Renate Focke

RENATE FOCKE
Bre­men

Sohn Arnd
verunglück­te 1997

geboren 1945

Realschullehrerin
ehre­namtliche
Hos­piz-Mitar­bei­t­erin

ver­heiratet

zwei Kinder

Das Unglück

Im Herb­st 1997 hat­te mein Sohn Arnd einen schw­eren Unfall und musste noch am Unfal­lort beat­met wer­den. In der Klinik, in der man ein schw­eres Schädel-Hirn-Trau­ma fest­stellte, wurde er gle­ich in der Nacht operiert. Mein Mann und ich erfuhren erst am näch­sten Mor­gen von seinem Unglück und erre­icht­en nach etwa sechs Stun­den Aut­o­fahrt das Kranken­haus. Arnd lag auf der Inten­sivs­ta­tion, zusam­men mit fünf oder sechs anderen Patien­ten, er wurde beat­met, hat­te einen Kopfver­band von der Oper­a­tion, war an viele Geräte angeschlossen und lag wie schlafend da. Er war in ein kün­stlich­es Koma ver­set­zt wor­den. An sein­er recht­en Schul­ter, die bloß lag, hat­te er eine Prel­lung und über der linken Augen­braue eine Schnit­twunde. Am Nach­mit­tag hat­ten wir — das heißt unsere Schwiegertochter, unsere Tochter, mein Mann und ich — ein Gespräch mit der Ärztin, die ihn operiert hat­te. Sie sagte, seine Über­leben­schan­cen seien ger­ing und die Diag­nose „Hirn­tod“ sei wahrschein­lich. Mein Mann sagte spon­tan, dann würde uns wohl die Frage nach ein­er Organspende gestellt wer­den.
Einen oder zwei Tage später sprach uns die Sta­tion­slei­t­erin an und beglück­wün­schte uns zu der Entschei­dung für eine Organspende. Wir sagten, wir hät­ten noch nicht darüber gesprochen, beka­men aber den Ein­druck, wir müssten uns so schnell wie möglich entschei­den. Unsere Schwiegertochter sagte uns dann wenig später, Arnd hätte sich für Organspende aus­ge­sprochen. Wir teil­ten das den Ärzten mit. Somit waren die Weichen für eine Orga­nent­nahme gestellt, und zwar schon vor der Hirn­tod­fest­stel­lung.

Die Entscheidung

Im Nach­hinein frage ich mich, warum das so ablaufen kon­nte: Mein Mann und ich haben jeden Tag, bis spät in die Nacht, an Arnds Bett gesessen — abge­se­hen von den Zeit­en, zu denen wir aus der Inten­sivs­ta­tion geschickt wur­den. Wir haben gere­det, von früher erzählt und nicht ein einziges Mal das Gefühl gehabt, er sei tot. Sein Gesicht und seine Hände waren warm, sein Brustko­rb hob und senk­te sich und wir sahen seinen Herz­schlag auf dem Mon­i­tor. Wir hiel­ten seine Hände, fassten uns über seine Bettdecke hin an und waren eine Ein­heit. Ich wusste im Inneren, dass er ster­ben würde, und emp­fand diese let­zte Zeit mit ihm als kost­bar und begren­zt. Den Gedanken an Orga­nent­nahme ließ ich nicht zu, denn er passte nicht zu meinem Erleben.

Vor dem Unfall war meine Ein­stel­lung zur Organspende eher pos­i­tiv gewe­sen, im Sinne von: „Wenn ich tot bin, brauche ich meine Organe nicht mehr. Dann kön­nen andere Men­schen damit weit­er­leben.“ Dass wir über eine mögliche
Orga­nent­nahme bei einem unser­er Kinder entschei­den müssten, daran hat­te ich nie gedacht. Dass wir nicht nach unser­er eige­nen Ein­stel­lung dazu gefragt wür­den, son­dern nach seinem mut­maßlichen Willen, das wussten wir nicht. Mein Inneres sagte mir, dass ich eine Orga­nent­nahme über­haupt nicht wollte, aber das schien nicht zu zählen. “

Renate Focke

Meine Tochter, die zwis­chen­zeitlich zu Hause gewe­sen war und zwei Tage später in die Klinik zurück­kam, protestierte heftig gegen unsere vor­weggenommene Zus­tim­mung zur Orga­nent­nahme und sagte erschüt­tert: „Er ist doch keine Organ­bank!“ Ich hörte ihren Protest, ver­stand sie, aber stand ihr nicht bei. Denn über allem stand seine mündliche Erk­lärung für die Organspende.

Am näch­sten Tag brach bei mir das­selbe Entset­zen aus. Wir rede­ten und kamen zu der Entschei­dung, dass wirdie Zus­tim­mung zur Orga­nent­nahme zurück­nehmen wür­den, wenn sie nicht noch an diesem Tag erfol­gte. Damit haben wir den Ärzten die Ver­ant­wor­tung übergeben und sie unter Zeit­druck geset­zt. Unser ster­ben­der Sohn wurde noch schut­zlos­er.

Das The­ma „Organtrans­plan­ta­tion“ stand von Beginn an im Raum und hat den Abschied zusät­zlich belastet. Uns war anfangs nicht klar, dass offiziell erst nach der Hirn­tod­fest­stel­lung die Frage nach ein­er Organspende gestellt wer­den darf, wie es dann auch die Trans­plan­ta­tion­sko­or­di­na­torin tat. Ihre Frage lautete: „War Ihr ver­stor­ben­er Mann, Ihr Sohn, Ihr Brud­er sozial eingestellt?“

Wer kann gle­ich nach der Todesnachricht dieser Sug­ges­tivfrage wider­ste­hen und die Ver­mu­tung aufkom­men lassen, der Ange­hörige sei wom­öglich unsozial gewe­sen?

Wer hat die Kraft, die ange­botene Trös­tung abzulehnen, dass der Tod dieses geliebten Men­schen nicht sinn­los sei, indem er das Leben ander­er ret­ten könne?

Und wer hat in dieser exis­ten­ziellen Not­si­t­u­a­tion die Klarheit, die eige­nen Wider­stände wahrzunehmen und ernst zu nehmen?

Ich hat­te diese Kraft und Klarheit nicht, abge­se­hen davon, dass wir unsere mündliche Zus­tim­mung schon vorher gegeben hat­ten.

Im Organspendeausweis der Bun­deszen­trale für gesund­heitliche Aufk­lärung heißt es: “Für den Fall, dass nach meinem Tod eine Spende von Organen/Geweben in Frage kommt…” Darin wird wed­er der Hirn­tod als Voraus­set­zung für eine Orga­nent­nahme genan­nt, noch wird erk­lärt, welche Organe oder Gewebe für eineEnt­nahme in Frage kom­men.

Die offiziellen Informationen

Sich informieren und dann entschei­den!“, so lautet eine Auf­forderung in der Broschüre „Wie ein zweites Leben“ von der Bun­deszen­trale für gesund­heitliche Aufk­lärung. Informieren kon­nten wir uns in dieser Sit­u­a­tion nicht. Wir beka­men im Kranken­haus auch keine Hin­weise darüber, wie eine Orga­nent­nahme abläuft und dass eine Ster­be­be­gleitung nicht möglich
ist — wir haben aber auch nicht gefragt. Wenn wir alle, auch unser Sohn, uns aber vorher informiert hät­ten mit Hil­fe des von der Bun­deszen­trale für gesund­heitliche Aufk­lärung emp­fohle­nen Infor­ma­tion­s­ma­te­ri­als, wären wir wahrschein­lich zu kein­er anderen Entschei­dung gekom­men. Denn was Orga­nent­nahme für den hirn­toten Organspender und seine Ange­höri­gen wirk­lich bedeutet, geht aus den Infor­ma­tio­nen und dem Organspendeausweis nicht her­vor.

Die Zweifel

Einige Zeit nach seinem Tod began­nen meine Alp­träume. In vie­len Träu­men durch­lebte ich, dass er nicht richtig begraben war, dass seine Leiche in einem Aquar­i­um trieb oder dass sein Leich­nam aus dem Grab ver­schwun­den war. Mir wurde dadurch ein­dringlich bewusst, dass mich zusät­zlich zur Trauer um seinen Tod die Zus­tim­mung zur Orga­nent­nahme belastete. Ich hat­te Schuldge­füh­le, weil ich ihn nicht davor beschützt hat­te, und ver­schloss alles in mir. Erst nach langer Zeit kon­nte ich darüber reden, zuerst mit der Fam­i­lie, dann mit Fre­un­den. Schließlich fand ich im Inter­net eine Web­site mit Bericht­en von Eltern, die ähn­liche Erfahrun­gen gemacht hat­ten. Das habe ich als eine große Erle­ichterung erlebt, und danach habe ich mich umfassend informiert.

Die Akte

Etwa fünf Jahre nach seinem Tod fand ich den Mut, an die Klinik zu schreiben und das Recht auf Aktenein­sicht wahrzunehmen. Die Kopi­en habe ich, über einen lan­gen Zeitraum verteilt, immer dann gele­sen, wenn ich die Kraft dazu hat­te, und mit dem Trans­plan­ta­tion­s­ge­setz ver­glichen.

Das Hirn­tod­pro­tokoll ist das entschei­dende Doku­ment, das nach vor­liegen­der Zus­tim­mung des „Hirn­toten“ oder der Ange­höri­gen zu ein­er Orga­nent­nahme berechtigt.

Fast alle Inten­siv- und Not­fall­pa­tien­ten wur­den vor ihrer Hirn­tod­fest­stel­lung vom Notarzt mit Seda­ti­va (Beruhi­gungsmit­teln) und Narkoti­ka (Schlafmit­tel zur Narkose) behan­delt. Diese Medika­mente wer­den
bei Schw­erver­let­zten schlechter abge­baut mit der Folge, dass sie viel (manch­mal wochen­lang!) länger wirken als nor­mal… Ander­er­seits kann ein echter Hirn­tod durch Behand­lungs­fehler entste­hen oder bei
„Schwellen­pa­tien­ten“ bewusst her­beige­führt wer­den. Das sind zwei von mehreren Grün­den, warum ich strik­ter Geg­n­er des Hirn­tod-Ansatzes bin.“

Dr. A. Jaeck­el,
Deutsches Medi­zin Forum, Bad Nauheim

Dies sind die wichtig­sten Voraus­set­zun­gen für ein Hirn­tod­pro­tokoll bei ein­er Hirn­schädi­gung, wie sie mein Sohn hat­te:

• Zwei klin­is­che Unter­suchun­gen von zwei voneinan­der unab­hängi­gen Fachärzten, die mit der Orga­nent­nahme nichts zu tun haben dür­fen.

• Zwis­chen den bei­den klin­is­chen Unter­suchun­gen muss eine Wartezeit von min­destens 12 Stun­den
einge­hal­ten wer­den.

• Die Wartezeit kann verkürzt wer­den, wenn statt der 2. klin­is­chen Unter­suchung eine appa­r­a­tive Unter­suchung, z.B. ein Null-Lin­ien-EEG, vorgenom­men wird.

• Vor der ersten Hirn­to­dun­ter­suchung muss sichergestellt sein, dass keine Medika­mente mehr im Kör­p­er sind, die ein tiefes Koma vortäuschen kön­nten.

Und dies sind die Ver­stöße gegen das Trans­plan­ta­tion­s­ge­setz, die ich in den Akten gefun­den habe:

• Zwis­chen der 1. und der 2. klin­is­chen Hirn­to­dun­ter­suchung lagen nicht 12 Stun­den, son­dern 2 Stun­den und 45 Minuten!

• Ein zusam­men­fassender Bericht (Epikrise), ver­fasst am 9.9.1999, also fast zwei Jahre nach der Orga­nent­nahme, erwäh­nt ein Null-Lin­ien-EEG, das ange­blich bei meinem Sohn vorgenom­men wurde. Im entschei­den­den Doku­ment, dem Hirn­tod­pro­tokoll, ist jedoch kein Null-Lin­ien-EEG aufge­führt. Auch in den Akten fan­den sich keine EEG-Aufze­ich­nun­gen. Die Explan­ta­tion hätte nach dem vor­liegen­den unvoll­ständi­gen Hirn­tod­pro­tokoll gar nicht durchge­führt wer­den dür­fen!

• Mein Sohn war nach der Kop­f­op­er­a­tion in ein kün­stlich­es Koma ver­set­zt wor­den. Das Chemisch-Tox­ol­o­gis­che Gutacht­en ergab einen Befund von 1.24 mg/l Thiopen­tal. In der Beurteilung des Gutachters ste­ht: „Es ergeben sich Hin­weise für eine Auf­nahme von Thiopen­tal (Tra­panal). Eine weit­er­führende Beurteilung behal­ten wir uns vor.“
Die koor­dinierende Ärztin hat­te uns gesagt, der Wert müsse vor der ersten Hirn­to­dun­ter­suchung unter 1,0 liegen. Beim Ver­gle­ich der Zeitabläufe stelle ich fest: Das Fax mit dem Gutacht­en wurde von der Rechtsmedi­zin um 18.29 Uhr abgeschickt. Es wurde um 18.36 in der Klinik emp­fan­gen. Die 1. Hirn­tod-Unter­suchung begann um 18.45 Uhr. Das heißt, sie haben das Ergeb­nis des Gutacht­ens, das eine weit­er­führende Beurteilung vor­sah, über­haupt nicht berück­sichtigt!

Dies sind ein­deutig gravierende Ver­stöße gegen das Trans­plan­ta­tion­s­ge­setz. Mein Sohn war zwar vor Inkraft­treten des Trans­plan­ta­tion­s­ge­set­zes explantiert wor­den, aber man hat­te uns zugesichert, sie wür­den sich an das vom Par­la­ment ver­ab­schiedete Gesetz hal­ten. Außer­dem gal­ten vor Inkraft­treten die Richtlin­ien der Bun­desärztekam­mer mit den gle­ichen
Bes­tim­mungen.

Im Fol­gen­den beschreibe ich Vorge­hensweisen, die zwar im Ein­klang mit dem Trans­plan­ta­tion­s­ge­setz ste­hen, mich aber beson­ders erschüt­tert haben:

1. Auf dem Oper­a­tionspro­tokoll ste­ht „Narkose­pro­tokoll“. Daraus schloss ich, dass mein Sohn während der Orga­nent­nahme narko­tisiert wurde. Doch Anäs­the­sisten, denen ich das Oper­a­tionspro­tokoll gezeigt habe, stell­ten fest, dass mein Sohn zwar muske­lentspan­nende Mit­tel, aber keine Narkose und keine Schmerzmit­tel erhal­ten hat.

In der Leitlin­ie
Anäs­the­si­olo­gie -
Erk­lärung zum Hirn­tod
(www.uni-duesseldorf.de) ste­ht:

„Nach dem Hirn­tod gibt es kein Schmerzempfind­en mehr. Deshalb sind nach dem Hirn­tod keine Maß­nah­men zur
Schmerzver­hü­tung (z.B. Narkose) nötig. Die Tätigkeit eines Anäs­the­sisten bei der Orga­nent­nahme — zu Maß­nah­men wie z.B. der kün­stlichen Beat­mung, der Kon­trolle der Herztätigkeit und des Kreis­laufs sowie der notwendi­gen Ruhig­stel­lung der Musku­latur — dient aus-schließlich der Erhal­tung der Funk­tions­fähigkeit der zu ent­nehmenden Organe.“

Es ist in der Tat nicht zu bele­gen, dass eine für hirn­tot erk­lärte Per­son tat­säch­lich über kein­er­lei
Wahrnehmungsver­mö­gen, ins­beson­dere Schmerzempfind­lichkeit ver­fügt.“

Prof. Dr. med. W. Lauchert,
Geschäfts­führen­der Arzt der DSO
in einem Schreiben vom 25.9.2000
an die Pas­torin Ines Odais­chi

Die neben­ste­hende Erk­lärung dazu kann mich keineswegs beruhi­gen, denn auch Medi­zin­er kön­nen ein Schmerzempfind­en nicht auss­chließen, weil das voll­ständi­ge Ver­sagen des Gehirns nicht nach­weis­bar ist. Bei Orga­nent­nah­men wur­den immer wieder Hautrötungen,Schwitzen, Blut­druck­anstieg und Abwehrbe­we­gun­gen beim Ein­schnitt in den Kör­p­er fest­gestellt. Das sind bei anderen Oper­a­tio­nen Anze­ichen für Schmerz, nur bei „hirn­toten“ Organspendern wer-den sie als bedeu­tungslose Reak­tio­nen ange­se­hen. Die Vorstel­lung, dass mein Sohn bei lebendi­gem Leib ohne Rück­sicht auf noch mögliche Schmerzempfind­un­gen ohne Voll­narkose explantiert wurde, ist unerträglich.

2. Bei meinem Sohn wurde dreimal die klin­is­che Hirn­tod­di­ag­nos­tik vorgenom­men, und zwar um 18.45 Uhr, um 21.30 Uhr und noch ein­mal ohne Zei­tangabe, ver­mut­lich kurz vor der Explan­ta­tion.

Zu ein­er klin­is­chen Unter­suchung gehören Reize mit Instru­menten, das Set­zen von Schmerzreizen, indem der Unter­suchende mit ein­er Nadel in die Nasen­schei­de­wand sticht und indem 4 Grad kaltes Wass­er in die Ohren gespült wird. Außer­dem wird jedes Mal der Apnoe-Test gemacht: Dabei wird dem hirn­ver­let­zten Patien­ten die kün­stliche Beat­mung für bis zu zehn Minuten ent­zo­gen, um fest­stellen zu kön­nen, ob er selb­st­ständig zu atmen begin­nt. Diese Unter­suchung beein­trächtigt nach Aus­sage von Ärzten ein­deutig die mögliche Erhol­ung eines hirn­ver­let­zten Patien­ten und kann sog­ar den Tod des Patien­ten her­vor­rufen. Bei der Tagung der Päp­stlichen Akademie der Wis­senschaften in Rom 2005 wurde die Forderung erhoben, den Apnoe-Test als unethis­ches medi­zinis­ches Ver­fahren zu verurteilen und für unge­set­zlich zu erk­lären. Und diese Quälerei musste mein im Ster­ben liegen­der Sohn dreimal über sich erge­hen lassen!

3. Wann war er endgültig tot?

Auf dem Hirn­tod­pro­tokoll ist als Todeszeit­punkt 22.01 Uhr angegeben.

Im Narkose­pro­tokoll von der Explan­ta­tion finde ich die Begriffe „Kar­dio­plegie (= kün­stlich her­beige­führter Herzstill­stand), Blut­leere, Hypother­mie (= Küh­lung der Organe durch Per­fu­sion­slö­sung von 4 Grad): Orga­nent­nahme“, einge­tra­gen um 3.20 Uhr. Unmit­tel­bar vor der Ent­nahme hat man sein Blut aus dem Kör­p­er gespült und stattdessen eine vier Grad kalte Kon­servierungs­flüs­sigkeit durch die Organe geleit­et bei gle­ichzeit­iger äußer­er Küh­lung der Organe im Kör­p­er. Danach wurde sein immer noch schla­gen­des Herz zum Still­stand gebracht.

Mein Sohn starb also einen Tag später um 3.20 Uhr. Der Todestag auf seinem Grab­stein ist falsch!

Zellen und Gewebe sind seit langem wertvoll für die Medi­zin …
Das Trans­plan­ta­tion­s­ge­setz von 1997 hat Klarheit nur zum Teil geschaf­fen.
Es bezieht sich zwar auf Organe und Gewebe, regelt aber konkret im wesentlichen, wie solide Organe ent­nom­men, verteilt und ver­wen­det wer­den dür­fen. Ein Beispiel: Das Gesetz schließt den Han­del mit Orga­nen aus. Aber viele Gewebe wie Knor­pel, Haut oder Faszien wer­den trotz­dem erwor­ben, weit­er­ver­ar­beit­et und verkauft — das ist vor Ver­ab­schiedung des Geset­zes so gewe­sen und danach eben­so…“

Ärztezeitung, 29.10.2004,
Kom­men­tar: „Juris­tis­che Grau­zo­nen“
von Nico­la Sieg­mund-Schulze

4. Was hat man mit ihm gemacht in der Zeit zwis­chen dem Beginn der Explan­ta­tion, seinem her­beige­führten Herzstill­stand und dem Ende der Oper­a­tion, in 3 Stun­den und 45 Minuten?

Im Inter­net habe ich eine Web­site gefun­den, in der es um die Ent­nahme der Bauch­spe­ichel­drüse ging. Darin wird gesagt, dass auch der Zwölffin­ger­darm dabei ent­nom­men wer­den muss. An ander­er Stelle las ich, dass Teile der Milz oder Lym­ph­knoten ent­nom­men wer­den, um die Gewe­bev­erträglichkeit mit den möglichen Empfängern abgle­ichen zu kön­nen.

Die Klinik, in der mein Sohn explantiert wurde, ist als Akademis­ches Lehrkranken­haus ein­er Uni­ver­sität angegliedert. Daher befürchte ich, dass sie zusät­zlich zu den freigegebe­nen Orga­nen — Herz, Leber, Nieren und Bauch­spe­ichel­drüse — noch andere Gewe­beteile ent­nom­men haben. Denn diese sind nicht zus­tim­mungspflichtig und sind nüt­zlich für Trans­plan­ta­tio­nen, Forschung und Phar­main­dus­trie.

Auf ein­er Web­site der Ethik-Kom­mis­sion Göt­tin­gen ste­ht ein Text zur „Durch­führung von Forschungsvorhaben an Hirn­toten“. Es wird gesagt, es sei wün­schenswert, „dass vor Beginn von medi­zinis­chen Ver­suchen an Hirn­toten eine Beratung durch die Ethik-Kom­mis­sion erfol­gt“.

Aber die Berech­ti­gung, Hirn­tote für Ver­suche zu ver­wen­den, wird nicht grund­sät­zlich in Frage gestellt. Außer­dem sind die Empfehlun­gen von Ethik-Kom­mis­sio­nen nicht verpflich­t­end.

Im Ärzteblatt ist die Rede von einem „sorgfälti­gen und vorauss­chauen­den Umgang mit dem tief komatösen Patien­ten, der nach Abschluss der Hirn­todbes­tim­mung sowie der Beratung mit den Ange­höri­gen ein Organspender wer­den kön­nte…“

www.aerzteblatt.de/v4/archiv/artikel.asp?id=45240

Diesen behut­samen Umgang
beschreibt eine Kranken-
schwest­er in einem Forum
für Kranken­schwest­ern:
„…Wir schal­ten die Beat­mung wirk­lich erst dann aus, wenn die Asys­tolie (Herz-Kreis­lauf-Still­stand) ein­tritt. Manch­mal ist das ein Ster­be­prozess, der sich über Stun­den bis Tage hinzieht, und
wir warten mit den Ange­höri­gen darauf, dass der Patient stirbt…“

www.krankenschwester.de/forum/index/php/t-470.html

Was hat man noch von meinem Sohn ver­w­erten kön­nen? Zum Beispiel Samen­flüs­sigkeit? Oder haben sie doch die Augen ent­fer­nt, obwohl wir deren Ent­nahme aus­geschlossen hat­ten? Ich finde eine Web­site, in der beschrieben wird, wie die Auge­nent­nahme durch einge­set­zte Glasaugen geschickt kaschiert wer­den kann. Auch die Gehörknöchelchen hätte man ent­nehmen kön­nen, ohne dass wir es bemerkt hät­ten. Er hat­te ja nach der Kop­f­op­er­a­tion einen Kopfver­band. Hat man meinen Sohn während der Explan­ta­tion vielle­icht gefilmt, für Lehrzwecke? Nie­mand war da, um ihn zu schützen! Ich sehe ihn wieder vor mir, aufge­bahrt im Sarg, sein Mund klein und verkrampft. Er hat­te keinen fried­vollen, gelösten oder ern­sten Gesicht­saus­druck wie andere Tote, die ich gese­hen habe, son­dern sah aus, als wäre er unter Schmerzen gestor­ben.

Wie wäre er sonst gestorben?

Wenn wir nach der Hirn­tod­fest­stel­lung eine Orga­nent­nahme abgelehnt hät­ten, wäre kurz danach die Beat­mung abgestellt wor­den. Sein Herz hätte noch stun­den­lang weit­er­schla­gen kön­nen, so sagte man uns nach der Todesnachricht, und er wäre erstickt. In Bericht­en von Ärzten und Pflegern finde ich Beschrei­bun­gen von einem hefti­gen Todeskampf, bei dem viele meinen, es sei den Ange­höri­gen nicht zumut­bar, dabei zu sein.

Ich frage mich, ob nicht erst die Spenderkon­di­tion­ierung (d.h. inten­sive medi­zinis­che Behand­lung zur Erhal­tung der Organe), die einen hirn­toten Ster­ben­den mit allen Mit­teln bis zur Orga­nent­nahme im Leben hält, diesen qualvollen Todeskampf her­beiführt. Denn die Spenderkon­di­tion­ierung muss laut Ärzteblatt schon beim „klin­is­chen Ein­druck des Hirn­todes begin­nen“. Diese Behand­lung eines tief komatösen Patien­ten als poten­ziellen Organspender schon vor der Hirn­tod­fest­stel­lung ver­stößt gegen das Trans­plan­ta­tion­s­ge­setz!
Oder mein Sohn wäre ohne Spenderkon­di­tion­ierung bei kün­stlich­er Beat­mung wegen Lun­gen­ver­sagens an einem Herz-Kreis­lauf-Still­stand gestor­ben.

Im Nach­hinein weiß ich, dass es bess­er gewe­sen wäre, wenn mein Sohn schon vor Abschal­ten der Beat­mung gestor­ben wäre, aber in bei­den Fällen hät­ten wir ihn bis zulet­zt begleit­en kön­nen.

(www.transplantation-information.
de/hirntod_transplantation/hirntod)
„…Da soge­nan­nte Hirn­tote keine Leichen sind, son­dern Men­schen, die infolge eines bes­timmten Organ­ver­sagens in abse­hbar­er Zeit zwar tot sein wer­den, aber in der Jet­ztzeit noch nicht zu Ende gestor­ben sind, benöti­gen sie eine beson­dere Begleitung.
Im Ster­ben wird noch inten­siv gelebt, ein Leben, das den Explantierten und ihrem sozialen Umfeld zu einem großen Teil ent­zo­gen wird…“

Prof. Dr. Fran­co Rest

Der sogenannte Hirntod

Hirn­tod“ bedeutete für mich vor dem Unglück den Tod des Men­schen, wie es der Begriff auch nahe legt. Das habe ich nicht hin­ter­fragt. Doch bei meinem Sohn hat­te ich nicht einen Moment das Gefühl, er sei tot. Er sah lebendig aus und wurde die ganze Zeit über inten­siv behan­delt und ver­sorgt. Er würde ster­ben, das befürchtete ich. Und einen Ster­ben­den lässt man üblicher­weise nicht allein, son­dern begleit­et ihn bis zum Tod und über den Tod hin­aus. Trotz­dem kon­nte ich der Fest­stel­lung, er sei tot, nichts ent­ge­genset­zen. Warum nicht? Diese Frage lässt mich nicht los. Auf der Suche nach ein­er Antwort mache ich die extreme Schock­si­t­u­a­tion ver­ant­wortlich, in der wir uns befan­den.

Aber das ist es nicht allein. Ich denke, mein Ver­sagen hat noch mit etwas Anderem zu tun: „Organspende ret­tet Leben“, „Leben weit­ergeben“ und „Schenken Sie Leben“ sind zu ste­hen­den Redewen­dun­gen und eingängi­gen Bildern gewor­den, die sich unmerk­lich einge­graben haben in unseren Wortschatz und unser Wertesys­tem.

Auch die Kirchen haben bekräftigt, dass Organspende im Namen der Näch­sten­liebe erfol­gen kann. Wie kann ich etwas, was so gut und segen­sre­ich zu sein scheint, in Frage stellen? Doch die Diskrepanz zwis­chen dem, was an Pos­i­tivem mit der Organspende von Hirn­toten verknüpft wird, und meinem eige­nen Erleben ist unüber­windlich.

Mein Entsetzen

Mich macht wütend, dass die Trans­plan­ta­tions-Organ­i­sa­tio­nen auf eine umfassende Infor­ma­tion der möglichen Organspender und der Öffentlichkeit verzicht­en. Sie ver­weigern auch Infor­ma­tio­nen darüber, dass der soge­nan­nte Hirn­tod nicht der Tod ist, den wir bish­er gekan­nt haben. Und sie sagen nicht, dass Orga­nent­nahme eine Ster­be­be­gleitung durch die Ange­höri­gen unmöglich macht. Stattdessen set­zen sie auf eine große Akzep­tanz in der Bevölkerung, weil Organtrans­plan­ta­tio­nen kranken Men­schen das Leben ver­längern oder erhe­blich erle­ichtern kön­nen. Und im Ern­st­fall wer­den unin­formierte Ange­hörige von Hirn­toten dann über­rumpelt, so wie es uns ergan­gen ist. Ich füh­le mich miss­braucht durch eine Medi­zin, die einen neuen Todes­be­griff ein­führt und Men­schen, deren Gehirn unumkehrbar geschädigt ist, vorzeit­ig für tot erk­lärt, indem man sie aufteilt in eine tote Per­son ein­er­seits und einen leben­den Restkör­p­er ander­er­seits.
Die Hirn­tod­di­ag­nose — wie es das 1997 vom Bun­destag ver­ab­schiedete Trans­plan­ta­tion­s­ge­setz besagt — ermöglicht nach der Zus­tim­mung den Zugriff auf den Hirn­toten und die Ver­w­er­tung des “Restkör­pers”. Mein Sohn war kein Restkör­p­er, son­dern ein ster­ben­der Men­sch, der unsere liebevolle Begleitung und Schutz vor Manip­u­la­tio­nen in seinem Ster­be­prozess gebraucht hätte. Ich hätte uns behan­del­nde Ärzte gewün­scht, die offen mit uns über die Kon­se­quen­zen ein­er Orga­nent­nahme gere­det hät­ten. Aber das Trans­plan­ta­tion­s­ge­setz verpflichtet Ärzte dazu, poten­zielle Organspender zu melden.

Inten­sivmedi­zin­er ste­hen dadurch vor dem Dilem­ma, das Wohl des ihnen anver­traut­en ster­ben­den Patien­ten gegen das Wohl von poten­ziellen Organempfängern abwä­gen zu müssen. Ich wün­sche mir viele mutige Ärzte und Pflegekräfte, die sich dem gesellschaftlichen Druck wider­set­zen, Men­schen mit Hirn­ver­sagen unter dem Aspekt der Ver­w­ert­barkeit für andere zu sehen und zu behan­deln.

Das Grun­drecht der Men­schen, ger­ade in der let­zten Leben­szeit unbe­hel­ligt zu bleiben von den Ansprüchen Drit­ter, ist durch das Trans­plan­ta­tion­s­ge­setz außer Kraft geset­zt wor­den.

Mir bleibt das Entset­zen darüber, dass mein Sohn Arnd einen gewalt­samen Tod hat­te. Jet­zt muss ich mit dem Geschehenen leben. Meine Hoff­nung ist, dass ich andere Men­schen dazu anre­gen kann, sich auch die Seite der Spender und ihrer Fam­i­lien anzuse­hen. Dann kön­nen sie im Ern­st­fall hof­fentlich eine Entschei­dung tre­f­fen, mit der sie im Ein­klang sind.

Hirn­tod und Organspende -
Die ver­schwiegen Seite

Ein Film­bericht der
Fernse­hjour­nal­istin Sil­via Matthies
Fam­i­lie Focke berichtet von ihren Erfahrun­gen
rund um die Orga­nent­nahme von Arnd Focke