Gebhard Focke

GEBHARD FOCKE
Bre­men

Sohn Arnd
verunglück­te 1997

geboren 1943

Realschullehrer

ver­heiratet

zwei Kinder

Ich möchte hier den Weg nachze­ich­nen, der mich vom Befür­worter der Organspende zu ihrem Geg­n­er gemacht hat. Bis zum 25. 0ktober 1997 war für mich klar: Wenn ich tot bin, brauche ich meine Organe nicht mehr – Die Organe wer­den nach dem Tode ent­nom­men – Sie kön­nen das Leben ander­er ret­ten. Ich ver­mute, dass sich in dieser Hal­tung die Diskus­sion um das Trans­plan­ta­tion­s­ge­setz wiederfind­et, das ja Ende 1997 in Kraft trat; ich kann mich aber nicht daran erin­nern, dass mich diese Diskus­sion zu der Zeit über­haupt inter­essiert hat.
An diesem 25. Okto­ber beka­men wir am frühen Mor­gen die Nachricht, dass unser Sohn einen Verkehrsun­fall gehabt habe; schon in den ersten Infor­ma­tio­nen kam das Wort Koma vor. Wir waren ger­ade im Urlaub – glück­licher­weise in Deutsch­land — und fuhren nun so schnell wie möglich zu der Klinik, in die unser Sohn ein­geliefert wor­den war. Diese Fahrt werde ich nicht vergessen: Auf der einen Seite stand der Wun­sch, so schnell wie möglich dort hinzukom­men, auf der anderen Seite – je näher wir kamen – die Angst vor dem, was wir erleben müssten.
Unser Sohn war 29 Jahre alt, Dok­torand an der Uni­ver­sität und seit einem Jahr ver­heiratet. Seine Frau – unsere Schwiegertochter – war im zweit­en Monat schwanger. Die bei­den hat­ten schon feste Vorstel­lun­gen für die Zukun­ft: Nach der Pro­mo­tion wollte die Fam­i­lie nach Kana­da gehen; dort wollte unser Sohn weit­er wis­senschaftlich arbeit­en.

In der Klinik sagte uns die zuständi­ge Ärztin – qua­si im Vorüberge­hen – dass unser Sohn ein schw­eres Schädel-Hirn­trau­ma erlit­ten habe und wir mit dem Schlimm­sten rech­nen müssten. Ohne nachzu­denken, sagte ich: „Dann wird ja die Frage nach Organspende auf uns zukom­men“ – das war mir als erstes in der Schock­si­t­u­a­tion und der Furcht vor der schreck­lichen Wahrheit einge­fall­en. Erst später bemerk­te ich, dass ich durch diese Äußerung einen Mech­a­nis­mus in Gang geset­zt hat­te, der von unserem Sohn aus einem Patien­ten einen poten­ziellen Organspender machte und dadurch seine Lei­den ver­längerte.

Unser Sohn lag auf der Inten­sivs­ta­tion mit etwa einem hal­ben Dutzend weit­er­er Schw­er­stkranker in einem großen Raum ohne jede Abtren­nung. Dass hier Besuch nicht gern gese­hen wurde, war von Anfang an klar. Er lag da, mit einem Ver­band um den Kopf – man hat­te seine Schädeldecke geöffnet – son­st aber außer ein­er kleinen Schür­fwunde völ­lig unversehrt. Er wurde durch Mon­i­tore überwacht, bekam Infu­sio­nen und wurde beat­met. Er lag völ­lig regungs­los, hat­te einen entspan­nten Gesicht­saus­druck und war warm, als wir ihn anfassten.

Von jet­zt an waren wir die näch­sten Tage so oft es möglich war, bei unserem Sohn. Immer wieder wur­den wir aus dem Raum geschickt und warteten dann in einem kleinen Durch­gangs- und Abstell­raum auf die Erlaub­nis, wieder bei ihm sitzen und seine Hand hal­ten zu dür­fen. Diese Momente sind unvergesslich, mussten sie doch den endgülti­gen Abschied erset­zen, was uns zu der Zeit aber nicht klar war.

Am zweit­en Tag meinte eine Schwest­er zu uns: „Ich beglück­wün­sche Sie zu Ihrer Entschei­dung, die Organe Ihres Sohnes zu spenden!“ Erstaunt ent­geg­nete ich: „Aber wir haben uns doch noch gar nicht entsch­ieden.“ Bis zu diesem Zeit­punkt hat­ten wir — abge­se­hen von mein­er Bemerkung gegenüber der Ärztin, nicht weit­er über das The­ma gesprochen.

Jet­zt kam es zu einem Gespräch der Fam­i­lie mit den behan­del­nden Ärzten; dabei beka­men wir Infor­ma­tio­nen über den Ablauf der Explan­ta­tion, die sich im Nach­hinein aber als falsch her­ausstell­ten.

In den fol­gen­den zwei Tagen wurde der Zus­tand unseres Sohnes immer kri­tis­ch­er, und wenn ich nicht von der Trans­plan­ta­tion gere­det hätte, wäre er wahrschein­lich einen Tag früher an Lun­gen­ver­sagen gestor­ben. So aber wurde er mit allen Mit­teln am Leben erhal­ten, um die Spende zu real­isieren. Dazu mussten allerd­ings die Bar­bi­tu­ratwerte in seinem Blut so weit sinken, dass der Hirn­tod fest­gestellt wer­den kon­nte.

Als das dann stattge­fun­den hat­te, wur­den wir offiziell von der Trans­plan­ta­tion­sko­or­di­na­torin nach dem mut­maßlichen Willen unseres Sohnes gefragt mit den Worten: „Ihr Ange­höriger war doch sich­er ein sozialer Men­sch?!“ Wir kreuzten auf ein­er Liste die Organe an, die ent­nom­men wer­den kon­nten. Dann ver­ließen wir das Kranken­haus, ohne unseren Sohn noch ein­mal zu sehen.

Im Nach­hinein werfe ich mir vor, dass ich durch meinen Hin­weis auf Organspende von Anfang an den Blick des Kranken­haus­es weg von ihm als Patien­ten hin zur Trans­plan­ta­tion gelenkt habe. Habe ich vielle­icht dafür gesorgt, dass nicht alles für Ihn, son­dern eher für die unbekan­nten Empfänger getan wurde?

Ich werfe mir vor, dass ich seinen natür­lichen Tod einen Tag früher ver­hin­dert habe.

Ich werfe mir vor, dass ich ihn habe ster­ben lassen, während er aufgesägt und aufgeschnit­ten wurde, während er mit kalter Per­fu­sion­slö­sung durch­spült wurde – und das alles ohne Narkose. Kein­er weiß aber genau, was ein soge­nan­nter „Hirn­tot­er“ noch empfind­en kann.

Vielle­icht hätte schon fol­gende Frage aus­gere­icht: „Ihr Sohn liegt im Ster­ben. Sind Sie damit ein­ver­standen, dass er auf dem OP zu Ende stirbt, während ihm die Organe ent­nom­men wer­den?“ Ich hoffe, dass ich dann die Ärzte vom Hof gejagt hätte. Wer möchte sein Kind schon auf solch schreck­liche Weise ster­ben lassen?

Ich werfe mir vor, dass ich tat­säch­lich meinen Sohn für tot hielt, als die Ärzte mir das verkün­de­ten, obwohl er sich durch die Hirn­tod­fest­stel­lung in kein­er Weise verän­dert hat­te.

All diese Ein­sicht­en habe ich erst in den fol­gen­den Jahren gewon­nen, und wenn sich beson­ders meine Frau nicht weit­er inten­siv mit dem The­ma Trans­plan­ta­tion beschäftigt hätte, wäre ich vielle­icht sog­ar in „seliger Unwis­senheit“ geblieben und würde vielle­icht heute noch das glauben, was die Ärzte behaupten, was die DSO propagiert.

So aber füh­le ich mich über den Tisch gezo­gen, meine Unwis­senheit wurde aus­genutzt. Ich habe mir oft über­legt, was ich denn hätte wis­sen müssen, um eine begrün­dete Entschei­dung tre­f­fen zu kön­nen.

Inzwis­chen weiß ich, dass es eine heftige Diskus­sion um den soge­nan­nten Hirn­tod gibt.

Schon 1995 stellt
Prof. Roth aus Bre­men fest:
„Nie­mand wird … beim Aus­fall der Nieren­funk­tion von einem toten Men­schen sprechen, von ein­er Leiche. Dass das Gehirn Empfind­un­gen und Bewusst­sein her­vor­bringt, die Niere aber nicht, ist in diesem Zusam­men­hang aber völ­lig uner­he­blich. Die Gle­ich­set­zung von Hirn­tod und Gesamt­tod des Men­schen ist daher abzulehnen…“ Er sagt weit­er: „Der Hirn­tod ist nicht völ­lig ein­deutig diag­nos­tizier­bar… Dies ist ent­ge­gen viel­er Ver­laut­barun­gen der Fach­welt seit langem bekan­nt.“

Wenn die Trans­plan­ta­tion­s­medi­zin­er behaupten, dass dieser Tod wis­senschaftlich belegt sei, so blenden sie ganz bewusst die Erken­nt­nisse der Hirn­forsch­er aus, die in den let­zten Jahren viel Neues über das Gehirn und seine Funk­tion erfahren haben.

Bestätigt wer­den diese Äußerun­gen von ein­er Vielzahl Wis­senschaftler aus aller Welt. Bei ein­er Tagung der Päp­stlichen Akademie der Wis­senschaften im Feb­ru­ar 2005 im Vatikan zu den „Zeichen des Todes“, noch ein­berufen von Johannes Paul II., war die Kri­tik so heftig, dass kein offizielles Pro­tokoll – wie son­st üblich – veröf­fentlicht wurde; nur über inof­fizielle Kanäle sind diese Stel­lung­nah­men bekan­nt gewor­den. Sind auch Kardinäle inter­essiert an sog. „neuen“ Orga­nen?

Im Jahr 2010 wurde die Diskus­sion, die es schon länger in den USA gibt, so inten­siv, dass auch deutsche Medi­en nicht mehr weghören kon­nten. Die Ziel­rich­tung in den USA: Wie schaf­fen wir es, die Men­schen so weit zu brin­gen, dass sie Organe auch dann abgeben, wenn sie wis­sen, dass es den „Hirn­tod“ nicht gibt? (Über­schrift eines Artikels: „How can we han­dle the truth?“)

Wenn ich gewusst hätte, dass es begrün­dete Zweifel am Hirn­tod­konzept gibt, hätte ich meine Zus­tim­mung zur Orga­nent­nahme nie gegeben – wer möchte seinen hil­flosen Ange­höri­gen denn solch einem ungewis­sen und grausamen Ster­ben aus­liefern?

Ich fordere also Aufk­lärung, die den Namen auch ver­di­ent: Statt der Unter­drück­ung der kri­tis­chen Stim­men, an der sich bei­de christlichen Kirchen kräftig beteili­gen, soll auf die Nüt­zlichkeit der Hirn­tod­de­f­i­n­i­tion für die einen – Medi­zin­er und Empfänger — und auf die Grausamkeit für die anderen – die Spender — hingewiesen wer­den.

Statt von der hun­dert­prozenti­gen Zuver­läs­sigkeit der Hirn­tod­di­ag­nose zu fab­u­lieren, sollte man die Öffentlichkeit darüber informieren, dass Stu­di­en das Gegen­teil bele­gen.

Und die DSO sollte nicht dauernd von Sol­i­dar­ität in der Gesellschaft reden und damit die Aus­beu­tung des
einen zu Gun­sten eines anderen meinen.

Statt den schwammi­gen Begriff der Näch­sten­liebe zu ver­wen­den, soll­ten ger­ade die Kirchen ein Inter­esse daran haben, ihre ster­ben­den Mit­glieder nicht schut­z­los der Medi­zin auszuliefern, son­dern ihnen einen Über­gang in Würde und Ruhe zu ermöglichen.

Zusam­men mit der Phar­main­dus­trie, die an den Trans­plantierten, die ja Dauer­pa­tien­ten sind, viel Geld ver­di­ent, ist hier ein Kartell ent­standen, das Infor­ma­tio­nen nur dann fördert, wenn sie Wer­bung für Organspende darstellen, son­st tut man alles, um die Öffentlichkeit nur in ein­er Rich­tung zu bee­in­flussen. Vor kurzem hat der Bun­destag in einem Gesetz beschlossen, dass Gewebe und Kör­perteile wie Arzneimit­tel behan­delt wer­den. Damit wirft das Explantieren von Men­schen noch mehr Gewinn ab.

In dem Zusam­men­hang stellen sich für mich einige Fra­gen:

Woran ist die Trans­plan­ta­tion­s­medi­zin eigentlich in erster Lin­ie inter­essiert? Will sie kranken Men­schen
helfen? Dann müssten andere Ther­a­piefor­men entwick­elt und weit­er­en­twick­elt wer­den, um den Kranken nicht verge­bliche Hoff­nung zu machen.

Warum gibt es keine all­ge­mein zugängliche Sta­tis­tik der Erfolge oder Mis­ser­folge der Trans­plan­ta­tio­nen?
Sind die Empfänger von Orga­nen tat­säch­lich so gesund und fit, wie die Wer­bung uns weis­machen will?
Man hört und sieht immer nur die Vorzeigepa­tien­ten, denen es anscheinend gut geht.

Welche Rolle spielt die Phar­main­dus­trie, auf deren Pro­duk­te ein Trans­plantiert­er sein ganzes weit­eres Leben angewiesen ist, weil der Kör­p­er das fremde Organ abstoßen will?
Der Ver­wal­tungsleit­er eines Kranken­haus­es erzählte uns, dass es nur zwei Bere­iche gibt, in denen die Kosten nicht „gedeck­elt“ sind: Bei den Blutern und bei der Trans­plan­ta­tion­s­medi­zin. Er bedauerte, dass man mit dem vie­len Geld nicht z.B. eher die Volk­skrankheit Dia­betes bekämpfte. Sind diese Zusam­m­men­hänge unwichtig?

Ich möchte mit eini­gen Fest­stel­lun­gen schließen:

1. Aus dem Gesagten geht für mich her­vor, dass die Weg­gabe von Orga­nen nicht erwartet oder sog­ar einge­fordert wer­den kann, son­dern dass das ein Opfer ist, für das man sich nach Ken­nt­nis aller Prob­leme nur per­sön­lich entschei­den kann.

2. Ich empfinde es als infam, dass es immer wieder zur Kon­fronta­tion zwis­chen Trans­plantierten und uns Ange­höri­gen von Organspendern kommt. Wir sind bei­de durch die Medi­zin miteinan­der ver­bun­den wor­den, sozusagen zwei Seit­en der einen Medaille, die sich die Medi­zin­er an ihre Brust heften kön­nen: Es kann für die einen kein Weit­er­leben ohne das Opfer der anderen geben. Das muss man sagen kön­nen, ohne als „Mörder“ beschimpft zu wer­den. Diesen Zusam­men­hang zu ver­schleiern werfe ich dem Sys­tem vor.

3. Das Heilsver­sprechen der Medi­zin, uns das Leben zu erhal­ten, ist bis­lang noch nicht ein­gelöst wor­den – ich sage glück­licher­weise. Wir müssen wieder ler­nen, mit dem eige­nen Tod zu leben, er ereilt uns alle. Hil­fe dabei gibt es in der Hos­pizbe­we­gung, die da ein­set­zt, wo die Medi­zin am Ende ist.

Hirn­tod und Organspende -
Die ver­schwiegen Seite

Ein Film­bericht der
Fernse­hjour­nal­istin Sil­via Matthies

Fam­i­lie Focke berichtet von ihren Erfahrun­gen rund um die Orga­nent­nahme von Arnd Focke