Schwerste Eingriffe in Patientenrechte – 5 Gründe gegen die Einführung der Widerspruchsregelung

Drin­gen­der Appell an die Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten zur Widerspruchsregelung! 

Die Medi­zin­his­to­ri­ke­rin und Buch­au­to­rin Prof. Dr. Anna Berg­mann warnt ein­dring­lich vor einem frag­wür­di­gen Gesetz

Die Geset­zes­in­itia­ti­ve zur Ein­füh­rung der Wider­spruchs­re­ge­lung (Drucks. 21/7570) wur­de gestar­tet, obwohl das Trans­plan­ta­tions­ge­setz seit 2019 mit dem Ziel erhöh­ter Spen­der­zah­len vier sepa­ra­te Ände­run­gen hin­ter sich hat. Im Zuge die­ses bis heu­te nicht voll­stän­dig umge­setz­ten Reform­pa­kets lehn­te 2020 das Par­la­ment die Wider­spruchs­re­ge­lung mit einer deut­li­chen Mehr­heit ab – aus guten Gründen.

Denn der gefor­der­te Sys­tem­wech­sel ist nicht mit dem

  • im BGB ver­an­ker­ten Pati­en­ten­ver­fü­gungs­ge­setz (§ 1827 BGB) abge­stimmt.
  • Er steht nicht in Ein­klang mit der Toten­für­sor­ge­be­rech­ti­gung der Ange­hö­ri­gen (§ 823 Abs.1 BGB).
  • Er igno­riert das straf­recht­lich geschütz­te Recht auf Toten­ru­he: § 168 StGB.
  • Er wider­spricht dem ärzt­li­chen Gelöb­nis, das Wohl des behan­del­ten Pati­en­ten zum obers­ten Anlie­gen zu machen.
  • Er kol­li­diert mit dem Grund­ge­setz (Art. 2 Abs. 2 S. 1 GG) durch den gesetz­lich erlaub­ten Beginn der fremd­nüt­zi­gen „spen­de­zen­trier­ten The­ra­pie“ von Inten­siv­pa­ti­en­ten mit einer schwe­ren Hirn­schä­di­gung VOR dem nach­ge­wie­se­nen Hirn­ver­sa­gen (sog. Hirn­tod).

1. Auch Ster­ben­de genie­ßen das Recht auf kör­per­li­che Unversehrtheit

Pati­en­ten mit der Pro­gno­se eines unum­kehr­ba­ren Hirn­ver­sa­gens (sog. Hirn­tod) sind unab­hän­gig davon, dass sie sich im Ster­ben befin­den, als noch leben­de Men­schen durch das Grund­ge­setz geschützt. Sie genie­ßen das Recht auf Leben und kör­per­li­che Unver­sehrt­heit. Im Fal­le der Wider­spruchs­re­ge­lung dürf­te bei die­sen Inten­siv­pa­ti­en­ten, wenn sie voll­jäh­rig sind und gegen eine Organ­spen­de zuvor kein Veto ein­ge­legt haben, die sog. spen­de­zen­trier­te The­ra­pie „bereits mit der Dia­gno­se einer schwe­ren Hirn­schä­di­gung“ begin­nen (S. 25). Im Gegen­satz zu der Alter­na­ti­ve einer ärzt­li­chen und fami­liä­ren Ster­be­be­glei­tung greift die extra für Spen­der ent­wi­ckel­te, fremd­nüt­zi­ge Behand­lungs­form in den Ster­be­pro­zess ein, um Orga­ne mög­lichst gut durch­blu­tet, ohne abge­stor­be­nes Gewe­be gewin­nen zu kön­nen. Sie umfasst medi­ka­men­tö­se Gaben z.B. gegen Ent­zün­dun­gen oder zur Throm­bo­se­pro­phy­la­xe und kann höchst inva­siv sein – z.B. Blut­trans­fu­si­on, Ope­ra­ti­on, Reani­ma­ti­on bei Herz-Kreis­lauf-Still­stand (S. 323).

2. Organ­spen­de: Ver­zicht pal­lia­ti­ve Ster­be­be­glei­tung, statt­des­sen spen­de­zen­trier­te Intensivtherapie

Zwar hat­te der Gesetz­ge­ber immer auf eine strik­te Tren­nung zwi­schen der pati­en­ten­ori­en­tier­ten Behand­lung von Inten­siv­pa­ti­en­ten und der von Fremd­in­ter­es­sen gelei­te­ten Organ­ge­win­nung größ­ten Wert gelegt: Aus­künf­te über mög­li­che Organ­spen­der an die organ­ent­neh­men­de Sei­te waren daher erst NACH der Hirn­tod­fest­stel­lung erlaubt (§ 7 Abs. 1 TPG-1997). Aber seit 2021 sind die Aus­kunfts­pflicht der Ent­nah­me­kran­ken­häu­ser gegen­über der Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zin vor­ver­legt (§ 7 Abs. 3 S. 4 TPG-2021) und die Zugriffs­be­rech­ti­gung auf das digi­ta­le Abruf­por­tal des Organ- und Gewe­be­spen­de­re­gis­ter bereits bei einem erwar­te­ten irrever­si­blen Hirn­ver­sa­gen gestat­tet, also schon VOR dem nach­ge­wie­se­nen Hirn­ver­sa­gen (‚Hirn­tod‘) (Art. 1 § 2a Abs. 4 S. 2 Nr. 2 TPG-2021). Die­se Neu­re­ge­lun­gen ent­spre­chen der gän­gi­gen Pra­xis: Noch zu Leb­zei­ten der Pati­en­ten mit einem abseh­ba­ren unum­kehr­ba­ren Hirn­ver­sa­gen wird ent­schie­den:

  • ob sie einer spen­de­zen­trier­ten Inten­siv­the­ra­pie bis zu dem im Zuge der Organ­ent­nah­men ein­tre­ten­den Herz-Kreis­lauf-Still­stand unter­zo­gen wer­den,

oder

  • ob ihnen eine sym­ptom­lin­dern­de, ärzt­li­che Ster­be­be­glei­tung, also eine pal­lia­ti­ve Behand­lung zugu­te kommt, an der auch die Fami­lie mit­wir­ken kann.

Nicht wie im Gesetz­ent­wurf anma­ßend unter­stellt, führt die Wider­spruchs­re­ge­lung zu einer „Ent­las­tung“ der Ange­hö­ri­gen. Im Gegen­teil: Ihnen wäre in einer so trau­ma­ti­schen Situa­ti­on gesetz­lich ver­wehrt, dem ster­ben­den, liebs­ten Men­schen bis zum letz­ten Atem­zug beizustehen. 

Die Wider­spruchs­re­ge­lung umgeht das sog. Pati­en­ten­ver­fü­gungs­ge­setz, das den Anspruch auf eine indi­vi­du­el­le Selbst­be­stim­mung für medi­zi­ni­sche Ein­grif­fe garan­tiert. Es betrifft – wie im Fal­le der Organ­ent­nah­me – Situa­tio­nen der Ein­wil­li­gungs­un­fä­hig­keit am Lebens­en­de. Dann ist der mut­maß­li­che Pati­en­ten­wil­le zu ermit­teln und durch­zu­set­zen. Hin­ge­gen behan­delt die gefor­der­te Neu­re­ge­lung den medi­zi­ni­schen und sozia­len Umgang mit ster­bens­kran­ken Pati­en­ten wie einen vom BGB und Grund­ge­setz unab­hän­gi­gen Regelungsbereich. 

3. Gewe­be­spen­de: Ent­rech­tung der Ange­hö­ri­gen und Kom­mer­zia­li­sie­rung von mensch­li­chem Gewebe

Im Gegen­satz zu Orga­nen wird Gewe­be nicht für die Lebens­ret­tung, son­dern zur Ver­bes­se­rung der Lebens­qua­li­tät von Men­schen genutzt. Auch unter­liegt Gewe­be dem Arz­nei­mit­tel­ge­setz und nicht dem Han­dels­ver­bot wie Orga­ne. Es kann bis zu drei Tagen nach dem Herz­tod ent­nom­men, kon­ser­viert und teil­wei­se im indus­tri­el­len Ver­fah­ren als The­ra­peu­ti­kum ver­ar­bei­tet und gewinn­ori­en­tiert kom­mer­zia­li­siert wer­den (§ 17 Abs. 1, Nr. 2 TPG; § 21 AMG).

Von der Wider­spruchs­re­ge­lung wäre ein sehr viel grö­ße­rer Kreis Ver­stor­be­ner als poten­ti­el­le Gewe­be­spen­der betrof­fen. Denn unab­hän­gig von Organ­spen­dern (nur etwa 0,3 Pro­zent aller Ver­stor­be­nen) bezieht sich der Gesetz­ent­wurf auf Men­schen, die auch außer­halb der Inten­siv­sta­tio­nen in Kli­ni­ken, Hos­pi­zen, Alten- oder Pfle­ge­hei­men ster­ben. Immer­hin kämen zir­ka 80 Pro­zent aller Toten ab 18 Jah­ren bis ins hohe Alter für Gewe­be­ent­nah­men in Fra­ge. Ist kein akti­ver Wider­spruch regis­triert, dürf­te Ihnen – auch ohne Zustim­mung der Ange­hö­ri­gen – Kno­chen, Bän­der, Mus­keln, Blut­ge­fä­ße, Herz­klap­pen, Aug­äp­fel usw. ent­nom­men werden. 

Die Autoren des Gesetz­ent­wurfs machen eine ver­meint­lich hohe Organ- und Gewe­be­spen­de­be­reit­schaft zur Grund­la­ge, um auch die Gewe­be­ge­win­nung ohne vor­he­ri­ge indi­vi­du­el­le Ein­wil­li­gung zu recht­fer­ti­gen. Damit miss­ach­ten sie das über den Tod hin­aus­ge­hen­de Per­sön­lich­keits­recht auf Toten­ru­he, des­sen Ver­let­zung mit Gefäng­nis oder einer Geld­stra­fe geahn­det wird (ugs.: ‚Lei­chen­schän­dung‘). Außer­dem berück­sich­tigt nach juris­ti­scher Auf­fas­sung § 168 StGB das Pie­täts­ge­fühl der Hin­ter­blie­be­nen. Das Recht der nahen Ange­hö­ri­gen, in Wür­de und Frie­den trau­ern zu kön­nen, eben­so ihre durch das BGB geschütz­te Rol­le als Toten­für­sor­ge­be­rech­tig­te wären beschnitten. 

4. Ver­grö­ße­rung des sog. Spen­der­pools: Organ­ge­win­nung nach Herzstillstand 

Ver­fech­ter der Wider­spruchs­re­ge­lung argu­men­tie­ren mit einem deutsch­land­spe­zi­fi­schen Organ­man­gel. Dabei bleibt eines sys­te­ma­tisch ver­schwie­gen: In Län­dern wie z.B. Spa­ni­en, Bel­gi­en oder den Nie­der­lan­den wur­den die klas­si­schen Hirn­tod­kri­te­ri­en für Organ­ent­nah­men unmit­tel­bar nach Herz­still­stand auf­ge­ge­ben (DCD genannt). Damit konn­ten die Spen­der­zah­len teil­wei­se mehr als ver­dop­pelt wer­den – sogar im Rah­men der Eutha­na­sie (z.B. Bel­gi­en, Hol­land, Spa­ni­en). In Deutsch­land ist die­se medi­zin­ethisch umstrit­te­ne Nut­zung von Pati­en­ten für die Organ­ge­win­nung als Tötung noch ver­wor­fen – zu recht: Denn Men­schen, die einen Herz­still­stand erlei­den, sind – wie aus Ers­te-Hil­fe-Kur­sen bekannt – wie­der­be­leb­bar. Sie ver­fü­gen wei­ter­hin über Hirn­ak­ti­vi­tä­ten und selbst das Bewusst­sein muss nicht erlo­schen sein (Nah­tod­erfah­run­gen).

5. Wider­spruchs­re­ge­lung ohne All­ge­mein­wis­sen über ‚Hirn­tod‘ und spen­de­zen­trier­te Therapie?

Befür­wor­ter der Wider­spruchs­re­ge­lung recht­fer­ti­gen den Gesetz­ent­wurf mit einer hohen Organ­spen­de­be­reit­schaft in der Bevöl­ke­rung (rund 85 Pro­zent). Die­se Zahl beruht auf nur wenig belast­ba­ren Umfra­ge­er­geb­nis­sen. So ergab eine von Medi­zin­ethi­kern durch­ge­führ­te Stu­die zum Auf­klä­rungs­sta­tus über die Organ­spen­de bei Senio­ren, die inter­na­tio­nal mit etwa 50 Pro­zent eine beacht­lich gro­ße Grup­pe der Organ­spen­der reprä­sen­tie­ren (60- bis 98-Jäh­ri­ge): Die Hälf­te der Befrag­ten waren nicht ein­mal mit dem ‚Hirn­tod‘ ver­traut und ledig­lich 22 Pro­zent wuss­ten, dass eine Organ­spen­de nur unter der Vor­aus­set­zung einer Inten­siv­the­ra­pie rea­li­sier­bar ist. 

Solch gra­vie­ren­de Wis­sens­lü­cken spie­geln das nied­ri­ge Auf­klä­rungs­ni­veau in der Bevöl­ke­rung zum The­ma ‚Organ­spen­de‘ wider, gleich­wohl die Kran­ken­kas­sen und das Bun­des­in­sti­tut für Öffent­li­che Gesund­heit gesetz­lich ver­pflich­tet sind, dar­über umfas­send zu infor­mie­ren – seit 2012 auch über die Organ­spen­de „im Ver­hält­nis zu einer Pati­en­ten­ver­fü­gung“. Im Deut­schen Ärz­te­blatt erläu­tern drei Rechts­me­di­zi­ner die Ursa­che für die­se Unwis­sen­heit. Sie kom­men zu dem Ergeb­nis: Aus den Auf­klä­rungs­bro­schü­ren der bei­den Insti­tu­tio­nen ist über die spen­de­zen­trier­te The­ra­pie „so gut wie nichts [zu] ent­neh­men“. Sie fra­gen: „War­um wohl?“ 

Ihre Ant­wort: „Gut infor­mier­te Pati­en­ten wür­den ein sol­ches Pro­ze­de­re viel­leicht ableh­nen“.

Fünf Offe­ne Brie­fe zur Wider­spruchs­re­ge­lung im Sep­tem­ber 2026

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Autoren­in­fo

Die Medi­zin- und Kul­tur­his­to­ri­ke­rin apl. Prof. Dr. Anna Berg­mann forscht über die Ent­wick­lungs­ge­schich­te der Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zin seit dem 19. Jahr­hun­dert bis zur Gegen­wart und hat dazu u.a. publiziert:

Herz­lo­ser Tod
Das Dilem­ma der Organspende
mit Ulri­ke Baureithel,
Stutt­gart 1999 (2. Aufl. 2001): Klett-Cot­ta Verlag,
aus­ge­zeich­net von Spek­trum der Wis­sen­schaft als
„Wis­sen­schafts­buch des Jah­res 2000“
Buch: Herzloser Tod
Der ent­seel­te Pati­ent
Die moder­ne Medi­zin und der Tod
Ber­lin 2004: Auf­bau Verlag
(2. Aufl. 2015 , TB Stutt­gart 2019: Franz Stei­ner Verlag)
Buch: Der entseelte Patient

Anna Berg­mann ist apl. Pro­fes­so­rin an der Kul­tur­wis­sen­schaft­li­chen Fakul­tät der Euro­pa-Uni­ver­si­tät Via­dri­na, Frankfurt/​Oder. Sie war als Gast­pro­fes­so­rin an den Uni­ver­si­tä­ten in Braun­schweig, Graz, Inns­bruck, Kla­gen­furt und Wien tätig.

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