JÜRGEN MEYER
Bad Boden­dorf

Sohn Lorenz
ver­un­glück­te 1991

gebo­ren 1943

gestor­ben 2009

Rich­ter

4 Kin­der

Mir fällt es nicht leicht, über die Organ­ent­nah­me bei unse­rem Sohn Lorenz zu berich­ten. Das ist ein trau­ma­ti­sches Gesche­hen.

Über das Kind, den Unfall, den Tod und die Zeit danach kann ich gut spre­chen. Das half mir sogar sehr in der Trau­er. Ganz anders ver­hält es sich mit der Organ­ent­nah­me. Die hat­te ich ver­drängt, dar­über hat­te ich Jah­re nicht gere­det – noch nicht ein­mal mit mei­ner Frau. Ich hat­te mich geschämt und ich schä­me mich noch heu­te, dass ich mich habe mani­pu­lie­ren und beim Ster­ben des Kin­des weg­schi­cken las­sen, statt es zu beglei­ten bis zuletzt.

Eini­ge sagen, so etwas kom­me heu­te in ihren Kran­ken­häu­sern nicht mehr vor. Aber das stimmt nicht. Die Metho­den der Beein­flus­sung sind nur ver­fei­nert und opti­miert wor­den – zur Gewin­nung von mehr Orga­nen. Die Aus­gangs­si­tua­ti­on ist gleich geblie­ben und sie wird sich nicht ändern, weil die Organ­trans­plan­ta­ti­on auf Kos­ten der lie­be­vol­len Beglei­tung im Ster­ben geht. Auch die Schock­si­tua­ti­on, in der sich die Ange­hö­ri­gen befin­den, läßt sich nicht weg­zau­bern. Sie wird, wie wir von Berich­ten über Esche­de oder Kaprun wis­sen, ohne­hin nur bei Kata­stro­phen mit vie­len Toten genü­gend berück­sich­tigt. Dass für alle Eltern, die plötz­lich ein Kind ver­lie­ren, eine kei­nes­falls gerin­ge­re Kata­stro­phe ein­ge­tre­ten ist, wird meist ver­ges­sen.

Wir waren nach dem Unfall im Schock und nicht in der Lage, eine eige­ne Ent­schei­dung zu tref­fen. Wir hät­ten damals alles getan, wozu wir auf­ge­for­dert wor­den wären. So geht es lei­der den meis­ten Betrof­fe­nen. In die­ser Aus­nah­me­si­tua­ti­on, in der man das Gesche­hen noch lan­ge nicht begreift und in der der Ver­letz­te leben­dig vor einem liegt, mit Organ­trans­plan­ta­ti­on über­rascht zu wer­den, emp­fin­de ich als Mani­pu­la­ti­on und Grau­sam­keit.

Ich woll­te doch bei dem Kind sit­zen, ihm die Hand hal­ten, auf sei­nem letz­ten Weg bei ihm sein.

Statt­des­sen die Fra­ge, ob wir Orga­ne spen­den woll­ten, die Auf­zäh­lung aller benö­tig­ten Orga­ne, kei­ne Infor­ma­ti­on zum schreck­li­chen Ablauf der Organ­ent­nah­me bei fort­dau­ern­der Beatmung.
Statt­des­sen habe ich mir über die vor­ge­leg­ten Fra­gen den Kopf zer­bro­chen, bin her­um­ge­rannt, habe tele­fo­niert – war unfä­hig, kla­re Gedan­ken zu fas­sen.

Ich habe dann die Quä­le­rei mit der Zustim­mung in die Nie­ren­ent­nah­me been­det, weil ich end­lich in
Ruhe gelas­sen wer­den woll­te, weil ich ganz für unser Kind da sein woll­te.

Nach der Miss­ach­tung der Zusa­gen, das Kind auf der Sta­ti­on auf­zu­bah­ren, und dem Anblick des ent­stell­ten Kin­des kamen Zwei­fel auf, ob wirk­lich nur die Nie­ren ent­nom­men wor­den sind. Die­se Zwei­fel habe ich sofort wie­der ver­drängt. Erst viel spä­ter ver­lang­ten wir die Unter­la­gen vom Kran­ken­haus. Die gab es angeb­lich nicht.

Die Ant­wort nach jah­re­lan­gem Schrift­wech­sel lau­te­te:
Weil die Ent­nah­me kei­nen Pati­en­ten mehr betrof­fen habe, son­dern einen Toten, sei sie nicht in der Kran­ken­ak­te doku­men­tiert. Ande­re Doku­men­te waren wider­sprüch­lich und unvoll­stän­dig.

Im Hirn­tod­kon­zept steckt eine unzu­läs­si­ge Über­be­wer­tung des Gehirns. Die Auf­spal­tung des mensch­li­chen Orga­nis­mus in einen dienst­ba­ren Kör­per und ein über­ge­ord­ne­tes, steu­ern­des, die mensch­li­che Per­son ver­kör­pern­des Gehirn ist medi­zi­nisch-bio­lo­gisch falsch.“
Prof. Sta­pen­horst, Herz-Chir­urg

Trotz­dem zeig­ten die lücken­haf­ten Unter­la­gen, dass selbst die Ärz­te nicht an den “Hirn­tod” als Tod des
Men­schen glaub­ten.

Es erge­ben sich für Lorenz allei­ne vier Todes­zeit­punk­te:

Diens­tag­mit­tag:
Zeit­punkt der Todes­mit­tei­lung an die Mut­ter und die Fra­ge nach den Orga­nen

Mitt­woch 8.00 Uhr:
Zeit­punkt der Fest­stel­lung des soge­nann­ten Hirn­to­des

Mitt­woch 12.00 Uhr:
Todes­zeit­punkt auf dem Nie­ren­pro­to­koll beim Trans­plan­ta­ti­ons­zen­trum

Mitt­woch 13.50 Uhr:
Zeit­punkt der Her­bei­füh­rung des Herz­still­stan­des und des Abstel­lens der Beatmung

Der Mensch ist die kom­ple­men­tä­re Ganz­heit aus Leib und See­le samt allen Glie­dern und Orga­nen. Er ist Indi­vi­du­um und kein Divi­du­um. Die­se Ein­heit kann zwar ver­letzt wer­den, ist aber auch ver­letzt noch Ein­heit.“
Prof. Jörns, Theo­lo­ge

Wie wenig an den “Hirn­tod” als Tod des Men­schen geglaubt wird, zeigt auch der Umgang mit Nar­ko­se- und Schmerz­mit­teln. Eini­ge Ärz­te geben bei­des, ande­re nur eins davon oder über­haupt nichts.

Selbst der Umgang mit Ange­hö­ri­gen von “Hirn­to­ten” ist unter­schied­lich, je nach­dem, ob brauch­ba­re Orga­ne vor­han­den sind oder nicht. Bei einem Kind, des­sen Orga­ne durch eine Infek­ti­on unbrauch­bar waren, wur­de den Eltern gesagt: “Blei­ben Sie bei Ihrem Kind, es lebt noch, es ver­steht Sie irgend­wie, beglei­ten Sie es bis zuletzt, das hilft spä­ter.”
Im sel­ben Kran­ken­haus wur­de bei einem ande­ren Kind mit brauch­ba­ren (trans­plan­ta­blen) Orga­nen
gesagt: “Das Kind ist tot, da sind kei­ne Emp­fin­dun­gen und Wahr­neh­mun­gen mehr. Das ein­zi­ge, was
Sie noch tun kön­nen, ist zu ent­schei­den, ob Sie einem ande­ren mit einer Organ­spen­de hel­fen wol­len
oder nicht. Sie kön­nen ruhig nach Hau­se gehen, obwohl der Leib noch leben­dig ist.” – Wie bei uns!

Ich jeden­falls wür­de nach all den schmerz­li­chen Erfah­run­gen nie mehr ein Kind im Ster­ben ver­las­sen.

Mer­ken

Nachtrag 2013

Die Organ­ent­nah­me bei Lorenz Mey­er hat ein juris­ti­sches Nach­spiel.
Lesen sie hier­zu die Schil­de­run­gen von Gise­la Mei­er zu Biesen. (Anmer­kung der Redak­ti­on.)

Hirn­tod — Tod bei leben­di­gem Leib
Ein Film­be­richt der
Fern­seh­jour­na­lis­tin Sil­via Mat­t­hies
Fami­lie Mey­er berich­tet von ihren Erfah­run­gen
rund um die Organ­ent­nah­me von Lorenz Mey­er

Inter­view mit Gise­la Mei­er zu Biesen
“Mein Sohn war kein Spen­der, er hat­te kei­nen Aus­weis, son­dern er ist zum Spen­der gemacht wor­den.” Das ist bei neun von zehn Organ­ent­nah­men so.

Inter­view mit Chir­urg Jobst Mey­er
Er geht ein auf den Befund des Neu­ro­lo­gen der betont, dass kei­nes­wegs ein Null-Lini­en-EEG vor­lag. Die­ser Befund hät­te eine Organ­ent­nah­me ver­bo­ten. Statt­des­sen wur­de sie noch am sel­ben Tag durch­ge­führt.