
Verwirrung für Organspender- der Konflikt mit der Patientenverfügung
Aus: ARD Report München 2013, Autor: Silvia Matthies Schon vor der Hirntoddiagnose…

Aus: ARD Report München 2013, Autor: Silvia Matthies Schon vor der Hirntoddiagnose…

Ausführliches Interview mit Gisela Meyer zu Biesen, Krankenschwester zur Organentnahme ihres Sohnes Lorenz.

Welches Trauma eine Organentnahme für die Angehörigen des Spenders bedeuten kann, zeigt der Fall des 15-jährigen Lorenz Meyer. Die Eltern wurden bereits eine Nacht nach der Einlieferung ihres Sohnes in eine Schweizer Klinik mit der Frage nach Organentnahme konfrontiert. In ihrer Verzweiflung stimmten sie trotz aller Vorbehalte der Entnahme der Nieren zu. Ein Schritt, den sie im Nachhinein bitter bereuen sollten. Erst bestand nur der Verdacht, dass mehr Organe entnommen wurden, als zugesagt. Doch dann stellte sich heraus, dass es gravierende Zweifel an der Richtigkeit der Hirntoddiagnostik gibt.

In den folgenden zwei Tagen wurde der Zustand unseres Sohnes immer kritischer, und wenn ich nicht von der Transplantation geredet hätte, wäre er wahrscheinlich einen Tag früher an Lungenversagen gestorben. So aber wurde er mit allen Mitteln am Leben erhalten, um die Spende zu realisieren. Dazu mussten allerdings die Barbituratwerte in seinem Blut so weit sinken, dass der Hirntod festgestellt werden konnte.

In dem Film "Hirntod-Tod bei lebendigem Leib" spricht der Facharzt für Chirurgie Jobst Meyer über die sehr fragwürdige Hirntoddiagnostik bei seinem Bruder Lorenz Mayer. Hier sehen Sie das ausführliche Interview mit Jobst Meyer, Facharzt für Chirurgie zu den medizinischen Hintergründen.

Mir fällt es nicht leicht, über die Organentnahme bei unserem Sohn Lorenz zu berichten. Das ist ein traumatisches Geschehen.
Über das Kind, den Unfall, den Tod und die Zeit danach kann ich gut sprechen. Das half mir sogar sehr in der Trauer. Ganz anders verhält es sich mit der Organentnahme. Die hatte ich verdrängt, darüber hatte ich Jahre nicht geredet – noch nicht einmal mit meiner Frau. Ich hatte mich geschämt und ich schäme mich noch heute, dass ich mich habe manipulieren und beim Sterben des Kindes wegschicken lassen, statt es zu begleiten bis zuletzt.

Am Nachmittag hatten wir - das heißt unsere Schwiegertochter, unsere Tochter, mein Mann und ich - ein Gespräch mit der Ärztin, die ihn operiert hatte. Sie sagte, seine Überlebenschancen seien gering und die Diagnose „Hirntod“ sei wahrscheinlich. Mein Mann sagte spontan, dann würde uns wohl die Frage nach einer Organspende gestellt werden.
Foto: Hush Naidoo | unsplash.comDas Wissen um die Vorgeschichte ist dabei unerlässlich: Ist der Ausfall der Hirnfunktionen Folge einer schweren Hirnschädigung, etwa nach einem massiven Schlaganfall, oder einer Tablettenintoxikation? Der intoxikierte Patient kann das Bild eines Hirntods zeigen, obwohl seine Hirnfunktionen nicht irreversibel erloschen sind und nach Abklingen der Medikamentenwirkung wiederherstellbar sind. Deshalb weisen die Richtlinien der Bundesärztekammer auf die Gefahr einer Verwechslung von Hirntod und Intoxikation hin.
Doch wie oft kennen die Ärzte auf der Intensivstation tatsächlich die Vorgeschichte des Patienten? Wie oft sind sie ausreichend skeptisch, wenn ein Patient nach einem Verkehrsunfall eingeliefert wird? Der Unfall kann Folge einer Medikamentenüberdosis sein.
Mehr noch: Ein Patient, der tatsächlich einen Schlaganfall hat, kann zugleich eine Medikamentenintoxikation aufweisen, die aber durch die eher ins Auge fallenden Symptome des Schlaganfalls kaschiert wird. Erschwerend kommt schließlich hinzu, dass intensivpflichtige Patienten mit begleitenden Herz-Kreislaufproblemen oft Leber- und Nierenfunktionsstörungen haben. Medikamente, die einen Hirntod imitieren, werden dann sehr viel langsamer abgebaut und ausgeschwemmt und wirken dadurch länger als üblich.

Rezension des Buches:
Dieses Buch ist in mehrfacher Hinsicht —politisch, medizinisch, juristisch und spirituell— ein wichtiges Buch.
Die Autorin lässt uns berührend und fesselnd - fast wie in einem persönlichen Gespräch- an ihrer Geschichte im Kampf gegen die Transplantationsmedizin(er) teilhaben. Wir erfahren zunehmend schockiert, betroffen und empört, was eine Organ-"Spende" eigentlich ist, nämlich die Organentnahme bei einem noch lebenden Menschen, der im Sterben liegt.
Im Falle ihres Sohnes ist sogar fraglich, ob wirklich alles getan wurde, um sein eigenes Leben zu retten und ob die Feststellung des Hirntodes korrekt verlief.

Im Jahre 2013 sagte der evangelische Klinikpfarrer Rolf-Martin Turek aus Leipzig in…