Essay – Bei einer Sit­zung der Päpst­li­chen Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten Anfang Febru­ar 2005

Von Paul A. Byr­ne, Cice­ro G. Coim­bra, Robert Spae­mann und Mer­ce­des Arzu Wilson 

In der Medi­zin schüt­zen, erhal­ten und ver­län­gern wir das Leben und zögern den Tod hin­aus. Unser Ziel ist es, Kör­per und See­le ver­eint zu hal­ten. Wenn ein lebens­wich­ti­ges Organ sei­ne Funk­ti­on ein­stellt, kann dies zum Tod füh­ren. Ande­rer­seits kann eine medi­zi­ni­sche Inter­ven­ti­on manch­mal die Funk­ti­on des geschä­dig­ten Organs wie­der­her­stel­len, oder medi­zi­ni­sche Gerä­te (wie Herz­schritt­ma­cher und Herz-Lun­gen-Maschi­nen) kön­nen Leben erhal­ten. Die Beob­ach­tung einer Funk­ti­ons­auf­ga­be des Gehirns oder eines ande­ren Organs des Kör­pers bedeu­tet an sich noch nicht die Zer­stö­rung die­ses Organs, geschwei­ge denn den Tod des Menschen.

Dr. Paul Byr­ne

Am 3. und 4. Febru­ar ver­an­stal­te­te die Päpst­li­che Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten in Zusam­men­ar­beit mit der Welt­or­ga­ni­sa­ti­on für die Fami­lie im Vati­kan eine Tagung mit dem Titel „Die Zei­chen des Todes”. Die­ser Auf­satz basiert auf den Bei­trä­gen, die der Päpst­li­chen Aka­de­mie vor­ge­legt wur­den, sowie auf den Dis­kus­sio­nen, die wäh­rend die­ser bei­den Tage stattfanden. 

Die Tagung wur­de auf Wunsch von Papst Johan­nes Paul II. ein­be­ru­fen, um die Anzei­chen des Todes neu zu bewer­ten und auf rein wis­sen­schaft­li­cher Ebe­ne die Gül­tig­keit der Kri­te­ri­en für den Tod in Bezug auf das Gehirn zu über­prü­fen und sich damit in die aktu­el­le Debat­te der wis­sen­schaft­li­chen Gemein­schaft zu die­sem The­ma einzubringen. 

In einer Bot­schaft an die Päpst­li­che Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten, die auf der Febru­ar-Tagung ver­öf­fent­licht wur­de, erklär­te der Hei­li­ge Vater, dass die Kir­che „die Pra­xis der Trans­plan­ta­ti­on von Orga­nen ver­stor­be­ner Per­so­nen“ stets unter­stützt habe. Er mahn­te jedoch, dass Trans­plan­ta­tio­nen nur dann akzep­ta­bel sei­en, wenn sie in einer Wei­se durch­ge­führt wür­den, „die den Respekt vor dem Leben und vor der mensch­li­chen Per­son gewährleistet“. 

Der Papst zitier­te sei­nen Vor­gän­ger Papst Pius XII., der sag­te, dass „es Auf­ga­be des Arz­tes ist, eine kla­re und prä­zi­se Defi­ni­ti­on des Todes und des Todes­zeit­punkts zu geben“. Er ermu­tig­te die Päpst­li­che Aka­de­mie, die­se Auf­ga­be wei­ter­zu­ver­fol­gen, und ver­sprach, dass Wis­sen­schaft­ler auf die Unter­stüt­zung der vati­ka­ni­schen Behör­den zäh­len könn­ten, „ins­be­son­de­re der Kon­gre­ga­ti­on für die Glaubenslehre“. 

Hin­ter­grund

1968 wur­den die „Har­vard-Kri­te­ri­en“ zur Fest­stel­lung des Hirn­tods im „Jour­nal of the Ame­ri­can Medi­cal Asso­cia­ti­on“ unter dem Titel „A Defi­ni­ti­on of Irrever­si­ble Coma“ (Eine Defi­ni­ti­on des irrever­si­blen Komas) ver­öf­fent­licht. Die­ser Arti­kel wur­de ohne bele­gen­de Daten aus wis­sen­schaft­li­chen For­schun­gen oder Fall­stu­di­en ein­zel­ner Pati­en­ten ver­öf­fent­licht. Aus die­sem Grund erklär­te die Mehr­heit der Refe­ren­ten auf der Kon­fe­renz in Rom, dass die „Har­vard-Kri­te­ri­en“ wis­sen­schaft­lich ungül­tig seien. 

Im Jahr 2002 wur­den die Ergeb­nis­se einer welt­wei­ten Umfra­ge in „Neu­ro­lo­gy“ ver­öf­fent­licht, die zu dem Schluss kam, dass die Ver­wen­dung des Begriffs „Hirn­tod” welt­weit „eine akzep­tier­te Tat­sa­che ist, aber es gab kei­nen glo­ba­len Kon­sens über die Dia­gno­se­kri­te­ri­en” und es gibt immer noch „welt­weit unge­lös­te Fragen”. 

Tat­säch­lich wur­den zwi­schen 1968 und 1978 min­des­tens 30 unter­schied­li­che Kri­te­ri­en­ka­ta­lo­ge ver­öf­fent­licht, und seit­dem sind noch vie­le wei­te­re hin­zu­ge­kom­men. Jeder neue Kri­te­ri­en­ka­ta­log ist ten­den­zi­ell weni­ger streng als frü­he­re Kata­lo­ge, und kei­ner von ihnen basiert auf der wis­sen­schaft­li­chen Metho­de der Beob­ach­tung und Hypo­the­se mit anschlie­ßen­der Verifizierung. 

Ver­su­che, die neue­ren Kri­te­ri­en mit den bewähr­ten, all­ge­mein aner­kann­ten Kri­te­ri­en für den Tod – dem Aus­blei­ben von Kreis­lauf, Atmung und Refle­xen – zu ver­glei­chen, zei­gen, dass sich die­se Kri­te­ri­en deut­lich unter­schei­den. Dies hat zu einer unglück­li­chen Situa­ti­on für die Ärz­te­schaft geführt. Vie­le Ärz­te, die der Mei­nung sind, dass durch die Akzep­tanz solch unter­schied­li­cher Kri­te­ri­en der Hip­po­kra­ti­sche Eid ver­letzt wird, sehen die Not­wen­dig­keit, den Irr­tum des „Hirn­to­des” auf­zu­de­cken, da der gute Ruf der Ärz­te­schaft auf dem Spiel steht. 

Phi­lo­so­phi­sche Überlegungen

In sei­nem Vor­trag vor der Päpst­li­chen Aka­de­mie zitier­te Robert Spae­mann, ein bekann­ter ehe­ma­li­ger Pro­fes­sor für Phi­lo­so­phie an der Uni­ver­si­tät Mün­chen, die Wor­te von Papst Pius XII., der erklär­te, dass „das mensch­li­che Leben wei­ter­be­steht, wenn sich sei­ne lebens­wich­ti­gen Funk­tio­nen mani­fes­tie­ren, auch mit Hil­fe künst­li­cher Prozesse”. 

Pro­fes­sor Spae­mann bemerk­te: „Das Aus­set­zen der Atmung und des Herz­schlags, das ‚Erlö­schen der Augen‘, die Lei­chen­star­re usw. sind die Kri­te­ri­en, anhand derer Men­schen seit jeher gese­hen und gefühlt haben, dass ein Mit­mensch tot ist.“ Aber die Har­vard-Kri­te­ri­en „haben die­se Kor­re­la­ti­on zwi­schen Medi­zin­wis­sen­schaft und nor­ma­ler zwi­schen­mensch­li­cher Wahr­neh­mung grund­le­gend verändert“. 

Er for­mu­lier­te es so: Durch die genaue Unter­su­chung der Exis­tenz der Sym­pto­me des Todes, wie sie vom gesun­den Men­schen­ver­stand wahr­ge­nom­men wer­den, setzt die Wis­sen­schaft nicht mehr das „nor­ma­le“ Ver­ständ­nis von Leben und Tod vor­aus. Tat­säch­lich ent­wer­tet sie die nor­ma­le mensch­li­che Wahr­neh­mung, indem sie Men­schen für tot erklärt, die noch als leben­dig wahr­ge­nom­men werden. 

Der neue Ansatz zur Defi­ni­ti­on des Todes, so der deut­sche Wis­sen­schaft­ler wei­ter, spie­ge­le ande­re Prio­ri­tä­ten wider: 

Es ging nicht mehr um das Inter­es­se der Ster­ben­den, nicht vor­zei­tig für tot erklärt zu wer­den, son­dern um das Inter­es­se ande­rer Men­schen, einen Ster­ben­den so schnell wie mög­lich für tot zu erklären. 

Für die­ses Inter­es­se Drit­ter wer­den zwei Grün­de genannt: 

  1. die Gewähr­leis­tung der recht­li­chen Immu­ni­tät für die Ein­stel­lung lebens­ver­län­gern­der Maß­nah­men, die eine finan­zi­el­le und per­sön­li­che Belas­tung für Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge und Gesell­schaft glei­cher­ma­ßen dar­stel­len wür­den, und
  2. die Ent­nah­me lebens­wich­ti­ger Orga­ne zum Zweck der Ret­tung ande­rer Men­schen durch Trans­plan­ta­ti­on. Die­se bei­den Inter­es­sen sind nicht die Inter­es­sen des Pati­en­ten, da sie dar­auf abzie­len, ihn so schnell wie mög­lich als Sub­jekt sei­ner eige­nen Inter­es­sen zu eliminieren.

Die Argu­men­te gegen die Ver­wen­dung des „Hirn­tods” als Fest­stel­lung des Todes wer­den laut Spae­mann „nicht nur von Phi­lo­so­phen und, ins­be­son­de­re in mei­nem Land, von füh­ren­den Juris­ten, son­dern auch von Medi­zin­wis­sen­schaft­lern vor­ge­bracht”. Er zitier­te die Wor­te eines deut­schen Anäs­the­sis­ten, der schrieb: „Hirn­to­te Men­schen sind nicht tot, son­dern sterbend.” 

Medi­zi­ni­sche Beweise

Dr. Paul Byr­ne, ein Neo­na­to­lo­ge (Kin­der­arzt für Neu­ge­bo­re­ne) aus Tole­do, Ohio, brach­te eine medi­zi­ni­sche Per­spek­ti­ve ein – er sag­te aus: 

Wenn Orga­ne von einem „hirn­to­ten“ Spen­der ent­nom­men wer­den, sind vor der Ent­nah­me alle Vital­funk­tio­nen des „Spen­ders“ noch vor­han­den, wie z. B.: nor­ma­le Kör­per­tem­pe­ra­tur und Blut­druck; das Herz schlägt; lebens­wich­ti­ge Orga­ne wie Leber und Nie­ren funk­tio­nie­ren; und der Spen­der atmet mit Hil­fe eines Beatmungsgeräts. 

Dar­über hin­aus erklär­te Byr­ne gegen­über der Aka­de­mie, dass die­ser Ansatz für die meis­ten Trans­plan­ta­tio­nen erfor­der­lich ist, da lebens­wich­ti­ge Orga­ne nach dem Tod eines Pati­en­ten sehr schnell zer­fal­len. „Nach dem tat­säch­li­chen Tod“, sag­te er, „kön­nen unge­paar­te lebens­wich­ti­ge Orga­ne (ins­be­son­de­re das Herz und die gesam­te Leber) nicht mehr trans­plan­tiert werden.“ 

Die Trans­plan­ta­ti­on von unpaa­ri­gen lebens­wich­ti­gen Orga­nen ist in den meis­ten west­li­chen Län­dern, ein­schließ­lich der Ver­ei­nig­ten Staa­ten, und in eini­gen Ent­wick­lungs­län­dern wie Bra­si­li­en legal, aber die wich­ti­ge Fra­ge für jeden lau­tet: „Ist es mora­lisch zuläs­sig, ein Leben zu been­den, um ein ande­res zu ret­ten?“ Papst Johan­nes Paul II. hat dies erst kürz­lich am 4. Febru­ar 2003 in sei­ner Bot­schaft zum Welt­kran­ken­tag wie­der­holt: „Es ist nie­mals zuläs­sig, einen Men­schen zu töten, um einen ande­ren zu ret­ten.“ Der Kate­chis­mus der Katho­li­schen Kir­che stellt klar (2296): „Es ist mora­lisch unzu­läs­sig, direkt die Ver­stüm­me­lung oder den Tod eines Men­schen her­bei­zu­füh­ren, selbst um den Tod ande­rer Men­schen hinauszuzögern.“ 

In der Medi­zin schüt­zen, bewah­ren und ver­län­gern wir das Leben und ver­zö­gern den Tod“, sag­te Byr­ne. „Unser Ziel ist es, Kör­per und See­le ver­eint zu hal­ten.“ Wenn ein lebens­wich­ti­ges Organ sei­ne Funk­ti­on ein­stellt, kann dies zum Tod füh­ren, argu­men­tier­te er. Ande­rer­seits kann eine medi­zi­ni­sche Inter­ven­ti­on manch­mal die Funk­ti­on des geschä­dig­ten Organs wie­der­her­stel­len, oder medi­zi­ni­sche Gerä­te (wie Herz­schritt­ma­cher und Herz-Lun­gen-Maschi­nen) kön­nen Leben erhal­ten. Er sag­te: „Die Beob­ach­tung eines Funk­ti­ons­aus­falls des Gehirns oder eines ande­ren Organs des Kör­pers bedeu­tet an sich noch nicht die Zer­stö­rung die­ses Organs, geschwei­ge denn den Tod des Menschen.“ 

Ver­tei­di­gung der Kriterien

Eini­ge Teil­neh­mer der Sit­zung im Febru­ar ver­tei­dig­ten die Ver­wen­dung der Kri­te­ri­en für den „Hirn­tod“. Dr. Ste­wart Young­ner von der Case Wes­tern Uni­ver­si­ty in Ohio räum­te ein, dass „hirn­to­te“ Spen­der am Leben sind, argu­men­tier­te jedoch, dass dies kein Hin­der­nis für die Ent­nah­me ihrer Orga­ne dar­stel­len soll­te. Sei­ne Begrün­dung war, dass die „Lebens­qua­li­tät“ eines „hirn­to­ten“ Pati­en­ten so schlecht ist, dass es vor­teil­haf­ter wäre, sei­ne Orga­ne zu ent­neh­men, um das Leben eines ande­ren zu ver­län­gern, als das Leben des Organ­spen­ders fortzusetzen. 

Dr. Con­ra­do Estol, ein Neu­ro­lo­ge aus Bue­nos Aires, erläu­ter­te die Schrit­te, die zur Fest­stel­lung des „Hirn­tods” eines poten­zi­el­len Organ­spen­ders durch­ge­führt wer­den soll­ten. Dr. Estol, der sich nach­drück­lich für die Ent­nah­me mensch­li­cher Orga­ne zur Ver­län­ge­rung des Lebens ande­rer Pati­en­ten aus­spricht, zeig­te ein dra­ma­ti­sches Video von einer Per­son, bei der „Hirn­tod” dia­gnos­ti­ziert wor­den war und die ver­such­te, sich auf­zu­rich­ten und die Arme zu ver­schrän­ken, obwohl Dr. Estol dem Publi­kum ver­si­cher­te, dass der Spen­der eine Lei­che war. Dies lös­te bei vie­len Kon­fe­renz­teil­neh­mern eine beun­ru­hi­gen­de Reak­ti­on aus. 

Der fran­zö­si­sche Trans­plan­ta­ti­ons­chir­urg Dr. Didier Hous­sin räum­te ein, dass es auf­grund der unter­schied­li­chen Kri­te­ri­en für den Hirn­tod zu Schwie­rig­kei­ten kommt. Er stell­te fest: „Der Tod ist eine medi­zi­ni­sche Tat­sa­che, ein bio­lo­gi­scher Pro­zess und eine phi­lo­so­phi­sche Fra­ge, aber auch eine sozia­le Tat­sa­che.” Es wäre für eine Gesell­schaft schwie­rig zu akzep­tie­ren, dass ein Mensch an einem Ort als leben­dig und an einem ande­ren Ort als tot bezeich­net wer­den könn­te. Als Befür­wor­ter von Trans­plan­ta­tio­nen sag­te er jedoch, dass es wich­tig sei, dass die Gesell­schaft den Ärz­ten vertraue. 

Ein wei­te­rer fran­zö­si­scher Arzt, Dr. Jean-Didier Vin­cent vom Insti­tut Uni­ver­si­taire (Anmer­kung KAO: Insti­tut Uni­ver­si­taire de France), beton­te, dass bei einer „hirn­to­ten“ Per­son eine voll­stän­di­ge und irrever­si­ble Zer­stö­rung des Gehirns vor­liegt. Dr. Vin­cent wur­de ein­ge­hend zu dem Fall einer schwan­ge­ren Frau befragt, bei der Hirn­tod dia­gnos­ti­ziert wur­de, die jedoch dank lebens­er­hal­ten­der Maß­nah­men ihre Schwan­ger­schaft fort­setzt und sogar Mut­ter­milch für ihr unge­bo­re­nes Kind pro­du­ziert. Er räum­te ein, dass die Mut­ter Milch pro­du­ziert, betrach­tet die­se Pro­duk­ti­on jedoch eher als einen gehemm­ten mecha­ni­schen Reflex als ein Zei­chen für anhal­ten­des mensch­li­ches Leben. Als er dar­an erin­nert wur­de, dass die Pro­duk­ti­on von Mut­ter­milch auf ein Signal des Hypo­phy­sen­vor­der­lap­pens zurück­zu­füh­ren ist, das die Milch­se­kre­ti­on und mög­li­cher­wei­se das Brust­wachs­tum sti­mu­liert und somit ein funk­tio­nie­ren­des Gehirn erfor­dert, ant­wor­te­te er, dass es zu einer mini­ma­len Hor­mon­pro­duk­ti­on im Gehirn kom­men könnte. 

Der Apnoe-Test

In sei­nem Vor­trag auf der Kon­fe­renz pran­ger­te Dr. Cice­ro Coim­bra, kli­ni­scher Neu­ro­lo­ge an der Bun­des­uni­ver­si­tät von Sao Pao­lo, Bra­si­li­en, die Grau­sam­keit des Apnoe-Tests an, bei dem dem Pati­en­ten bis zu 10 Minu­ten lang die mecha­ni­sche Atem­un­ter­stüt­zung ent­zo­gen wird, um fest­zu­stel­len, ob er selbst­stän­dig zu atmen beginnt. Dies ist Teil des Ver­fah­rens, bevor ein Pati­ent mit Hirn­scha­den für „hirn­tot” erklärt wird. Dr. Coim­bra erklär­te, dass die­ser Test die mög­li­che Gene­sung eines hirn­ver­letz­ten Pati­en­ten erheb­lich beein­träch­tigt und sogar zum Tod der Pati­en­ten füh­ren kann. 

Er argumentierte: 

  • Eine gro­ße Anzahl von Pati­en­ten mit Hirn­ver­let­zun­gen, selbst wenn sie sich in einem tie­fen Koma befin­den, kann sich so weit erho­len, dass sie ein nor­ma­les All­tags­le­ben füh­ren kön­nen; ihr Ner­ven­ge­we­be ist mög­li­cher­wei­se nur still­ge­legt und nicht irrever­si­bel geschä­digt, was eine Fol­ge der teil­wei­sen Ver­rin­ge­rung der Blut­ver­sor­gung des Gehirns ist. (Die­ses Phä­no­men, das als „ischä­mi­sche Pen­um­bra” bezeich­net wird, war vor 37 Jah­ren, als die ers­ten neu­ro­lo­gi­schen Kri­te­ri­en für den Hirn­tod fest­ge­legt wur­den, noch nicht bekannt. Der Apnoe-Test (der als wich­tigs­ter Schritt für die Dia­gno­se des „Hirn­tods” oder Hirn­stamm­to­des gilt) kann jedoch einen irrever­si­blen intra­kra­ni­ellen Kreis­lauf­kol­laps oder sogar einen Herz­still­stand aus­lö­sen und dadurch eine neu­ro­lo­gi­sche Erho­lung verhindern.
  • Wäh­rend des Apnoe-Tests wird den Pati­en­ten die Aus­schei­dung von Koh­len­di­oxid (CO2) ver­wehrt, das mit stei­gen­der CO2-Kon­zen­tra­ti­on im Blut zu einem Gift für das Herz wird.
  • Als Fol­ge die­ses Ver­fah­rens sinkt der Blut­druck, und die Blut­ver­sor­gung des Gehirns wird irrever­si­bel unter­bro­chen, wodurch irrever­si­ble Hirn­schä­den ver­ur­sacht und nicht dia­gnos­ti­ziert wer­den. Durch die Sen­kung des Blut­drucks ver­rin­gert der „Test“ zusätz­lich die Blut­ver­sor­gung der Atem­zen­tren im Gehirn, wodurch der Pati­ent wäh­rend die­ses Ver­fah­rens nicht atmen kann. (Durch das Atmen wür­de der Pati­ent zei­gen, dass er lebt.)
  • Irrever­si­bler Herz­still­stand (Tod), Herz­rhyth­mus­stö­run­gen, Myo­kard­in­farkt und ande­re lebens­be­droh­li­che schäd­li­che Aus­wir­kun­gen kön­nen eben­falls wäh­rend des Apnoe-Tests auf­tre­ten. Daher kann es wäh­rend und vor dem Ende der dia­gnos­ti­schen Ver­fah­ren zur Fest­stel­lung des „Hirn­tods“ zu irrever­si­blen Hirn­schä­den kommen.

Dr. Coim­bra kam zu dem Schluss, dass der Apnoe-Test als unethisch ange­se­hen und als unmensch­li­ches medi­zi­ni­sches Ver­fah­ren für ille­gal erklärt wer­den soll­te. Wenn die Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen über die Bru­ta­li­tät und die Risi­ken des Ver­fah­rens infor­miert wür­den, wür­den die meis­ten von ihnen ihre Zustim­mung ver­wei­gern. Er wies dar­auf hin, dass ein Herz­in­farkt­pa­ti­ent bei der Ein­lie­fe­rung in die Not­auf­nah­me nie­mals einem Stress­test unter­zo­gen wird, um fest­zu­stel­len, ob er an Herz­ver­sa­gen lei­det. Statt­des­sen wer­de der Pati­ent beson­ders ver­sorgt und vor wei­te­rer Belas­tung des Her­zens geschützt. 

Im Gegen­satz dazu wird bei einem Pati­en­ten mit Hirn­ver­let­zung, der dem Apnoe-Test unter­zo­gen wird, das bereits geschä­dig­te Organ wei­ter belas­tet, und zusätz­li­che Schä­den kön­nen das Leben des Pati­en­ten gefähr­den. Dr. Yoshio Watana­be, Kar­dio­lo­ge aus Nago­ya, Japan, pflich­te­te dem bei und erklär­te, dass Pati­en­ten, die nicht dem Apnoe-Test unter­zo­gen wür­den, bei recht­zei­ti­ger the­ra­peu­ti­scher Hypo­ther­mie eine 60-pro­zen­ti­ge Chan­ce auf eine Rück­kehr zu einem nor­ma­len Leben hätten. 

Die Fra­ge nach der mög­li­chen Gene­sung eines Pati­en­ten mit Hirn­ver­let­zung beschäf­tig­te auch Dr. David Hill, einen bri­ti­schen Anäs­the­sis­ten und Dozen­ten in Cam­bridge. Er bemerk­te: „Es soll­te zunächst betont wer­den, dass all­ge­mein aner­kannt ist, dass eini­ge Funk­tio­nen oder zumin­dest eini­ge Akti­vi­tä­ten im Gehirn noch bestehen blei­ben kön­nen, und zwei­tens, dass der ein­zi­ge Zweck der Erklä­rung eines Pati­en­ten als tot statt als ster­bend dar­in besteht, funk­ti­ons­fä­hi­ge Orga­ne für Trans­plan­ta­tio­nen zu erhal­ten.“ Die Anwen­dung die­ser Kri­te­ri­en, so schluss­fol­ger­te er, „könn­te kei­nes­falls als Vor­teil für den ster­ben­den Pati­en­ten inter­pre­tiert wer­den, son­dern nur (ent­ge­gen den hip­po­kra­ti­schen Prin­zi­pi­en) als poten­zi­el­ler Vor­teil für den Emp­fän­ger der Orga­ne die­ses Patienten.“ 

Die Täu­schung“

Dr. Hill erin­ner­te dar­an, dass die frü­hes­ten Ver­su­che, lebens­wich­ti­ge Orga­ne zu trans­plan­tie­ren, oft schei­ter­ten, weil die Orga­ne, die von Lei­chen ent­nom­men wur­den, sich nicht von der Ischä­mie­pha­se nach dem Tod des Spen­ders erhol­ten. Die Ein­füh­rung der Hirn­tod­kri­te­ri­en lös­te die­ses Pro­blem, berich­te­te er, „indem sie die Ent­nah­me lebens­wich­ti­ger Orga­ne vor dem Abschal­ten der lebens­er­hal­ten­den Maß­nah­men ermög­lich­te – ohne die recht­li­chen Kon­se­quen­zen, die sonst mit die­ser Pra­xis ver­bun­den gewe­sen wären“. 

Es sei zwar bemer­kens­wert, dass die Öffent­lich­keit die­se neu­en Kri­te­ri­en akzep­tiert habe, so Dr. Hill, doch führ­te er die­se Akzep­tanz zum gro­ßen Teil auf die posi­ti­ve Bericht­erstat­tung über Organ­trans­plan­ta­tio­nen und zum Teil auf die Unkennt­nis der Öffent­lich­keit über die Ver­fah­ren zurück. „Es ist all­ge­mein nicht bekannt“, sag­te er, „dass die lebens­er­hal­ten­den Maß­nah­men nicht vor der Ent­nah­me der Orga­ne ein­ge­stellt wer­den und dass eine gewis­se Form der Anäs­the­sie erfor­der­lich ist, um den Spen­der wäh­rend der Ope­ra­ti­on zu kon­trol­lie­ren.“ Da das Wis­sen über das Ver­fah­ren zunimmt, sei es nicht über­ra­schend, dass – wie in einer bri­ti­schen Stu­die aus dem Jahr 2004 berich­tet – „die Ableh­nungs­ra­te von Ange­hö­ri­gen für die Ent­nah­me von Orga­nen von 30 Pro­zent im Jahr 1992 auf 44 Pro­zent gestie­gen ist“. Dr. Hill ver­mu­te­te außer­dem, dass Ange­hö­ri­ge, wenn sie mit eige­nen Augen sehen, dass ein poten­zi­el­ler Organ­spen­der noch lebt, genü­gend Zwei­fel hegen, um der Organ­ent­nah­me nicht zuzustimmen. 

Dr. Hill berich­te­te, dass im Ver­ei­nig­ten König­reich der Druck auf Ein­zel­per­so­nen wächst, eine Spen­der­kar­te zu unter­schrei­ben und immer bei sich zu tra­gen, die Ärz­te zur Ver­wen­dung ihrer lebens­wich­ti­gen Orga­ne berech­tigt. Heu­te sind nur etwa 19 Pro­zent der Bevöl­ke­rung des Lan­des als Organ­spen­der regis­triert, aber Fahr­zeug­zu­las­sungs­for­mu­la­re, Füh­rer­schein­an­trä­ge und ande­re öffent­li­che Doku­men­te ent­hal­ten Käst­chen zum Ankreu­zen, in denen die Bür­ger die­se Vor­aus­ver­fü­gung tref­fen kön­nen; sogar Kin­der wer­den zur Unter­zeich­nung ermu­tigt. In allen die­sen Doku­men­ten ist fest­ge­legt, dass Orga­ne nur „nach mei­nem Tod“ ent­nom­men wer­den dür­fen, aber es gibt kei­ne Defi­ni­ti­on dafür, was „Tod“ bedeutet.

Dr. Hill merk­te erneut an, dass die Akzep­tanz von Trans­plan­ta­tio­nen vom man­geln­den Ver­ständ­nis der Öffent­lich­keit für das Ver­fah­ren abhängt. Und doch, so beton­te er, „ist für jedes ande­re Ver­fah­ren eine Ein­ver­ständ­nis­er­klä­rung erfor­der­lich, aber für die­sen end­gül­tigs­ten aller Ein­grif­fe ist weder eine Erklä­rung noch eine Gegen­zeich­nung erfor­der­lich, noch wird die Mög­lich­keit gege­ben, die Fra­ge der Anäs­the­sie zu besprechen”. 

Bischof Fabi­an Bruske­witz aus Lin­coln, Nebras­ka, sprach das The­ma der Zustim­mung des Spen­ders an. „Soweit ich weiß“, sag­te er vor der Päpst­li­chen Aka­de­mie, „hat kein ange­se­he­ner, gelehr­ter und aner­kann­ter katho­li­scher Moral­theo­lo­ge jemals behaup­tet, dass die Wor­te Jesu über das Hin­ge­ben des Lebens für sei­ne Freun­de (Joh 15,13) ein Gebot oder gar eine Erlaub­nis für die Zustim­mung zum Selbst­mord zum Woh­le der Fort­set­zung des irdi­schen Lebens eines ande­ren seien.“ 

Der Bischof merk­te wei­ter an, dass die der­zei­ti­ge Tech­no­lo­gie es Ärz­ten nur ermög­licht, die Gehirn­ak­ti­vi­tät „in den äuße­ren 1 oder 2 Zen­ti­me­tern des Gehirns“ zu über­wa­chen. Er fragt: „Haben wir dann über­haupt eine mora­li­sche Gewiss­heit, die man als apo­dik­tisch bezeich­nen kann, was die Exis­tenz, geschwei­ge denn das Ende der Gehirn­ak­ti­vi­tät angeht?“

Anmer­kung KAO
apo­dik­tisch
Bedeu­tun­gen:
1. Phi­lo­so­phie: unwi­der­leg­lich, unum­stöß­lich; unbe­dingt sicher; unmit­tel­bar evi­dent (Bei­spie­le: apo­dik­ti­sche Bewei­se oder Urtei­le)
2. bil­dungs­sprach­lich: kei­nen Wider­spruch dul­dend (Bei­spie­le: etwas in apo­dik­ti­scher Form, Wei­se, mit apo­dik­ti­scher Bestimmt­heit behaup­ten; etwas apo­dik­tisch erklä­ren)
Syn­ony­me: bestimmt, ein­deu­tig, ent­schie­den, fest
Her­kunft: spät­la­tei­nisch apo­dic­ti­cus = beweis­kräf­tig

Duden

Aus der Per­spek­ti­ve der katho­li­schen Moral­leh­re sag­te der Bischof: Die Wür­de und Auto­no­mie eines Men­schen – ob Zygo­te, Blas­to­zys­te, Embryo, Fötus, Neu­ge­bo­re­nes, Klein­kind, Jugend­li­cher, Erwach­se­ner, behin­der­ter oder beein­träch­tig­ter Erwach­se­ner, älte­rer Erwach­se­ner, Erwach­se­ner im Koma oder im (soge­nann­ten) per­sis­tie­ren­den vege­ta­ti­ven Zustand usw. – wer­den, wie sie seit jeher in der Geschich­te der katho­li­schen Kir­che ange­se­hen wur­den, als wert respek­tiert zu wer­den und schutz­wür­dig vor uner­wünsch­ten mensch­li­chen Ein­grif­fen, die die Been­di­gung des mensch­li­chen Lebens in einem die­ser Sta­di­en zur Fol­ge haben.

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Ange­sichts der ernst­haf­ten Fra­gen zur Gül­tig­keit der Kri­te­ri­en für den „Hirn­tod” argu­men­tier­te Pro­fes­sor Josef Sei­fert von der Inter­na­tio­na­len Aka­de­mie für Phi­lo­so­phie in Liech­ten­stein, dass Medi­zin­ethi­ker sich auf das wah­re und offen­sicht­li­che ethi­sche Prin­zip (das von der gesam­ten kirch­li­chen Tra­di­ti­on der Moral­leh­re betont wird) beru­fen soll­ten, dass „wir, selbst wenn nur ein klei­ner begrün­de­ter Zwei­fel besteht, dass unse­re Hand­lun­gen einen leben­den Men­schen töten, davon Abstand neh­men müssen”. 

Die Anzei­chen des Todes

Schluss­fol­ge­run­gen nach Prü­fung der hirn­be­zo­ge­nen Kri­te­ri­en für den Tod auf der Tagung der Päpst­li­chen Aka­de­mie der Wissenschaften 

  1. Einer­seits erkennt die Kir­che im Ein­klang mit ihrer Tra­di­ti­on an, dass die Hei­lig­keit allen mensch­li­chen Lebens von der Emp­fäng­nis bis zum natür­li­chen Ende unbe­dingt respek­tiert und gewahrt wer­den muss. Ande­rer­seits neigt eine säku­la­re Gesell­schaft dazu, grö­ße­ren Wert auf die Lebens­qua­li­tät zu legen. 
  2. Die katho­li­sche Kir­che hat sich stets gegen die Zer­stö­rung mensch­li­chen Lebens vor der Geburt durch Abtrei­bung aus­ge­spro­chen und ver­ur­teilt eben­so die vor­zei­ti­ge Been­di­gung des Lebens eines unschul­di­gen Spen­ders, um das Leben eines ande­ren durch eine Trans­plan­ta­ti­on eines nicht pas­sen­den lebens­wich­ti­gen Organs zu ver­län­gern. „Es ist mora­lisch unzu­läs­sig, direkt die Ver­stüm­me­lung oder den Tod eines Men­schen her­bei­zu­füh­ren, selbst um den Tod ande­rer Men­schen hin­aus­zu­zö­gern.“ „Es ist nie­mals zuläs­sig, einen Men­schen zu töten, um einen ande­ren zu retten.“ 
  3. Wir kön­nen auch nicht schwei­gen ange­sichts ande­rer, ver­steck­te­rer, aber nicht weni­ger schwer­wie­gen­der und rea­ler For­men der Eutha­na­sie. Die­se könn­ten bei­spiels­wei­se auf­tre­ten, wenn zur Erhö­hung der Ver­füg­bar­keit von Orga­nen für Trans­plan­ta­tio­nen Orga­ne ent­nom­men wer­den, ohne dass objek­ti­ve und ange­mes­se­ne Kri­te­ri­en zur Über­prü­fung des Todes des Spen­ders ein­ge­hal­ten werden.“
  4. Der Tod des Men­schen ist ein ein­ma­li­ges Ereig­nis, das in der voll­stän­di­gen Auf­lö­sung des ein­heit­li­chen und inte­grier­ten Gan­zen, das das per­sön­li­che Selbst ist, besteht. Er resul­tiert aus der Tren­nung des Lebens­prin­zips (oder der See­le) von der kör­per­li­chen Rea­li­tät des Men­schen.“ Papst Pius XII. erklär­te die­sel­be Wahr­heit, als er fest­stell­te, dass das mensch­li­che Leben wei­ter­be­steht, wenn sich sei­ne lebens­wich­ti­gen Funk­tio­nen auch mit Hil­fe künst­li­cher Ver­fah­ren manifestieren.
  5. Die Aner­ken­nung der ein­zig­ar­ti­gen Wür­de des Men­schen hat eine wei­te­re grund­le­gen­de Kon­se­quenz: Lebens­wich­ti­ge Orga­ne, die nur ein­zeln im Kör­per vor­kom­men, dür­fen nur nach dem Tod ent­nom­men wer­den – das heißt aus dem Kör­per einer Per­son, die mit Sicher­heit tot ist. Die­se Anfor­de­rung ist selbst­ver­ständ­lich, da ein ande­res Vor­ge­hen bedeu­ten wür­de, den Tod des Spen­ders durch die Ent­nah­me sei­ner Orga­ne absicht­lich her­bei­zu­füh­ren.“ Das natür­li­che Sit­ten­ge­setz schließt die Ent­nah­me von unpaa­ri­gen lebens­wich­ti­gen Orga­nen zur Trans­plan­ta­ti­on bei einer Per­son aus, deren Tod nicht sicher ist. Die Fest­stel­lung des „Hirn­tods“ reicht nicht aus, um zu dem Schluss zu gelan­gen, dass der Pati­ent mit Sicher­heit tot ist. Sie reicht nicht ein­mal aus, um mora­li­sche Gewiss­heit zu erlangen. 
  6. Vie­le in der medi­zi­ni­schen und wis­sen­schaft­li­chen Gemein­schaft ver­tre­ten die Auf­fas­sung, dass hirn­be­zo­ge­ne Kri­te­ri­en für den Tod aus­rei­chen, um mora­li­sche Gewiss­heit über den Tod selbst zu erlan­gen. Aktu­el­le medi­zi­ni­sche und wis­sen­schaft­li­che Erkennt­nis­se wider­spre­chen die­ser Annah­me. Neu­ro­lo­gi­sche Kri­te­ri­en allein rei­chen nicht aus, um mora­li­sche Gewiss­heit über den Tod selbst zu erlan­gen, und sind abso­lut nicht in der Lage, phy­si­sche Gewiss­heit über das Ein­tre­ten des Todes zu erlangen. 
  7. Es ist mitt­ler­wei­le offen­sicht­lich, dass es kein ein­zi­ges soge­nann­tes neu­ro­lo­gi­sches Kri­te­ri­um gibt, das von der inter­na­tio­na­len wis­sen­schaft­li­chen Gemein­schaft all­ge­mein aner­kannt wird, um den Tod mit Sicher­heit fest­zu­stel­len. Viel­mehr wer­den vie­le ver­schie­de­ne neu­ro­lo­gi­sche Kri­te­ri­en ver­wen­det, ohne dass ein glo­ba­ler Kon­sens besteht. 
  8. Neu­ro­lo­gi­sche Kri­te­ri­en rei­chen nicht aus, um den Tod fest­zu­stel­len, wenn das Herz-Kreis­lauf-Sys­tem intakt ist. Die­se neu­ro­lo­gi­schen Kri­te­ri­en tes­ten auf das Feh­len bestimm­ter Hirn­re­fle­xe. Nicht berück­sich­tigt wer­den dabei Funk­tio­nen des Gehirns wie Tem­pe­ra­tur­re­gu­lie­rung, Blut­druck, Herz­fre­quenz und Salz- und Was­ser­haus­halt. Wenn ein Pati­ent, der an ein Beatmungs­ge­rät ange­schlos­sen ist, für „hirn­tot“ erklärt wird, sind die­se Funk­tio­nen nicht nur vor­han­den, son­dern häu­fig sogar aktiv. 
  9. Der Apnoe-Test – die Ent­fer­nung der Atem­un­ter­stüt­zung – ist als Teil der neu­ro­lo­gi­schen Dia­gno­se vor­ge­schrie­ben und wird para­do­xer­wei­se ange­wen­det, um die Irrever­si­bi­li­tät sicher­zu­stel­len. Dies beein­träch­tigt das Ergeb­nis erheb­lich oder führt sogar zum Tod bei Pati­en­ten mit schwe­ren Hirnverletzungen. 
  10. Es gibt über­wäl­ti­gen­de medi­zi­ni­sche und wis­sen­schaft­li­che Bewei­se dafür, dass das voll­stän­di­ge und irrever­si­ble Erlö­schen aller Gehirn­ak­ti­vi­tä­ten (im Groß­hirn, Klein­hirn und Hirn­stamm) kein Beweis für den Tod ist. Das voll­stän­di­ge Erlö­schen der Gehirn­ak­ti­vi­tät kann nicht ange­mes­sen beur­teilt wer­den. Irrever­si­bi­li­tät ist eine Pro­gno­se, kei­ne medi­zi­nisch beob­acht­ba­re Tat­sa­che. Wir behan­deln heu­te erfolg­reich vie­le Pati­en­ten, die in der jün­ge­ren Ver­gan­gen­heit als hoff­nungs­los galten. 
  11. Die Dia­gno­se des Todes allein anhand neu­ro­lo­gi­scher Kri­te­ri­en ist Theo­rie, kei­ne wis­sen­schaft­li­che Tat­sa­che. Sie reicht nicht aus, um die Lebens­ver­mu­tung zu widerlegen.
  12. Kein Gesetz soll­te ver­su­chen, eine Hand­lung zu lega­li­sie­ren, die an sich böse ist. „Ich wie­der­ho­le noch ein­mal, dass ein Gesetz, das das natür­li­che Recht eines unschul­di­gen Men­schen auf Leben ver­letzt, unge­recht ist und als sol­ches als Gesetz ungül­tig ist. Aus die­sem Grund appel­lie­re ich noch ein­mal ein­dring­lich an alle poli­ti­schen Füh­rer, kei­ne Geset­ze zu ver­ab­schie­den, die durch Miss­ach­tung der Wür­de des Men­schen das Fun­da­ment der Gesell­schaft untergraben.“
  13. Die Been­di­gung eines unschul­di­gen Lebens, um ein ande­res zu ret­ten, wie im Fall der Trans­plan­ta­ti­on von unpaa­ri­gen lebens­wich­ti­gen Orga­nen, mil­dert nicht das Übel, ein unschul­di­ges mensch­li­ches Leben zu neh­men. Es darf kein Übel getan wer­den, damit Gutes dar­aus entsteht.

Unter­zeich­ner:

J.A. Armour, Arzt, Uni­ver­si­täts­kli­nik Sacred Heart, Mon­tré­al, Quebec

Fabi­an Bruske­witz, Bischof von Lin­coln, Nebraska 

Paul A. Byr­ne, ehe­ma­li­ger Prä­si­dent der Catho­lic Medi­cal Asso­cia­ti­on, USA

Pilar Mer­ca­do Cal­va, Pro­fes­so­rin, Medi­zi­ni­sche Fakul­tät, Anahuac-Uni­ver­si­tät, Mexiko

Cice­ro G. Coim­bra, Pro­fes­sor für kli­ni­sche Neu­ro­lo­gie, Bun­des­uni­ver­si­tät von Sao Pao­lo, Brasilien

Wil­liam F. Col­li­ton, eme­ri­tier­ter Pro­fes­sor für Geburts­hil­fe und Gynä­ko­lo­gie, Medi­zi­ni­sche Fakul­tät der Geor­ge Washing­ton Uni­ver­si­ty, Virginia

Joseph C. Evers, kli­ni­scher außer­or­dent­li­cher Pro­fes­sor für Päd­ia­trie, George­town Uni­ver­si­ty School of Medi­ci­ne, Washing­ton, D.C.

David Hill, eme­ri­tier­ter Fach­arzt für Anäs­the­sie am Addenbrooke’s Hos­pi­tal und außer­or­dent­li­cher Dozent an der Uni­ver­si­tät Cam­bridge, England

Ruth Oli­ver, Psych­ia­te­rin, King­s­ton, Ontario

Micha­el Potts, Lei­ter der Abtei­lung für Reli­gi­on und Phi­lo­so­phie am Metho­dist Col­lege in Fay­et­te­ville, North Carolina 

Josef Sei­fert, Pro­fes­sor für Phi­lo­so­phie an der Inter­na­tio­na­len Aka­de­mie für Phi­lo­so­phie, Vaduz, Liech­ten­stein; Ehren­mit­glied der Medi­zi­ni­schen Fakul­tät der Päpst­li­chen Katho­li­schen Uni­ver­si­tät von Chi­le in Sant­ia­go, Chile

Robert Spae­mann, eme­ri­tier­ter Pro­fes­sor für Phi­lo­so­phie an der Uni­ver­si­tät Mün­chen, Deutschland

Robert F. Vasa, Bischof der Diö­ze­se Bak­er, Oregon

Yoshio Watana­be, bera­ten­der Kar­dio­lo­ge, Nago­ya Tokus­huk­ai Gene­ral Hos­pi­tal, Japan 

Mer­ce­des Arzu Wil­son, Prä­si­den­tin der Fami­ly of the Ame­ri­cas Foun­da­ti­on und der World Orga­niza­ti­on for the Family

Quel­le:

Essay – Tref­fen der Päpst­li­chen Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten Anfang Febru­ar – Dr. Paul Byr­ne, an The Com­pas­sio­na­te Health­ca­re Net­work, 29. März 2005 per E‑Mail

Anmer­kung: Das Pro­to­koll die­ser Sit­zung wur­de bis­her noch nicht offi­zi­ell ver­öf­fent­licht und befin­det sich der­zeit in den Hän­den der Kon­gre­ga­ti­on für die Glaubenslehre.

Eng­li­scher Originaltext:

https://​initia​ti​ve​-kao​.de/​b​r​a​i​n​-​d​e​a​t​h​-​i​s​-​n​o​t​-​d​eath/