Rosemarie Körner

ROSEMARIE KÖRNER
Nürtin­gen

geboren 1947

Erlern­ter Beruf:
Staatl. anerkan­nte
Erzieherin
Zweit­beruf:
Tech­nis­che
Doku­men­ta­torin

Zuerst muss ich ganz deut­lich sagen, dass ich kein Geg­n­er der Organtrans­plan­ta­tion bin, aber ich bin für eine offene Beschrei­bung des Aktes der Orga­nent­nahme, die ja noch am leben­den Kör­p­er stat­tfind­et und nicht nach dem Tod.

Mein Mann, wir sind inzwis­chen geschieden, hat­te nach ein­er Krop­f­op­er­a­tion einen Herzstill­stand erlit­ten auf­grund ein­er Nach­blu­tung, die auf einen im Oper­a­tions­ge­bi­et liegen­den Reflex­knoten für die Herztätigkeit drück­te. Dieser Vor­gang wurde vom Bet­tnach­barn beobachtet, der sofort nach Hil­fe rief.

Vom dien­sthaben­den Nachtschichtarzt wurde der Tod fest­gestellt, eine Rean­i­ma­tion sei erfol­g­los gewe­sen oder wurde eingestellt aus unerfind­lichen Grün­den und die Nachtschwest­er alarmierte den Che­farzt zu Hause, weil der operiert hat­te. Dieser kam nach ca. 20 Minuten im Kranken­haus an, er set­zte die Rea­n­imierung an und eine Not­op­er­a­tion. Es wurde der kom­plette Hirn­tod fest­gestellt, spon­tane Atmung gab es nicht. Also wurde mein Mann beat­met und auf die Inten­sivs­ta­tion ver­legt.

Mir wurde mit­geteilt, mein Mann hätte einen Herz­in­farkt gehabt, und würde bald ster­ben, was auch wün­schenswert sei, weil das Gehirn min­destens 20 Minuten ohne Sauer­stoff gewe­sen sei.

Zum Glück war damals (1975) die Trans­plan­ta­tion­stech­nik noch nicht so ver­bre­it­et wie heute, son­st hätte man mich sich­er gefragt, ob ich ein­ver­standen sei, dass Organe ent­nom­men wer­den kön­nten, schließlich war mein Mann ger­ade mal 38 Jahre alt
und kom­plett gesund.

Während der fol­gen­den vier Tage war ich nahezu rund um die Uhr an seinem Bett und habe ihn beobachtet, auf ihn ein­gere­det, kon­nte nicht akzep­tieren, dass er eigentlich tot sein sollte. Schließlich beobachtete ich, dass die Mon­i­tore bei bes­timmten Ereignis­sen keine Nul­llinie zeigten, son­dern auss­chlu­gen – also war da noch Leben nach mein­er Mei­n­ung.

Am fün­ften Tag bemerk­te ich, dass er auf meine Stimme reagierte, die Ärzte ver­an­lassten daraufhin eine Unter­suchung der Gehir­nak­tiv­ität mit dem Ergeb­nis, dass es keine Hoff­nung gäbe. Sein Gehirn sei abso­lut tot.

Er bekam dann eine Lun­genentzün­dung, wohl durch die Beat­mung, wie man mir sagte, mit hohem Fieber und Schüt­tel­frost. Die dien­sthabende Ärztin ließ ihn mit kaltem Wass­er ein­sprühen, ohne zugedeckt zu sein lag er nackt dicht am Fen­ster und die Ärztin meinte, vielle­icht könne er so etwas früher ster­ben.

Nach etwa ein­er Woche wehrte er sich gegen die kün­stliche Beat­mung, er hus­tete und würgte. Man beschloss, die Beat­mung abzustellen, mit dem Risiko, dass er danach wohl ver­ster­ben würde. Er atmete aber wieder selb­ständig und alle waren ver­wun­dert.

Wieder wurde eine Über­prü­fung der Gehir­nak­tiv­ität ange­set­zt, mit dem gle­ichen Ergeb­nis: Gehirn abso­lut ohne Funk­tion.

In den fol­gen­den Tagen kon­nte ich beobacht­en, dass die Kur­ven der angeschlosse­nen Instru­mente für Herztätigkeit sich verän­derten, ganz ein­deutig reagierte er auf mich, auf Schmerzen beim Absaugen der Lunge, bei Ein­stichen an bes­timmten Stellen durch die Ärzte. Diese erk­lärten mir, dass das eben ganz niedrige Reflexe wären, die nichts mit der Gehirn­tätigkeit zu tun hät­ten.

Trotz­dem wachte mein Mann immer mehr auf: Er bewegte die Lip­pen, er wollte sprechen, aber er war nicht zu ver­ste­hen. Wiederum nach weni­gen Tagen ver­stand ich, was er sagte. Er lebte anscheinend in ein­er Fan­tasiewelt, er sprach von Wass­er, von Flüssen, die er über­queren müsse, um zu sein­er Frau zu kom­men. Irgend­je­mand hielt ihn aber fest, so dass er den Fluss nicht über­queren kon­nte. Ich ver­suchte immer wieder, zu ihm Kon­takt zu bekom­men und ihm zu sagen, dass er doch ganz sich­er sei, im Bett liegen würde und er keine Angst haben solle.

Und eines Tages war er wach, blick­te um sich, erkan­nte mich und kon­nte auch wieder sprechen, zwar undeut­lich und nur kurze Wörter, aber er war wieder ganz auf dieser Welt.

Die Ärzte beschimpfte er aber alle als Dummköpfe, denn er erzählte mir, dass ihn ein Arzt in den Keller in einem Kühlschrank ver­staut hätte, dann wäre er von total hek­tis­chen Ärzten wieder her­vorgez­er­rt wor­den und ein Arzt hätte ihm den Hals aufgeschnit­ten, ohne Narkose oder Schmerzmit­tel sei er noch ein­mal operiert wor­den.

Als ich das völ­lig entset­zt dem Ober­arzt auf der Sta­tion erzählte, wo der Zwis­chen­fall stattge­fun­den hat­te, wurde mir bestätigt, dass es so war: er war erst in der Patholo­gie, weil er ja tot war, erst der Che­farzt bestand auf ein­er erneuten OP. Diese wurde aus­ge­führt, der Patient beat­met, wohl wis­send, dass er auf­grund des lan­gen Sauer­stoff­man­gels im Gehirn nie wieder gesund wer­den würde.

Wie kann ein tot­er Men­sch sehen, was mit ihm passiert? Warum kann ein tot­er Men­sch Schmerzen spüren?

Für mich waren das damals rät­sel­hafte Dinge, aber ich musste mich dem Leben zuwen­den, meinen Mann wieder möglichst gesund pfle­gen, damit das Leben weit­er gehen kon­nte.

Mein hirn­tot­er Mann/Exmann ist durch diesen Zwis­chen­fall stark kör­per­lich eingeschränkt, es hat lange gedauert, bis er wieder gehen kon­nte, aber inzwis­chen ist er zum drit­ten Mal ver­heiratet und ich denke, es geht ihm gut.

Hätte man ihm damals Organe ent­nom­men, auf­grund der mehrma­li­gen Hirn­tod-Diag­nose wäre er heute nicht mehr am Leben.

Wer Organe spendet, sollte wis­sen, dass die Zeit des Ster­bens nicht so weit erforscht ist, dass man sagen kann, was der Men­sch während dieser Zeit fühlt und empfind­et.

Sich­er ist nur, dass der Organspender unwieder­bringlich tot ist nach der Spende.

Eine Fre­undin von mir arbeit­et an ein­er auf Organtrans­plan­ta­tion spezial­isierten Uni als Inten­sivschwest­er. Ihre Auf­gabe war es unter anderem, die geset­zlichen Hirn­tod-Unter­suchun­gen durchzuführen und zu pro­tokol­lieren. Sie hat mir erzählt, wie schwierig es manch­mal ist, eine 20-minütige Nul­lkurve im Dia­gramm zu bekom­men, denn manch­mal schlägt der Mon­i­tor wieder aus, wenn draußen im Flur Lärm ist, ein Flugzeug über die Klinik don­nert oder jemand zur Türe hereinkommt.

Ich denke da immer an meinen Exmann, bei dem ich Ähn­lich­es beobachtet habe und der heute noch lebt.

Ich meine, Organtrans­plan­ta­tion ist ein großes Geschäft, das etwas mehr Human­ität gut ver­tra­gen kön­nte.

 

Vielle­icht hätte schon fol­gende Frage aus­gere­icht: „Ihr Sohn liegt im Ster­ben. Sind Sie damit ein­ver­standen, dass er auf dem OP zu Ende stirbt, während ihm die Organe ent­nom­men wer­den?“ Ich hoffe, dass ich dann die Ärzte vom Hof gejagt hätte. Wer möchte sein Kind schon auf solch schreck­liche Weise ster­ben lassen?

Ich werfe mir vor, dass ich tat­säch­lich meinen Sohn für tot hielt, als die Ärzte mir das verkün­de­ten, obwohl er sich durch die Hirn­tod­fest­stel­lung in kein­er Weise verän­dert hat­te.

All diese Ein­sicht­en habe ich erst in den fol­gen­den Jahren gewon­nen, und wenn sich beson­ders meine Frau nicht weit­er inten­siv mit dem The­ma Trans­plan­ta­tion beschäftigt hätte, wäre ich vielle­icht sog­ar in „seliger Unwis­senheit“ geblieben und würde vielle­icht heute noch das glauben, was die Ärzte behaupten, was die DSO propagiert.

So aber füh­le ich mich über den Tisch gezo­gen, meine Unwis­senheit wurde aus­genutzt. Ich habe mir oft über­legt, was ich denn hätte wis­sen müssen, um eine begrün­dete Entschei­dung tre­f­fen zu kön­nen.

Inzwis­chen weiß ich, dass es eine heftige Diskus­sion um den soge­nan­nten Hirn­tod gibt.

Schon 1995 stellt
Prof. Roth aus Bre­men fest:
„Nie­mand wird … beim Aus­fall der Nieren­funk­tion von einem toten Men­schen sprechen, von ein­er Leiche. Dass das Gehirn Empfind­un­gen und Bewusst­sein her­vor­bringt, die Niere aber nicht, ist in diesem Zusam­men­hang aber völ­lig uner­he­blich. Die Gle­ich­set­zung von Hirn­tod und Gesamt­tod des Men­schen ist daher abzulehnen…“ Er sagt weit­er: „Der Hirn­tod ist nicht völ­lig ein­deutig diag­nos­tizier­bar… Dies ist ent­ge­gen viel­er Ver­laut­barun­gen der Fach­welt seit langem bekan­nt.“

Wenn die Trans­plan­ta­tion­s­medi­zin­er behaupten, dass dieser Tod wis­senschaftlich belegt sei, so blenden sie ganz bewusst die Erken­nt­nisse der Hirn­forsch­er aus, die in den let­zten Jahren viel Neues über das Gehirn und seine Funk­tion erfahren haben.

Bestätigt wer­den diese Äußerun­gen von ein­er Vielzahl Wis­senschaftler aus aller Welt. Bei ein­er Tagung der Päp­stlichen Akademie der Wis­senschaften im Feb­ru­ar 2005 im Vatikan zu den „Zeichen des Todes“, noch ein­berufen von Johannes Paul II., war die Kri­tik so heftig, dass kein offizielles Pro­tokoll – wie son­st üblich – veröf­fentlicht wurde; nur über inof­fizielle Kanäle sind diese Stel­lung­nah­men bekan­nt gewor­den. Sind auch Kardinäle inter­essiert an sog. „neuen“ Orga­nen?

Im Jahr 2010 wurde die Diskus­sion, die es schon länger in den USA gibt, so inten­siv, dass auch deutsche Medi­en nicht mehr weghören kon­nten. Die Ziel­rich­tung in den USA: Wie schaf­fen wir es, die Men­schen so weit zu brin­gen, dass sie Organe auch dann abgeben, wenn sie wis­sen, dass es den „Hirn­tod“ nicht gibt? (Über­schrift eines Artikels: „How can we han­dle the truth?“)

Wenn ich gewusst hätte, dass es begrün­dete Zweifel am Hirn­tod­konzept gibt, hätte ich meine Zus­tim­mung zur Orga­nent­nahme nie gegeben – wer möchte seinen hil­flosen Ange­höri­gen denn solch einem ungewis­sen und grausamen Ster­ben aus­liefern?

Ich fordere also Aufk­lärung, die den Namen auch ver­di­ent: Statt der Unter­drück­ung der kri­tis­chen Stim­men, an der sich bei­de christlichen Kirchen kräftig beteili­gen, soll auf die Nüt­zlichkeit der Hirn­tod­de­f­i­n­i­tion für die einen – Medi­zin­er und Empfänger — und auf die Grausamkeit für die anderen – die Spender — hingewiesen wer­den.

Statt von der hun­dert­prozenti­gen Zuver­läs­sigkeit der Hirn­tod­di­ag­nose zu fab­u­lieren, sollte man die Öffentlichkeit darüber informieren, dass Stu­di­en das Gegen­teil bele­gen.

Und die DSO sollte nicht dauernd von Sol­i­dar­ität in der Gesellschaft reden und damit die Aus­beu­tung des
einen zu Gun­sten eines anderen meinen.

Statt den schwammi­gen Begriff der Näch­sten­liebe zu ver­wen­den, soll­ten ger­ade die Kirchen ein Inter­esse daran haben, ihre ster­ben­den Mit­glieder nicht schut­z­los der Medi­zin auszuliefern, son­dern ihnen einen Über­gang in Würde und Ruhe zu ermöglichen.

Zusam­men mit der Phar­main­dus­trie, die an den Trans­plantierten, die ja Dauer­pa­tien­ten sind, viel Geld ver­di­ent, ist hier ein Kartell ent­standen, das Infor­ma­tio­nen nur dann fördert, wenn sie Wer­bung für Organspende darstellen, son­st tut man alles, um die Öffentlichkeit nur in ein­er Rich­tung zu bee­in­flussen. Vor kurzem hat der Bun­destag in einem Gesetz beschlossen, dass Gewebe und Kör­perteile wie Arzneimit­tel behan­delt wer­den. Damit wirft das Explantieren von Men­schen noch mehr Gewinn ab.

In dem Zusam­men­hang stellen sich für mich einige Fra­gen:

Woran ist die Trans­plan­ta­tion­s­medi­zin eigentlich in erster Lin­ie inter­essiert? Will sie kranken Men­schen
helfen? Dann müssten andere Ther­a­piefor­men entwick­elt und weit­er­en­twick­elt wer­den, um den Kranken nicht verge­bliche Hoff­nung zu machen.

Warum gibt es keine all­ge­mein zugängliche Sta­tis­tik der Erfolge oder Mis­ser­folge der Trans­plan­ta­tio­nen?
Sind die Empfänger von Orga­nen tat­säch­lich so gesund und fit, wie die Wer­bung uns weis­machen will?
Man hört und sieht immer nur die Vorzeigepa­tien­ten, denen es anscheinend gut geht.

Welche Rolle spielt die Phar­main­dus­trie, auf deren Pro­duk­te ein Trans­plantiert­er sein ganzes weit­eres Leben angewiesen ist, weil der Kör­p­er das fremde Organ abstoßen will?
Der Ver­wal­tungsleit­er eines Kranken­haus­es erzählte uns, dass es nur zwei Bere­iche gibt, in denen die Kosten nicht „gedeck­elt“ sind: Bei den Blutern und bei der Trans­plan­ta­tion­s­medi­zin. Er bedauerte, dass man mit dem vie­len Geld nicht z.B. eher die Volk­skrankheit Dia­betes bekämpfte. Sind diese Zusam­m­men­hänge unwichtig?

Ich möchte mit eini­gen Fest­stel­lun­gen schließen:

1. Aus dem Gesagten geht für mich her­vor, dass die Weg­gabe von Orga­nen nicht erwartet oder sog­ar einge­fordert wer­den kann, son­dern dass das ein Opfer ist, für das man sich nach Ken­nt­nis aller Prob­leme nur per­sön­lich entschei­den kann.

2. Ich empfinde es als infam, dass es immer wieder zur Kon­fronta­tion zwis­chen Trans­plantierten und uns Ange­höri­gen von Organspendern kommt. Wir sind bei­de durch die Medi­zin miteinan­der ver­bun­den wor­den, sozusagen zwei Seit­en der einen Medaille, die sich die Medi­zin­er an ihre Brust heften kön­nen: Es kann für die einen kein Weit­er­leben ohne das Opfer der anderen geben. Das muss man sagen kön­nen, ohne als „Mörder“ beschimpft zu wer­den. Diesen Zusam­men­hang zu ver­schleiern werfe ich dem Sys­tem vor.

3. Das Heilsver­sprechen der Medi­zin, uns das Leben zu erhal­ten, ist bis­lang noch nicht ein­gelöst wor­den – ich sage glück­licher­weise. Wir müssen wieder ler­nen, mit dem eige­nen Tod zu leben, er ereilt uns alle. Hil­fe dabei gibt es in der Hos­pizbe­we­gung, die da ein­set­zt, wo die Medi­zin am Ende ist.

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