gen, Gesich­ter, Mus­keln, Arme und Bei­ne. Der Tote ist unzwei­fel­haft ein Mensch. Er ist mensch­lich und unmensch­lich zugleich, äußerst ver­traut und äußerst fremd“.[6]

Bestat­tungs­sit­ten unter­stüt­zen auf der einen Sei­te die Ange­hö­ri­gen, ihrer Trau­er einen Aus­druck zu ver­lei­hen und ande­rer­seits die Not­wen­dig­keit, eine kla­re Gren­ze zwi­schen der ‚Welt der Toten’ und der ‚Welt der Leben­den’ zu zie­hen. Aus der ambi­va­len­ten Bezie­hung zu den Ver­stor­be­nen folgt das Bestre­ben, wider­sprüch­li­che Bräu­che mit­ein­an­der zu ver­knüp­fen, sich einer­seits den Toten gegen­über für­sorg­lich zu ver­hal­ten und ande­rer­seits sich von dem Leich­nam durch Ritua­le abzu­gren­zen, – etwa durch das Ver­schlie­ßen der Augen oder die Öff­nung der Fens­ter, damit die See­le im Haus nicht ein­ge­sperrt her­um­geis­tern, son­dern für immer an einen außer­welt­li­chen Ort ins Jen­seits ver­schwin­den kön­ne.[7]

Wie vie­le sei­ner Kun­den geht auch der Bestat­ter Tho­mas von Hehl davon aus, dass die Toten eine Zeit­lang noch gegen­wär­tig sind und „die See­le des Ver­stor­be­nen nicht in dem Moment weg ist, wenn der kli­ni­sche Tod fest­ge­stellt wer­den kann. Das heißt, man ver­hält sich mit einer gewis­sen Ruhe und Pie­tät, die man viel­leicht sonst nicht hat.“[8] Der Begriff ‘Pie­tät‘ stammt aus dem Latei­ni­schen (lat. pie­tas) und bedeu­tet ‚dank­ba­re Lie­be’, ‚Ehr­furcht’. Er beinhal­tet zwei sehr ver­schie­de­ne Auf­ga­ben­be­rei­che, die nicht an reli­giö­se oder spi­ri­tu­el­le Vor­stel­lun­gen gebun­den sind: Pie­tät bezieht sich auf einen wür­de­vol­len Umgang mit den Toten, der auch in moder­nen Rechts­ord­nun­gen mit dem Per­sön­lich­keits­schutz nach dem Tode gesetz­lich ver­an­kert ist. Außer­dem umfasst ‚Pie­tät’ den Schutz der Hin­ter­blie­be­nen in ihrer Trau­er. Sie räumt den Ver­wand­ten eine zu respek­tie­ren­de Tabu­zo­ne und das juris­tisch zuge­stan­de­ne Recht auf ein ehr­erbie­ten­des Toten­ge­den­ken ein.

Die „hei­li­ge Scheu“ vor den Toten: Ihre Über­win­dung in der ana­to­mi­schen Sek­ti­on für Zwe­cke der medi­zi­ni­schen For­schung und Lehre

Allein der moder­nen Medi­zin ist das Recht vor­be­hal­ten, den straf­recht­li­chen Schutz des Leich­nams für gericht­li­che, kli­ni­sche, wis­sen­schaft­li­che oder the­ra­peu­ti­sche Zwe­cke außer Kraft zu set­zen. Dafür getrof­fe­ne Aus­nah­me­re­ge­lun­gen berüh­ren die Bestat­tungs­ge­set­ze und sind in Sek­ti­ons­ge­setz­ge­bun­gen fest­ge­legt. Sie umfas­sen die Obduk­ti­on, die kli­ni­sche und ana­to­mi­sche Sek­ti­on (lat. sec­tio: Zer­tei­len) sowie die Organ- und Gewe­be-Spen­de[9].

Die Obduk­ti­on dient der medi­zi­ni­schen oder foren­si­schen Abklä­rung einer natür­li­chen bzw. nicht natür­li­chen sowie unge­klär­ten Todes­ur­sa­che. Die kli­ni­sche und ana­to­mi­sche Sek­ti­on hin­ge­gen ver­folgt einen von den Toten unab­hän­gi­gen Zweck. Sie stellt eine Metho­de der natur­wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­ge­win­nung in der medi­zi­ni­schen For­schung sowie Aus­bil­dung dar und setzt die schrift­li­che Ein­wil­li­gung der ver­stor­be­nen Per­son vor­aus. Ein Mensch, der sich zu Leb­zei­ten frei­wil­lig dazu ent­schlos­sen hat, sei­nen Kör­per nach dem Tode für die medi­zi­ni­sche Aus­bil­dung und für wis­sen­schaft­li­che Zwe­cke zur Ver­fü­gung zu stel­len, gilt im deutsch­spra­chi­gen Raum als ‚Kör­per­spen­der‘. Das Motiv für eine Kör­per­spen­de ist häu­fig finan­zi­ell begrün­det, denn die Uni­ver­si­tä­ten orga­ni­sie­ren nach einer ana­to­mi­schen Sek­ti­on eine Gedenk­fei­er und über­neh­men die Kos­ten für die Ein­äsche­rung sowie die Urnen­bei­set­zung auf Grab­stät­ten der Uni­ver­si­täts­kli­ni­ken oder auf Fried­hö­fen in den extra von der Ana­to­mie ein­ge­rich­te­ten Urnen- oder gar Ehrengrabanlagen.

Für eine ana­to­mi­sche Sek­ti­on ist eine schrift­li­che Ver­ein­ba­rung obli­ga­to­risch, die nur von voll­jäh­ri­gen Per­so­nen getrof­fen wer­den kann. Die ana­to­mi­sche Zer­glie­de­rung gestat­tet eine „’Ver­wer­tung’ des Leich­nams für medi­zi­ni­sche Zwe­cke im wei­tes­ten Sin­ne“[10]: Gan­ze Kör­per­tei­le dür­fen zurück­be­hal­ten und die Toten in Ganz­kör­per­prä­pa­ra­te umge­wan­delt wer­den. Die in Bestat­tungs­ge­set­zen ver­an­ker­ten Aus­nah­me­re­ge­lun­gen für die Durch­füh­rung von Sek­tio­nen berüh­ren außer­dem die mit einer Zer­glie­de­rung ver­bun­de­ne Organ- und Gewe­be­ge­win­nung für the­ra­peu­ti­sche Zwe­cke. Auch sie sind von dem Rechts­satz des über den Tod hin­aus­wir­ken­den Per­sön­lich­keits­rechts von Pati­en­ten mit einem Hirn­ver­sa­gen (‚Hirn­tod‘) her­ge­lei­tet und begrün­den sich außer­dem auf dem Selbst­be­stim­mungs­recht der erklär­ten Kör­per- sowie Organ- und Gewe­be­spen­der.[11]

Seit­dem in den 1960er Jah­ren die Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zin sich der Welt­öf­fent­lich­keit als ein neu­ar­ti­ges, im grö­ße­ren Maß­stab anwend­ba­res The­ra­pie­ver­fah­ren dar­ge­bo­ten hat­te, wur­den in west­li­chen und öst­li­chen Indus­trie­na­tio­nen Trans­plan­ta­ti­ons­zen­tren eta­bliert und seit den 1970er Jah­ren in Trans­plan­ta­ti­ons­ge­setz­ge­bun­gen für die Gewin­nung von mensch­li­chen Kör­per­tei­len zur the­ra­peu­ti­schen Ver­wen­dung Son­der­be­stim­mun­gen erlas­sen.[12] Sie erlau­ben eine Zer­glie­de­rung für Ver­pflan­zungs­zwe­cke im grö­ße­ren Maß­stab: die Ent­nah­me von bis zu acht Orga­nen (Nie­ren, Lun­gen, Herz, Leber, Bauch­spei­chel­drü­se, Dünn­darm) sowie von Gewe­be – etwa Kno­chen (Becken­kamm, Röh­ren­kno­chen, Rip­pen etc.), Luft­röh­re, Haut, Bän­der, Mus­keln, Rip­pen­knor­pel, Fas­zi­en, Seh­nen, Blut­ge­fä­ße, Weich­teil­ge­we­be und mitt­ler­wei­le aber auch von Bei­nen, Hän­den, Armen, Gesicht, Gebär­mut­ter und Penis. Für die Ein­wil­li­gungs­pflicht zu einer Organ- und Gewe­be­ex­plan­ta­ti­on gibt es zwar natio­nal unter­schied­li­che Ver­ein­ba­run­gen (Widerspruchs‑, Informations‑, erwei­ter­te Zustim­mungs­re­ge­lung), aber die­se sind grund­sätz­lich groß­zü­gi­ger als eine Kör­per­spen­de gesetz­lich gere­gelt: In allen Län­dern mit einer eta­blier­ten Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zin wird auf eine schrift­li­che Ver­ein­ba­rung zwi­schen einer medi­zi­ni­schen Insti­tu­ti­on und ihren poten­zi­el­len Organ­spen­dern ver­zich­tet. Noch nicht voll geschäfts­fä­hi­ge Min­der­jäh­ri­ge ab dem 16. Lebens­jahr, die in die­sem Alter kein schrift­li­ches Tes­ta­ment für Wert­sa­chen nie­der­le­gen dür­fen, kön­nen sich ohne Abspra­che und unab­hän­gig von der Ein­stel­lung ihrer Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen zu Organ­spen­dern erklä­ren.[13]

Da die Ver­pflan­zungs­pra­xis auf einer ver­eng­ten Todes­de­fi­ni­ti­on beruht, birgt die Organ­spen­de eine beson­de­re Pro­ble­ma­tik in sich. Die Kenn­zeich­nung einer als ‚post­mor­tal‘ gel­ten­den Mul­ti­or­gan­ex­plan­ta­ti­on lei­tet sich von der Hypo­the­se ab, auf­grund eines Gehirn­ver­sa­gens sei nur die Per­son, nicht aber ihr Kör­per tot. Auf Grund­la­ge die­ser Todes­vor­stel­lung bleibt die Organ­ge­win­nung aus dem leben­den Kör­per von Organ­spen­dern von den Straf­tat­be­stän­den der vor­sätz­li­chen und fahr­läs­si­gen Tötung sowie der Kör­per­ver­let­zung unbe­rührt. Das heißt, im Sta­tus eines Leich­nams gilt zunächst nur, dass mit dem Ein­tritt des ‚Hirn‘-Todes der straf­recht­li­che Schutz der Toten­ru­he und das Recht der Ange­hö­ri­gen auf Wah­rung der Pie­tät wirk­sam wird. Bei einer Organ­spen­de jedoch ist der Per­sön­lich­keits­schutz rela­ti­viert, denn er ist über­la­gert von dem Selbst­be­stim­mungs­recht. Die­ses wird rechts­wirk­sam, soll­ten Inten­siv­pa­ti­en­ten mit einem Hirn­ver­sa­gen zu Leb­zei­ten einer Organ­spen­de zuge­stimmt und somit ihre Toten­rech­te auf­ge­ge­ben haben.[14]

Das auf ein Organ – das Gehirn – redu­zier­te Todes­kon­zept ver­an­lass­te 1968 einen der gro­ßen Phi­lo­so­phen des 20. Jahr­hun­derts Hans Jonas (1903–1993) dazu, die Organ­ent­nah­me bei leben­di­gem Kör­per in die Tra­di­ti­on der ana­to­mi­schen Sek­ti­on von leben­di­gen Tie­ren zu stel­len. [15] Die Tier­vi­vi­sek­ti­on wur­de im 17. Jahr­hun­dert als neu­ar­ti­ge Erkennt­nis­me­tho­de von dem fran­zö­si­schen Phi­lo­so­phen René Des­car­tes (1596–1650) mit der Hypo­the­se legi­ti­miert, Tie­re sei­en auf­grund ihrer Hirn­be­schaf­fen­heit unfä­hig, zu füh­len und zu den­ken. Die­se Argu­men­ta­ti­ons­fi­gur stell­te Jonas in sei­ner Hirn­tod­kri­tik in den Zusam­men­hang der trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zi­ni­schen Organ­ge­win­nung aus leben­den Kör­pern im Sin­ne einer Vivisektion.

Her­vor­zu­he­ben ist, dass die Hirn­tod­de­fi­ni­ti­on aus recht­li­cher, ethi­scher und auch medi­zi­ni­scher Per­spek­ti­ve umstrit­ten geblie­ben ist. Denn die Kon­tro­ver­se, ob bei Pati­en­ten mit einem Hirn­ver­sa­gen (‚Hirn­to­te’) der Schutz des Lebens­grund­rechts ent­fal­len darf und ob die­ses Todes­kon­zept juris­tisch trag­fä­hig ist, ist bis heu­te nicht been­det.[16] Auf jeden Fall aber legi­ti­mie­ren Trans­plan­ta­ti­ons­ge­setz­ge­bun­gen unter der Vor­aus­set­zung, dass ‚der Hirn­tod‘ medi­zi­nisch fest­ge­stellt ist, die Orga­ne bei leben­di­gem Kör­per zu gewin­nen, so dass die Organ­spen­de noch sehr viel weit­rei­chen­de­re Kon­se­quen­zen als die Kör­per­spen­de hat.

Die Exis­tenz von Aus­nah­me­be­stim­mun­gen für die Durch­füh­rung einer ana­to­mi­schen Sek­ti­on sowie für die Organ- und Gewe­be­spen­de ver­weist auf die hohe Bedeu­tung der Toten­für­sor­ge auch in moder­nen Gesetz­ge­bungs­staa­ten. Sie geht zwar auf die Tra­di­ti­on mono­the­is­ti­scher sowie natur­re­li­giö­ser Gebo­te zurück, die den Leich­nam mit einem Tabu belegt haben. Der Begriff ‚Tabu‘ lei­tet sich aus dem Poly­ne­si­schen ab und hat die Bedeu­tung von ‚unbe­rühr­bar‘. Sig­mund Freud (1856–1939) weist auf die Beson­der­heit des Tabus in sei­ner ambi­va­len­ten Wort­be­deu­tung hin: es schließt zum einen die Hei­lig­keit, zum ande­ren aber auch das Unheim­li­che ein.[17] Die­ses Wesens­merk­mal legt zunächst die Ver­mu­tung nahe, das Tabu sei ein archai­sches Relikt aus vor­mo­der­nen Zei­ten. Aber auch im Gesetz­ge­bungs­staat, in dem das Recht nicht mehr auf einer reli­giö­sen oder gar ‚hei­li­gen’ Begrün­dung fußt, beruht – wie bei­spiels­wei­se die im deut­schen Grund­ge­setz garan­tier­te Men­schen­wür­de – auf einem Tabu: dem Berüh­rungs­ver­bot. Denn die Men­schen­wür­de gilt als unan­tast­bar.[18] Der Rechts­wis­sen­schaft­ler Otto Depen­heu­er ver­weist auf die­ses Para­dox und erklärt: „erst Tabus ermög­li­chen Ratio­na­li­tät“.[19] Sie die­nen in moder­nen Gesell­schaf­ten ins­be­son­de­re dem Schutz von Kin­dern, schwa­chen, kran­ken oder ster­ben­den Menschen.

Alex­an­der Mit­scher­lich (1908–1982) griff 1963 den von Sig­mund Freud 1912 gepräg­ten Begriff „hei­li­ge Scheu“[20] auf, um die Über­schrei­tung des Todes­ta­bus im Rah­men einer Lei­chen­sek­ti­on zu beleuch­ten. Die von Mit­scher­lich als Medi­zin­stu­dent in sei­ner Aus­bil­dung selbst erleb­te Scheu vor dem Leich­nam scheint ein uni­ver­sal auf­find­ba­res Phä­no­men und ver­mut­lich anthro­po­lo­gisch ver­an­kert zu sein. Seit der Ein­füh­rung der Lei­chen­zer­glie­de­rung im 16. Jahr­hun­dert stellt die „hei­li­ge Scheu“ eine gro­ße kul­tu­rel­le Bar­rie­re dar, so dass die ana­to­mi­sche Über­schrei­tung des Todes­ta­bus bis zu Beginn des 18. Jahr­hun­derts fast aus­schließ­lich an ‚frem­den Toten’ erfolg­te: Sek­tio­nen durf­ten nur unter der Vor­aus­set­zung durch­ge­führt wer­den, dass es sich ent­we­der um ‚frem­de Tote‘ han­del­te, die aus ent­fern­ten Regio­nen, nicht christ­li­chen Kul­tu­ren und Reli­gio­nen stamm­ten (z.B. jüdi­sche Bevöl­ke­rung, Sin­ti, Roma) oder um Exe­ku­ti­ons­lei­chen, die zuvor einer nach christ­li­chen und straf­recht­li­chen Regeln orga­ni­sier­ten Hin­rich­tung aus der Gemein­schaft ritu­ell aus­ge­sto­ßen wor­den waren.[21]

Seit dem 18. Jahr­hun­dert wur­de im Zuge des Auf­stiegs der moder­nen Medi­zin der Kreis von geneh­mig­ten Sek­ti­ons­lei­chen um Ver­stor­be­ne aus dem Armuts­mi­lieu, Kolo­ni­al­ge­bie­ten sowie aus Gefäng­nis­sen, Zucht- und Arbeits­häu­sern erwei­tert. Offen­sicht­lich konn­te auch wei­ter­hin die hei­li­ge Scheu nur an Toten, die nicht aus der Wir-Grup­pe stamm­ten, über­wun­den wer­den. Aber die natur­wis­sen­schaft­li­che Erkennt­nis­ge­win­nung der Lei­chen­sek­ti­on kam nicht ohne reli­giö­se Ritua­le aus: Jede öffent­li­che Lei­chen­zer­glie­de­rung wur­de gleich­sam als eine sakra­le Hand­lung für die Über­win­dung der hei­li­gen Scheu vor dem Leich­nam insze­niert, christ­lich gestal­tet und damit auch das Bünd­nis mit der himm­li­schen Macht gesucht: Die Zer­glie­de­rungs­ze­re­mo­nie ende­te mit einer Toten­mes­se, einem christ­li­chen Begräb­nis der Sek­ti­ons­op­fer und man­cher­orts mit einem Lei­chen­schmaus. Somit ver­such­te man sich nach einer Ana­to­mie mit der See­le des Zer­glie­de­rungs­op­fers zu ver­söh­nen, indem es nach allen Regeln der Toten­für­sor­ge beer­digt wur­de, was einem hin­ge­rich­te­ten Men­schen sonst grund­sätz­lich ver­wehrt blieb.

Zudem schien über Jahr­hun­der­te hin­weg die hei­li­ge Scheu vor den Toten nur im Rah­men einer zere­mo­ni­el­len Insze­nie­rung im Ana­to­mi­schen Thea­ter coram publi­co über­wind­bar.[22] Zugang zu die­sem Todes­spek­ta­kel hat­ten neben den Gelehr­ten exklu­siv Pries­ter, die gesell­schaft­li­che Eli­te sowie ‚ehr­ba­re’ Bür­ger und Bür­ge­rin­nen. Unte­ren Schich­ten blieb der Besuch des Ana­to­mi­schen Thea­ters ver­wehrt. Aber die Abschir­mung die­ser Zer­glie­de­rungs­pra­xis vor dem gemei­nen Volk konn­te Tumul­te nicht ver­hin­dern. Pro­tes­te gegen die medi­zi­ni­sche Bemäch­ti­gung von Toten beglei­ten die Geschich­te der Ana­to­mie seit ihrer Begrün­dung im 16. Jahr­hun­dert. Und so kam es immer wie­der zu Skan­da­len: Zum Bei­spiel dran­gen 1622 Bewaff­ne­te in das Ana­to­mi­sche Thea­ter in Paris ein und nah­men die zur Sek­ti­on bestimm­te Lei­che in Besitz oder 1725 stürm­te in Edin­burgh eine Men­schen­men­ge den Ana­to­mie­saal, nach­dem immer mehr Fäl­le des Lei­chen­rau­bes vom städ­ti­schen Fried­hof für Sek­ti­ons­zwe­cke bekannt gewor­den waren.[23]

Sol­che Kon­flik­te zwi­schen Hin­ter­blie­be­nen und Ana­to­mie­kam­mern doku­men­tie­ren die epo­chen­über­grei­fend zu beob­ach­ten­de Kol­li­si­on der medi­zi­nisch-natur­wis­sen­schaft­lich moti­vier­ten Lei­chen­zer­glie­de­rung mit den Grund­sät­zen der Pie­tät und Toten­für­sor­ge. Nicht zuletzt blieb auch im 21. Jahr­hun­dert die von dem deut­schen Ana­to­men Gun­ther von Hagens welt­weit auf Tour­nee geschick­te Lei­chen­aus­stel­lung „Kör­per­wel­ten“ umstrit­ten und sorg­te für hef­ti­ge Turbulenzen.

Skan­da­le um die Ver­wen­dung von Toten für die medi­zi­ni­sche Erkennt­nis­ge­win­nung wer­fen ein Licht auf das Pro­blem der Lei­chen­be­schaf­fung, das die Ana­to­mie seit ihrer Begrün­dung in der Renais­sance beglei­tet. In ihnen offen­bart sich ein Tabu­bruch, der bis zum heu­ti­gen Tag in jeder Genera­ti­on ange­hen­der Ärz­tin­nen und Ärz­te nur ritua­li­siert über­wind­bar zu sein scheint. Denn solch hef­ti­ge kör­per­li­che Reak­tio­nen wie Ekel, Ohn­macht oder Erbre­chen wer­den durch die ana­to­mi­sche Zer­stö­rung aus­ge­löst:[24]: „Der Medi­zin­stu­dent, der zum ers­ten Mal den Prä­pa­rier­saal mit sei­nen zer­stü­ckel­ten Lei­chen betritt und gegen Schwin­del-Ekel zu kämp­fen hat, wird Zeu­ge einer Tabu­ver­let­zung und weiß, dass von ihm erwar­tet wird, selbst das Tabu zu über­tre­ten. Hier wird die ‚hei­li­ge Scheu’ vor den Toten durch ein Tun ver­letzt, das sich zwar auf hohe Absich­ten beru­fen kann […], sich aber kei­nes­wegs so gewiß ist, daß nicht ele­men­ta­re Gefühls­re­gun­gen den bewuss­ten Vor­satz durch­kreu­zen könn­ten.“[25]

Die Über­win­dung der „hei­li­gen Scheu“ vor dem Leich­nam muss erlernt wer­den. Die eng­li­sche Chir­ur­gin Pau­li­ne W. Chen berich­tet über ihr Schlüs­sel­er­leb­nis des auch von ihr so gekenn­zeich­ne­ten ritu­el­len Cha­rak­ters des Prä­pa­ra­ti­ons­kur­ses. Er folgt einem immer glei­chen Ablauf: „vom ers­ten Schock des Sezie­rens“[26] zu einer sanf­ten Eska­la­ti­on bis zur Rou­ti­ne. Marie Bay­er, Medi­zin­stu­den­tin an der Ber­li­ner Uni­ver­si­täts­kli­nik Cha­ri­té, schil­dert die gän­gi­gen Anfangs­schwie­rig­kei­ten: „Ers­tes Rein­schnup­pern, die ers­te Begeg­nung mit dem Tod – nicht alle hal­ten das aus. ‚Ich set­ze mich kurz hin’, sagt eine Stu­den­tin am Prä­pa­ra­ti­ons­tisch, da wird sie ohn­mäch­tig. Wenig spä­ter kommt sie ange­schla­gen zurück. ‚Sur­re­al ist das mit der Lei­che. Ich hof­fe, ich gewöh­ne mich dar­an.’“[27]

Im Lau­fe des Sek­ti­ons­kur­ses wird geübt, die­se Gefühls­welt zu ver­las­sen, bis das wis­sen­schaft­li­che Inter­es­se Ober­hand neh­men kann. Den Auf­takt bil­det die Kon­fron­ta­ti­on mit dem Leich­nam ohne Anse­hen des Gesichts. Es wird ent­we­der ver­hüllt oder der Kör­per liegt auf dem Bauch mit dem Kopf nach unten.[28] Mög­lichst nichts soll aus dem Leben des Sek­ti­ons­op­fers ins Bewusst­sein der Sezie­ren­den drin­gen. Die ame­ri­ka­ni­sche Ärz­tin Ellen Ler­ner Roth­man stellt in ihren Erin­ne­run­gen an ihre Aus­bil­dung an der Harvard Medi­cal School fest, wie wich­tig die Ent­per­so­na­li­sie­rung der Toten für sie war: „Ich woll­te ein­fach nicht mehr wis­sen, als ich schon wuss­te. Es wäre zu schmerz­haft, Organ für Organ zu sezie­ren und dabei die Bezie­hung zu ihr […] zu emp­fin­den.“[29] Wie einst in der Geschich­te der Ana­to­mie scheint auch in der heu­ti­gen medi­zi­ni­schen Aus­bil­dung die Fremd­heit der Toten eine zen­tra­le Rol­le für die Ver­let­zung des Todes­ta­bus zu spie­len. Die Her­stel­lung einer maxi­ma­len Anony­mi­tät des zu zer­glie­dern­den Leich­nams ist unver­zicht­bar geblie­ben, um den ers­ten Schritt zur Tabu­über­schrei­tung wagen zu kön­nen. Marie Bay­er beschreibt die nächs­te Stu­fe: „Aus einem gro­ßen Plas­tik­be­häl­ter holt eine Tuto­rin eine Lun­ge, dann einen hal­ben Kopf. Längs geteilt, mit Klein­hirn, Groß­hirn, Aug­ap­fel und 30 Zen­ti­me­tern Wir­bel­säu­le, die dar­an hängt. Die meis­ten schre­cken zurück.“[30]

Die „hei­li­ge Scheu“ vor dem Leich­nam, die sich zunächst reflex­ar­tig vor das Erler­nen des Arzt­be­ru­fes im Ana­to­mie­kurs stellt, kann nur durch eine Ratio­na­li­sie­rung aller Gefühls­re­gun­gen über­wun­den wer­den. Apa­thie – das gewünsch­te Ergeb­nis der zur Rou­ti­ne gewor­de­nen Unter­drü­ckung von jeg­li­cher Emo­ti­on – erzeugt den pro­fes­sio­nel­len Zugang, denn es geht um nichts weni­ger, als um die „absicht­li­che Ver­stüm­me­lung des Kör­pers eines ande­ren mensch­li­chen Wesens“[31], wie die eng­li­sche His­to­ri­ke­rin Ruth Richard­son erklärt.

Und so wird die ritu­el­le Ein­übung des Sek­ti­ons­han­delns seit der Renais­sance-Ana­to­mie bis auf den heu­ti­gen Tag mit einer sakra­len Zere­mo­nie und Bestat­tung beschlos­sen. Sie strebt eine Wie­der­gut­ma­chung vor allem durch den Ver­such einer fik­ti­ven ‚Reper­so­na­li­sie­rung’ der zer­glie­der­ten Lei­chen an. Ent­spre­chend brach­te das ana­to­mi­sche Geden­kri­tu­al der Medi­zin­stu­den­tin Marie Bay­er eine gro­ße Erleich­te­rung. Sie schil­dert den Gang eines sol­chen Sek­ti­ons­ze­re­mo­ni­ells, „wie sie stets von Stu­den­tIn­nen zu Ehren der Kör­per­spen­de­rIn­nen orga­ni­siert wird, als Dan­ke­schön […]. Der Cha­ri­té-Chor stimmt ‚Ave Maria’ an […]. Über die Lein­wand lau­fen die Namen der Kör­per­spen­de­rIn­nen, für jede und jeden wird eine wei­ße Rose auf den Tisch gelegt, bis sie einen Kreis bil­den. ‚Ursu­la H., Eleo­no­re B., Det­lef K., Vera L., Inge P.’ 36 Namen.“[32]

Gewis­se Gefah­ren, die aus der Ver­let­zung eines Tabus ent­ste­hen, kön­nen durch Buß­hand­lun­gen und Rei­ni­gungs­ze­re­mo­nien beschwo­ren wer­den,“[33] kom­men­tiert Sig­mund Freud sol­che Wie­der­gut­ma­chungs­ri­tua­le nach der Über­schrei­tung eines Tabus.

Die Über­win­dung der „hei­li­gen Scheu“ bei der Gewe­be- und Organgewinnung

Ein von allen spi­ri­tu­el­len Bezie­hun­gen befrei­tes, nack­tes Ver­hält­nis zu Ster­ben­den und Toten ver­langt das Trans­plan­ta­ti­ons­sys­tem gegen­über Organ­spen­dern und ihren Hin­ter­blie­be­nen. Im Gegen­satz zur Kör­per­spen­de ist die Organ- und Gewe­be­ex­plan­ta­ti­on in kein medi­zi­ni­sches Ritu­al ein­ge­bet­tet, das die eigent­li­che Ver­wer­tung von Organ­spen­dern noch in Erin­ne­rung rufen könn­te. Organ­ent­nah­men sind in den Kran­ken­haus­all­tag inte­griert und spie­len sich exklu­siv als medi­zi­ni­sche Arbeit im Rah­men eines chir­ur­gi­schen Ein­griffs ab. ‚Hirn­to­te’ Pati­en­ten gel­ten als ver­stor­ben und wer­den mit einer ärzt­li­chen Todes­be­schei­ni­gung von der Inten­siv­sta­ti­on in den Ope­ra­ti­ons­saal gefah­ren. Ganz anders als bei einer ana­to­mi­schen Sek­ti­on ist die Orga­ni­sa­ti­on der Organ­ge­win­nung durch einen extrem hohen Grad der Arbeits­tei­lung gekenn­zeich­net.[34] Bei einer teil­wei­se bis zu acht Stun­den dau­ern­den Mul­ti­ex­plan­ta­ti­on sind Organ für Organ, anschlie­ßend Gewe­be für Gewe­be arbeits­tei­lig zu ent­fer­nen, zu kon­ser­vie­ren und jeweils an ver­schie­de­ne ande­re Orte zu ver­frach­ten. Die­se in vie­le Arbeits­schrit­te zer­leg­ten, kör­per­ver­wer­ten­den Tätig­kei­ten geben eine eige­ne Ope­ra­ti­ons­lo­gis­tik vor, die von Trans­plan­ta­ti­ons­ko­or­di­na­to­ren zeit­ge­nau zu orga­ni­sie­ren sind.

Wie bei jeder ande­ren Ope­ra­ti­on, arbei­ten vier ver­schie­de­ne Berufs­grup­pen an einer Organ­ex­plan­ta­ti­on mit: die in der Kli­nik dienst­ha­ben­den Anäs­the­sis­ten, Ope­ra­ti­ons­pfle­ge­kräf­te, eine Instru­men­ten­schwes­ter oder ein Instru­men­ten­pfle­ger aus dem Ent­nah­me­kran­ken­haus und die von außen kom­men­den Chir­ur­gen. Die auf ein bestimm­tes Organ spe­zia­li­sier­ten Ent­neh­mer rei­sen in der Regel aus Trans­plan­ta­ti­ons­zen­tren, im Euro­trans­plant-Ver­bund auch aus ande­ren Län­dern, an. Das heißt, Chir­ur­gen kom­men und gehen im Lau­fe einer Organ­ex­plan­ta­ti­on. Die anschlie­ßen­de Gewe­be­ge­win­nung von z.B Blut­ge­fä­ßen, Venen, Haut oder Kno­chen kann noch drei Tage nach dem Herz-Kreis­lauf­still­stand von Spen­dern erfol­gen und steht nicht unter dem Zeit­druck wie eine Organ­ex­plan­ta­ti­on bei leben­di­gem Kör­per, so dass sie je nach Umfang nicht unbe­dingt im Ope­ra­ti­ons­saal durch­ge­führt wer­den muss, son­dern auch in Sek­ti­ons­sä­len der ana­to­mi­schen, patho­lo­gi­schen oder gerichts­me­di­zi­ni­schen Insti­tu­te der jewei­li­gen Kli­ni­ken statt­fin­den kann.[35]

Wie schon im Prä­pa­rier­kurs die Ent­per­so­na­li­sie­rung der Sek­ti­ons­op­fer eine wich­ti­ge Vor­aus­set­zung für den Schritt zur Zer­glie­de­rung bie­tet, ist auch die chir­ur­gi­sche Ent­fer­nung der Orga­ne so arran­giert, dass sie von mensch­li­chen Hem­mun­gen mög­lichst nicht blo­ckiert wird. Nor­ma­ler­wei­se hat nie­mand von den Chir­ur­gen die betref­fen­den Spen­der jemals zuvor zu Gesicht bekom­men, denn sie betre­ten den Ope­ra­ti­ons­saal als Fremde.

Die bei einer Explan­ta­ti­on assis­tie­ren­den Fach­kran­ken­pfle­ge­kräf­te hin­ge­gen beherr­schen die nun­mehr gefor­der­te Ver­drän­gungs­leis­tung am wenigs­ten. Sie haben kei­nen Sek­ti­ons­kurs besucht, kei­ne Rou­ti­ne in der Über­schrei­tung des Todes­ta­bus und arbei­ten an der Organ­ge­win­nung von Anfang bis zum Ende mit. So ver­an­schau­licht ein Fach­kran­ken­pfle­ger, wie ihn Ekel über­kam, als Gelen­ke eines Spen­ders explan­tiert wur­den, „weil da ein­fach alles auf­ge­schnit­ten und aus­ge­nom­men wird. […] Wenn dann die gan­zen ande­ren Tei­le noch mit her­aus­kom­men, dann ist das nur noch eine Haut­hül­le. Manch­mal habe ich mich gefragt: ‚Was ist der Unter­schied zwi­schen mir und dem Huhn auf der Schlacht­bank’ – um es ein­mal bild­lich aus­zu­drü­cken. […] Auch die ande­ren Sachen, also wenn sie mit Ham­mer und Mei­ßel an einen Toten her­an­ge­hen und hand­werk­lich tätig sind, das hat für mich noch eine ande­re Qua­li­tät.” [36] Wel­che Emp­fin­dun­gen das Bild eines aus­ge­räum­ten, toten Men­schen am Ende her­vor­ru­fen kann, ver­an­schau­licht der Anäs­the­sist Dr. Marek Bro­dez­ky: „Wenn dann nur noch ein Loch ist, fühlt sich das grau­en­voll an. Das brennt sich als Bild ein, wenn da nur noch ein Loch ist.“[37]

Kei­ne Stel­le des Kör­pers von Organ- und Gewe­be­spen­dern muss ver­schont blei­ben. Dabei han­delt es sich um die größ­te Ope­ra­ti­on, die von der Chir­ur­gie jemals ent­wi­ckelt wur­de. Die Vis­ze­r­al­chir­ur­gin Dr. Andrea Mül­ler ver­an­schau­licht die Dimen­si­on die­ses Ein­griffs am Lebens­en­de von Organ­spen­dern: „Man sieht […] sehr viel Ana­to­mie, so gut, wie man sie sonst nie sieht.”[38] Aber im Gegen­satz zu Anäs­the­sis­ten und dem Fach­kran­ken­pfle­ge­per­so­nal erle­ben Chir­ur­gen die Organ­ge­win­nung durch ihren hohen Grad der Arbeits­tei­lung als nicht belas­tend. So hat der Herz­chir­urg Dr. Mat­thi­as Loe­be wäh­rend sei­ner Lauf­bahn weit über 200 Her­zen ent­nom­men. Für ihn ist die­se Ope­ra­ti­on see­lisch ein ‚leich­tes Spiel’, denn er ist in die Explan­ta­ti­on nur mini­mal invol­viert: „Ein Chir­urg und spe­zi­ell der­je­ni­ge, der das Herz ent­nimmt, kommt in eine Kli­nik, wo man mit dem Spen­der als Per­son nicht viel zu tun hat. Denn man kommt dort­hin, der Brust­korb, der Bauch sind eröff­net, so daß man kei­ne direk­te Kon­fron­ta­ti­on hat.”[39] In der Regel betritt Loe­be erst dann den Ope­ra­ti­ons­saal, wenn ande­re Teams das Herz bereits frei­ge­legt haben, und dann „ist die Her­zent­nah­me eine Ope­ra­ti­on, die viel­leicht 15 oder 20 Minu­ten dau­ert”.[40] Die Pati­en­ten ver­schwin­den unter einem Tuch, das sie ver­hüllt: „Wenn Sie eine abge­deck­te Flä­che haben – das ist wie ein Tisch­tuch, wor­in ein Loch ist,”[41] erklärt ein Fachkrankenpfleger.

Organ­ex­plan­ta­ti­on: Die Berüh­rung des Tötungstabus

Die Ärz­tin und Psy­cho­the­ra­peu­tin Dr. Hil­trud Kern­stock-Jörns erläu­tert, war­um die Anony­mi­tät der Spen­der für Chir­ur­gen unver­zicht­bar ist. „Ich den­ke, das ist etwas, was nicht geleis­tet wer­den kann im Rah­men eines doch sehr tief­sit­zen­den und schmerz­haf­ten Schuld­ge­fühls. So sagt auch unse­re Spra­che so tref­fend: ‚Dem kann ich nicht mehr ins Gesicht schau­en.’ Ich glau­be, in die­ser klei­nen Hand­lung, daß man den Explan­tier­ten nicht anschau­en will, drückt sich deut­li­cher als in man­chen Erör­te­run­gen aus, wie tief doch ein Gefühl des Schuldseins in den Chir­ur­gen sitzt.”[42]

Das von Dr. Kern­stock-Jörns ver­mu­te­te und durch das Pro­ze­de­re der Organ­ge­win­nung ent­ste­hen­de Schuld­ge­fühl hat sei­ne Quel­le nicht allein in der Über­schrei­tung des Todes­ta­bus. Denn die Explan­ta­ti­ons­tä­tig­keit berührt außer­dem das Tötungs­ta­bu. Schließ­lich erfolgt die Zer­glie­de­rung von Organ­spen­dern im leben­di­gen Zustand. So fixiert die Hirn­tod­de­fi­ni­ti­on den Tod eines Men­schen auf ein ein­zi­ges Organ – das Gehirn – sowie einen ein­zi­gen Zeit­punkt.[43] Sie sug­ge­riert einen Tod ohne Ster­ben. Der pro­zess­haf­te Cha­rak­ter des Ster­bens wird somit im bio­lo­gi­schen Sin­ne, aber auch als ein sozia­les, hoch­dra­ma­ti­sches und tran­szen­den­tes Ereig­nis verleugnet.

Für unser Ver­ständ­nis einer Organ­spen­de sei die grund­le­gen­de Dif­fe­renz von drei ver­schie­den­ar­ti­gen Phä­no­me­nen in Erin­ne­rung geru­fen: der Meta­pher Tod, einem ster­ben­den Men­schen und einem Leich­nam. Erst mit dem Ein­tritt des Todes ver­wan­delt sich eine ster­ben­de in eine tote Per­son. Die­ser ein­zig­ar­ti­ge Moment mar­kiert, wie Tho­mas Macho tref­fend for­mu­liert: „den Auf­tritt des Toten“[44]. Die prin­zi­pi­el­le Unter­schei­dung zwi­schen einem leben­di­gen ster­ben­den Men­schen, einer Lei­che und ‚dem Tod‘ in sei­nem undurch­dring­li­chen, tran­szen­den­ten Cha­rak­ter löscht die Hirn­tod-Seman­tik rhe­to­risch aus, wenn­gleich im Gegen­satz zu den Bezeich­nun­gen ‚ster­ben­der‘ und ‚toter Mensch‘ der Todes­be­griff auch im natur­wis­sen­schaft­li­chen Sin­ne wei­ter­hin nur, wie Macho her­vor­hebt, „eine Chif­fre für ein dunk­les Rät­sel“[45] blei­ben kann und die maxi­mal­the­ra­peu­ti­sche Wei­ter­be­hand­lung von ‚hirn­to­ten‘ Organ­spen­dern für den Zweck der Explan­ta­ti­on auf nichts ande­res abzielt, als sie mit allen denk­ba­ren Metho­den der Inten­siv­me­di­zin am Leben zu erhalten.

Die­se Auf­ga­be über­neh­men bei der Organ­ge­win­nung die Anäs­the­sis­ten, denen jene von Chir­ur­gen gescheu­te per­sön­li­che Kon­fron­ta­ti­on mit Organ­spen­dern nicht erspart blei­ben kann. Der Anäs­the­sist Dr. Marek Bro­dez­ky prä­zi­siert den gra­vie­ren­den Unter­schied zwi­schen der Tätig­keit von Ent­neh­mern und sei­nem Auf­ga­ben­feld: „Ich ken­ne es eben nur so, dass ein Chir­urg irgend­wo hin­fliegt und dort z. B. ‚sein Herz’ holt – wie auf einem Beu­te­feld­zug. Das ist schon klar, dass die Chir­ur­gen­teams immer wie­der wech­seln und dass wir Anäs­the­sis­ten den Tru­bel hin­ter dem Vor­hang las­sen. Ich habe so mein klei­nes Reich, das hat den Nach­teil, dass es am Kopf­en­de ist. Die Bezie­hung erfolgt ja über das Gesicht. So per­fekt abspal­ten, dass ich den Pati­en­ten als ein ana­to­mi­sches Prä­pa­rat wahr­neh­men könn­te, das geht nicht, denn mein Pati­ent hat ein Gesicht. […] Für uns Anäs­the­sis­ten sind es immer die eige­nen Pati­en­ten.“ [46]

Die­se anäs­the­sio­lo­gi­sche Betreu­ung ver­deut­licht, dass es nach der ärzt­li­chen Hirn­tod­fest­stel­lung von Inten­siv­pa­ti­en­ten mit einem Hirn­ver­sa­gen kei­nen Auf­tritt von Toten gibt. Denn die Ver­wand­lung von Organ­spen­dern in Lei­chen erfolgt auf dem Ope­ra­ti­ons­tisch im zuvor beschei­nig­ten Sta­tus von ‚Kada­ver­spen­dern‘ am Ende einer Explan­ta­ti­on. So schlägt das Herz von Hirn­to­ten, ihre Lun­gen atmen mit tech­ni­scher Hil­fe, sie ver­dau­en, schei­den aus, weh­ren Infek­tio­nen ab, haben eine intak­te Blut­ge­rin­nung, schüt­ten Stress­hor­mo­ne aus und sie sind bis zu 17 Reflex­be­we­gun­gen in der Lage – etwa Wäl­zen des Ober­kör­pers, Hoch­zie­hen der Arme, Bei­ne und Schul­tern.[47]

Zu Beginn einer Organ­ent­nah­me sind es in der Regel die Anäs­the­sis­ten, die fest­le­gen, wie mit einer sich bewe­gen­den Lei­che umzu­ge­hen ist. „Man­che Kol­le­gen sagen, man soll­te Fen­tanyl geben, um auf spi­na­ler Ebe­ne Refle­xe zu unter­drü­cken. Fen­tanyl ist ein Opi­at. Das ist immer wie­der eine Dis­kus­si­on wert (…), weil der eine oder ande­re sagt: ‚War­um ein Opi­at? Das ist doch ein Toter!‘“[48], erklärt eine Anäs­the­sis­tin die­se Situation.

Bevor Organ­spen­der vom Brust- bis zum Scham­bein auf­ge­schnit­ten wer­den, erhal­ten sie aber auf jeden Fall Medi­ka­men­te zur Unter­drü­ckung von Mus­kel­be­we­gun­gen. Sobald das Blut durch die kal­te Nähr- und Kühl­lö­sung gegen Ver­we­sungs­pro­zes­se aus­ge­tauscht wird und die eis­kal­te Flüs­sig­keit in die Spen­der dringt, kön­nen sie mit Schwit­zen, Haut­rö­tun­gen, Anstieg von Blut­druck, Herz­fre­quenz oder Zuckun­gen reagie­ren.[49]

Das Tötungs­ta­bu wird dra­ma­tisch ver­letzt, soll­ten pro­fes­sio­nell Betei­lig­te den Hirn­tod nicht als Tod des Men­schen wahr­neh­men: „Wenn der Pati­ent zwar defi­ni­to­risch für tot erklärt ist”, so Gün­ther Feu­er­stein, „in Wirk­lich­keit aber noch leben wür­de, läge die offen­sicht­li­che Unmo­ral dar­in, ihn als Lei­che zu behan­deln und dadurch de fac­to zu töten”.[50] So äußert eine Ope­ra­ti­ons­schwes­ter: „Man muß sich immer sagen, wenn die Tür auf­geht und der Pati­ent rein­ge­scho­ben wird, kommt ein toter Pati­ent rein, sonst wür­dest du letzt­end­lich mit dei­nem Team einen Mord bege­hen.“[51] Eine Anäs­the­sie­schwes­ter schil­dert die beson­de­re Atmo­sphä­re im Ope­ra­ti­ons­saal, wenn Organ­spen­der den Herz­tod erlei­den und sich in eine Lei­che ver­wan­deln: „Vor­her ist man beschäf­tigt und gibt dem Pati­en­ten Medi­ka­men­te. Und dann kommt irgend­wann der Augen­blick, in dem der Pati­ent sehr viel Blut ver­liert, und man schaut zu, wie das Herz auf­hört zu schla­gen. Für mich ist die­se Situa­ti­on furcht­bar.“[52]

Die trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zi­ni­sche Rhe­to­rik offen­bart die per se fremd­nüt­zi­ge Bezie­hung zu Organ­spen­dern: Trans­plan­ta­ti­ons­ko­or­di­na­to­ren offe­rie­ren die­se Inten­siv­pa­ti­en­ten in ihrer Kom­mu­ni­ka­ti­on mit der inter­na­tio­na­len pri­vat­recht­li­chen Stif­tung Euro­trans­plant (Lei­den)[53] unter dem Begriff ‚Organ­an­ge­bot‘. Die­se ent­mensch­li­chen­de Spra­che ver­rät den ver­wer­tungs­ori­en­tier­ten Blick auf ster­ben­de Pati­en­ten, wie auch der trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zi­ni­sche Jar­gon, wenn z.B. von einem „leben­den Rest­kör­per“, „Herz-Lun­gen-Paket“[54] oder einem „leben­den Zell­be­stand­teil“[55] die Rede ist. Sol­che Begrif­fe erzeu­gen eine Men­ta­li­tät, die ster­ben­de Men­schen nicht mehr als uns zuge­hö­rig, son­dern als ‚frem­de Tote‘ wahr­zu­neh­men und ent­spre­chend zu ver­nütz­li­chen erlaubt.

Der Akt der medi­zi­ni­schen Bemäch­ti­gung kann auch in ein ras­sis­ti­sches Wahr­neh­mungs­mus­ter mün­den. Exem­pla­risch dafür sind die von dem Trans­plan­ta­ti­ons­ko­or­di­na­tor der DSO Ber­lin-Bran­den­burg Dr. Peter Ber­ning in Pro­sa­form geschil­der­ten Emp­fin­dun­gen als sich die Organ­spen­de­rin Eka­te­ri­na Petrow­na wäh­rend ihrer Explan­ta­ti­on in eine Lei­che ver­wan­del­te. Sei­nen sexu­el­len Phan­ta­sien über den Augen­blick des Ster­bens und die Trans­for­ma­ti­on sei­ner Pati­en­tin in einen Leich­nam ließ Ber­ning frei­en Lauf:

Erst nach Ein­set­zen der Per­fu­si­on [Ent­blu­tung der Orga­ne mit einer Kühl- und Nähr­flüs­sig­keit vor der Explan­ta­ti­on] war sie wie­der schön, das Gesicht schmal und blaß. Natür­lich. […] Es war das ers­te Mal, daß ich in ein blut­lee­res Gesicht blick­te und die­ses schö­ner war als zuvor. […] Der Moni­tor macht Alarm. Die Kreis­lauf­wer­te sind zu nied­rig. Ich erhö­he die Medi­ka­men­ten­do­sis […]. Die da liegt, deren Gesicht so auf­dring­lich leuch­tet, weil zu vul­gär geschminkt, die ist tot. Sie ist den­noch beatmet, immer noch durch einen Kreis­lauf mit Blut ver­sorgt, kopf­ab­wärts, rich­ti­ger müß­te man sagen hirn­ab­wärts. Ihr Tho­rax ist eigen­tüm­lich breit, so daß die Brüs­te wie Schutz­schil­der erschei­nen, obwohl sie wahr­schein­lich über­durch­schnitt­lich groß sind. Der gan­ze Kör­per ist von tie­fer und unna­tür­li­cher Bräu­ne. […] Ihr Typ kommt an, sie hat die­se eura­si­schen Züge, hohe Wan­gen­kno­chen, Man­del­au­gen, ein etwas geheim­nis­vol­les Gesicht mit sehr schwar­zen, blau­schwar­zen Haa­ren. Sie ist über­all rasiert und die schein­bar makel­lo­se Haut schmerzt, weil sie so falsch ist. Die Bei­ne sind etwas zu dünn für mei­nen Geschmack, zumin­dest im Ver­hält­nis zum Becken und der sehr brei­ten, plat­ten­ar­ti­gen Brust. […] Ich faxe ein Foto nach Ruß­land zur Mut­ter, damit sie ihre tote Toch­ter iden­ti­fi­zie­ren kann. Durch­ge­pi­xelt, schwarz­weiß gewinnt Eka­te­ri­na Petrow­na wie­der etwas von ihrer Zart­heit zurück. Viel­leicht steht ihr wirk­lich die Far­be nicht, viel­leicht ist es nur mein per­sön­li­cher Geschmack. Ich kann nicht ver­heim­li­chen, daß ich sie absto­ßend fin­de. […] Um die Orga­ne ent­neh­men zu kön­nen, wer­den die gro­ßen Blut­ge­fä­ße ange­sto­chen und mit eis­kal­ter Nähr­lö­sung durch­ge­spült. Das ist die Per­fu­si­on, die Orga­ne müs­sen blut­leer sein, damit man sie trans­plan­tie­ren kann und natur­ge­mäß ist das auch der Augen­blick wo der Tod augen­fäl­lig wird, weil alle Far­be aus dem Gesicht weicht. Der Mensch wird lei­chen­blaß und ver­än­dert sein äuße­res Wesen. […] Für alle, die das Gesicht noch rosig gese­hen haben, ist das ein schwer erträg­li­cher Moment. Bei Eka­te­ri­na Petrow­na ist es genau anders her­um. Es scheint als gewin­ne sie ihr Eigent­li­ches zurück, als sei sie wie­der das erns­te, schö­ne Kind, das sie ein­mal gewe­sen ist und nicht das alber­ne, auf­dring­li­che Wesen, das die Sehn­sucht aus ihr gemacht hat.“[56]

Die­ser ver­ächt­li­che, medi­zi­ni­sche Blick auf Men­schen ist aus der Kolo­ni­al­me­di­zin, der Ras­sen­hy­gie­ne, Euge­nik, Ras­sen­an­thro­po­lo­gie vor und wäh­rend des Natio­nal­so­zia­lis­mus hin­rei­chend bekannt und ana­ly­siert wor­den. Der Blick auf „die da“ offen­bart das Aggres­si­ons­po­ten­zi­al, das die Pro­ze­dur einer Organ­ge­win­nung in sich birgt. Die in der Hirn­tod­li­te­ra­tur wie auch in Inter­views ver­wen­de­ten Kenn­zeich­nun­gen von Pati­en­ten mit Hirn­ver­sa­gen als „Herz-Lun­gen-Pake­te“, „auf Frem­drei­ze reagie­ren­de „Mus­kel­mas­se“[57] oder der in den USA gebräuch­li­che Begriff „human vege­ta­ble“[58] aus der euge­ni­schen Lebens­wert­de­bat­te brin­gen das aggres­si­ve trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zi­ni­sche Bezie­hungs­ge­flecht sprach­lich zum Aus­druck, wie einst auch der Ordi­na­ri­us für Psych­ia­trie Alfred Hoche (1865–1943) und der Rechts­wis­sen­schaft­ler Karl Bin­ding, als sie in ihrer Schrift von 1920 „Die Frei­ga­be der Ver­nich­tung lebens­un­wer­ten Lebens. Ihr Maß und ihre Form“ ein Kon­zept für die medi­zi­ni­sche Tötung bestimm­ter Pati­en­ten mit Zuschrei­bun­gen wie „geis­ti­ge Tote” oder „lee­re Men­schen­hül­sen”[59] zu legi­ti­mie­ren suchten.

Zwar unter einer gänz­lich ande­ren Ziel­set­zung – der Ret­tung ande­rer Pati­en­ten – fin­den sich aber auch in der aktu­el­len Debat­te um die Ver­grö­ße­rung des Organ­spen­der­re­ser­voirs Kon­zep­te, in denen die For­de­rung offen­siv ver­tre­ten wird, das Tötungs­ta­bu gänz­lich auf­zu­ge­ben. Nur zie­hen die Autoren kei­nes­wegs ein euge­ni­sches Kate­go­rien­sys­tem her­an, son­dern sie beru­fen sich auf Prin­zi­pi­en der Pati­en­ten­au­to­no­mie und Selbst­be­stim­mung, die nun­mehr im Rah­men der medi­zi­ni­schen Ster­be­hil­fe zu rea­li­sie­ren sei­en. So for­dern die bri­ti­schen Bio­ethi­ker Domi­nic Wil­kin­son und Juli­an Savu­les­cu (Oxford Uni­ver­si­ty) die Ein­füh­rung der „Organ­spen­de-Eutha­na­sie“[60], um jähr­lich tau­sen­den von Men­schen das Leben ret­ten zu kön­nen. Statt dass „die Mehr­zahl die­ser Orga­ne ver­rot­tet“[61], so die Autoren, wäre eine rei­che Organ­res­sour­cen­quel­le von Men­schen mit einer aus­sichts­lo­sen Erkran­kung durch die Eutha­na­sie im Rah­men eines selbst­be­stimm­ten Ster­bens zu erschlie­ßen. Mit die­sem Vor­schlag wol­len sie die Pati­en­ten­au­to­no­mie durch die akti­ve Ster­be­hil­fe stär­ken, den chro­ni­schen Organ­man­gel behe­ben und die Qua­li­tät der Orga­ne ver­bes­sern. So bie­te die trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zi­ni­sche Tötungs­art weit­aus fri­sche­re Orga­ne im Ver­gleich zur jet­zi­gen Organ­ge­win­nung von bereits im Ster­ben begrif­fe­nen Pati­en­ten mit Hirn­ver­sa­gen (‚Hirn­tod‘).

Wil­kin­son und Savu­les­cu ver­ste­hen ihre ethi­sche Recht­fer­ti­gung der Organ­be­schaf­fung als Ergän­zung der Aus­füh­run­gen von dem Bio­ethi­ker Robert D. Truog (Harvard Cen­ter for Bio­ethics) und Fran­k­lin G. Mil­ler (Natio­nal Insti­tu­tes of Health). Seit 2008 erklä­ren sie, die Hirn­tod­de­fi­ni­ti­on sei bio­lo­gisch nicht auf­recht zu erhal­ten. [62] Ihre Con­clu­sio lau­tet: „Hirn­to­te sind nicht wirk­lich tot“.[63] Aus die­ser Neu­be­wer­tung der trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zi­ni­schen Ent­nah­me­pra­xis lei­ten sie ein medi­zi­ni­sches Tötungs­recht ab und spre­chen von einem „jus­ti­fied kil­ling“,[64] einem gerecht­fer­tig­ten Töten, um das Leben ande­rer Pati­en­ten ret­ten zu können.

Mit die­ser Legi­ti­ma­ti­on des medi­zi­ni­schen Tötens bezie­hen sich die Autoren auf eine neue­re Form der Organ­ge­win­nung, die in Euro­trans­plant-Ver­bund­län­dern wie Bel­gi­en oder den Nie­der­lan­den erlaubt, in Deutsch­land oder Finn­land hin­ge­gen noch als Tötung ver­bo­ten ist: die Explan­ta­ti­on von soge­nann­ten ‚Spen­dern ohne schla­gen­de Her­zen‘ (Non Heart Bea­ting Donors). So ver­warf bei­spiels­wei­se auch die deut­sche Zen­tra­le Ethik­kom­mis­si­on bei der Bun­des­ärz­te­kam­mer die Organ­ent­nah­me von Non Heart Bea­ting Donors expli­zit als Tötung, denn bei die­sen Pati­en­ten liegt noch kein Hirn­ver­sa­gen vor.[65] Und schließ­lich ist nach einem Herz­still­stand der Mensch bis zu maxi­mal 15 bis 20 Minu­ten auf­grund des wei­ter­hin akti­ven Hirn­kreis­laufs reani­mier­bar und kann ins Leben zurück­ge­holt wer­den. Bei Non Heart Bea­ting Donors erfolgt die Organ­ge­win­nung genau in die­ser Pha­se, also zu einem Zeit­punkt, an dem die ursprüng­li­chen Kri­te­ri­en des ‚Hirn­to­des‘ nicht erfüllt sind.

Magi­sche Vor­stel­lun­gen über das Wei­ter­le­ben der See­len von Organ­spen­dern im Kör­per ihrer Empfänger 

Wie von Savu­le­s­ku und Wil­kin­son ver­tre­ten, kommt dem Kör­per von Organ­spen­dern die Rol­le von wie­der­ver­wert­ba­rem Müll zu. Die­se Funk­ti­ons­zu­wei­sung ent­spricht dem in den USA gebräuch­li­chen Rekla­meslo­gan für Organ­spen­de: „Recy­cle yourself“[66]. Auch in Deutsch­land lau­tet die Legen­de eines Wer­be­pla­kats mit einem dar­auf abge­bil­de­ten Sarg: „Orga­ne müs­sen lei­der drau­ßen blei­ben!“[67] Jed­we­de Sinn­haf­tig­keit unse­rer Ster­be- und Bestat­tungs­sit­ten wird durch eine sol­che Auf­for­de­rung zur the­ra­peu­ti­schen Wie­der­ver­wer­tung bestimm­ter Pati­en­ten voll­ends verleugnet.

Aber ent­ge­gen sol­chen Zweck­ra­tio­na­li­sie­run­gen unse­rer kul­tu­rel­len Bezie­hung zu ster­ben­den und toten Men­schen akti­viert die Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zin magi­sche Phan­ta­sien, so dass selbst die Wer­bung des gera­de zitier­ten Appells „Orga­ne müs­sen lei­der drau­ßen blei­ben“ mit einer Paro­le über­schrif­tet ist, die eine Wei­ter­exis­tenz durch Organ­spen­de ver­spricht: „Träumst du von Unsterb­lich­keit, dann lass einen Teil von Dir wei­ter­le­ben.“[68] Die damit auf­ge­bau­te Vor­stel­lung von einem Wei­ter­le­ben nach dem Tod ent­springt wie­der­um der oben dar­ge­stell­ten ani­mis­tisch-magi­schen Vorstellungswelt.

Schließ­lich beruht die Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zin dar­auf, Kör­per­tei­le von ande­ren Pati­en­ten ein­zu­ver­lei­ben. Die­se The­ra­pie­form löst bei Organ­emp­fän­gern, eben­so wie bei deren Ange­hö­ri­gen häu­fig eine magisch begrün­de­te Angst vor den See­len­kräf­ten der Organ­spen­der aus. Die Trans­plan­ta­ti­on belebt folg­lich die magi­sche Vor­stel­lung von einer See­len­über­tra­gung. Für die­se spe­zi­el­len psy­chi­schen Kon­flik­te hat sich seit den 1980er Jah­ren die Organ­trans­plan­ta­ti­ons­psych­ia­trie professionalisiert.

Auch sorg­te der Doku­men­tar­film „The Heart of Jenin“ (2008) von Mar­cus Vet­ter und Leon Gel­ler für welt­wei­te Schlag­zei­len. Der Film berich­tet über den Paläs­ti­nen­ser Isma­el Kha­tib, des­sen Kind mit zwölf Jah­ren starb. Die­ser Vater gab sei­nen Sohn zur Organ­spen­de für israe­li­sche Kin­der frei und besuch­te zwei Jah­re spä­ter drei von jenen sechs Kin­dern, die Orga­ne sei­nes Soh­nes trans­plan­tiert bekom­men hat­ten – ein Kind hat­te die Trans­plan­ta­ti­on nicht über­lebt.[69] Die Jour­na­lis­tin Inge Gün­ther schreibt über die im Film gezeig­ten Begeg­nungs­sze­nen: „Isma­el Kha­tib sieht in allen drei Kin­dern etwas von Ach­med, nicht nur die Orga­ne. Er fühlt sich sei­nem toten Sohn näher, wenn er ihnen nah ist.“[70]

Obwohl das trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zi­ni­sche mecha­nis­ti­sche Men­schen­bild, wonach Tote wie bei der Repa­ra­tur einer Maschi­ne in brauch­ba­re Ein­zel­tei­le zer­leg­bar und wie­der­ver­wert­bar wer­den, dem magi­schen Den­ken genau ent­ge­gen­ge­setzt ist, kön­nen Organ­emp­fän­ger von der Idee beherrscht wer­den, dass in ihnen eine frem­de Spen­der­see­le mit einer unheim­li­chen Wirk­macht wei­ter­lebt. Nicht zuletzt hat jeder trans­plan­tier­te Mensch, wie ein auf einer Trans­plan­ta­ti­ons-Sta­ti­on täti­ger Psy­cho­the­ra­peut erklärt, mit dem „Frem­den im Eige­nen“[71] fer­tig zu wer­den. Wenn dies nicht gelingt, kann sich die Furcht vor die­sem „Frem­den im Eige­nen“ auf Hor­ror­vor­stel­lun­gen zuspit­zen, in denen die Angst vor einer Rache der Toten zum Aus­druck kommt.

Gefüh­le der Beses­sen­heit und Dop­pel­gän­ger­fan­ta­sien „tre­ten“, wie der Sozi­al­psy­cho­lo­ge Oli­ver Decker sei­ne For­schun­gen resü­miert, „in mehr oder weni­ger star­ker Aus­prä­gung bei einem Groß­teil der Pati­en­ten auf, und das bereits vor der eigent­li­chen Trans­plan­ta­ti­on, soviel kann nach den bis­he­ri­gen For­schungs­er­geb­nis­sen als gesi­chert gel­ten“[72]. Die­ses aus der Trans­plan­ta­ti­ons­the­ra­pie her­vor­ge­gan­ge­ne Phä­no­men resul­tiert aus einer Ver­schmel­zung von ver­pflan­zungs­tech­ni­scher Zweck­ra­tio­na­li­tät mit der magi­schen Vor­stel­lung über das Wei­ter­le­ben einer im Organ schlum­mern­den unbe­kann­ten See­le. Durch die trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zi­ni­sche Ein­ver­lei­bung des Organs eines ‚frem­den Toten‘ ist jene durch Bestat­tungs­bräu­che sym­bo­lisch auf­ge­bau­te Gren­ze zwi­schen der ‚Welt der Toten‘ und der ‚Welt der Leben­den‘ auf­ge­bro­chen, so dass Ratio­na­li­tät und Magie sich auf eine eigen­ar­ti­ge Wei­se zu mischen scheinen.

Die­ser Text ist ein Aus­schnitt aus dem in die­sem Jahr erschei­nen­den Buch: “Das töd­li­che Dilem­ma. Organ­trans­plan­ta­ti­on zwi­schen ethi­scher Pflicht, Pati­en­ten­au­to­no­mie und pal­lia­ti­ver Sorge”

  1. Macho, Tho­mas: Todes­me­ta­phern. Zur Logik der Grenz­erfah­rung. Frankfurt/​M. 1987, S. 172.
  2. Vgl. Fischer, Nor­bert: Neue Bestat­tungs­kul­tur. Tod, Trau­er und Fried­hof im Wan­del. O. J. 2013.
  3. Vgl. dazu Red­lin, Jane: Säku­la­re Toten­ri­tua­le. Toten­eh­rung, Staats­be­gräb­nis und pri­va­te Bestat­tung in der DDR. Müns­ter et al. 2009, S. 111 ff.
  4. Vgl. Hei­nen, Armin: Vom Nut­zen und Nach­teil der „dienst­ba­ren Lei­che“ für die Toten und die Leben­den. Ein Ideen­ske­lett. In: Groß, Dominik/​Grande, Jas­min (Hg.): Objekt Lei­che. Tech­ni­sie­rung, Öko­no­mi­sie­rung und Insze­nie­rung toter Kör­per. Frank­furt am Main 2010, S. 429–451, hier S. 430.
  5. Vgl. Berg­mann, Anna. Der ent­seel­te Pati­ent. Die moder­ne Medi­zin und der Tod. (2. Aufl. TB) Stutt­gart 2019, S. 91–203.
  6. Macho, Tho­mas: Tod. In: Vom Men­schen. Hand­buch His­to­ri­sche Anthro­po­lo­gie. Hrsg. von Chris­toph Wulf, Weinheim/​Basel 1997, Macho 1997, S. 939–954, hier 940.
  7. Vgl. ebd., S. 939–954.
  8. Archiv Anna Berg­mann (AAB), Inter­view Tho­mas von Hehl vom 29.04.2019.
  9. Vgl. z.B. Hirsch, Gün­ter/­Schmidt-Didc­zuhn, Andrea: Trans­plan­ta­ti­on und Sek­ti­on. Hei­del­berg 1992; Stell­p­flug, Mar­tin H.: Der straf­recht­li­che Schutz des mensch­li­chen Leich­nams. Eine rechts­ver­glei­chen­de Stu­die zur straf­recht­li­chen Beur­tei­lung von Hand­lun­gen am mensch­li­chen Leich­nam in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, Groß­bri­tan­ni­en und der Repu­blik Öster­reich. Frank­furt am Main et al. 1996; Tag, Brigitte/​Groß, Domi­nik (Hg.): Der Umgang mit der Lei­che. Sek­ti­on und toter Kör­per in inter­na­tio­na­ler und inter­dis­zi­pli­nä­rer Per­spek­ti­ve. Frankfurt/​M. 2010.
  10. Stel­kens, Ulrich/​Cohrs, Bea­te: Bestat­tungs­pflicht und Bestat­tungs­kos­ten­pflicht. In: Neue Zeit­schrift für Ver­wal­tungs­recht 21 (2002), H. 8, S. 917–925, hier S. 922.
  11. Vgl. Hirsch/­Schmidt-Didc­zuhn 1996, S. 34–66, 122–135; Schrei­ber, Hans-Lud­wig: Recht­li­che Aspek­te der Organ­trans­plan­ta­ti­on. In: Beck­mann, Jan P./Kirste, Günter/​Schreiber, Hans-Lud­wig: Organ­trans­plan­ta­ti­on. Medi­zi­ni­sche, recht­li­che und ethi­sche Aspek­te. Freiburg/​München 2008, S. 64–92, hier 65.
  12. Vgl. zu den Trans­plan­ta­ti­ons­ge­setz­ge­bun­gen in die­ser Auf­bau­pha­se des Trans­plan­ta­ti­ons­sys­tems in West- und Nord­eu­ro­pa: Wolfs­last, Gabrie­le: Trans­plan­ta­ti­ons­recht im euro­päi­schen Ver­gleich. In: Zeit­schrift für Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zin 1(1989), S. 43–48.
  13. Vgl. z.B. Ebbing­haus, Uwe: Erschre­ckend ein­fach. Vom 16. Lebens­jahr an dür­fen Jugend­li­che einen recht­lich bin­den­den Organ­spen­de­aus­weis unter­schrei­ben. Eltern haben kei­nen Ein­fluss dar­auf. Die­se Pra­xis ist vol­ler Wider­sprü­che. In: FAZ vom 26. Febru­ar 2020, https://​www​.faz​.net/​a​k​t​u​e​l​l​/​f​e​u​i​l​l​e​t​o​n​/​o​r​g​a​n​s​p​e​n​d​e​-​b​e​i​-​j​u​g​e​n​d​l​i​c​h​e​n​-​e​r​s​c​h​r​e​c​k​e​n​d​-​e​i​n​f​a​c​h​-​1​6​6​5​1​3​3​8​.html (4.03.2021).
  14. Vgl. Fröh­lich, Anne: Die Kom­mer­zia­li­sie­rung von mensch­li­chem Gewe­be: Eine Unter­su­chung des Gewe­be­ge­set­zes und der ver­fas­sungs- und euro­pa­recht­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen. Ham­burg 2012, S. 53–57.
  15. Vgl. Jonas, Hans: Tech­nik, Medi­zin und Ethik. Zur Pra­xis des Prin­zips Ver­ant­wor­tung. Frankfurt/​M. 1987, S. 222, Anm. 6, S. 240.
  16. Vgl. z.B. für Deutsch­land: Höf­ling, Wolf­ram: Irrever­si­bler Hirn­funk­ti­ons­aus­fall wäh­rend der Schwan­ger­schaft. In: Medi­zin­recht (2020), H. 38, S. 14–16. Online­pu­bli­ka­ti­on: https://doi.org/10.1007/s00350-019‑5424‑3
  17. Vgl. Freud, Sig­mund (1912/​13): Totem und Tabu. In: Stu­di­en­aus­ga­be. Hrsg. von Alex­an­der Mit­scher­lich, Ange­la Richards, James Stra­chey. Bd. 9. Frankfurt/​M. 2000, S. 287–444, hier, S. 311.
  18. Vgl. Depen­heu­er, Otto: Recht und Tabu – ein Pro­blem­auf­riß. In: Ders. (Hg.): Recht und Tabu. Wies­ba­den 2003, S. 7–23, hier S. 20.
  19. Depen­heu­er 2003, S. 11.
  20. Mit­scher­lich, Alex­an­der (1963): Auf dem Weg zur vater­lo­sen Gesell­schaft. Ideen zur Sozi­al­psy­cho­lo­gie. Mün­chen 1973 (Neu­aus­ga­be), S. 256.
  21. Vgl. dazu und auch für das Fol­gen­de: Berg­mann, Anna: Töten, Opfern, Zer­glie­dern und Rei­ni­gen in der Geschich­te des moder­nen Kör­per­mo­dells. In: metis 11 (1997), S. 45–64; Dies. 2019, S. 110–202; Stu­ken­b­rock, Karin: „Der zer­stück­te Cör­per”. Zur Sozi­al­ge­schich­te der ana­to­mi­schen Sek­tio­nen in der frü­hen Neu­zeit (1650–1800). Stutt­gart 2001; Park, Katha­ri­ne: Secrets of Women: Gen­der, Genera­ti­on, and the Ori­gins of Human Dis­sec­tion. New York 2006.
  22. Vgl. auch für das Fol­gen­de: Wolf-Hei­deg­ger, Gerhard/​Cetto, Anna Maria: Die ana­to­mi­sche Sek­ti­on in bild­li­cher Dar­stel­lung. Basel – New York 1967, S. 64–71; Fer­ra­ri, Gio­van­na: Public Ana­to­my Les­sons and the Car­ni­val: The Ana­to­my Theat­re of Bolo­gna. In: Past & Pre­sent 117 (1987), S. 50–106; Berg­mann, Anna: Mas­sen­ster­ben und Todes­angst im 17. Jahr­hun­dert: Zur ritu­el­len Lei­chen­zer­glie­de­rung im Ana­to­mi­schen Thea­ter. In: Thea­tra­li­tät und die Kri­se der Reprä­sen­ta­ti­on. DFG-Sym­po­si­on, hrsg. v. Eri­ka Fischer-Lich­te, Stutt­gart – Wei­mar 2001, S. 316–336; Dies., Der ent­seel­te Pati­ent. Die moder­ne Medi­zin und der Tod 2004, S. 175–198.
  23. Vgl. Wolf-Hei­deg­ger 1967, S. 82.
  24. Vgl. auch für das Fol­gen­de: Lin­kert, Chris­ti­ne: 75 Träu­me von Medi­zin­stu­den­ten wäh­rend des Prä­pa­rier­kur­ses: eine psy­cho­ana­ly­tisch ori­en­tier­te empi­ri­sche, qua­li­ta­ti­ve Unter­su­chung. Med. Diss. Frank­furt am Main 1989; Dies.: Die Initia­ti­on der Medi­zin­stu­den­ten. In: Eth­no­psy­cho­ana­ly­se 3 (1993), S. 135–143; Schnei­der, Gise­la: Der Medi­zin­stu­dent m Sezier­saal. In: Lock­ot, Regine/​Rosemeier, Hans Peter (Hg.): Ärzt­li­ches Han­deln und Inti­mi­tät. Stutt­gart 1983, S. 202–222; Richard­son, Ruth: Death, Dis­sec­tion an the Desti­tu­te. Lon­don 2000 (2. Aufl.), S. 30–50.
  25. Mit­scher­lich 1973, S. 256.
  26. Chen, Pau­li­ne W.: Der Tod ist nicht ver­ges­sen. In der Käl­te des Medi­zin­be­triebs – eine jun­ge Ärz­tin fin­det ihren Weg. Aus dem Ame­ri­ka­ni­schen von Chris­ti­na Kot­te und Andrea Schlei­pen. Freiburg/​Basel/​Wien 2007, S. 23.
  27. Wrusch 2018.
  28. Vgl. Chen 2007, S. 23; Wrusch, Paul: Maries Lei­che. In: TAZ vom 03.11.2018, https://​taz​.de/​P​r​a​e​p​k​u​r​s​-​i​m​-​M​e​d​i​z​i​n​s​t​u​d​i​u​m​/​!​5​5​4​3447/ (04.03.2021); Wu, Jing: Mei­ne ers­te Lei­che. In: Spie​gel​.de vom 17.10.2016, https://​www​.spie​gel​.de/​l​e​b​e​n​u​n​d​l​e​r​n​e​n​/​u​n​i​/​m​e​d​i​z​i​n​s​t​u​d​i​u​m​-​e​r​f​a​h​r​u​n​g​e​n​-​i​m​-​p​r​a​e​p​a​r​i​e​r​k​u​r​s​-​a​-​1​1​1​4​5​3​2​.html (04.04.2021); Otters­bach, Myri­am: Mei­ne Erfah­run­gen im Präp­kurs. In: Else­vier vom 11.12.2015, https://​www​.else​vier​.com/​d​e​-​d​e​/​c​o​n​n​e​c​t​/​a​n​a​t​o​m​i​e​/​m​e​i​n​e​-​e​r​f​a​h​r​u​n​g​e​n​-​i​m​-​p​r​a​pkurs (04.03.2021).
  29. Roth­man Ellen L.: White Coat: Beco­m­ing a Doc­tor at Harvard Medi­cal School. New York 2000, S. 21: „I didn’t want to know any more than I did. It would be too pain­ful to dis­sect struc­tu­re by struc­tu­re with the bur­den of per­son­hood and the rela­ti­ons­hip and respon­si­bi­li­ties it ent­ail­ed.“
  30. Wrusch 2018.
  31. Richard­son 2000, S. 30: „The stu­dy of ana­to­my by dis­sec­tion requi­res in its prac­ti­tio­ners the effec­ti­ve sus­pen­si­on of sup­pres­si­on of many nor­mal phy­si­cal and emo­tio­nal respon­ses to the wie­ful muti­la­ti­on of the body of ano­t­her human being. “
  32. Wrusch 2018.
  33. Freud 2000, S. 313.
  34. Vgl. Feu­er­stein, Gün­ther: Das Trans­plan­ta­ti­ons­sys­tem. Dyna­mik, Kon­flik­te und ethisch-mora­li­sche Grenz­gän­ge. Weinheim/​München 1995, S. 121–178.
  35. Vgl. z.B. Deut­sche Stif­tung Organ­trans­plan­ta­ti­on: Leit­fa­den für die Organ­spen­de. Frank­furt am Main 2003 (2. überarb. Aufl.) Kapi­tel 7, S. 9; Swiss­trans­plant. Natio­na­ler Aus­schuss für Organ­spen­de: Modul IV. Organ- und Gewe­be­ent­nah­me. O. O. 2014, Modul VI, S. 9.
  36. Zit.n. Bau­reit­hel, Ulrike/​Bergmann, Anna: Herz­lo­ser Tod. Das Dilem­ma der Organ­spen­de. Stutt­gart 1999, S. 177.
  37. AAB, Inter­view Dr. Marek Bro­dez­ky vom 08. April 2015.
  38. Zit.n. Baureithel/​Bergmann 1999, S. 158.
  39. Zit.n. ebd., S. 163.
  40. Zit.n. ebd., S. 163 f.
  41. Zit.n. ebd., S. 165.
  42. Zit.n. ebd., S. 166.
  43. Vgl. Baureithel/​Bergmann 1999; Lin­de­mann: Beun­ru­hi­gen­de Sicher­hei­ten. Zur Gene­se des Hirn­tod­kon­zepts. Kon­stanz 2003.
  44. Macho 1997, S. 941.
  45. Macho 1987, S. 180.
  46. AAB, Inter­view Dr. Marek Bro­dez­ky vom 08. April 2015.
  47. Vgl. Pendl, Ger­hard: Der Hirn­tod. Eine Ein­füh­rung in sei­ne Dia­gnos­tik und Pro­ble­ma­tik. Wien/​New York 1986, S. 30 ff.
  48. So eine Anäs­the­sis­tin im Inter­view, zit. n. Baureithel/​Bergmann 1999, S. 152.
  49. Vgl. Schwarz, Ger­hard: Dis­so­zi­ier­ter Hirn­tod. Ber­lin et. al. 1990, S. 44–45.
  50. Feu­er­stein 1995, S. 229.
  51. Zit.n. Witt, Maxi von: Trans­plant. Ham­burg 2012, S. 100.
  52. Zit. n. Baureithel/​Bergmann 1999, S. 171.
  53. Deutsch­land ist an die 1967 gegrün­de­te Pri­vat­stif­tung Euro­trans­plant asso­zi­iert. Sie orga­ni­siert län­der­über­grei­fend die Gewin­nung und Ver­tei­lung von Orga­nen in acht euro­päi­schen Län­dern: Bel­gi­en, Deutsch­land, Kroa­ti­en, Luxem­burg, Nie­der­lan­de, Öster­reich, Slo­we­ni­en, Ungarn.
  54. Zit. n. Baureithel/​Bergmann 1999, S. 65.
  55. Zit.n. Berg­mann 2019, S. 258.
  56. Ber­ning, Peter: Augen sind Flüs­se. In: Sorg, Petra/​Brüns, Hen­ning (Hg.): Sehn­sucht Ber­lin. Frank­furt 2000. S. 254–258, hier 254, 255f., 257, 258. (Her­vor­he­bung Anna Berg­mann)
  57. Prof. Dr. Jür­gen Link im Deut­schen Bun­des­tag: „Beim Hirn­to­ten kommt aber nichts mehr aus dem ohne­hin nicht mehr exis­tie­ren­den Wesen, son­dern die Mus­kel­mas­se reagiert auf Frem­drei­ze.” In: Deut­scher Bun­des­tag. Aus­schuss für Gesund­heit, 13. Wahl­pe­ri­ode, Pro­to­koll Nr. 64, Sit­zung vom 25.9.1996, S. 1661.
  58. Zit.n. Jonas 1987, S. 228.
  59. Bin­ding, Karl/​Hoche, Alfred: Die Frei­ga­be der Ver­nich­tung lebens­un­wer­ten Lebens. Ihr Maß und ihre Form. Leip­zig 1920, S. 55.
  60. Wil­kin­son, Dominic/​Savulescu, Julian:Should we allow Organ Dona­ti­on Eutha­na­sia? Alter­na­ti­ves for Maxi­mi­zing the Num­ber and Qua­li­ty of Organs for Trans­plan­ta­ti­on. In: Bio­ethics 26 (2012), H. 1, S. 32–48.
  61. Wilkinson/​Savulescu 2010, S. 32: „Thousands of pati­ents every year die on the wai­t­ing lists for trans­plan­ta­ti­on. Yet the­re is one cur­r­ent­ly avail­ab­le, unde­ruti­li­zed, poten­ti­al source of organs. Many pati­ents die in inten­si­ve care fol­lowing with­dra­wal of life-sus­tai­ning tre­at­ment who­se organs could be used to save the lives of others. At pre­sent the majo­ri­ty of the­se organs go to was­te.“
  62. Vgl. Truog, Robert D./Miller, Fran­k­lin G: The Dead Donoar Rule and Organ Trans­plan­ta­ti­on. In: The New Eng­land Jour­nal of Medi­ci­ne 359 (2008), H. 7, S. 669–675.
  63. Truog, Robert D./Miller, Fran­k­lin G.: Rethin­king the Ethics of Vital Organ Dona­ti­ons. In: Has­tings Report 38 (2008) 6, S. 41: „How can it be ethi­cal to retrie­ve vital organs from brain dead pati­ents if they are not real­ly dead? Sin­ce 1968, brain death has been unders­tood as legi­ti­ma­ting the with­dra­wal of life sup­port and the extrac­tion of vital organs. Both of the­se remain ethi­cal­ly appro­pria­te when brain dead pati­ents are unders­tood to be still ali­ve but in a sta­te of irrever­si­ble coma.“ In: https://​phil​pa​pers​.org/​r​e​c​/​M​ILRTE.
  64. Ebd., S. 42.
  65. Vgl. Erklä­rung der Zen­tra­len Ethik­kom­mis­si­on bei der Bun­des­ärz­te­kam­mer: Tötung durch Organ­ent­nah­me wider­spricht ärzt­li­cher Ethik. Abge­dr. in: Deut­sches Ärz­te­blatt 94 (1997), H. 28/​29, S. A1963; vgl. auch Hei­de, W.: „Non-heart-bea­ting donors“ sind nicht geeig­net. In: Ner­ven­arzt 87 (2016), S. 161–168.
  66. https://​www​.ama​zon​.com/​s​h​o​p​d​o​z​-​S​t​i​c​k​e​r​s​-​R​e​c​y​c​l​e​-​Y​o​u​r​s​e​l​f​-​A​w​a​r​e​n​e​s​s​/​d​p​/​B​0​7​X​D​ZS6BS
  67. Deut­sche Stif­tung Organ­trans­plan­ta­ti­on. Neu-Isen­burg o. J., S. 13.
  68. Ebd.
  69. Vgl. Das Herz von Jenin: http://​www​.tex​tezum​film​.de/​s​u​b​_​d​e​t​a​i​l​.​p​h​p​?​i​d=732 (04.03.2021)
  70. Gün­ther, Inge: Ein Herz aus Dsche­nin. Isma­el Kha­tib hat sei­nen Sohn ver­lo­ren und ent­schie­den, dass israe­li­sche Kin­der mit des­sen Orga­nen geret­tet wer­den sol­len. In: Badi­sche Zei­tung vom 13. August 2008. https://www.badische-zeitung.de/ein-herz-aus-dschenin–4208012.html (04.03.2021)
  71. Zit. n. Baureithel/​Bergmann 1999, S. 198.
  72. Decker, Oli­ver: Der Pro­the­sen­gott. Sub­jek­ti­vi­tät und Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zin. Gie­ßen 2004, S. 116 f.Die Medi­zin- und Kul­tur­his­to­ri­ke­rin Anna Berg­mann ist als apl. Pro­fes­so­rin für Kul­tur­ge­schich­te an der Euro­pa-Uni­ver­si­tät Via­dri­na Frank­furt (Oder) tätig und lehr­te als Gast­pro­fes­so­rin an den Uni­ver­si­tä­ten in Braun­schweig, Graz, Inns­bruck, Kla­gen­furt und Wien. Buch­pu­bli­ka­tio­nen u.a.: zusam­men mit Ulri­ke Bau­reit­hel: Herz­lo­ser Tod. Das Dilem­ma der Organ­spen­de, Stutt­gart 1999 (2. Aufl. 2001) – aus­ge­zeich­net von „bild der wis­sen­schaft“ als „Wis­sen­schafts­buch des Jah­res 2000“; Der ent­seel­te Pati­ent. Die moder­ne Medi­zin und der Tod. Ber­lin 2004 (2. Auf­la­ge Stutt­gart 2015; Taschen­buch Stutt­gart 2019). 
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