Ste­pha­nie Dut­chen:

Eine feine Linie

Ist es an der Zeit, die „dead-donor-rule“ neu zu bewer­ten?

Über­set­zung von Rena­te Focke

Er ver­han­del­te gera­de einen Fall vor Gericht, als er sich an den Kopf griff und kol­la­bier­te. Mas­si­ve Hirn­blu­tung. Der 45jährige Rechts­an­walt wur­de sofort in das Boston’s Brig­ham and Women’s Hos­pi­tal ein­ge­lie­fert.

Den Ärz­ten auf der Inten­siv­sta­ti­on war sofort klar, dass der Pati­ent eine irrever­si­ble Hirn­schä­di­gung erlit­ten hat­te; er wür­de nie wie­der auf­wa­chen. Sechs Tage spä­ter tra­fen sei­ne Frau und sei­ne bei­den Kin­der im Teen­ager-Alter die herz­zer­reis­sen­de Ent­schei­dung, die lebens­er­hal­ten­den Maß­nah­men zu been­den. Zumin­dest, so dach­ten sie. könn­ten sie den Wunsch ihres Ehe­man­nes und Vaters erfül­len, der sei­ne Orga­ne spen­den woll­te.

Es war jedoch nicht so ein­fach.

Auf­grund einer natio­na­len Über­ein­kunft, auch als dead-donor-rule bezeich­net, durf­ten die Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zi­ner die Orga­ne erst dann ent­neh­men, wenn der Pati­ent tot war. Da er nicht alle Kri­te­ri­en für die eine Todes­de­fi­ni­ti­on – den Hirn­tod — erfüll­te, gab es nur noch die Mög­lich­keit für die Fami­lie, sei­ne Orga­ne nach dem Herz­still­stand zu spen­den.

Der Pati­ent wur­de in den OP gebracht, und sei­ne künst­li­che Beatmung wur­de abge­bro­chen. Dann begann die War­te­zeit: Wenn das Herz inner­halb einer Stun­de ste­hen­blieb und nicht weni­ge Minu­ten spä­ter wie­der spon­tan zu schla­gen begann, dann wür­de der behan­deln­de Arzt ihn für tot erklä­ren, und dann wür­den Trans­plan­ta­ti­ons­chir­ur­gen dazu­kom­men und die brauch­ba­ren Orga­ne ent­neh­men. Wenn man noch län­ger war­te­te, dann wür­den die Orga­ne wegen des schwa­chen Kreis­laufs unbrauch­bar wer­den.

Drei­ßig Minu­ten ver­gin­gen: Die Chan­ce, eine tran­plan­tier­ba­re Leber ent­neh­men zu kön­nen, war ver­stri­chen.

Sein Herz kämpf­te und schlug immer noch.

45 Minu­ten ver­gin­gen. Sech­zig Minu­ten. Nie­ren und Bauch­spei­chel­drü­se waren nicht mehr brauch­bar.

Nach 80 Minu­ten gab das Team die Hoff­nung auf, sogar die robus­tes­ten Orga­ne zu ret­ten. Der Pati­ent begann die Rei­se zurück auf die Inten­siv­sta­ti­on. Sein Herz blieb im Fahr­stuhl ste­hen.

Sei­ne Frau war sehr auf­ge­bracht. Die Ärz­te waren auf­ge­bracht“, dar­an erin­nert sich Tho­mas Coch­ra­ne, Assis­tenz-Pro­fes­sor für Neu­ro­lo­gie am Brig­ham and Women’s, der nach dem Vor­fall mit der Fami­lie sprach. „Sie konn­te nicht ver­ste­hen, war­um man die Orga­ne ihres Man­nes nicht her­aus­neh­men konn­te, bevor sein Herz auf­ge­hört hat­te zu schla­gen. Nie­mand hat­te etwas davon, dass die Din­ge so ablie­fen.“

Auch 50 Jah­re, nach­dem die ers­ten Organ­trans­plan­ta­tio­nen vor­ge­nom­men wur­den, bleibt die „dead-donor-rule“ ein heiß umstrit­te­nes The­ma in der Trans­plan­ta­ti­ons-Medi­zin. Sie ist  ethi­scher Stan­dard, kein Gesetz. Eini­ge ihrer bekann­tes­ten Kri­ti­ker sind an der Har­vard Medi­cal School zu fin­den. Eben­so auch eini­ge ihrer hart­nä­ckigs­ten Ver­fech­ter.

Schieben, Ziehen

Befür­wor­ter der Bei­be­hal­tung der „dead-donor-rule“ beto­nen, dass es das Ver­trau­en der Öffent­lich­keit in die Organ­trans­plan­ta­ti­on stärkt, indem man den poten­zi­el­len Spen­dern und ihren Ange­hö­ri­gen zusi­chert, dass die Orga­ne erst dann ent­nom­men wer­den, wenn der­je­ni­ge für tot erklärt wor­den ist. Die­se Dead-Donor-Rule über­lässt die Ver­ant­wor­tung den Ärz­ten und Chir­ur­gen, sicher­zu­stel­len, dass die Ent­nah­me des Her­zens oder der Lun­ge z.B. nicht den Tod eines Pati­en­ten ver­ur­sacht. Viel­leicht noch wich­ti­ger: sie unter­streicht die zugrun­de­lie­gen­de medi­zi­ni­sche Dok­trin, dem Pati­en­ten kei­nen Scha­den zuzu­fü­gen.

Nach mei­ner Ein­schät­zung auf der Ska­la zwi­schen Ver­trau­en und Zweck­mä­ßig­keit zie­he ich Ver­trau­en vor“, sagt Fran­cis Del­mo­ni­co, HMS (Har­vard Medi­cal School)-Professor der Chir­ur­gie, der auch am Mas­sa­chu­setts Gene­ral Hos­pi­tal tätig und Vor­sit­zen­der der „New Eng­land Organ Bank“ ist.

Kri­ti­ker heben her­vor, dass der Scha­den bereits ein­ge­tre­ten ist. Ster­ben­de Pati­en­ten, die nicht den stren­gen Anfor­de­run­gen der „dead-donor-rule“ ent­spre­chen, die aber ihre Orga­ne spen­den wol­len, wer­den dar­an gehin­dert. Ihre Ange­hö­ri­gen müs­sen einen dop­pel­ten Ver­lust erlei­den, einen Tod ohne die Mög­lich­keit, ande­re zu ret­ten. Manch­mal bringt die Ver­pflich­tung, sich an die Regeln zu hal­ten, die Prak­ti­ker zur Ver­zweif­lung und hält Pati­en­ten, die ihre Orga­ne spen­den wol­len, davon ab und ver­schlech­tert die Qua­li­tät der trans­plan­tier­ba­ren Orga­ne.

Aus der Per­spek­ti­ve des Spen­ders kann die „dead donor rule“ mit den legi­ti­men ethi­schen und medi­zi­ni­schen Zie­len kol­li­die­ren“, sagt Coch­ra­ne, der auch Lei­ter der Abtei­lung für Neu­roethik ist am HMS Cen­ter for Bio­ethics.

Eine laut­star­ke Min­der­heit, ange­führt von Robert Truog, Lei­ter des HMS Cen­ter for Bio­ethics und des Fran­ces Gless­ner Lee Pro­fes­sor of Med­cal Ethics, Ana­es­the­sia und Kin­der­heil­kun­de  am HMS und Bos­ton Children’s Hos­pi­tal ist der Über­zeu­gung, das medi­zi­ni­sche Estab­lish­ment soll­te die „dead donor rule“ abschaf­fen und sich statt­des­sen dar­auf kon­zen­trie­ren, den Scha­den zu mini­mie­ren und statt­des­sen die Zustim­mung zu maxi­mie­ren.

Mit einer kla­re­ren Vor­ge­hens­wei­se“, sagt Truog, könn­ten wir es den Men­schen ermög­li­chen zu ster­ben, wie sie es wol­len, wobei man ihnen gleich­zei­tig ermög­li­chen wür­de, ihren Wunsch nach Organ­spen­de zu erfül­len.“

Obwohl wei­ter­ent­wi­ckel­te chir­ur­gi­sche Ver­fah­ren Trans­plan­ta­tio­nen erfolg­rei­cher gemacht haben, gibt es einen anhal­ten­den Man­gel an inne­ren Orga­nen. Die Abschaf­fung der „dead-donor-rule“ wür­de wohl einen Weg zu mehr Organ­spen­den öff­nen, aber Coch­ra­ne und Truog stel­len klar, dass der ent­schei­den­de Grund für eine erneu­te Über­prü­fung nicht der Man­gel an Orga­nen ist, son­dern eher die Absicht, den Pati­en­ten und den Ärz­ten gerecht zu wer­den und sich mit den sich ver­än­dern­den Todes­de­fi­ni­tio­nen aus­ein­an­der­zu­set­zen.

Der Preis, den die Gesell­schaft zahlt, indem sie dar­auf besteht, dass die Medi­zi­ner sich an die „dead-donor-rule“ hal­ten, ist immens hoch“, sagt Dani­el Wik­ler, Pro­fes­sor für Ethik und Gesund­heits­po­li­tik am Mary B. Sal­ton­stall Popu­la­ti­on Health an der Har­vard T.H. Chan School of Public Health.

Die Geburt des Todes

Eini­ge sagen, dass die­se Debat­te in den spä­ten 1960 er Jah­ren begann, als ein HMS Adhoc- Komit­tee unter Lei­tung von Hen­ry Bee­cher, 32, damals HMS-Pro­fes­sor für Ana­es­the­sio­lo­gie, sich dafür ein­setz­te, die Todes­de­fi­ni­ti­on des Black‘s Law Dic­tion­a­ry aus­zu­wei­ten und dabei auch das ein­zu­schlie­ßen, was fran­zö­si­sche Medi­zi­ner als Koma depas­sé bezeich­ne­ten und was das Bee­cher-Komit­tee Hirn­tod nann­te, d.h. den völ­li­gen und irrever­si­blen Ver­lust der Hirn­funk­tio­nen.

Ein Organ, Gehirn oder ande­res, das nicht mehr funk­tio­niert und auch kei­ne Mög­lich­keit hat, erneut zu funk­tio­nie­ren, ist für alle prak­ti­schen Zwe­cke tot“, schrieb das Komi­tee 1968 in JAMA. Dann beschrie­ben sie die Kri­te­ri­en für die Fest­le­gung, ob ein Gehirn für immer aus­ge­fal­len war.

Der „Uni­form Deter­mi­na­ti­on of Death Act“, auch als UDDA bezeich­net, wur­de zu Beginn der 1980er erlas­sen und von allen 50 Bun­des­staa­ten ver­ab­schie­det und bestä­tig­te die Ent­schei­dung des Komi­tees, den Hirn­tod als eine von zwei juris­ti­schen Vor­aus­set­zun­gen für den ein­ge­tre­te­nen Tod auf­zu­füh­ren, neben der tra­di­tio­nel­len Defi­ni­ti­on des irrever­si­blen Still­stands von Kreis­lauf und Atmung.

Die­se bei­den Rege­lun­gen, zusam­men mit der Zustim­mung der Ange­hö­ri­gen, ermög­lich­ten es den Ärz­ten, bei juris­tisch für tot erklär­ten Pati­en­ten die lebens­er­hal­ten­den Maß­nah­men zu been­den, wodurch sie weder einen Mord begin­gen noch sonst etwas Ille­ga­les taten. Somit legi­ti­mier­ten die­se Fest­le­gun­gen ein Lager von zur Spen­de geeig­ne­ten Orga­nen, die immer noch ernährt und mit Sauer­stoff ver­sorgt wur­den.

Ob die Teil­neh­mer des Bee­cher-Komi­tees oder des UDDA-Komi­tees durch das Ziel ange­trie­ben wur­den, den Vor­rat an ver­füg­ba­ren Orga­nen zu stei­gern und ob sie die Defi­ni­ti­on des bio­lo­gi­schen Todes so zurecht­bo­gen, dass es dazu pass­te, bleibt eine Kon­tro­ver­se.

Eini­ge weni­ge Prak­ti­ker wie Truog sagen, dass das Komi­tee dif­fe­ren­zier­ter hät­te sein kön­nen. Sie hät­ten sagen kön­nen, dass Pati­en­ten ohne auto­no­men Kreis­lauf oder Atem­funk­ti­on und ohne Aus­sicht dar­auf, ihr Bewusst­sein wie­der zu erlan­gen, tech­nisch gese­hen noch am Leben sind, und es ethisch gerecht­fer­tigt sei, ihre vita­len Orga­ne zu ent­neh­men, wenn eine Zustim­mung vor­lag. Für die meis­ten Medi­zi­ner jedoch besteht kein Zwei­fel dar­an, dass sowohl der Hirn­tod als auch der Tod nach Kreis­lauf-Still­stand den wah­ren Tod bedeu­ten.

Wik­ler setz­te sich mit die­sen Fra­gen aus­ein­an­der, als er Mit­glied der „Pre­si­den­ti­al Com­mis­si­on“ war, die das UDDA ent­warf. Er hat­te ein Paper ver­öf­fent­licht, in dem er begrün­de­te, war­um der Hirn­tod nicht als Tod bewer­tet wer­den soll­te, aber Kol­le­gen dräng­ten ihn dazu, sei­ne Posi­ti­on für den Bericht zu über­den­ken, oder er wür­de das Risi­ko ein­ge­hen, dass die Öffent­lich­keit alar­miert wür­de.

Schließ­lich muss­te er sich der Fra­ge stel­len: „Was ist mei­ne Prio­ri­tät? Geht es mir dar­um, Leben zu ret­ten oder dar­um, an mei­nen Über­zeu­gun­gen fest­zu­hal­ten?“ Er ent­schied sich: „Leben zu ret­ten ist wich­ti­ger.“

Die­ser Stan­dard wur­de bei­be­hal­ten: Der Tod des Spen­ders ist die ein­zi­ge Mög­lich­keit, um vita­le Orga­ne gewin­nen zu kön­nen.

Mög­li­cher­wei­se wäre es auf lan­ge Sicht bes­ser gewe­sen, eher über die „dead-donor rule“ zu dis­ku­tie­ren als über den Hirn­tod“, sagt Coch­ra­ne.

Viele Wege führen zum Ziel

Der Hirn­tod ist nicht der ein­zi­ge Aspekt der „dead-donor-rule“, der prak­ti­sche und seman­ti­sche Dilem­ma­ta her­vor­ruft.

Es gibt kei­ne genau­en Sta­tis­ti­ken dar­über, wie vie­le Orga­ne infol­ge war­mer Ischä­mie ver­lo­ren gegan­gen sind – eine Schä­di­gung durch man­gel­haf­te Durch­blu­tung bei Kör­per­tem­pe­ra­tur — aber ein Paper von 2014 im Ame­ri­can Jour­nal of Bio­ethics gab die Ein­schät­zung, dass die War­te­zeit auf den Herz­still­stand nach Been­di­gung der lebens­er­hal­ten­den Maß­nah­men und nach einer wei­te­ren War­te­zeit von eini­gen Minu­ten jähr­lich 2.200 Orga­ne aus dem Organ-Pool unbrauch­bar macht. Wei­te­re 6.700 Orga­ne gehen durch­schnitt­lich jedes Jahr ver­lo­ren, wäh­rend man dar­auf war­tet, dass die Spen­der mit schwe­ren Hirn­ver­let­zun­gen in den Zustand des Hirn­to­des über­ge­hen.

Die Anzahl der beschä­dig­ten oder unbrauch­ba­ren Orga­ne in Ver­bin­dung mit feh­len­dem ein­deu­ti­gem Nach­weis über die Min­dest­war­te­zeit, wonach ein nicht schla­gen­des Herz mut­maß­lich nicht von allein wie­der anfängt zu schla­gen, hat eini­ge Ein­rich­tun­gen dazu gebracht, die War­te­zeit nach Herz­still­stand zu ver­kür­zen. Die­se schrumpf­te an einer Kli­nik in Colo­ra­do z.B. von zwei Minu­ten auf 75 Sekun­den.

Seit­dem außer­dem eini­ge Her­zen, die nach dem soge­nann­ten Herz­tod ent­nom­men wur­den, trans­plan­tiert und wie­der zum Schla­gen gebracht wer­den kön­nen, sind Dis­kus­sio­nen ent­brannt, ob der Spen­der wirk­lich tot war.

In gerin­ger Anzahl hat sich lan­des­weit auch die Organ­ent­nah­me bei „unmit­tel­bar  bevor­ste­hen­dem Tod“ ent­wi­ckelt. Nach die­sem Ver­fah­ren ent­neh­men die Chir­ur­gen die Nie­re oder einen Leber­lap­pen nach Zustim­mung, las­sen dem Pati­en­ten ein paar Tage zur „Erho­lung“ und been­den dann die künst­li­che Beatmung. Die War­te­zeit soll nach­wei­sen, dass die Organ­ent­nah­me den Pati­en­ten nicht getö­tet hat.

Die­se und ande­re Varia­tio­nen „haben vie­le Men­schen unan­ge­nehm berührt“, sagt Truog.

Truog trug mit dazu bei, das Ver­fah­ren bei der Spen­de nach Herz­tod am Bos­ton Children’s Hos­pi­tal ein­zu­füh­ren, und er gehört zu denen, die nicht vie­le Wor­te dar­über ver­lie­ren. „Wir beach­ten die „dead donor rule“ hier“, sagt er. Statt­des­sen set­zen er und sei­ne Kol­le­gen sich für Klar­heit und Trans­pa­renz ein.

Öffentliche Meinungen

Die­je­ni­gen, die sich für die Abschaf­fung der „dead-donor-rule“ ein­set­zen, beto­nen, dass ein neu­es Sys­tem beson­ders hohe Stan­dards bei der Zustim­mung erfor­dert und die Zusi­che­rung, dass den Spen­dern kein Scha­den zuge­fügt wird. Stren­ge medi­zi­ni­sche, juris­ti­sche und ethi­sche Richt­li­ni­en müss­ten das sicher­stel­len.

Unter Beach­tung die­ser Vor­sichts­maß­nah­men stirbt kein Pati­ent infol­ge der Organ­ent­nah­me, der nicht auch sonst nach Been­di­gung der lebens­er­hal­ten­den Maß­nah­men gestor­ben wäre“, schreibt Truog als Ko-Autor 2008 im New Eng­land Jour­nal of Medi­ci­ne.

Sorg­fäl­tig über­ar­bei­te­te Vor­schrif­ten, so heißt es, wür­den dazu bei­tra­gen, dass ver­letz­li­che Men­schen wie Demen­te und Geis­tes­kran­ke geschützt wer­den, und auch ver­hin­dern, dass Men­schen sich für eine Selbst­tö­tung durch Organ­spen­de ent­schei­den.

Sogar bei die­sen vor­ge­schla­ge­nen Sicher­heits­vor­keh­run­gen hält die Angst vor öffent­li­cher Ver­ur­tei­lung bei­de Sei­ten davon ab, dar­über in der Öffent­lich­keit zu spre­chen. Wenn man die Mög­lich­keit erwähnt, dass die Orga­ne ent­nom­men wer­den, bevor die Men­schen tot sind, oder auch nur andeu­tet, dass es so schon gesche­hen könn­te, wür­de das fra­gi­le Ver­trau­en erschüt­tert, das der Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zin seit den 60er Jah­ren ent­ge­gen­ge­bracht wur­de.

Wir wol­len dies ver­mei­den“, sagt Wik­ler. „Die Organ­trans­plan­ta­ti­on ist mit einer der Grün­de, dass wir dank­bar sein kön­nen für die moder­ne Medi­zin.“

Aber wür­de die­ses Ver­trau­en tat­säch­lich erschüt­tert wer­den? Vor­sich­ti­ge Opti­mis­ten wie Truog und Coch­ra­ne ver­wei­sen auf Erfah­run­gen in den Kli­ni­ken, wonach die Ange­hö­ri­gen ihre hirn­to­ten Ange­hö­ri­gen bezeich­nen als „Sie wer­den durch künst­li­che Beatmung am Leben erhal­ten“, aber kei­ne Beden­ken haben, ihre Orga­ne zur Spen­de frei­zu­ge­ben.

Eini­ge weni­ge Stu­di­en haben ver­sucht, die öffent­li­che Mei­nung ein­zu­schät­zen. In einer Umfra­ge unter tau­send US-Bür­gern, so der Bericht des Jour­nal of Medi­cal Ethics sag­ten 71 Pro­zent der Befrag­ten, es soll­te gesetz­lich erlaubt sein, die Orga­ne von Pati­en­ten im irrever­si­blen Koma zu ent­neh­men, auch wenn die Organ­spen­de ihren Tod her­bei­führt; 67 Pro­zent sag­ten, sie wür­den in einer sol­chen Situa­ti­on ihre Orga­ne spen­den. Aller­dings ergab eine Umfra­ge von 2016 im Jour­nal of Medi­ci­ne and Phi­lo­so­phy, dass die Öffent­lich­keit  „zuneh­mend kri­tisch“ ist in Bezug auf Kon­flik­te zwi­schen Organ­spen­de und Todes­fest­stel­lung.

Wartezeit?

Vor vier­zig Jah­ren wur­de die Been­dun­gung von lebens­er­hal­ten­den Maß­nah­men in hoff­nungs­lo­sen Fäl­len für die ent­schei­den­de Todes­ur­sa­che gehal­ten. Im Lauf der Zeit wur­den die Geset­ze geän­dert, da Medi­zi­ner und Lai­en sich dar­auf einig­ten, dass der Zustand des Pati­en­ten die Todes­ur­sa­che war. Die glei­che Mei­nungs­än­de­rung könn­te auch bei der Ent­nah­me der Orga­ne auf­tre­ten.

Wenn Organ­ban­ken und Poli­ti­ker kon­ser­va­tiv blei­ben bei ihren Bemü­hun­gen, lebens­fä­hi­ge Orga­ne ent­neh­men zu dür­fen, dann liegt dies dar­an, dass die medi­zi­ni­sche Pra­xis sich lang­sam umstel­len muss und dar­auf war­tet, dass sich die medi­zi­ni­schen und gesell­schaft­li­chen Anschau­un­gen ändern.

Wäh­rend sie auf die­se Chan­ce war­ten, könn­ten Kri­ti­ker der „dead-donor-rule“ das eine den­ken und das ande­re tun.

Ich bin irgend­wie zwei­ge­teilt“, sagt Truog. „Als Inten­siv­me­di­zi­ner muss ich mich an den „sta­tus quo“ hal­ten. In Gesprä­chen mit Kol­le­gen und wenn ich unter­rich­te, rede ich anders dar­über.“

Viel­leicht muss die dead-donor-rule, so fra­gil sie auch sein mag, noch wei­te­re zehn oder 20 Jah­re Gül­tig­keit haben, bis die eine oder ande­re For­schung eine ande­re Ver­sor­gung mit Orga­nen ermög­licht.

Wenn Orga­ne nur von Schwei­nen stamm­ten, benö­tig­ten wir kei­ne Dia­gno­se wie den „Hirn­tod“ mehr“, so Truog. „Viel­leicht soll­ten wir ein­fach noch war­ten.“

Aber auf den tech­no­lo­gi­schen „deus ex machi­na“ zu war­ten ist nicht für jeden das Rich­ti­ge. „Ich hof­fe, das geschieht bald, weil jeder davon pro­fi­tie­ren wird“, sagt Coch­ra­ne, „und gleich­zei­tig möch­te ich nicht, dass dies pas­siert, weil die­se Form der Ethik noch auf ihre Erfol­ge hin über­prüft wer­den muss.“

Wenn eines Tages Ärz­te, Chir­ur­gen, Pati­en­ten, Fami­li­en, Rechts­an­wäl­te, Poli­ti­ker, Ethi­ker und ande­re dar­in über­ein­stim­men, dass eine Über­win­dung der „dead-donor-rule“ bes­ser wäre als sie bei­zu­be­hal­ten, dann gäbe es Grund zum Fei­ern und um sich Sor­gen zu machen. Die Schlacht um Defi­ni­tio­nen und mehr Pati­en­ten-Auto­no­mie wäre gewon­nen, aber dann müss­te die schwe­re Auf­ga­be, sie anzu­wen­den, in Angriff genom­men wer­den.

 

Ste­pha­nie Dut­chen schreibt wis­sen­schaft­li­che Tex­te für das Büro für Kom­mu­ni­ka­ti­on und Außen­be­zie­hun­gen der Har­vard Medi­cal School (HMS Office of Com­mu­ni­ca­ti­on and Exter­nal Rela­ti­ons).

Englischsprachiger Originaltext

A Fine Line- Is it time to recon­si­der the dead-donor rule?
by Ste­pha­nie Dut­chen

Published online: Autumn 2016
in Ethics of Har­vard Medi­zi­ne Maga­zi­ne

Deutsche Übersetzung

Rena­te Focke

Der tödliche Apnoe Test

Das Inter­view führ­te Sil­via Mat­t­hies mit Pro­fes­sor Cice­ro Gal­li Coim­bra, MD, PHD, Lehr­be­auf­trag­ter Pro­fes­sor für Neu­ro­lo­gie und Neu­ro­wis­sen­schaf­ten, Lan­des­uni­ver­si­tät Sao Pau­lo – UNIFESP, Bra­si­li­en am Ran­de des Kon­gres­ses “Signs of life”, der am 19. Febru­ar 2009 in Rom statt fand. Wis­sen­schaft­ler aus aller Welt stell­ten das Hirn­tod­kon­zept in Fra­ge.

Der Organ­spen­de­WI­DER­SPRUCH der Initia­ti­ve KAO unter­sagt jeg­li­che Hirn­tod­dia­gnos­tik: https://initiative-kao.de/infoservice/infodownload/pdf-kao-organspendewiderspruch/