GISELA MEIER ZU BIESEN
Bad Boden­dorf

Sohn Lorenz
ver­un­glück­te 1991

gebo­ren 1940

Leh­re­rin für
Kran­ken­pfle­ge
und bis 2005
Aus­bil­dungs-
beauf­trag­te
im Hos­piz­ver­ein
Rhein-Ahr

ver­wit­wet

4 Kin­der

Der Phi­lo­soph Hans Jonas, der die Anfän­ge der Organ­trans­plan­ta­ti­on in den USA erlebt hat, bezeich­ne­te die­se neue Medi­zin spä­ter als Vivi­sek­ti­on und lehn­te sie als inhu­man ab. Nach­dem er ver­geb­lich gegen die Gleich­set­zung von „Hirn­tod“ mit dem Tod des Men­schen gekämpft hat­te, sag­te er, dass wohl nur die Zeug­nis­se von Betrof­fe­nen, spe­zi­ell von Müt­tern, ein Umden­ken bewir­ken könn­ten.

Das habe ich nicht gewusst! Organ­spen­de, dach­te ich, muss etwas Gutes sein, wenn es kran­ken Men­schen hilft am Leben zu blei­ben. Und natür­lich ist der Mensch tot, dem die Orga­ne ent­nom­men wer­den. Im Aus­weis heißt es doch “nach mei­nem Tod”. So habe ich das auch geglaubt. Ich hät­te nie für mög­lich gehal­ten, dass Ärz­te nicht davor zurück­schre­cken, einen ster­ben­den Men­schen mit allen Mit­teln ärzt­li­cher Kunst am Leben zu hal­ten, nur damit sie sei­ne leben­den Orga­ne bekom­men. Aus dem schreck­li­chen Gesche­hen um das Ster­ben mei­nes Soh­nes kann ich jedoch bezeu­gen, dass es sich bei einem so genann­ten Hirn­to­ten um einen noch leben­den Men­schen han­delt.

Was war bei uns geschehen?

Unser Sohn Lorenz ver­un­glück­te im Urlaub. Er war ein fast 16 jäh­ri­ger Jun­ge, so groß gewor­den, wit­zig, vol­ler Lebens­kraft und Lebens­freu­de. Wir mach­ten gemein­sam mit unse­ren vier Kin­dern und Kin­dern aus der Ver­wandt­schaft Ski­ur­laub. Es war an einem wun­der­schö­nen son­ni­gen Tag, als Lorenz am Ende einer Pis­te unglück­lich stürz­te und mit dem Hin­ter­kopf auf einen Stein auf­schlug. Er hat­te sich eine schwe­re Kopf­ver­let­zung zuge­zo­gen. Vol­ler Ban­gen fuh­ren wir ins Kran­ken­haus und waren sehr erleich­tert, als wir ihn wie­der sahen und in sein völ­lig unver­letzt aus­se­hen­des Gesicht schau­ten. Es wies kei­ne Schram­me, kei­ne Blut­spur, noch nicht ein­mal einen Blut­erguss auf. Das ein­zig Bedroh­li­che war die künst­li­che Beatmung.

So begrif­fen wir auch nicht die Aus­sichts­lo­sig­keit der Situa­ti­on, als ein jün­ge­rer Arzt uns kurz − im Ste­hen − den wah­ren Zustand mit­teil­te. Ich wach­te am Bett mei­nes Soh­nes, hielt sei­ne gro­ße Hand und konn­te nur das Eine den­ken: Er wür­de die Augen wie­der auf­ma­chen.

Dafür bete­te ich inbrüns­tig. Am nächs­ten Mit­tag — es waren 18 Std. nach sei­ner Ein­lie­fe­rung ver­gan­gen und kein Arzt hat­te sich seit­dem mehr sehen las­sen, um mit uns ein Gespräch zu füh­ren — erschien der Chef­arzt der Inten­siv­sta­ti­on mit einem Kol­le­gen im Kran­ken­zim­mer. Ich muss­te drau­ßen vor der Tür war­ten. Als er wie­der her­aus­kam, zöger­te er zunächst, kam auf mich zu und frag­te, ob ich die Mut­ter sei. Er sag­te dann qua­si im Vor­bei­ge­hen und zu einem Zeit­punkt, als der “Hirn­tod” über­haupt noch nicht fest­ge­stellt war, er müs­se mir bedau­er­li­cher­wei­se mit­tei­len, dass mein Kind tot sei. Dabei benutz­te er nicht das Wort Hirn­tod. Die Appa­ra­te müss­ten am nächs­ten Mor­gen abge­stellt wer­den. Bis dahin soll­ten wir bit­te über­le­gen, ob wir Orga­ne spen­den könn­ten. Gebraucht wür­den Herz, Leber, Nie­ren, Augen. Er zähl­te noch wei­te­re Orga­ne auf. Damit ließ er mich ste­hen und ver­schwand. Das Gan­ze fand auf dem Flur im Ste­hen statt, als mein Mann gera­de abwe­send war. Das Gespräch dau­er­te höchs­tens zwei Minu­ten.

Mich über­kam für einen Moment ein gro­ßes Zit­tern, ich such­te Halt, dann war alles wie aus­ge­löscht. Unser Kind war trotz die­ser Todes­mit­tei­lung völ­lig unver­än­dert. Es wur­de wei­ter behan­delt, gebet­tet, es bekam Medi­ka­men­te, sei­ne vol­le Urin­fla­sche wur­de gewech­selt. Ich dach­te natür­lich, alles gesche­he zu sei­ner Hei­lung. Auf sie hoff­te ich nach wie vor fest. Erst spä­ter erfuhr ich, dass zu die­sem Zeit­punkt  schon die so genann­te Spen­der­kon­di­tio­nie­rung begon­nen hat­te, das hieß, die Behand­lung mit all den Stra­pa­zen für einen schwer kran­ken Men­schen war nicht mehr zu sei­nem Nut­zen, son­dern zu dem eines unbe­kann­ten Organ­emp­fän­gers.

Unser Kind war in den Augen der Ärz­te nicht mehr der Mensch Lorenz. Ihr Blick und ihr Han­deln hat­ten  ihm bereits sei­ne Men­schen­wür­de genom­men und ihn  zum Mate­ri­al zur Wei­ter­ver­ar­bei­tung gemacht.  In sei­nen Unter­la­gen, an die wir nur mit Hil­fe eines Rechts­an­wal­tes kamen, liest sich das so:

Die Eltern sahen dann den Kör­per des ver­stor­be­nen Pati­en­ten, der aber wei­ter­hin künst­lich beatmet wur­de bei spon­ta­ner Herz­fre­quenz”(…). “Es scheint, dass die Eltern nicht ver­stan­den, dass, als sie ihren Sohn gese­hen haben, die­ser bereits tot war”.

Wir also waren die Dum­men! Doch wir nah­men wahr, was wahr war, näm­lich unser leben­des Kind. Es war durch­blu­tet, es bekam einen Haut­aus­schlag, der spä­ter wie­der ver­schwand, sein Bein beweg­te sich auf Berüh­rung hin. Wie gro­tesk! Ich glaub­te kei­nen Moment an sei­nen Tod, hoff­te wei­ter­hin und hielt sei­ne war­me Hand!

Nach einer wei­te­ren durch­wach­ten Nacht wur­den wir erneut mit der Fra­ge nach den Orga­nen gequält. Wir fühl­ten uns völ­lig hilf­los und aus­ge­lie­fert. Man setz­te uns eine Frist von einer hal­ben Stun­de, in der wir uns ent­schei­den soll­ten. Statt am Bett zu sit­zen, gaben wir dem Druck nach, lie­ßen unser Kind allein und zer­bra­chen uns den Kopf über das, was wir tun soll­ten. Aber im Grun­de konn­ten wir kei­nen kla­ren Gedan­ken fas­sen. Was soll­te das alles, das war doch ein böser Spuk und unser Kind wür­de bestimmt wie­der gesund, dach­te ich. Nach der ver­ord­ne­ten Zeit kam der Arzt zurück, frag­te, ob wir uns ent­schie­den hät­ten, und zähl­te erneut die Orga­ne auf, die gebraucht wür­den. Er for­der­te uns mit Nach­druck auf, uns zu ent­schei­den.

Zusätz­li­cher Druck kam durch den inzwi­schen erschie­ne­nen Kran­ken­haus­seel­sor­ger auf. Er hielt sich zwar sonst zurück, gab aber unmiss­ver­ständ­lich zu ver­ste­hen, dass aus  die­ser Situa­ti­on her­aus ein ande­rer Mensch geret­tet wer­den kön­ne. Ihm ging es nicht um die Für­sor­ge für uns und nicht um die Fra­ge: “Was brau­chen die­se Eltern und ihr ster­ben­des Kind jetzt?” Er nahm unse­re Not gar nicht wahr und sei­nem eigent­li­chen seel­sor­ger­li­chen Auf­trag, unser Kind und uns zu beglei­ten, kam er nicht nach. Er dien­te den Ärz­ten und unbe­kann­ten Drit­ten statt uns, sei­nen Nächs­ten.

Wenn ich an die­se Situa­tio­nen den­ke, bin ich noch heu­te empört. Damals befand ich mich nach zwei durch­wach­ten Näch­ten in einem uner­träg­li­chen Zustand. Ich fühl­te mich schul­dig, weil mein Kind  ster­ben soll­te. Mein gan­zes Selbst­wert­ge­fühl war zusam­men­ge­bro­chen. Was hat­te ich getan, dass so ein Unglück über mich kam? Ich wuss­te nicht aus noch ein. Wie in einem Schraub­stock, der sich immer enger um mich zog und mir die Luft weg­nahm, emp­fand ich mich. Und wenn ich nicht ein­wil­li­gen wür­de, wäre ich auch noch schul­dig am Tod eines ande­ren. Ich woll­te ja auch nicht, dass noch jemand in so eine elen­de Lage käme.

Erst spä­ter wur­de mir klar, was hier so sub­til abge­lau­fen war. Wegen mei­ner eige­nen Schuld­ge­füh­le hat­te ich Angst, noch mehr Schuld auf mich zu laden, wenn ich nicht ein­wil­li­gen wür­de. Es stand dazu im Raum, dass man doch mit so einer schlim­men Situa­ti­on noch etwas Gutes tun kön­ne, dass eine Ein­wil­li­gung in die Organ­ent­nah­me die­se uner­träg­li­che Situa­ti­on “sinn­voll” been­den wür­de, und dass einem der Anblick des ster­ben­den, bewusst­lo­sen Kin­des wei­ter­hin erspart blei­be. So wür­de dem Tod ein Schnipp­chen geschla­gen. Das Kind leb­te ja in ande­ren wei­ter, das sei doch Trost, und du und dein Kind — ihr seid Hel­den! Dies alles sug­ge­riert die Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zin und raubt unter dem Deck­man­tel der Nächs­ten­lie­be dem Ster­ben­den und den Ange­hö­ri­gen die Beglei­tung und den letz­ten, kost­ba­ren Abschied.

Wir ran­gen uns end­lich zur Frei­ga­be der Nie­ren durch. Aber selbst danach wur­den wir wei­ter bedrängt. Mehr­fach kam zuletzt die Fra­ge, wenigs­tens die Augen noch frei­zu­ge­ben, bis mein Mann schrie: “Nein,nein!”

Beschrei­bung
einer Nie­ren­ent­nah­me

von einer Kran­ken­schwes­ter:

Der „rich­ti­ge Tod“ des hirn­to­ten Pati­en­ten (!) kann auf ver­schie­de­ne Wei­se erfol­gen, denn die Todes­art ist von den frei­ge­ge­be­nen Orga­nen und in der Rei­hen­fol­ge ihrer Explan­ta­ti­on fest­ge­legt:

Wenn das Herz ent­nom­men wird, dann ist man am schnells­ten tot“, so die Kran­ken­schwes­ter.
„Also so rich­tig tot. Das geht ruck­zuck, in einem Moment ist er noch rosig, im nächs­ten liegt er da wie eine rich­ti­ge Lei­che. Bei einer Nie­ren­ent­nah­me dau­ert es viel län­ger.“

Das Herzster­ben eines „hirn­to­ten“ Pati­en­ten nach einer Nie­ren­ent­nah­me emp­fin­det die Kran­ken­schwes­ter als beson­ders uner­träg­lich. Der Spen­der blu­tet bis zum letz­ten Herz­schlag aus, wobei sich die ver­lang­sam­te Rhyth­mik auf dem Moni­tor abbil­det und akus­tisch hör­bar ist: „Der Pati­ent liegt auf dem Tisch, er ist noch rosig, er atmet noch, das Herz schlägt, und plötz­lich wird er lang­sam blaß, weil er aus­blu­tet. Und das dau­ert und dau­ert und dau­ert, das Herz schlägt immer noch und hört nicht auf. Man muß ja den Moni­tor dran­las­sen. Eigent­lich sind die Ope­ra­teu­re fast fer­tig und gehen weg, und wenn die Spen­der jun­ge Leu­te sind, arbei­tet das Herz womög­lich noch.“

Herz­lo­ser Tod — Das Dilem­ma der Organ­spen­de
von Ulri­ke Bau­reit­hel & Anna Berg­mann,
S. 174

Wir sind völ­lig unin­for­miert in unse­rem schwächs­ten Moment in eine Ein­wil­li­gung mani­pu­liert wor­den, deren Fol­gen wir gar nicht abse­hen konn­ten. Bei unse­rer Ent­schei­dung waren wir der Mei­nung, die Nie­ren wür­den nach dem Abstel­len der Appa­ra­te ent­nom­men. Wir erfuh­ren dann, dass das nicht gin­ge, waren aber auch nicht in der Lage zu fra­gen, was es denn kon­kret hei­ße, die Nie­ren zu ent­neh­men.

Wir bestan­den ledig­lich dar­auf, nach der Ent­nah­me wie­der­zu­kom­men, um noch ein­mal bei unse­rem Kind zu sein. Es war ganz und gar unbe­greif­lich. Irgend­wie habe ich nur funk­tio­niert und nach wie vor alles für einen Alb­traum gehal­ten. Um uns zu beru­hi­gen und zu ver­hin­dern, dass wir unse­re Ent­schei­dung wider­ru­fen wür­den, erhiel­ten wir die Zusi­che­rung, unser Kind wür­de auf der Sta­ti­on auf­ge­bahrt und wir hät­ten genug Zeit zum Abschied­neh­men.

Es hat mich lan­ge gequält, an die­ser Stel­le ver­sagt und nicht Par­tei für mein ster­ben­des Kind ergrif­fen zu haben. Dass ich mir das alles habe bie­ten las­sen und die Ärz­te nicht ein­fach aus dem Kran­ken­zim­mer hin­aus­ge­jagt habe, lag dar­an, dass ich mich im Schock­zu­stand befand, hand­lungs­un­fä­hig und sel­ber schutz­be­dürf­tig war.

Als wir Stun­den spä­ter ins Kran­ken­haus zurück­ka­men, hat­te ich das Gefühl, jetzt sehe ich Lorenz wie­der und der Alp­traum ist vor­bei. Doch es folg­te ein wei­te­rer Schock. Unser Kind war nicht mehr da. Die dienst­ha­ben­de Schwes­ter wuss­te nichts von uns und dem Ver­spre­chen, Lorenz auf der Sta­ti­on auf­zu­bah­ren. Wir waren betro­gen wor­den. Für die Ärz­te waren wir, nach­dem sie die Ein­wil­li­gung hat­ten, unin­ter­es­sant. Das zeigt, ihnen war unser Schick­sal gleich­gül­tig, es war ihnen nur um die Orga­ne gegan­gen.

Wie ange­wur­zelt und erstarrt blie­ben wir ste­hen. Als die Kran­ken­schwes­ter merk­te, sie wür­de uns nicht mehr los, bat sie uns in einen klei­nen Auf­ent­halts­raum. Nach­dem wir dort ein­ein­halb Stun­den gewar­tet hat­ten — war­um? — beglei­te­te sie uns in den Lei­chen­kel­ler. Dort öff­ne­te sie eine der Türen und for­der­te uns auf hin­ein­zu­ge­hen und uns zu beei­len, ande­ren­falls müs­se sie uns hier unten allein­las­sen. Beim Anblick mei­nes Soh­nes glaub­te ich zunächst an einen Irr­tum. Ich erkann­te ihn nicht, weil sein zuvor unver­letz­tes Gesicht so ent­stellt war. Bis dahin hat­te ich schon als Kran­ken­schwes­ter und in der eige­nen Fami­lie Ster­ben­de beglei­tet und in das Gesicht von Ver­stor­be­nen geschaut. Ich hat­te kei­ne Berüh­rungs­ängs­te und kann­te den fried­li­chen und ent­spann­ten Gesichts­aus­druck, der sich oft bei Ver­stor­be­nen ein­stellt.

Das Gesicht mei­nes Kin­des war hin­ge­gen ganz klein gewor­den, die Lip­pen, sei­ne schö­nen vol­len Lip­pen,  waren zusam­men­ge­presst, der Gesichts­aus­druck sah nach Schmer­zen aus. Sei­ne Haa­re waren nass, die Augen mit Mull­la­gen bedeckt und kreuz­wei­se ver­klebt. Hat­ten sie ihm doch die Augen her­aus­ge­nom­men? Ich woll­te nach­se­hen, was sie mit unse­rem Kind gemacht hat­ten. Dar­an hin­der­te mich mein in Panik gera­te­ner Mann, der Angst hat­te vor dem, was da offen­bar wür­de. Wir lie­fen stumm und ohne Abschied von unse­rem Kind davon, vol­ler Schre­cken und unfä­hig, uns ein­an­der mit­zu­tei­len.

Ent­ge­gen den Behaup­tun­gen der Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zi­ner bin ich über­zeugt, dass mein Kind bei der Organ­ent­nah­me Schmer­zen erlit­ten hat. In sei­nem Ster­ben war ihm noch Schlim­mes wider­fah­ren. Was mich so empört, ist die Grau­sam­keit: Obwohl man weiß, dass Ster­ben ein sen­si­bler Pro­zess ist, obwohl man, wenn es nicht um Organ­spen­de geht, alles tut, um mit Men­schen in die­ser Situa­ti­on behut­sam und ein­fühl­sam umzu­ge­hen, obwohl man ihre Schmer­zen lin­dert und ihnen die Zusi­che­rung gibt, sie nicht allein zu las­sen, auch wenn sie nicht mehr ansprech­bar sind, wird bei der Organ­ent­nah­me ein ster­ben­der, wehr­lo­ser Mensch mit Unter­su­chun­gen gequält, auf die Tra­ge gelegt, in den Ope­ra­ti­ons­saal gefah­ren. In man­chen Fäl­len wird er sogar in ein ande­res Kran­ken­haus trans­por­tiert. Er wird unter Auf­recht­erhal­tung der Beatmung, der Herz- und Kreis­lauf­tä­tig­keit einem bar­ba­ri­schen Akt aus­ge­lie­fert.

Aus dem Men­schen Lorenz Mey­er wur­de die Num­mer LS 005–91.

Und man nimmt ihm auch noch sei­nen Namen und macht ihn zur Num­mer.

Zu sei­nem Ende heißt es lapi­dar: „Ein­stel­lung der Herz­tä­tig­keit durch kal­te Per­fu­si­on und der künst­li­chen Beatmung.“

In einer Mit­tei­lung an uns heißt es dazu:

Beim Hirn­tod bie­ten sich dem Neu­ro­lo­gen zwei Mög­lich­kei­ten:

1. Die klas­si­sche Lösung:
die künst­li­che Hil­fe wird unter­bro­chen, womit der Tod ( des bereits Toten? ) rasch ein­tritt.

2. Die huma­ni­tä­re Lösung:
Der Fami­lie wird die Organ­spen­de vor­ge­schla­gen.

Das also soll­te human sein, was mit Lorenz und uns gesche­hen war!

Durch die Organ­ent­nah­me habe ich mei­nem Sohn in den letz­ten Stun­den sei­nes Lebens nicht zur Sei­te ste­hen kön­nen. Wel­che Mut­ter wür­de ihr Kind im Krank­heits­fall ver­las­sen? Ich muss damit leben, dass ich es im Ster­ben im Stich gelas­sen habe. Lorenz selbst konn­te nicht mehr rufen: „Bleib bei mir!“ Mei­nem Bru­der, der zwei Jah­re zuvor gestor­ben war, konn­te ich die­sen Wunsch erfül­len. Er sprach ihn noch aus und ich ver­sprach es ihm. Bei sei­nem Ster­ben konn­te ich erfah­ren, wie viel Trost von einer wür­de­vol­len Beglei­tung aus­geht und wie sehr es in der Trau­er hilft, einem Men­schen die letz­ten Lie­bes­diens­te erwie­sen zu haben. Auch geht am Ende oft eine Ahnung davon aus, dass das Leben mit die­sem Leben nicht been­det ist. Das alles hat in der Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zin kei­nen Stel­len­wert. Ähn­lich ver­hält es sich bei den christ­li­chen Kir­chen. In ihren Gesang­bü­chern fin­de ich Tex­te für die Beglei­tung Ster­ben­der bis zuletzt. Eben­so höre ich Kir­chen­ver­tre­ter in öffent­li­chen Reden dafür ein­tre­ten, den Weg eines Ster­ben­den mit­zu­ge­hen bis zuletzt. Wie­so las­sen sie bei Organ­trans­plan­ta­ti­on zu, dass der Mensch in sei­nem schwächs­ten Moment so ent­wer­tet und ent­wür­digt wird?

Prof. Dr. H.U. Gall­was
(Staats­recht­ler in Mün­chen)
schrieb nach Ver­ab­schie­dung
des Trans­plan­ta­ti­ons­ge­set­zes
vom Juni 1997:

Es ist uns letzt­lich nicht gelun­gen, mehr Sym­pa­thie für ein recht­lich beschütz­tes Ster­ben als für Trans­plan­ta­ti­ons­in­ter­es­sen zu wecken, so hat die Befrie­di­gung des Bedarfs Vor­rang vor der Wür­de des Ster­ben­den erlangt. Wir müs­sen min­des­tens auf Zeit damit leben, dass wir uns nur im Ein­zel­fall durch einen Wider­spruch gegen die­se moder­ne Form des Kani­ba­lis­mus weh­ren kön­nen.“

(22.10.1997)

Wir wis­sen alle, dass es ein mensch­li­ches Urbe­dürf­nis ist, im Ster­ben nicht ver­las­sen zu wer­den und Abschied neh­men zu kön­nen. Schon bei einer Rei­se ist das Abschied­neh­men wich­tig! Hier ging es um den letz­ten, den end­gül­ti­gen Abschied. Er wur­de mir genom­men und ich habe ihn mir neh­men las­sen. Das hat die Trau­er unend­lich ver­schlim­mert und ist quä­lend bis zum heu­ti­gen Tag.

Kein Leid eines Drit­ten recht­fer­tigt einen so wür­de­lo­sen Umgang mit Men­schen in ihrem schwächs­ten Moment. Kein Leid eines Drit­ten recht­fer­tigt, dass bei Ster­ben­den und ihren Ange­hö­ri­gen das Leid ver­grö­ßert wird. Kein Leid eines Drit­ten recht­fer­tigt, dass letz­te Lie­bes­diens­te und Abschied­neh­men kei­nen Wert haben, ein­fach geraubt wer­den kön­nen. Ich hät­te mein ster­ben­des Kind unbe­dingt bis zuletzt beglei­ten und es nach sei­nem Tod unbe­dingt ein letz­tes Mal in die Arme neh­men müs­sen.

Mein Trost ist, dass die Hos­piz-Bewe­gung welt­weit wächst und damit das Bewusst­sein und der Schutz für ster­ben­de Men­schen. Mei­ne Hoff­nung ist, dass Ärz­te die Organ­trans­plan­ta­ti­on als Irr­weg erken­nen und ihren Sach­ver­stand in ande­re Hei­lungs­we­ge inves­tie­ren.
Mei­ne Ver­ant­wor­tung ist, mei­ne Erfah­run­gen wei­ter­zu­ge­ben und alles zu tun, dass die Öffent­lich­keit über das, was Organ­spen­de wirk­lich heißt, auf­ge­klärt wird.

Nachtrag 2013

Da man damals scham­los unse­re Schock­si­tua­ti­on aus­ge­nutzt hat­te, woll­ten wir die betref­fen­den Ärz­te zur Ver­ant­wor­tung zie­hen. Als wir dazu end­lich nach fünf Jah­ren in der Lage waren, ver­such­ten wir mit Hil­fe eines Schwei­zer Rechts­an­wal­tes die Her­aus­ga­be der Kran­ken­ak­te unse­res Soh­nes zu erwir­ken. Es folg­te ein jah­re­lan­ger Brief­wech­sel, in dem das behan­deln­de Kran­ken­haus und das CHUV (Cent­re Hos­pi­ta­lier Uni­ver­si­taire Vau­dois) um Her­aus­ga­be der Unter­la­gen gebe­ten wur­den. Für uns ende­te der belas­ten­de Brief­wech­sel mit der Her­aus­ga­be der Kopi­en eini­ger Doku­men­te und einer Stel­lung­nah­me der Unter­su­chungs­kom­mis­si­on, die zu dem Ergeb­nis kam, dass alles recht­mä­ßig zuge­gan­gen sei. Ich war inzwi­schen an Krebs erkrankt. Wir gaben auf.

21 Jah­re nach dem Unfall ent­deck­te einer unse­rer Söh­ne, selbst inzwi­schen Arzt, in den Unter­la­gen den aus­führ­li­chen Befund des Elek­tro­en­ze­pha­logramms (EEG), wel­ches bei mei­nem Sohn Lorenz am Tag der Explan­ta­ti­on durch­ge­führt wor­den war; hier lie­ßen sich  neben Spon­tan­ak­ti­vi­tät ein­deu­ti­ge Reak­tio­nen auf Schmerz­rei­ze nach­wei­sen. Im Befund des Neu­ro­lo­gen wur­de aus­drück­lich betont, dass es sich kei­nes­wegs um ein Null-Lini­en-EEG han­del­te („il ne s´agit pas d´un tra­cé nul“). Obwohl die­ser Befund auch damals schon nicht mit der Dia­gno­se Hirn­tod ver­ein­bar war und eine Organ­ent­nah­me ver­bo­ten hät­te, setz­te man sich dar­über hin­weg und führ­te die Explan­ta­ti­on am glei­chen Tag durch.

Inzwi­schen wur­de eine Straf­an­zei­ge wegen Mor­des ein­ge­reicht.

Nachtrag 2015

Das Straf­ver­fah­ren wur­de 2015 ein­ge­stellt wegen Ver­jäh­rung. Wir hal­ten dies für eine Fehl­ein­schät­zung, da die Ver­jäh­rungs­frist für Mord in der Schweiz im Jahr 2003 von 20 auf 30 Jah­re ver­län­gert wur­de und zwar, bevor Lorenz´ Fall im Jahr 2011 ver­jähr­te. Die dage­gen ein­ge­leg­te Beschwer­de wur­de zurück­ge­wie­sen und die Beschwer­de­füh­re­rin mit Kos­ten in Höhe von 2000,00 CHF belas­tet.

Mer­ken

Aus der Akte über Lorenz

Die Inzi­si­on (Ein­schnitt) fand um 13:05 Uhr statt und die kal­te Per­fu­si­on (Ein­stel­lung der Herz­tä­tig­keit und der künst­li­chen Beatmung) wur­de um 13:50 Uhr begon­nen.

Die Zeit, die für die Ent­nah­me von meh­re­ren Orga­nen not­wen­dig ist, beträgt drei bis sechs Stun­den.

Bei der Ent­nah­me meh­re­rer Orga­ne kön­nen bis zu sechs Chir­ur­gen­teams bei dem Ein­griff ein­be­zo­gen sein.

Die kom­plet­te Akte des Kran­ken­hau­ses wur­de kon­sul­tiert. Ein Ope­ra­ti­ons­pro­to­koll oder ein Anäs­the­sie­pro­to­koll ent­hält die­se Akte nicht, weil die­ser Akt von einer Mann­schaft des Trans­plan­ta­ti­ons­zen­trums aus­ge­führt wor­den ist.“

Unter­su­chungs­be­richt über die Organ­ent­nah­me

Ein Ope­ra­ti­ons­pro­to­koll exis­tiert in die­sem Fall wirk­lich nicht“

Abschluss­be­richt

Es befrem­det, dass ein sol­cher Ein­griff vor­ge­nom­men wird, ohne daß sich ein Ein­trag in der Kran­ken­ak­te fin­den lässt.“

Schrei­ben der Pati­en­ten­stel­le

Fami­lie ver­wei­gert Herz und Leber“

Ein­tra­gung des Trans­plan­ta­ti­ons­zen­trums

(obwohl nur die Nie­ren frei­ge­ge­ben waren)

Anäs­the­sis­ten brin­gen bei chir­ur­gi­schen Ein­grif­fen oft ein Pflas­ter auf den Augen an, damit die Horn­haut wäh­rend des Ein­griffs nicht aus­trock­net.

(auf unse­re Anfra­ge, ob gegen unse­ren Wil­len auch die Augen ent­nom­men wur­den)

Die Trans­plan­ta­ti­ons­ak­ti­vi­tät geschieht zum Woh­le des Pati­en­ten.
Die Organ­ent­nah­me ist ein wesent­li­cher Teil die­ser Akti­vi­tät.

Hirn­tod — Tod bei leben­di­gem Leib
Ein Film­be­richt der
Fern­seh­jour­na­lis­tin Sil­via Mat­t­hies
Fami­lie Mey­er berich­tet von ihren Erfah­run­gen
rund um die Organ­ent­nah­me von Lorenz Mey­er

Inter­view mit Gise­la Mei­er zu Biesen
“Mein Sohn war kein Spen­der, er hat­te kei­nen Aus­weis, son­dern er ist zum Spen­der gemacht wor­den.” Das ist bei neun von zehn Organ­ent­nah­men so.

Inter­view mit Chir­urg Jobst Mey­er
Er geht ein auf den Befund des Neu­ro­lo­gen der betont, dass kei­nes­wegs ein Null-Lini­en-EEG vor­lag. Die­ser Befund hät­te eine Organ­ent­nah­me ver­bo­ten. Statt­des­sen wur­de sie noch am sel­ben Tag durch­ge­führt.