Zum dritten Versuch, die Widerspruchslösung für die Regelung der Organ- und Gewebespende einzuführen

Anna Berg­mann

Narkoseprotokoll
Schwarz, Ger­hard: Dis­so­zi­ier­ter Hirn­tod. Com­pu­ter­ge­stütz­te Ver­fah­ren in der Dia­gnos­tik und Doku­men­ta­ti­on. Ber­lin u. a. 1990, S. 45

Eine Initia­ti­ve von Abge­ord­ne­ten des Deut­schen Bun­des­ta­ges unter­nimmt mitt­ler­wei­le den drit­ten Ver­such, die Wider­spruchs­re­ge­lung (Drucks. 21/7579) ein­zu­füh­ren. Damit soll jeder voll­jäh­ri­ge Bun­des­bür­ger auto­ma­tisch zum poten­zi­el­len Spen­der gemacht und einer Organ- sowie Gewe­be­ent­nah­me unter­zo­gen wer­den kön­nen – es sei denn, er hat vor­her aktiv wider­spro­chen. Die­se Geset­zes­in­itia­ti­ve wur­de gestar­tet, obwohl zur Erhö­hung der Organ­spen­der­zah­len seit 2019 ins­ge­samt vier Ände­run­gen der Trans­plan­ta­ti­ons­ge­setz­ge­bung erfolg­ten und am 16. Janu­ar 2020 das Par­la­ment die Wider­spruchs­lö­sung im Zuge einer rund zwei­stün­di­gen, öffent­lich­keits­wirk­sa­men Debat­te mit einer deut­li­chen Mehr­heit abge­lehnt hatte.

Die Befür­wor­ter der Wider­spruchs­lö­sung recht­fer­ti­gen den Gesetz­ent­wurf mit einer hohen Organ­spen­de­be­reit­schaft in der Bevöl­ke­rung (rund 85 Pro­zent). Doch nur wenig belast­ba­re Umfra­ge­er­geb­nis­se bele­gen die­ses Legi­ti­ma­ti­ons­mus­ter. Zudem argu­men­tie­ren die Autoren mit einem deutsch­land­spe­zi­fi­schen Organ­man­gel, wenn­gleich seit Jahr­zehn­ten und bis heu­te in der trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zi­ni­schen Fach­li­te­ra­tur von einem „welt­weit bestehen­den Organ­man­gel“ (S. 122f.) die Rede ist. Fer­ner bleibt in die­sem Dis­kurs eine Ent­wick­lung ver­schwie­gen: Höhe­re Spen­der­quo­ten in Län­dern wie z.B. Spa­ni­en, Bel­gi­en oder Nie­der­lan­de gehen auf die medi­zin­ethisch umstrit­te­ne Nut­zung von Pati­en­ten nach Herz­still­stand zurück. Dort hat man die klas­si­schen Hirn­tod­kri­te­ri­en für die Spen­der­grup­pe der sog. Non-heart-bea­ting donors auf­ge­ge­ben (auch DCD genannt: Dona­ti­on after Cir­cu­la­to­ry Death). Nur durch die Ein­füh­rung der in Deutsch­land noch als Tötung ver­bo­te­nen Form der Organ­ent­nah­me konn­ten die Spen­der­zah­len in die­sen Län­dern teil­wei­se ver­dop­pelt wer­den (vgl. Euro­trans­plant: Donors used in 2025, by coun­try, by donor type) – und zwar selbst unter Bedin­gun­gen der Eutha­na­sie (Bel­gi­en, Hol­land). (DCD Donors used in 2025, by coun­try, by DCD cate­go­ry)

Auch in der im Juni 2026 über die Organ­spen­de geführ­ten par­la­men­ta­ri­schen Grund­satz­dis­kus­si­on blie­ben wesent­li­che Fak­ten aus­ge­blen­det, deren Kennt­nis eine Ent­schei­dung über die medi­zi­ni­sche und sozia­le Gestal­tung des Lebens­en­des erst ermög­licht: Denn wer sich für eine Organ­spen­de bereit erklärt, ver­zich­tet nicht nur auf eine ärzt­li­che und fami­liä­re Ster­be­be­glei­tung, son­dern ver­wehrt außer­dem sei­nen Ange­hö­ri­gen, ihm bis zum letz­ten Atem­zug beizustehen. 

Die­se Tat­sa­che ist der zwei­deu­ti­gen, bis heu­te inter­na­tio­nal umstrit­te­nen (Hirn-)Todesdefinition geschul­det, die das Hirn­ver­sa­gen von inten­siv­me­di­zi­nisch behan­del­ten Pati­en­ten mit dem Tod eines Men­schen gleich­setzt (S. 84, 166f., 172). Die Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zin spricht daher auch von einer „toten Per­son“ mit einem noch über­le­ben­den, übri­gen Kör­per“ (S. 7), ohne für die Defi­ni­ti­on einer Per­son jemals zustän­dig gewe­sen zu sein. Denn der Per­so­nen­be­griff ist mit natur­wis­sen­schaft­li­chen Kate­go­rien empi­risch nicht nach­weis­bar. Zudem ist für die medi­zi­ni­sche Beschrei­bung des Ster­be­pro­zes­ses der Begriff „Mul­ti­or­gan­ver­sa­gen“ üblich. Unab­hän­gig davon, wie jemand stirbt, wird der Aus­fall eines ein­zi­gen Organs nicht als Teil für den gan­zen Men­schen gesetzt. 

Kei­ne Auf­klä­rung über den Unter­schied zwi­schen einem Hirn­ver­sa­gen (‚Hirn­tod‘) und dem Tod 

Wäh­rend min­des­tens sechs siche­re Todes­zei­chen – z.B. Herz- und Atem­still­stand, Toten­fle­cke, Fäul­nis, Toten­star­re – für die ärzt­li­che Todes­fest­stel­lung wei­ter­hin ver­bind­lich sind, gilt die ver­eng­te Hirn­tod­de­fi­ni­ti­on exklu­siv für eine nur sehr klei­ne Grup­pe von Inten­siv­pa­ti­en­ten, die als poten­zi­el­le Organ­spen­der in Fra­ge kom­men (etwa 0,3 Pro­zent aller Ver­stor­be­nen). Sie ist auf die trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zi­ni­schen Bedürf­nis­se nach mög­lichst gut durch­blu­te­ten Orga­nen ohne Fäul­nis­spu­ren aus einem „noch über­le­ben­den Kör­per“ direkt zuge­schnit­ten. Auch wur­de sie mehr­fach ver­än­dert, und selbst in ein­zel­nen euro­päi­schen Län­dern gel­ten unter­schied­li­che Kri­te­ri­en für die Hirntoddiagnostik. 

Doch den klas­si­schen Hirn­tod­ver­ein­ba­run­gen ist eines gemein­sam: Das Herz von Pati­en­ten mit einem Hirn­ver­sa­gen (sog. Hirn­to­te) schlägt. Sie atmen mit tech­ni­scher Hil­fe, ver­dau­en, schei­den aus, weh­ren Infek­tio­nen ab und kön­nen bis zu 17 Refle­xe auf­wei­sen – etwa Wäl­zen des Ober­kör­pers, Sprei­zen der Fin­ger, Hoch­zie­hen der Arme und Schul­tern (vgl. Abb. S. 299). Sogar das ärzt­li­che Fach­per­so­nal kann sie von ande­ren Koma­pa­ti­en­ten nicht unter­schei­den. Erst ab dem auf dem Ope­ra­ti­ons­tisch erlit­te­nen Herz-Kreis­lauf-Still­stand wer­den sie nicht mehr medi­zi­nisch behan­delt, genährt und gepflegt. Unter Bedin­gun­gen einer inten­siv­the­ra­peu­ti­schen Lebens­ver­län­ge­rung sind hirn­to­te, schwan­ge­re Frau­en in der Lage, über einen grö­ße­ren Zeit­raum hin­weg, bis zu einer Kai­ser­schnitt­ent­bin­dung ein Kind aus­zu­tra­gen.

Ent­spre­chend kön­nen Organ­spen­der auf dem Ope­ra­ti­ons­tisch mit Zei­chen des Lebens reagie­ren. So räumt die Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zin selbst ein: „Neben Blut­druck- und Puls­re­ak­tio­nen kann es zu Mus­kel­zu­ckun­gen durch elek­tri­sche Schnei­de­instru­men­te sowie zu flä­chen­haf­ten Haut­rö­tun­gen und Schwit­zen kom­men.“ (S. 52) Um sol­che Reak­tio­nen zu dämp­fen, ver­ab­reicht die Anäs­the­sie bei allen Organ­ent­nah­men Schmerz­mit­tel (Opio­ide, S. 389) und mus­kel­ent­span­nen­de Medi­ka­men­te. Je nach Ent­schei­dung der Anäs­the­sis­ten wer­den auch Nar­ko­sen durch­ge­führt, um Irri­ta­tio­nen im Ope­ra­ti­ons­saal gänz­lich zu vermeiden.

Kei­ne Auf­klä­rung über inten­siv­me­di­zi­ni­sche lebens­ver­län­gern­de Maß­nah­men: Die soge­nann­te Spen­der­kon­di­tio­nie­rung von Organspendern

Inten­siv­pa­ti­en­ten mit einem Hirn­ver­sa­gen (z.B. infol­ge einer Hirn­blu­tung, schwe­ren Hirn­ver­let­zung, eines Schlag­an­falls) gel­ten auf Grund­la­ge der eigens für die Organ­ge­win­nung ange­wand­ten Hirn­tod­dia­gnos­tik als tot. Und dies, obwohl Spen­der zur opti­ma­len Durch­blu­tung ihrer Orga­ne auf der Inten­siv­sta­ti­on und im Ope­ra­ti­ons­saal wäh­rend der Organ­ent­nah­men lebens­ver­län­gernd wei­ter­be­han­delt wer­den. Ihr Ster­be­pro­zess ist medi­ka­men­tös und selbst im Fal­le eines Herz­still­stands durch eine Wie­der­her­stel­lung der Herz­kreis­lauf­funk­ti­on (Reani­ma­ti­on, S. 320, 324) zu unter­drü­cken – eine medi­zi­ni­sche Vor­ge­hens­wei­se, die dem Hos­piz­ge­dan­ken fun­da­men­tal widerspricht. 

Vor die­sem Hin­ter­grund hat der Gesetz­ge­ber bei der Ein­füh­rung der Ent­schei­dungs­lö­sung von 2012 das ethi­sche Minen­feld berück­sich­tigt, das eine erklär­te Organ­spen­de­be­reit­schaft und eine gleich­zei­tig vor­lie­gen­de, the­ra­pie­be­gren­zen­de Pati­en­ten­ver­fü­gung in sich birgt. Das Bun­des­in­sti­tut für Öffent­li­che Gesund­heit (BIÖG) (frü­her Bun­des­zen­tra­le für gesund­heit­li­che Auf­klä­rung (BZgA)) sowie die Kran­ken­kas­sen wur­den ver­pflich­tet, über die „Bedeu­tung einer zu Leb­zei­ten abge­ge­be­nen Erklä­rung zur Organ- und Gewe­be­spen­de, auch im Ver­hält­nis zu einer Pati­en­ten­ver­fü­gung“, zu infor­mie­ren (§ 2 Abs. 1 S. 1 Nr. 2 TPG-2012).

Die­ser Ver­pflich­tung sind die Kran­ken­kas­sen nicht wirk­lich nach­ge­kom­men. In der Regel ver­sen­den sie meh­re­re Organ­spen­de­aus­wei­se an ihre Mit­glie­der. Dar­auf ist eine in die Irre füh­ren­de For­mu­lie­rung ankreuz­bar: Sie bezieht die zu erklä­ren­de Organ­spen­de­be­reit­schaft auf die Pha­se „nach mei­nem Tod“. Die lebens­ver­län­gern­de inten­siv­me­di­zi­ni­sche Son­der­be­hand­lung für den fremd­nüt­zi­gen Zweck der Organ­ge­win­nung bleibt im Dun­keln. Eben­so sieht der Gesetz­ent­wurf vom 13. August 2026 (S. 6) eine ent­spre­chen­de Auf­klä­rung vor (§ 2 Abs. 1 S. 1 Nr. 9). Aller­dings wird auch hier die Unver­ein­bar­keit einer the­ra­pie­be­gren­zen­den Pati­en­ten­ver­fü­gung mit einer spen­der­kon­di­tio­nie­ren­den Inten­siv­the­ra­pie verschwiegen.

Der Bevöl­ke­rung blei­ben die the­ra­peu­ti­schen Behand­lungs­schrit­te im Rah­men einer Organ­spen­de vor­ent­hal­ten: Die eigens für die Explan­ta­ti­on ent­wi­ckel­te ‚spen­de­zen­trier­te The­ra­pie‘ beginnt nicht erst mit der chir­ur­gi­schen Ent­fer­nung ein­zel­ner Orga­ne im Ope­ra­ti­ons­saal, son­dern schon auf der Inten­siv­sta­ti­on: Wenn sich her­aus­stellt, dass die Inten­siv­me­di­zin das Leben von Pati­en­ten mit einer schwe­ren Hirn­schä­di­gung nicht ret­ten kann, ist in Abspra­che mit den Ange­hö­ri­gen der mut­maß­li­che Pati­en­ten­wil­le von den behan­deln­den Ärz­ten zu ermit­teln, um die wei­te­re The­ra­pie des ster­ben­den, also noch leben­den Men­schen, in die Wege zu lei­ten. Wie seit 1975 in der DDR (Wider­spruchs­lö­sung 2. Abschn. § 4), stün­de im Fal­le der Wider­spruchs­re­ge­lung den nächs­ten Ange­hö­ri­gen kein eige­nes Ent­schei­dungs­recht mehr zu. Sie wären nur noch über die im Online­re­gis­ter rekon­stru­ier­ba­re Spen­de­be­reit­schaft ihres Fami­li­en­mit­glieds zu unterrichten. 

Kei­ne Auf­klä­rung: ENT­WE­DER pal­lia­ti­ve Ster­be­be­glei­tung ODER Spenderkonditionierung/​Organspende

Bereits das im Rah­men des Gesund­heits­ver­sor­gungs­wei­ter­ent­wick­lungs­ge­set­zes von 2021 geän­der­te Trans­plan­ta­tions­ge­setz (Arti­kel 15d) gestat­tet VOR der Hirn­tod­fest­stel­lung die Zugriffs­be­rech­ti­gung auf das digi­ta­le Abruf­por­tal des Organ- und Gewe­be­spen­de­re­gis­ter (§ 2a Abs. 4 S. 2 Nr. 2 TPG-2021). Außer­dem wur­de die Aus­kunfts­pflicht der Ent­nah­me­kran­ken­häu­ser gegen­über der Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zin zeit­lich vor­ver­legt (§ 7 Abs. 3 S. 4 TPG-2021). Dies hat die recht­li­che Kon­se­quenz: Schon jetzt ist noch zu Leb­zei­ten der Pati­en­ten zu ent­schei­den, ob die betref­fen­den Inten­siv­pa­ti­en­ten bereits vor der Hirn­tod­dia­gnos­tik einer fremd­nüt­zi­gen Spen­der­kon­di­tio­nie­rung unter­zo­gen und für den Zweck der Organ­ent­nah­men lebens­ver­län­gernd wei­ter­be­han­delt werden. 

Gibt hin­ge­gen der mut­maß­li­che Pati­en­ten­wil­le die Ableh­nung einer Organ­spen­de vor, kommt sol­chen Pati­en­ten eine pal­lia­tiv­me­di­zi­ni­sche Ster­be­be­glei­tung zugu­te, an der auch die Fami­lie mit­wir­ken kann. Inso­fern ste­hen in die­ser dra­ma­ti­schen Behand­lungs­si­tua­ti­on nur zwei unter­schied­li­che The­ra­pie­for­men zur Wahl:

  • ent­we­der eine pati­en­ten­ori­en­tier­te pal­lia­ti­ve Ster­be­be­glei­tung
    oder
  • eine fremd­nüt­zi­ge, den Ster­be­pro­zess ver­län­gern­de Inten­siv­be­hand­lung bis zu dem im Zuge der Organ­ent­nah­men medi­zi­nisch ver­ur­sach­ten Herz-Kreislauf-Stillstand.

Grund­sätz­lich zählt zur ärzt­li­chen Auf­klä­rungs­pflicht, auf Behand­lungs­al­ter­na­ti­ven hin­zu­wei­sen (§ 630e Abs. 1 S. 3 BGB). Die pal­lia­tiv­me­di­zi­ni­sche Ster­be­be­glei­tung stellt die ein­zi­ge Alter­na­ti­ve zu einer spen­de­zen­trier­ten The­ra­pie dar. Auf die­sen sprin­gen­den Punkt mach­te auch die Deut­sche Inter­dis­zi­pli­nä­re Ver­ei­ni­gung für Inten­siv­me­di­zin- und Not­fall­me­di­zin (DIVI) anläss­lich der Reform des Trans­plan­ta­ti­ons­ge­set­zes von 2020 auf­merk­sam: „Die Ein­lei­tung einer pal­lia­tiv­me­di­zi­ni­schen Behand­lung wür­de eine Organ­spen­de ver­hin­dern.“ (S. 3)

Im Fal­le der Wider­spruchs­lö­sung dürf­te bei allen voll­jäh­ri­gen Pati­en­ten, die als poten­zi­el­le Organ­spen­der in Fra­ge kom­men und nicht aktiv wider­spro­chen haben, die fremd­nüt­zi­ge The­ra­pie der Spen­der­kon­di­tio­nie­rung auf der Inten­siv­sta­ti­on „bereits mit der Dia­gno­se einer schwe­ren Hirn­schä­di­gung“ begin­nen (S. 25) – also vor dem nach­ge­wie­se­nen Hirn­ver­sa­gen (‚Hirn­tod‘) bzw. vor der Hirntodfeststellung.

Hin­ge­gen ver­zich­tet das pal­lia­ti­ve Behand­lungs­kon­zept schon in der Pha­se, wenn sich ein Hirn­ver­sa­gen abzeich­net, auf sinn­los gewor­de­ne, lebens­er­hal­ten­de medi­zi­ni­sche Maß­nah­men. Es rich­tet den Fokus auf eine lei­dens­min­dern­de The­ra­pie und hat eine ärzt­li­che, spi­ri­tu­el­le sowie psy­cho­so­zia­le Betreu­ung des ster­ben­den Men­schen, aber auch sei­ner Ange­hö­ri­gen im Blick. 

Inso­fern unter­schei­det sich der letz­te Weg von Organ­spen­dern dras­tisch von dem Ster­ben eines pal­lia­tiv­me­di­zi­nisch und fami­li­är beglei­te­ten Men­schen.

Kei­ne Auf­klä­rung über gro­ße Dif­fe­ren­zen zwi­schen einer Organ- und Gewebespende

Drei Beson­der­hei­ten unter­schei­den eine Gewe­be- von einer Organspende: 

  • Gewe­be wird im Gegen­satz zu Orga­nen bis zu 72 Stun­den nach dem Tod gewon­nen, da es ohne Durch­blu­tung kon­ser­vier­bar ist und wei­ter ver­ar­bei­tet wer­den kann. Von der Wider­spruchs­re­ge­lung wäre daher ein sehr viel grö­ße­rer Kreis Ver­stor­be­ner betrof­fen, die unab­hän­gig von Organ­ent­nah­men auch außer­halb der Inten­siv­sta­tio­nen in Kran­ken­häu­sern, in Hos­pi­zen oder Alten- und Pfle­ge­hei­men ster­ben. So wäre es gestat­tet, von etwa 80 Pro­zent aller Toten ab 18 Jah­ren bis ins hohe Alter, ohne indi­vi­du­el­le Ein­wil­li­gung und Zustim­mung der Ange­hö­ri­gen, umfang­reich Gewe­be zu ent­neh­men – z.B. Kno­chen (Becken­kamm, Röh­ren­kno­chen, gan­ze Gelen­ke), Haut, Bän­der, Mus­keln, Rip­pen­knor­pel, Blut­ge­fä­ße, Seh­nen, Bin­de­ge­we­be, Augen­horn­häute, Herz­klap­pen.

    Die Autoren des Gesetz­ent­wurfs zur Ein­füh­rung der Wider­spruchs­re­ge­lung machen eine ver­meint­lich hohe Bereit­schaft zur Gewe­be­spen­de zur Grund­la­ge, um die Gewe­be­ge­win­nung ohne indi­vi­du­el­le Ein­wil­li­gung zu recht­fer­ti­gen. Eine sol­che gesetz­li­che Rah­men­be­din­gung wür­de das im Straf­ge­setz­buch ver­an­ker­te Recht auf Toten­ru­he aus­he­beln (§ 168 StGB). Sei­ne Ver­let­zung wird mit bis zu drei Jah­ren Gefäng­nis oder einer Geld­stra­fe geahn­det (umgangs­sprach­lich: ‚Lei­chen­schän­dung‘). Nach juris­ti­scher Auf­fas­sung schützt § 168 StGB auch das Pie­täts­ge­fühl der Hin­ter­blie­be­nen. Das Recht der nahen Ange­hö­ri­gen, in Wür­de und Frie­den trau­ern zu kön­nen, eben­so ihre im BGB geschütz­te Rol­le als Toten­für­sor­ge­be­rech­tig­te wären beschnit­ten (§ 823 Abs.1 BGB). Die Wider­spruchs­lö­sung stün­de somit nicht in Ein­klang mit dem Straf­ge­setz­buch und dem Bür­ger­li­chen Gesetzbuch.
  • Gewe­be wird im Ver­gleich zu einem Organ nicht für eine Lebens­ret­tung, son­dern zur Ver­bes­se­rung der Lebens­qua­li­tät verwendet.
  • Wenn­gleich die Gren­zen zwi­schen dem nicht indus­tri­ell und kom­mer­zi­ell ver­ar­bei­te­ten Gewe­be flie­ßend sind, betont die Wer­bung um Gewe­be­spen­de, sie sei frei von gewinn­brin­gen­den Inter­es­sen. Den­noch unter­liegt mensch­li­ches Gewe­be dem Arz­nei­mit­tel­ge­setz ( § 17 Abs. 1, Nr. 2 TPG) und ist als ver­ar­bei­te­tes The­ra­peu­ti­kum kom­mer­zia­li­sier­bar (§ 4 Abs. 30 AMG; §§ 21, 21a AMG).

Auf­klä­rungs­de­fi­zi­te und die „nicht beleg­te Fik­ti­on“ einer hohen Organspendebereitschaft 

Um allein die recht­li­che Dimen­si­on des Span­nungs­fel­des zwi­schen einer pal­lia­ti­ven Ster­be­be­glei­tung und einer mit den Organ­ent­nah­men ver­bun­de­nen inten­siv­me­di­zi­ni­schen spen­de­zen­trier­ten The­ra­pie zu ver­deut­li­chen, abschlie­ßend die Ein­schät­zung der Rechts­me­di­zi­ner Prof. Dr. Mar­kus Par­zel­ler, Bar­ba­ra Zed­ler und Prof. Dr. Mar­cel A. Ver­hoff vom Uni­ver­si­täts­kli­ni­kum der Goe­the-Uni­ver­si­tät (Frankfurt/​M.). Sie bezie­hen sich auf eine Stu­die zum Auf­klä­rungs­sta­tus über die Organ­spen­de bei Senio­ren, die in Deutsch­land, eben­so wie in ande­ren Län­dern, mit etwa 50 Pro­zent eine beacht­lich gro­ße Grup­pe der Organ­spen­der reprä­sen­tie­ren (zwi­schen 60 und 98 Jah­ren): Die Hälf­te der Befrag­ten waren nicht ein­mal mit dem „Hirn­tod“ ver­traut und ledig­lich 22 Pro­zent wuss­ten, dass eine Organ­spen­de nur unter der Vor­aus­set­zung einer Inten­siv­the­ra­pie rea­li­sier­bar ist. Unter dem Titel „Recht­li­che Grau­zo­ne erläu­tern die Rechts­me­di­zi­ner, war­um sich ange­sichts der all­ge­mein herr­schen­den Wis­sens­lü­cken bereits die aktu­el­le Rechts­la­ge (Ent­schei­dungs­re­ge­lung) auf dün­nem Eis bewegt: 

Ob ein Kreuz zur Organ­spen­de auf dem Organ­spen­de­aus­weis […] aus­reicht, eine mut­maß­li­che Ein­wil­li­gung des ster­ben­den (aber noch leben­den) oder des bereits ver­stor­be­nen ‚Hirn­to­ten‘ für die­se The­ra­pie abzu­lei­ten, ist als all­ge­mein­gül­ti­ge Aus­sa­ge eine nicht beleg­te Fik­ti­on und im Hin­blick auf die Recht­spre­chung zur Kon­kre­ti­sie­rung von Pati­en­ten­ver­fü­gun­gen mehr als frag­lich (BGH, 6. 7. 2016 – XII ZB 61/16).“

Einer solch nicht beleg­ten Fik­ti­on sit­zen ins­be­son­de­re Ver­fech­ter der Wider­spruchs­lö­sung auf, da sie eine ver­meint­lich hohe Organ­spen­de­be­reit­schaft zur recht­li­chen Grund­la­ge der Wider­spruchs­re­ge­lung machen. Und wie die Rechts­me­di­zi­ner ver­an­schau­li­chen: Selbst unter den Rah­men­be­din­gun­gen der aktu­ell gel­ten­den Ent­schei­dungs­re­ge­lung, die eine Auf­klä­rung der Bevöl­ke­rung vor­schreibt (§ 2 TPG), ist aus 

den Infor­ma­ti­ons­bro­schü­ren der ein­schlä­gi­gen Orga­ni­sa­tio­nen zur organ­spe­zi­fi­schen The­ra­pie so gut wie nichts [zu] ent­neh­men“.

Par­zel­ler, Zed­ler und Ver­hoff ant­wor­ten auf die Frage: 

War­um wohl? Gut infor­mier­te Pati­en­ten wür­den ein sol­ches Pro­ze­de­re viel­leicht ablehnen“.