KAO • Ethik • Annäherun­gen an den Tod

Süd­deutsche Zeitung vom 05.06.2015

Annäherungen an den Tod

Immer wieder äußern sich Vertreter der Ärzteschaft in ein­lul­len­den Worten zur Sicher­heit der Hirn­tod-Diag­nos­tik. Tat­säch­lich aber ist diese Diag­nose viel schwieriger, als behauptet wird. Der sen­si­ble Bere­ich ist nicht ein­mal umfassend erforscht.

Clau­dia Wiese­mann, Pro­fes­sorin für Medi­zinethik an der Uni­ver­sität Göt­tin­gen und Mit­glied im Deutschen Ethikrat
Auszug aus dem Artikel

Das Wis­sen um die Vorgeschichte ist dabei uner­lässlich: Ist der Aus­fall der Hirn­funk­tio­nen Folge ein­er schw­eren Hirn­schädi­gung, etwa nach einem mas­siv­en Schla­gan­fall, oder ein­er Tablet­ten­in­toxika­tion? Der intoxikierte Patient kann das Bild eines Hirn­tods zeigen, obwohl seine Hirn­funk­tio­nen nicht irre­versibel erloschen sind und nach Abklin­gen der Medika­menten­wirkung wieder­her­stell­bar sind. Deshalb weisen die Richtlin­ien der Bun­desärztekam­mer auf die Gefahr ein­er Ver­wech­slung von Hirn­tod und Intoxika­tion hin.

Doch wie oft ken­nen die Ärzte auf der Inten­sivs­ta­tion tat­säch­lich die Vorgeschichte des Patien­ten? Wie oft sind sie aus­re­ichend skep­tisch, wenn ein Patient nach einem Verkehrsun­fall ein­geliefert wird? Der Unfall kann Folge ein­er Medika­mentenüber­do­sis sein.

Mehr noch: Ein Patient, der tat­säch­lich einen Schla­gan­fall hat, kann zugle­ich eine Medika­menten­in­toxika­tion aufweisen, die aber durch die eher ins Auge fal­l­en­den Symp­tome des Schla­gan­falls kaschiert wird. Erschw­erend kommt schließlich hinzu, dass inten­sivpflichtige Patien­ten mit beglei­t­en­den Herz-Kreis­lauf­prob­le­men oft Leber- und Nieren­funk­tion­sstörun­gen haben. Medika­mente, die einen Hirn­tod imi­tieren, wer­den dann sehr viel langsamer abge­baut und aus­geschwemmt und wirken dadurch länger als üblich.

Link zum Artikel

Hirn­tod-Diag­nos­tik: Annäherun­gen an den Tod von Clau­dia Wiese­mann
https://www.sueddeutsche.de/gesundheit/hirntod-diagnostik-annaeherungen-an-den-tod-1.2505783
Süd­deutsche Zeitung 4. Juni 2015