KAO • Ethik • Dani­el Kers­t­ing: Was bedeu­tet „Auf­klä­rung“ im Kon­text der Organ­spen­de?

15.11. 2017 Kli­ni­kum Bre­men-Mit­te

Vortrag: Was bedeutet „Aufklärung“ im Kontext der Organspende?

Der Wis­sen­schaft­ler Dani­el Kers­t­ing for­dert von der Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zin wirk­li­che Auf­klä­rung der Bevöl­ke­rung und beklagt den „dog­ma­ti­schen Mora­lis­mus“ der übli­chen Kam­pa­gnen.

Dani­el Kers­t­ing vom Insti­tut für Phi­lo­so­phie an der Uni­ver­si­tät Jena
Bericht von Gebhard Focke, Schriftführer von KAO

Son­ja Schä­fer, Organ­spen­de­be­auf­trag­te des Lan­des Bre­men, hat­te für den 15.11. zu einem Vor­trag in das Kli­ni­kum Bre­men-Mit­te ein­ge­la­den. Titel des Vor­trags von Dr. Dani­el Kers­t­ing vom Insti­tut für Phi­lo­so­phie der Fried­rich-Schil­ler-Uni­ver­si­tät Jena war:

Was bedeu­tet „Auf­klä­rung“ im Kon­text der Organ­spen­de?

Zu Beginn mach­te er die wider­sprüch­li­chen Inten­tio­nen des gel­ten­den Trans­plan­ta­ti­ons­ge­set­zes deut­lich: Im §1 heißt es, das Ziel des Geset­zes sei eine Erhö­hung der Organ­spen­de­zah­len; im §2 wird ver­langt, dass die Auf­klä­rung umfas­send und ergeb­nis­of­fen sein soll.

Aus­ge­hend von einem Ide­al­bild von „Auf­klä­rung“ wur­de die bis­he­ri­ge Pra­xis der Organ­spen­de-Kam­pa­gnen über­prüft. Dann wur­den For­de­run­gen ent­wi­ckelt, die eine wirk­li­che Auf­klä­rung mög­lich machen.

Auf­klä­rung bedeu­tet, die eige­nen Über­zeu­gun­gen kri­tisch zu über­prü­fen und evtl. zu ändern. Das fin­det immer in einem sozia­len Zusam­men­hang statt und ist ein offe­ner Lern- und Erfah­rungs­pro­zess.

Exem­pla­risch stell­te Kers­t­ing eine Pla­kat­kam­pa­gne für Organ­spen­de vor, bei der eine Comic­fi­gur in den Raum schwebt mit der Aus­sa­ge: „Das kannst du auch!“ Ohne Sach­aus­sa­ge gab es nur einen Appell an ein hel­den­haf­tes Indi­vi­du­um.

Kers­t­ing mach­te den dahin­ter ste­hen Syl­lo­gis­mus deut­lich:

  1. Behaup­tung: Leben ret­ten  ist  mora­li­sche Pflicht

2. Behaup­tung: Organ­spen­de ist  Leben ret­tend

dar­aus abge­lei­te­te Schluß­fol­ge­rung:  Organ­spen­de  ist  mora­li­sche Pflicht

Kers­t­ing sprach von einer „dog­ma­ti­schen Über­trump­fung“ ande­rer Moral- und Ethik­vor­stel­lun­gen, und das sei nicht mit wirk­li­cher Auf­klä­rung zu ver­ein­ba­ren.

Bei die­ser Betrach­tungs­wei­se wür­den vie­le Din­ge aus­ge­blen­det, z.B. die Sichtweise/Rolle der Ange­hö­ri­gen eben­so wie die Pro­ble­ma­tik des (Hirn-)Todes.

Dage­gen setz­te er vier For­de­run­gen, um eine wirk­li­che Auf­klä­rung zu errei­chen:

  1. Per­spek­ti­ven­viel­falt statt Indi­vi­dua­lis­mus:

Der Tod ist kei­ne Sache des Ein­zel­nen, son­dern immer in einen sozia­len Zusam­men­hang ein­ge­bun­den. Folg­lich sind die Per­spek­ti­ven der an der Organ­spen­de Betei­lig­ten ein­zu­be­zie­hen, ihre Inter­es­sen und Erfah­run­gen.

  1. Selbst­kri­tik und Zwei­fel statt mora­li­schem Dog­ma­tis­mus

Es kann nicht dar­um gehen, die herr­schen­den Moral­vor­stel­lun­gen und Nütz­lich­keits­er­wä­gun­gen zu ver­stär­ken, son­dern sie zu hin­ter­fra­gen.

  1. The­ma­ti­sie­rung des Todes statt Mar­gi­na­li­sie­rung und Aus­schluss

Es muss klar wer­den, dass die­se Medi­zin die Ver­wer­tung von ster­ben­den Men­schen zur Vor­aus­set­zung hat. Die­se Tat­sa­che soll­te nicht ver­schlei­ert, son­dern the­ma­ti­siert wer­den. Dabei soll­te auch auf die beson­de­re Situa­ti­on des Hirn­to­des ein­ge­gan­gen wer­den, sei­ne aggres­si­ve Dia­gnos­tik und die Zwei­fel, die seit Jah­ren an der Hirn­tod­kon­zep­ti­on bestehen.

  1. Bild- und Sprach­kri­tik

Am Bei­spiel des Begriffs „Organ­man­gel“ mach­te Kers­t­ing deut­lich, dass die­ser neu­tral schei­nen­de Begriff For­de­run­gen ent­hält, über die anschei­nend nicht mehr nach­ge­dacht wer­den muss: „Man­gel“? – muss besei­tigt wer­den, also brau­chen wir mehr Orga­ne!

Am Schluss wur­de klar, dass eine wirk­lich umfas­sen­de Auf­klä­rung ohne Rück­sicht auf die Fol­gen statt­zu­fin­den hat; sie kann nicht davon abhän­gig gemacht wer­den, ob sie schließ­lich zu mehr oder weni­ger Orga­nen führt.

Geb­hard Focke

Artikel über Daniel Kersing im Deutschen Ärzteblatt

Dani­el Kers­t­ing: Vor­schlä­ge für ande­re Organ­spen­de­kam­pa­gnen” von Eva Rich­ter-Kuhl­mann
https://www.aerzteblatt.de/archiv/183064/Daniel-Kersting-Vorschlaege-fuer-andere-Organspendekampagnen
Dtsch Arz­tebl 2016; 113(42): A-1879 / B-1583 / C-1571