Zwischen Nächstenliebe und Kannibalismus Organtransplantation aus der Sicht einer Angehörigen

Organspende - die Schattenseite

Ich bin Mit­glied der Initia­ti­ve: „Kri­ti­sche Auf­klä­rung über Organ­trans­plan­ta­ti­on“, einer Initia­ti­ve, gegrün­det von Eltern, die ihre Kin­der zur Organ­spen­de frei­ge­ge­ben haben. Völ­lig unauf­ge­klärt haben wir uns, ohne die Trag­wei­te unse­rer Ent­schei­dung über­se­hen zu kön­nen, von Medi­zi­nern in eine Situa­ti­on hin­ein­füh­ren las­sen, in der es nicht mehr um ein fried­vol­les und behü­te­tes Ster­ben unse­rer Kin­der ging, son­dern um das Über­le­ben Dritter. 

Als uns klar wur­de, wozu wir ja gesagt hat­ten, hiel­ten wir es für not­wen­dig, ande­re Eltern über das auf­zu­klä­ren, was wir nicht gewusst hat­ten. Wir möch­ten ihnen mit­tei­len, wel­che Pro­ble­me uns dar­aus erwuch­sen und was eine Organ­spen­de tat­säch­lich alles beinhal­tet. Es ist ein sehr inti­mer und schmerz­li­cher Bereich unse­res Lebens, zu dem man eigent­lich Frem­den kei­nen Zugang gewäh­ren möch­te, aber wenn wir betrof­fe­nen Eltern nicht dar­über reden, dis­ku­tie­ren die Medi­zi­ner die Organ­spen­de wei­ter nur aus dem Blick­win­kel der Mach­bar­keit und der Möglichkeiten.

Organ­spen­de ret­tet Leben, Organ­spen­de ist ein Akt der christ­li­chen Nächs­ten­lie­be, die über den Tod hin­aus­geht, so wer­ben Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zi­ner und Organ­emp­fän­ger, und so wer­ben vie­le gedan­ken­los mit, weil kei­ner mehr ster­ben will. Und doch ist die Vor­aus­set­zung für die Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zin das Ster­ben eines Men­schen, der in den Minu­ten, Stun­den oder Tagen sei­nes Ster­bens, wenn die Lebens­kraft für ihn sel­ber nicht mehr aus­reicht, noch genü­gend Leben für ande­re in sich hat. Unge­nannt und unbe­kannt, ver­schwin­det er nach der Ent­nah­me sei­ner Orga­ne im Dun­kel. Kei­ner, der die Organ­spen­de befür­wor­tet, denkt dar­an, dass ein Mensch ster­bend noch ein­mal auf den Ope­ra­ti­ons­tisch geschnallt wur­de, damit er Spen­der von leben­den Orga­nen sein konn­te. Der Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zi­ner aber steht im glei­ßen­den Ram­pen­licht. „Leben um jeden Preis“ steht unsicht­bar auf dem Ban­ner, das Arzt und Trans­plan­tier­ter in den Far­ben der Nächs­ten­lie­be vor sich her­tra­gen. Die Angst vor der eige­nen Sterb­lich­keit macht blind und so las­sen wir uns von dem Wunsch nach Unsterb­lich­keit in unge­heu­er­li­che Begier­den und Begehr­lich­kei­ten füh­ren. In der For­de­rung, „lie­be Dei­nen Nächs­ten wie Dich selbst und Gott über alles“, hat die Nächs­ten­lie­be Sta­bi­li­tät. Wie in der Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zin nur ein­sei­tig gebraucht, führt sie Organ­spen­der und Ange­hö­ri­ge in eine Ein­bahn­stra­ße, die in einem Alp­traum endet. Heben wir auch das letz­te Gebot auf: „Du sollst nicht begeh­ren, was Dei­nes Nächs­ten ist“?

C.G. Jung behaup­tet, trennt man den Men­schen von sei­ner Kul­tur und Tra­di­ti­on, muss er an den Anfang sei­ner Mensch­wer­dung zurück. Genau die­sen Weg gehen wir! Wir befin­den uns durch die Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zin im moder­nen Kannibalismus. 

Der Mensch reißt sei­nem Gegen­über nicht mehr sel­ber das Herz aus der Brust und ver­speist es zur eige­nen Kraft­ge­win­nung, nein, in der heu­ti­gen Zeit legt sich der Mensch auf einen Ope­ra­ti­ons­tisch, schließt die Augen und lässt einverleiben.

Die unvor­be­rei­te­te Kon­fron­ta­ti­on mit dem Pro­blem der Organspende

Am 4. Febru­ar 1985 wur­de mein 15jähriger Sohn Chris­ti­an bei einem Ver­kehrs­un­fall töd­lich ver­letzt. Die Dia­gno­se „schwers­tes Schä­del­hirn­trau­ma“ stand schon an der Unfall­stel­le fest. Chris­ti­an wur­de in die Medi­zi­ni­sche Hoch­schu­le Han­no­ver geflo­gen, nach­dem er erst an der Unfall­stel­le, spä­ter im Ret­tungs­hub­schrau­ber, mit Elek­tro­schocks mehr­fach wie­der­be­lebt wurde.

Mei­ne Fami­lie und ich tra­fen in der Medi­zi­ni­schen Hoch­schu­le Han­no­ver ein, als Chris­ti­an bereits auf der Inten­siv­sta­ti­on lag. Er wur­de beatmet und mach­te den Ein­druck, als ob er tief schlie­fe. Er war warm, aus einer Stirn­wun­de sicker­te Blut, an sei­nem Bett hing ein Urin­beu­tel. Die Ärz­te auf der Inten­siv­sta­ti­on mach­ten uns wenig Hoff­nung. Sie ver­such­ten, mit Medi­ka­men­ten das Hirn zum Abschwel­len zu brin­gen, sahen aber kei­ner­lei Per­spek­ti­ve für ein men­schen­wür­di­ges Leben. 

Wir haben die nächs­ten Stun­den an Chris­ti­ans Bett ver­bracht und ich habe auf ein Wun­der gehofft. Wäh­rend die­ser Zeit ver­än­der­te sich der Zustand von Chris­ti­an nicht. Ab und zu wur­de ihm Blut abge­nom­men, wur­den die Gerä­te kontrolliert. 

Nur zur EEG-Ablei­tung muss­ten wir das Zim­mer ver­las­sen, kei­ne Erschüt­te­rung soll­te die Auf­zeich­nung beein­flus­sen. Nach die­ser Unter­su­chung kam der Arzt, mit dem wir anfangs über Chris­ti­ans Zustand gespro­chen hat­ten, und erklär­te uns, Chris­ti­an sei nun tot. Er wäre jetzt auch „sau­ber“, gemeint war, er wäre frei von Medi­ka­men­ten­rück­stän­den. Nun soll­ten wir uns über­le­gen, ob wir ihn zur Organ­spen­de frei­ge­ben: Herz oder Leber oder Nie­ren, even­tu­ell Knor­pel­mas­se wür­den dann entnommen. 

Ich leh­ne jede Mani­pu­la­ti­on an mei­nem toten Kör­per ab. Die Vor­stel­lung, mein Kör­per wird nach mei­nem Tode zer­teilt, ist für mich immer mit mei­nen leben­di­gen Emp­fin­dungs­mög­lich­kei­ten ver­bun­den gewe­sen. Ich füh­le kör­per­li­chen Schmerz, Aus­ge­lie­fert­sein und Angst. Des­halb kommt für mich über­haupt nicht in Fra­ge, mei­nen Kör­per der Ana­to­mie zu über­las­sen. Aber da war die eben durch­lit­te­ne Situa­ti­on mit mei­nem tod­kran­ken Kind und da waren die drän­gen­den Hin­wei­se des Arz­tes, dass ein ande­res Kind ster­ben müs­se, wenn wir nicht zustim­men wür­den. Plötz­lich gab es eine Bezie­hung, eine Ver­ant­wor­tung für einen ande­ren Men­schen, den wir gar nicht kann­ten, des­sen Leben nun aber von unse­rer Ent- schei­dung abhing. Das abzu­leh­nen, war mir nicht mög­lich. Hät­te ich doch auch jede Hil­fe für mei­nen Sohn gewollt. Ich konn­te mir nur all­zu gut vor­stel­len, was eine ande­re Mut­ter emp­fin­den wür­de, für deren Kind Chris­ti­ans Organ Wei­ter­le­ben mög­lich machen konn­te. Ich hat­te so vie­le Stun­den am Bett mei­nes Soh­nes geses­sen und auf Hil­fe gehofft, dass ich ande­ren Müt­tern, die genau­so hoff­ten, Hil­fe nicht ver­wei­gern konn­te. Mein „Ja“ zur Organ­spen­de war nur ein „Nein“ zu noch mehr Tod.

Ver­trau­en zwi­schen Arzt, Pati­ent und Angehörigen 

Ich gab den Kampf um mei­nen Sohn auf, weil der Arzt sag­te, Chris­ti­an sei tot. Eine unge­heu­er­li­che Situa­ti­on: Ich wen­de mich von mei­nem Kind ab, das warm ist, leben­dig aus­sieht und behan­delt wird wie ein Leben­der, weil der Arzt sagt, mein Kind ist tot. Ich muss­te gegen mein eige­nes Emp­fin­den glauben.

In die­ser Situa­ti­on über­neh­men die Medi­zi­ner eine unge­heu­re Ver­ant­wor­tung für alle jene Men­schen, die ganz unter­schied­lich durch die Organ­spen­de betrof­fen und mit­ein­an­der ver­bun­den sind. Die­se Ver­ant­wor­tung ist unteil­bar und nicht abtret­bar. Sie betrifft die Ange­hö­ri­gen der Spen­der und Emp­fän­ger, den Organ­emp­fän­ger und letzt­lich die gesam­te Gesell­schaft – uns alle, die mit die­sen Mög­lich­kei­ten und ihren Fol­gen leben müs­sen. Die Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zi­ner wer­den die­ser Ver­ant­wor­tung nicht gerecht.

Wir leben heu­te in einer Zeit, in der die Men­schen dem Medi­zi­ner im exis­ten­ti­el­len Kri­sen­fall, in der unmit­tel­ba­ren Fra­ge nach Tod und Leben glau­ben und ver­trau­en müs­sen. Die Aus­sa­gen des Arz­tes geben häu­fig – ent­ge­gen den per­sön­li­chen Erfah­run­gen – den Aus­schlag. Obwohl wir Chris­ti­an vor einer Minu­te noch als leben­dig ange­se­hen und sich an sei­ner Situa­ti­on für unser Emp­fin­den und Ver­ste­hen nichts geän­dert hat­te, haben wir von den Ärz­ten kei­ne Erklä­rung ver­langt, son­dern ihnen geglaubt und ver­traut. Die­ses Ver­trau­en wird in der lan­gen Zeit danach auf eine har­te Pro­be gestellt. Und die­ses Ver­trau­en in die Aus­sa­gen der Medi­zi­ner in der Fra­ge der Organ­spen­de besteht die Pro­be nicht. 

Ich habe mei­nen Sohn vor sei­ner Beer­di­gung noch ein­mal gese­hen. Er erin­ner­te mich an ein aus­ge­schlach­te­tes Auto, des­sen unbrauch­ba­re Tei­le lieb­los auf den Müll gewor­fen wur­den. Kanü­len steck­ten noch in sei­nen Armen und Hän­den. Ein Schnitt zog sich von sei­ner Kinn­spit­ze bis tief in den Aus­schnitt sei­nes Hemdes.

Die Augen fehl­ten. Chris­ti­ans Schwes­ter hat­te ihrem Bru­der im Kran­ken­haus zum Abschied noch ein Kett­chen um den Hals gelegt, und ich hat­te einen Ring dazu gehängt. Wir baten dar­um, ihm das zu las­sen, als einen letz­ten Aus­druck unse­rer Ver­bun­den­heit zu ihm. 

Jetzt lag die Ket­te zer­ris­sen neben ihm, der Ring fehl­te. Auch dafür hat­ten sich Abneh­mer gefun­den. Zurück beka­men wir nur einen blau­en Müll­sack mit Chris­ti­ans Klei­dung, die total zer­schnit­ten war, einem Socken und einem Schuh. Jetzt war er „rich­tig“ tot, er sah auch aus wie ein Toter: er war kalt, ohne Atem, leb­los. Da wur­de mir deut­lich bewusst, in wel­chem Zustand ich Chris­ti­an im Kran­ken­haus zurück­ge­las­sen und den Medi­zi­nern anver­traut hat­te. Ich hat­te den Ärz­ten einen Men­schen anver­traut, der aus­sah wie lebend, der warm war und behan­delt wur­de wie ein Leben­der. Ich muss­te für mich klä­ren, wozu ich ja gesagt hatte. 

Wozu hat­ten wir „Ja“ gesagt ?

Ohne es zunächst begrün­den zu kön­nen, erfass­te mich ein tie­fes Miss­trau­en gegen die Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zin. Organ­spen­de als Akt der christ­li­chen Nächs­ten­lie­be war ein Trug­bild, eine Ein­bahn­stra­ße. Wir waren bereit gewe­sen, ein Organ zu spen­den, jetzt erfuhr ich, dass die Medi­zi­ner mei­nem Sohn Herz, Leber, Nie­ren und Augen ent­nom­men hat­ten, man hat­te ihm sogar die Becken- kamm­kno­chen aus dem Kör­per gesägt. Zer­legt in Ein­zel­tei­le war er dann über Euro­pa ver­teilt wor­den. Er war zum Recy­cling­gut gewor­den. Wie ein Schlag traf mich die Erkennt­nis, dass ich trotz des Ent­set­zens, trotz des wach­sen­den Emp­fin­dens, dass man mich in eine Rich­tung mani­pu­liert hat­ten, die ich gar nicht woll­te, kein Argu­ment gegen die Organ­spen­de set­zen konn­te. Mei­ne gefühls­mä­ßi­ge Abnei­gung und mein wach­sen­des Miss­trau­en, dass Organ­trans­plan­ta­ti­on etwas ande­res beinhal­tet, als man uns glau­ben machen woll­te, wür­de mich nicht davor schüt­zen, in einer zukünf­ti­gen Situa­ti­on erneut „Ja“ zu sagen, statt „Nein“. Immer wie­der prall­ten mei­ne Erfah­run­gen und Gefüh­le, die ich als Mut­ter von Chris­ti­an erlebt hat­te, auf die Hoff­nun­gen und Wün­sche von Müt­tern kran­ker Kin­der. Ich muss­te mehr über die Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zin erfah­ren, um ent­we­der mei­ne Ent­schei­dung doch beja­hen zu kön­nen oder Argu­men­te für ein „Nein“ zu finden.

Auf der Suche nach Infor­ma­tio­nen

In den fol­gen­den Jah­ren sam­mel­te ich jede Infor­ma­ti­on zur Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zin. Auf der Suche nach Ant­wor­ten ver­such­ten beson­ders die Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zi­ner der Medi­zi­ni­schen Hoch- schu­le Han­no­ver, mei­ne Zwei­fel und kri­ti­schen Fra­gen damit abzu­weh­ren, dass sie mich für „zu betrof­fen“ erklär­ten, um klar den­ken zu können.

Um mich mund­tot zu machen, wur­de mir mit gericht­li­chen Schrit­ten gedroht. Man schick­te mir Unter­las­sungs­kla­gen zu, in denen ich mich ver­pflich­ten soll­te, für jede öffent­li­che Stel­lung­nah­me zur Organ­spen­de mei­nes Soh­nes 1000 DM an das Deut­sche Rote Kreuz zu zah­len. Ohne mei­ne Fami­lie, die sich davon nicht ein­schüch­tern ließ, die mir half, per­sön­li­che Trau­er und berech­tig­te Kri­tik von­ein­an­der zu tren­nen, hät­te ich den Kampf um Auf­klä­rung und Ver­ste­hen auf­ge­ge­ben. Ein Arti­kel in der Han­no­ver­schen All- gemei­nen Zei­tung hat­te eine Lawi­ne von Kon­tak­ten zu den Medi­en, aber auch zu Ange­hö­ri­gen von Organ­spen­dern zur Fol­ge. Ich war gar kein Ein­zel­fall, wie mir ein­ge­re­det wer­den soll­te. Alle die­se Ange­hö­ri­gen waren, wie ich, unauf­ge­klärt oder falsch infor­miert in die Organ­ent­nah­me mani­pu­liert worden. 

Frau N. erzähl­te, wie sie immer wie­der bedrängt wur­de, die Orga­ne ihrer Toch­ter mög­lichst schnell zur Organ­spen­de frei­zu­ge­ben, da- mit sie ihre Qua­li­tät behiel­ten. Falls sie sich wei­ge­re, blie­ben die Gerä­te, an die ihre Toch­ter ange­schlos­sen war, ange­stellt. Ein uner­träg­li­cher Gedan­ke für sie. Natür­lich sag­te ihr kein Arzt, dass bei irrever­si­blem Hirn­tod der end­gül­ti­ge Tod auch bei Ange­schlos­sen­sein an Gerä­te nicht ver­hin­dert wer­den kann. Er tritt nach Stun- den bis Tagen unauf­halt­sam ein. Auf die­se Wei­se zu ster­ben, emp­fin­den vie­le Medi­zi­ner als huma­ner, denn beim abrup­ten Abstel­len der Beatmungs­ge­rä­te erstickt der Pati­ent. Frau N. wil­lig­te schließ­lich in eine Organ­spen­de ein, um ihre Toch­ter von den Maschi­nen zu befrei­en. Frau N. hat sich als Buße auf­er­legt, spä­ter sel­ber ein­mal Orga­ne zu spen­den, um wenigs­tens das glei­che Schick­sal zu erlei­den, das sie ihrer Toch­ter zuge­mu­tet hat. Inzwi­schen lei­det sie an Mul­ti­pler Skle­ro­se, wahr­schein­lich aus­ge­löst durch den Tod ihrer Toch­ter, haben ihr die Ärz­te erklärt.

Frau H. wur­de, als die Medi­zi­ner ihren irrever­si­blen Hirn­tod ver­mu­te­ten, in einen Kran­ken­wa­gen ver­frach­tet, von Groß­burg­we­del in die MHH gefah­ren, um dort die Hirn­tod­fest­stel­lung durch­zu­füh­ren, ohne dass ihr Mann begrif­fen hat­te, dass man ihr anschlie­ßend die Orga­ne ent­neh­men woll­te. Als er die Zustim­mung ver­wei­ger­te, wur­de die Frau in das ers­te Kran­ken­haus zurück­ver­legt und wei­ter künst­lich ernährt und medi­ka­men­tös behan­delt. Er emp­fand es als Schi­ka­ne, dass die Medi­zi­ner sich wei­ger­ten, die Gerä­te aus­zu­stel­len. Durch zähen Kampf erreich­te er schließ­lich nur, dass man die lebens­er­hal­ten­den Medi­ka­men­te wegließ. 

Frau M. berich­te­te von ihrer Bit­te an die Medi­zi­ner um ein auf­klä­ren­des Gespräch nach der Organ­spen­de. Ohne ein Attest über ihre „geis­ti­ge Zurech­nungs­fä­hig­keit“ woll­te man aber nicht mit ihr spre­chen. Frau M. hat dar­auf­hin nie wie­der den Mut zu einem Gespräch gehabt. Sie ist dar­an krank gewor­den und seit­dem immer wie­der in psy­cho­lo­gi­scher Behandlung.

Vie­le Eltern haben mir geschrie­ben, sich nach Vor­trä­gen an mich gewandt, etli­che woll­ten auch mir gegen­über anonym blei­ben, weil sie sich so sehr schämten. 

Die Kraft, sich zu weh­ren, hat­ten die wenigs­ten. Nur ein Vater hat sei­nen Sohn im Wis­sen, dass die­ser kein „men­schen­wür­di­ges“ Leben mehr füh­ren kön­ne, zur Organ­ent­nah­me frei­ge­ge­ben. Er ver­stand Organ­spen­de als sinn­vol­le Sterbehilfe. 

Alle Ange­hö­ri­gen der Organ­spen­der sind davon aus­ge­gan­gen, dass ihre Kin­der so tot waren, wie man sich Tot-Sein vor­stellt. Alle erin­ner­ten sich dar­an, dass ihre Kin­der aber gera­de nicht kalt, starr, leb­los und ohne Atem waren. Im Gegen­teil: sie waren warm, eini­ge schwitz­ten, sie wur­den wie Pati­en­ten ver­sorgt und behandelt. 

Im Nach­hin­ein brei­ten sich Angst und Ent­set­zen aus. Das Schuld­ge­fühl, zu früh auf­ge­ge­ben zu haben, über­wäl­tigt, denn was ver­las­sen wur­de, war ein Leben­der und kein Toter. Nie­mand kann die Ange­hö­ri­gen aus die­sem Alp­traum her­aus­füh­ren, weil kei­ner leug­nen kann, dass sie tat­säch­lich war­me, leben­de Kör­per zurück- gelas­sen haben. An die­ser erleb­ten und im Sin­ne des Wor­tes wirk­lich „begrif­fe­nen“ Tat­sa­che geht die Defi­ni­ti­on des Hirntodes

vor­bei. Am erdrü­ckends­ten wer­den die Augen­bli­cke emp­fun­den, in denen die Eltern über die viel­leicht noch vor­han­de­nen Emp­fin­dun­gen ihrer Kin­der bei der Organ­ent­nah­me nach­den­ken. Die Müt­ter erzäh­len von nächt­li­chen Alp­träu­men, in denen ihre Kin­der schrei­en und ihnen vor­wer­fen, sie ver­las­sen zu haben. Und das genau haben wir getan. Ster­be­be­glei­ter waren nicht wir, son­dern die Trans­plan­ta­ti­ons­teams, die nach­ein­an­der anreis­ten, um sich ihrer Orga­ne zu bemäch­ti­gen. Fixiert auf dem Ope­ra­ti­ons­tisch, anäs­the­siert wie jeder Pati­ent, der ope­riert wird, reagie­ren eini­ge Spen­der mit Blut­druck­an­stieg, wenn der ers­te Haut­schnitt gesetzt wird. Bei nor­ma­len Pati­en­ten ist das ein Zei­chen für Schmerz.

Haben unse­re Kin­der etwas emp­fun­den, als man sie vom Kinn bis zum Scham­bein auf­schnitt, ihre Kör­per­hälf­ten wie eine Wan­ne aus­ein­an­der­spreiz­te, um sie mit eis­kal­ter Per­fu­si­ons­lö­sung zu fül­len? Haben sie emp­fun­den, wie sie nach der Qua­li­tät ihrer Orga­ne beur­teilt wurden? 

Was haben wir zuge­las­sen, was füg­te man ihnen zu, als sie noch zwi­schen Leben und Tod schweb­ten, mit wel­chem Trau­ma wur­den sie in den Tod geschickt? 

Es ist nicht zum Aus­hal­ten! Wir fin­den kei­nen Weg aus der Schuld. Wir ken­nen und ver­ste­hen nur einen Tod und mer­ken plötz­lich, der Medi­zi­ner muss einen ganz ande­ren Tod mei­nen. Die schritt­wei­se Suche nach die­sem „neu­en Tod“ wird beglei­tet von der ent­setz­ten Erkennt­nis, dass die­ser Tod vor dem ande­ren, dem von uns vor- aus­ge­setz­ten, dem bekann­ten Tod liegt. Alles Wis­sen, alle Infor- matio­nen, die wir in die­ser Fra­ge sam­mel­ten, bestä­ti­gen und erhär­ten den Ver­dacht, dass unse­re Kin­der nicht tot waren, son­dern erst im Ster­ben lagen. 

In den Kran­ken­ak­ten von Chris­ti­an befin­den sich drei ver­schie­de­ne Todeszeitpunkte. 

Das „Abschal­ten“ der Gerä­te, das den Tod von Men­schen zur Fol­ge hat, die nur durch Tech­nik am Leben gehal­ten bzw. am Ster­ben gehin­dert wur­den, war noch vor 1968, zu einem Zeit­punkt, der im Rah­men unse­res Lebens­al­ters liegt, strafbar. 

In der Bun­des­re­pu­blik war die­se Dis­kus­si­on mit der Erin­ne­rung an die Eutha­na­sie belas­tet, die Ermor­dung „unwer­ten“ Lebens im Drit­ten Reich. Die Mög­lich­keit des Abschal­tens der Gerä­te war dar­über hin­aus auch dadurch frag­wür­dig, weil Mani­pu­la­tio­nen, Beein­flus­sun­gen, Ent­schei­dun­gen zum Scha­den des Pati­en­ten und zum Nut­zen z. B. der Erben befürch­tet wer­den muss­ten. Ob heu­te aus­rei­chend berück­sich­tigt wird, dass durch die Organ­trans­plan­ta­ti­on die Mög­lich­keit gege­ben ist, sich in Besitz von Über­le­ben im ursprüng­lichs­ten Sinn zu set­zen, scheint mir frag­lich. Eine völ­lig neue Art von Delik­ten ist mög­lich: sich Leben, Wei­ter­le­ben zu rau­ben. In der Drit­ten Welt eine Rea­li­tät. Hat die Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zin dar­an gedacht, wel­che mensch­li­chen Eigen­schaf­ten ent­fes­selt wer­den kön­nen, wenn der Lebens­trieb eines Men­schen ange­spro­chen wird?

Am 3. Dezem­ber 1967 fand in Kap­stadt die ers­te Herz­trans­plan­ta­ti­on statt. Dr. Chris­ti­an Bar­nard ent­nahm dem nicht mehr zu ret­ten­den Cli­ve Haupt das noch schla­gen­de Herz aus der Brust, um es dem tod­kran­ken Zahn­arzt Dr. Blai­berg ein­zu­pflan­zen. Die Welt jubel­te, begriff aber nicht, dass ein nicht mehr zu ret­ten­der Pati­ent natür­lich noch kein Ver­stor­be­ner ist. Welt­weit fie­ber­ten Chir­ur­gen danach, nun auch leben­de Orga­ne zu transplantieren. 

Um nicht des Tot­schlags ange­klagt zu wer­den, wur­den 1968 im Har­vard Medi­cal Report die irrever­si­bel koma­tö­sen Pati­en­ten für „hirn­tot“ erklärt, und man bezeich­ne­te ihren Zustand als „Tod der Per­son“ oder „Tod des Indi­vi­du­ums“. Die­se Umde­fi­nie­rung des irrever­si­blen Komas schuf zuerst in Ame­ri­ka die not­wen­di­ge Legi­ti­ma­ti­on, sol­che Men­schen als Herz­spen­der zu benut­zen. „Tod der Per­son“ oder „Tod des Indi­vi­du­ums“ heißt, dass das Per­sön­li­che, das Indi­vi­du­el­le eines Men­schen, das, was ihn von ande­ren unter­schei­det, nicht mehr besteht. Die selbst­stän­di­gen Steue­rungs­mög­lich­kei­ten des Orga­nis­mus sind irrever­si­bel geschä­digt. Irrever­si­bel hirn­to­te Pati­en­ten sind Men­schen, die nicht mehr zu ret­ten sind. Man legi­ti­mier­te die Umde­fi­nie­rung auch damit, dass sie Ange­hö­ri­ge und Pfle­ge­per­so­nal arbeits­mä­ßig wie psy­chisch enorm belas­te­ten, hohe Kos­ten ver­ur­sach­ten und Bet­ten beleg­ten. Irrever­si­bel Hirn­to­te müs­sen wie ande­re Inten­siv­pa­ti­en­ten genährt, gewa­schen und gepflegt wer­den, wer­den täg­lich mehr­mals umge­la­gert, um so genann­te Druck­ge­schwü­re zu ver­mei­den. Kon­ti­nu­ier­li­che Mund­pfle­ge, Haut­pfle­ge und Medi­ka­men­ten­ga­be sind not­wen­dig. Ihr Herz schlägt und sie atmen mit tech­ni­scher Unter­stüt­zung durch Beatmungs­ge­rä­te. Sie sind warm, der Stoff­wech­sel funk­tio­niert. Hirn­to­te Frau­en kön­nen Kin­der gebä­ren, hirn­to­te Män­ner kön­nen Erek­tio­nen haben. Hirn­strö­me und Hor­mon­pro­duk­ti­on der Hypo­phy­se sind mög­lich. Sie reagie­ren auf äuße­re Rei­ze, bei 3 von 4 Hirn­to­ten sind Bewe­gun­gen der Arme und Bei­ne möglich.

Hirn­to­te kön­nen sich auf­rich­ten und gur­geln­de Lau­te aus­sto­ßen. Nicht neue medi­zi­ni­sche Erkennt­nis­se mach­ten aus ster­ben­den Men­schen „Teil­to­te“, son­dern neue tech­ni­sche Mög­lich­kei­ten schu­fen neue Bedürf­nis­se und dar­aus resul­tie­ren­de Ansprüche. 

Der Mensch wird seit­her in sei­ner schwächs­ten und schüt­zens­wer­tes­ten Situa­ti­on, sei­nem Ster­ben, umde­fi­niert zu einem wehr­lo­sen, aber in einer bis­her nie da gewe­se­nen Wei­se aus­beut­ba­ren Objekt. Sein bis­her in einer zivi­li­sier­ten Welt als selbst­ver­ständ­lich aner­kann­tes Recht auf sein eige­nes unge­stör­tes und indi­vi­du­el­les Ster­ben wur­de umde­fi­niert in eine Pflicht zur Organ­spen­de. Der Mensch wur­de per Defi­ni­ti­on auf­ge­teilt in totes Hirn mit leben­den Organen.

Kri­ti­sche Aspek­te der Transplantationsmedizin 

Die Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zin voll­zieht einen Ein­griff in die Natur, der beim heu­ti­gen Wis­sens­stand um deren Fra­gi­li­tät frag­wür­dig scheint. Auf der einen Sei­te bekla­gen wir Aids­pa­ti­en­ten, deren Immun­sys­tem nicht mehr funk­tio­niert, auf der ande­ren Sei­te wird das Immun­sys­tem der Trans­plan­tier­ten gegen Null gefah­ren, um die natür­li­chen Absto­ßungs­re­ak­tio­nen zu ver­hin­dern. Die Indi­vi­dua­li­tät jedes Men­schen reicht bis in sei­ne letz­te Kör­per­zel­le und bleibt auch in einem trans­plan­tier­ten Organ vor­han­den. Mit hohen Kor­ti­songa­ben wer­den das frem­de Organ und der Emp­fän­ger­kör­per gedopt, um die Natur zu betrü­gen. Die Fol­gen blei­ben nicht aus. Die stän­di­gen Kor­ti­songa­ben schä­di­gen auch die ande­ren Orga­ne. Das trans­plan­tier­te Organ bleibt, trotz Kor­ti­son, einer schlei­chen­den Absto­ßung unter­wor­fen. Pil­ze, Viren und Bak­te­ri­en, die in einem gesun­den Kör­per von den kör­per­ei­ge­nen Abwehr­kräf­ten bekämpft wer­den, kön­nen sich unge­stört vermehren. 

Manch Trans­plan­tier­ter stirbt qual­voll an Infek­tio­nen, gegen die sich sein Kör­per nicht weh­ren darf, um das trans­plan­tier­te Organ nicht abzu­sto­ßen. Der Tod ist um einen hohen Preis für die Trans­plan­tier­ten hin­aus­ge­scho­ben, die Wäh­rung ist auch hier Unmensch­lich­keit. Spen­der wie Emp­fän­ger müs­sen dar­auf ver­zich­ten, einen der wich­tigs­ten Grund­pro­zes­se ihres Mensch­seins zu durch­le­ben, ihr eige­nes Ster­ben. Der Trans­plan­tier­te muss sich so auf sein Leben kon­zen­trie­ren, dass er sich auf sein Ster­ben nicht mehr ein­rich­ten kann und über­gangs­los dem Tod gegen­über­steht. Kas­sie­rer – Gewin­ner ist der Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zi­ner, der sei­nem Traum, den Tod zu besie­gen, einen wesent­li­chen Schritt näher gekom­men ist.

Wie kommt es, dass wir so schwer begrei­fen, was sich hin­ter der Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zin ver­birgt? Wie kommt es, dass wir uns auf Wer­be­ver­an­stal­tun­gen dazu über­re­den las­sen, Organ­spen­de­aus­wei­se aus­zu­fül­len? Geht es doch um unse­ren eige­nen Tod. Die Men­schen, für die wir als Spen­der gewor­ben wer­den, lie­gen bereits in den Kran­ken­häu­sern, und ihr Über­le­ben hängt davon ab, dass wir mög­lichst bald unser Leben been­den, um mit unse­ren gesun­den Orga­nen ihr Ster­ben aufzuhalten. 

Die Ant­wort ist: Die Gesell­schaft wird mit ihrer Angst vor dem Ster­ben so mani­pu­liert, dass wir uns alle nur in der Rol­le der Organ­emp­fän­ger sehen, aber nicht als Lie­fe­rant. Die Akzep­tanz der Organ­spen­de beruht dar­auf, dass kei­ner mehr ster­ben will. Jeder hofft, auf Kos­ten eines ande­ren zu überleben. 

Wir steu­ern auf die recy­cel­ba­re Gesell­schaft zu. Wir müs­sen end­lich eige­ne Maß­stä­be ent­wi­ckeln und begrün­den, wenn wir nicht eines Tages in einer Welt leben wol­len, in der Men­schen zu Ersatz­teil­la­gern wer­den und die Medi­zin eine Repa­ra­tur­werk­statt ist. Was wir Organ­spen­dern zumu­ten dür­fen, die wir bru­tal in ihrem Ster­be­pro­zeß anhal­ten und aus­wei­den, dar­über muss ein Mei­nungs­bil­dungs­pro­zess in Gang kom­men und letzt­lich die Gesell­schaft ent­schei­den. Die Organ­spen­de ist ein Pro­blem, dem wir uns alle stel­len müs­sen, zu dem wir eine Ein­stel­lung fin­den müs­sen auf Grund von Wis­sen. Dann kann sich dar­aus auch unser Gewis­sen bilden.

Von den Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zi­nern als Segen gefei­ert, zwingt uns die Organ­über­tra­gung eine ande­re Sicht vom Men­schen auf. Der Mensch ist nicht mehr in sei­ner Ganz­heit und Indi­vi­dua­li­tät gefragt, son­dern als Recy­cling­ob­jekt, als Lie­fe­rant von Ware, die er zu Leb- oder Ster­bens­zeit abgibt. Das Ver­pflan­zen von Orga­nen for­dert die Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zi­ner zu nie dage­we­se­nen Ent­schei­dun­gen her­aus. In den Anfän­gen der Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zin waren die Organ­spen­der Son­der­fäl­le der Inten­siv­me­di­zin. Damals war noch ganz klar, wer Spen­der und wer Emp­fän­ger von Orga­nen ist. Heu­te ist es durch die Wei­ter­ent­wick­lung der Inten­siv­me­di­zin einer­seits, die Ver­bes­se­rung der Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zin ande­rer­seits und die damit ver­bun­de­ne Organ­knapp­heit mög­lich und nötig gewor­den, zu fra­gen, wer soll Emp­fän­ger und wer soll Opfer sein. Es fin­det eine dop­pel­te Güter­ab­wä­gung statt. Was ist lebens­wert und wel­ches Leben ist noch lebens­wer­ter? Gise­la Wut­t­ke spricht in die­sem Zusam­men­hang vom Lego­men­schen, aus­tausch­bar und umbau­fä­hig. Leben, das eigent­lich ver­schwen­de­risch vor­han­den ist, gerät in einen Recy­cling­kreis­lauf. Es macht sich eine Ver­wer­tungs­men­ta­li­tät breit, aus zwei mach eins – aber es reicht trotz­dem nicht.

In der 3. Welt ist Organ­han­del ein Tages­ge­schäft. Kin­der wer­den zum Zwe­cke der Organ­ent­nah­me gezeugt und umge­bracht. Men­schen wer­den von der Stra­ße weg­ge­fan­gen und als Organ­spen­der gegen ihren Wil­len oder ohne ihr Wis­sen miss­braucht. Lei­chen, denen Orga­ne feh­len, wer­den auf Müll­hal­den gefun­den. Seit Jah­ren kön­nen wir so etwas in der Zei­tung lesen. Wir ver­mei­den es, einen Zusam­men­hang zu unse­rem zivi­li­sier­ten Euro­pa zu sehen.

Doch der Bedarf hier bei uns schafft über­haupt erst die Not­wen­dig­keit, Men­schen, wo auch immer auf der Welt sie leben, Orga­ne zu ent­neh­men. Immer sind an der Explan­ta­ti­on hoch aus­ge­bil­de­te Medi­zi­ner betei­ligt und es bedarf eines gewal­ti­gen tech­ni­schen Appa­ra­tes, um sie durch­zu­füh­ren. Orga­ne wer­den nicht im Hin­ter­hof entnommen.

Die Grund­angst des Men­schen vor jeder Ver­än­de­rung, beson­ders dem Tod, wächst mit der Mög­lich­keit, dem Ster­ben aus­wei­chen zu kön­nen. So, wie im Mär­chen der Arzt nur schnell das Bett um- dre­hen muss, kann heu­te die Organ­trans­plan­ta­ti­on die letz­te Mög­lich­keit sein, dem Tod von der Schip­pe zu hüpfen.

Der Anspruch der Gesell­schaft, der an mei­ner Haut ende­te, reicht jetzt bis in die tiefs­ten Win­kel mei­nes Kör­pers. Als Trä­ger einer Men­ge ver­wert­ba­rer Orga­ne wer­de ich zum begehr­ten Objekt. Mei­ne Orga­ne fin­den rei­ßen­den Absatz. Über Organ­ver­tei­ler­stel­len wer­den sie wie Ware ange­bo­ten und in Euro­pa ver­teilt. Ent­nom­men und in Kühl­bo­xen ver­packt, wer­den sie per Hub­schrau­ber oder Jet in Trans­plan­ta­ti­ons­zen­tren geflo­gen und ver­wer­tet. Der Mensch ver­kommt zum Son­der­an­ge­bot, tief­ge­fro­ren bis zur Ver­wer­tung. Wol­len wir das wirk­lich oder soll­ten wir nicht end­lich Ein­halt gebie­ten?

Waren unter­lie­gen den Regeln des Ange­bo­tes und der Nach­fra­ge. Beson­ders begehr­te Objek­te, wie Orga­ne, sind knapp. Die Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zin muss sich stän­dig nach neu­en Quel­len umse­hen. Sie befin­det sich in der bit­te­ren Situa­ti­on, dass Trä­ger von Orga­nen zwar im Über­fluss vor­han­den sind, sie aber nicht so frei dar­über ver­fü­gen kann, wie sie möch­te und müss­te, um den Bedarf zu befrie­di­gen. Die Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zi­ner und Organ­emp­fän­ger unter­stel­len der Gesell­schaft eine all­ge­mei­ne Akzep­tanz der Organ­spen­de und for­dern den Zugriff auf jeden Hirn­to­ten. Die Res­sour­cen wären enorm. Nach Bedarf könn­te man in den „Pool“ grei­fen und das pas­sen­de Organ her­aus­fi­schen. Es wäre sogar denk­bar, dass wir uns auf die­se Wei­se brau­ne statt blaue Augen beschaf­fen könn­ten. Die Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zi­ner wären in der für sie wün­schens­wer­ten Situa­ti­on, dass an den Inten­siv­pa­ti­en­ten nicht mehr die Fra­ge zu stel­len ist, wen dür­fen wir als Spen­der benut­zen, son­dern nur noch: Wen kön­nen wir nicht gebrau­chen?

Es sind 15 Jah­re seit dem Tod mei­nes Soh­nes ver­gan­gen. Ich habe eine lan­ge Zeit gebraucht, um einen eige­nen Stand­punkt zur Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zin zu ent­wi­ckeln. Ich weiß, dass ich weder Organ­spen­der sein wer­de noch frem­de Orga­ne anneh­men möch­te.

Als Christ wer­de ich in einer Bezie­hung zu Gott gebo­ren, lebe und been­de mein Leben in der Bezie­hung zu Gott. Das gilt für den Gesun­den wie für den Kranken. 

Das gilt aber nicht in der ver­ti­ka­len Bezie­hung, in den Ver­ant­wort­lich­kei­ten und Ver­bind­lich­kei­ten von Mensch zu Mensch. Der Kran­ke ist in der Bezie­hung zu Gott sicher auf­ge­ho­ben, wenn er es denn zulässt. Akzep­tiert er die Ver­bin­dung zur Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zin, wird eine Lebens­gier ent­facht, die zur Bedro­hung für ande­re wer­den kann, und der eige­ne Tod wird damit aus den Augen verloren. 

Mir wur­de deut­lich, dass nicht Über­le­ben unser Ziel ist, son­dern das Auf­grei­fen von Lebens­mög­lich­kei­ten, die sich auf dem Bogen von der Geburt bis zum Tod bie­ten. Das Leid um Ster­ben und Tod mei­nes Soh­nes hat mir bewusst gemacht, wie viel Erfah­rungs­mög­lich­kei­ten die Medi­zi­ner uns genom­men haben, wie vie­le Türen uns die hoch­tech­ni­sier­te Medi­zin geschlos­sen hat. Ster­ben fin­det dahin­ter statt und ist so unbe­kannt gewor­den, dass die Angst vor die­sem Grund­pro­zess des Mensch­seins ins Uner­träg­li­che rückt und wir mit­hel­fen, die­se Türen zuzuhalten.

Auch ich habe mich so ver­hal­ten. Den Tod mei­nes Vaters, der nach einem Auto­un­fall starb, hat­te ich ver­drängt und auch den Tod von ande­ren Ange­hö­ri­gen und Freun­den. Durch den Tod mei­nes Soh­nes rück­ten sie alle wie­der in mein Bewusst­sein. Es war ein lang­wie­ri­ger Pro­zess, zu begrei­fen, dass Ster­ben etwas All­täg­li­ches ist, dass der Tod die Krö­nung des Lebens ist.

Ster­ben, ein Grund­pro­zess des Lebens, fin­det nicht mehr in der Fami­lie statt und ist daher für uns nicht mehr erleb­bar. Wir beglei­ten Ster­ben­de nicht mehr auf der letz­ten Stre­cke ihres Lebens. Wir las­sen uns jede Chan­ce ent­ge­hen, die­ses Frem­de mit­zu­er­le­ben. Wir haben das Ster­ben an Kran­ken­häu­ser oder ande­re Insti­tu­tio­nen abge­ge­ben. Das Altern fin­det in spe­zi­el­len Häu­sern statt. Tote wer­den an Bestat­tungs­in­sti­tu­te wei­ter­ge­lei­tet. Nichts mehr haben wir von den Aus­klän­gen des Lebens in Hän­den behal­ten. Wie sol­len wir da Ster­ben und Tod begrei­fen. Wie kön­nen wir reif wer­den zum Tod, wenn wir uns zuneh­mend die­sem Erle­ben ver­schlie­ßen? Wir las­sen den Tod zum Feind des Lebens wer­den, dem man aus dem Wege gehen muss, dem man ein Schnipp­chen schla­gen muss. Der Tod als Freund am Ende eines erfüll­ten Lebens ist uns ver­lo­ren­ge­gan­gen. Die Angst vor dem Ster­ben, wie vor jedem neu­en Schritt im Leben, ist ins Irra­tio­na­le abge­glit­ten.

Mei­ne Tan­te brauch­te für ihr bewuss­tes Ster­ben 24 Stun­den. Mei­ne Schwie­ger­mut­ter brauch­te vie­le Mona­te, um end­lich den Tod zu akzep­tie­ren. Sie leb­te ihre letz­ten 6 Jah­re in mei­ner Fami­lie. Für mich ist die Beglei­tung der letz­ten Stre­cke eines Lebens zum Schlüs­sel­er­leb­nis gewor­den. Der Ster­be­pro­zess führt einen Men­schen, wie eine Schleu­se ein Schiff, auf ein ande­res Niveau, wo es gefahr­los in höhe­rem oder tie­fe­rem Was­ser abge­setzt wird. Das Schleu­sen mag lang oder kurz dau­ern, nie stürzt ein Schiff über­gangs­los ab. Wie ein Schiff eine Schleu­se, so braucht der Mensch sein Ster­ben, um gefahr­los und angst­frei in neue Gewäs­ser gelan­gen zu kön­nen. Mir ist deut­lich gewor­den, welch zutiefst mensch­li­cher Pro­zess das Ster­ben ist. Die Angst vor dem Leben, vor neu­en Erfah­run­gen, ver­dammt uns zur Bewe­gungs­lo­sig­keit.

Das sind die schmerz­li­chen Erfah­run­gen, die uns Still­stand und Tod mit­ten im Leben bringen. 

Im Lau­fe der Jah­re bin ich oft gefragt wor­den, war­um ich nicht end­lich auf­hö­re, nach­zu­for­schen, war­um ich nicht end­lich den Medi­zi­nern und mir Ruhe gebe. 

Ich habe oft genug Lust dazu gehabt, alles hin­zu­wer­fen, denn sich mit der Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zin aus­ein­an­der zu set­zen, bedeu­tet ein Ein­tau­chen in einen gefähr­li­chen Stru­del von Macht, Grö­ßen­wahn und Lebens­gier. Ich habe oft Angst gehabt, wenn ich vor einer Grup­pe von Men­schen gestan­den habe und mei­ne Infor­ma­tio­nen wei­ter­ge­ge­ben habe. Die Andro­hung, mir etwas zu- lei­de zu tun, habe ich sehr ernst genom­men. Sie hat mich in einen Kon­flikt gestürzt: Wel­chen Preis bin ich bereit zu zah­len, inwie­weit bin ich mit­be­tei­ligt und unter­stüt­ze die Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zin, wenn ich ihr nicht mit mei­nem Wis­sen entgegentrete.

Die Trans­plan­tier­ten haben mir vor­ge­wor­fen, fal­sche Infor­ma­tio­nen wei­ter­zu­ge­ben und damit ihr Leben aufs Spiel zu set­zen. Hass auf Leben­de, die dem Tod noch ein­mal von der Schip­pe gehüpft sind, wären mein Motiv, weil es mei­nem Sohn nicht ver­gönnt war, zu über­le­ben. Ich sehe das nicht so. Ich sehe eine Ver­pflich­tung mei­nem ver­stor­be­nen Sohn gegen­über, des­sen Tod nicht den Stel- len­wert eines über­fah­re­nen Kanin­chens hat, und der nun, weil er tot ist, nicht mehr zählt. Ich sehe auch eine Ver­pflich­tung den Leben­den gegen­über, deren Tod mich immer wie­der in die glei­che Situa­ti­on der Fra­ge nach der Organ­ent­nah­me füh­ren kann. Die Ent­schei­dung, ja oder nein zur Organ­ent­nah­me, gefällt nach um- fas­sen­den Infor­ma­tio­nen, kann immer nur eine ganz per­sön­li­che sein, aber sie muss dann stand­hal­ten, wenn die Organ­ent­nah­me beginnt, denn dann ist kei­ne Kor­rek­tur mehr möglich. 

Ver­lie­re ich wirk­lich nicht die Nächs­ten­lie­be aus den Augen? Wird sich nicht doch mei­ne Ein­stel­lung zu Krank­heit und Tod ändern, wenn mir mit einem Organ gehol­fen wer­den könn­te? Was wür­de ich zum Bei­spiel tun, wenn einem mei­ner Kin­der mit einer Organ- spen­de „gehol­fen“ wer­den könn­te? Wür­de ich denn wenigs­tens ein Organ von mir her­ge­ben? Die­se Fra­gen wer­den mir immer wie­der gestellt. Die Ant­wor­ten lau­ten immer „nein“. Ich lie­be mei­ne Kin­der, mei­ne Fami­lie, wie jede Mut­ter und Frau es tut. Brauch­ten mei­ne Kin­der ein Organ, dann fie­len mir die Organ­emp­fän­ger ein, die ich im Lau­fe der Jah­re ken­nen gelernt habe. 

Mit einem unsicht­ba­ren Band „ein Leben lang“ an einen Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zi­ner geket­tet zu sein, macht unfrei, abhän­gig, erschreckt mich. Die vie­len Neben­wir­kun­gen, die auf­tre­ten durch die Ein­nah­me von Medi­ka­men­ten, die die noch funk­tio­nie­ren­den Orga­ne des Kör­per schä­di­gen, leh­ne ich ab. Sie ent­spre­chen nicht uns und unse­rer Lebens­wei­se. Ich füh­le mich auch nicht als Ersatz­teil­la­ger für mei­ne Kin­der. In ihrem Wer­dungs­pro­zess habe ich mei­nen Kör­per mit ihnen geteilt, spä­ter mein Bett, mei­ne Nah­rung. Heu­te tei­le ich mein Geld und manch­mal mei­ne Klei­dung mit ihnen. Mein Mann und ich haben jetzt noch 5 Kin­der. Im Extrem­fall hät­te ich eine Nie­re, ein Stück mei­ner Leber und viel­leicht zwei Horn­häu­te abzu­ge­ben. So ver­ste­he ich aber mei­ne Auf­ga­be und Pflicht als Mut­ter nicht.

Immer wür­de ich sie auf Krank­heits­we­gen beglei­ten und sie un- ter­stüt­zen, bis zum Tode.

Könn­te ich wenigs­tens eine Nie­re abge­ben, denn da hört man doch viel Posi­ti­ves? Nein, auch das nicht, ich hal­te das Leben eines Dia­ly­se­pa­ti­en­ten nicht für leicht, aber ich benei­de auch kei­nen Nie­ren­trans­plan­tier­ten, der vol­ler Pilz­in­fek­tio­nen steckt. 

Der Tod mei­nes Soh­nes hat mich in eine tie­fe Kri­se geführt. Damals glaub­te ich, dass auch für mich das Leben vor­bei sei. Ich fühl­te mich gefan­gen in tiefs­ter Dun­kel­heit, bewe­gungs­los. In die­ser Zeit tiefs­ter Bedräng­nis habe ich mich ein ein­zi­ges Mal so um- fas­send gehal­ten und gebor­gen gefühlt von einer Kraft, die so unend­lich war, dass ich sie in Not­zei­ten immer noch füh­len kann. Sie wur­de zur Ener­gie­quel­le, die mich wie­der hin­aus­führ­te ins Leben. 

Gleich­zei­tig erleb­te ich die Gren­zen der Rea­li­tät wie einen Schlei­er, der sich beweg­te und ab und zu einen Blick in das Dahin­ter zuließ. Mit den Erfah­run­gen und Begeg­nun­gen hin­ter die­sem Schlei­er und der Ver­an­ke­rung die­ses Wis­sens in mein Leben und in die Rea­li­tät, habe ich für mich eine neue Lebens­di­men­si­on gewon­nen, die mich auch den Tod mei­nes Soh­nes anders sehen lässt. Die­se 15 Jah­re Leben, die er nur hat­te, leben in mir und mit mir, sie sind für mich unsterb­lich gewor­den. Sie tun mir gut und ich erin­ne­re mich ger­ne daran. 

Leben, Ster­ben und Tod ste­hen für mich jetzt zusam­men und eröff­nen mir eine neue Sicht­wei­se. Der Tod lau­ert nicht mehr am Ende mei­nes Lebens wie eine Fal­le, der ich aus­wei­chen muss. Weil er nun neben mir steht, ist jeder Tag ein neu­es Geschenk für mich, das ich in mein Lebens­ge­fäß hin­ein­tun kann, bis es eines Tages über­läuft und sich in neue Bah­nen ergießt.

Die ein­zi­ge Alter­na­ti­ve zur Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zin für Spen­der und Emp­fän­ger von Orga­nen, für jeden von uns, ist die Akzep­tanz des Ster­bens. Ich habe gelernt, dass die Lebens­qua­li­tät eines Men­schen, der auf ein Organ ver­zich­tet und sich auf das Ster­ben ein­stellt, die Lebens­qua­li­tät eines Gesun­den über­tref­fen kann.

Das Ziel mei­ner Bemü­hun­gen, das Ster­ben mei­nes Soh­nes zu begrei­fen, habe ich erreicht. Es ist ein Alp­traum, mit dem ich leben ler­nen muss­te. Ich habe das Ver­trau­en ver­lo­ren, das ich der Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zin gegen­über emp­fand, aber ich habe Vor­stel­lun­gen zu mei­nem eige­nen Ster­ben gewon­nen. Dafür bin ich dankbar. 

Anschei­nend völ­lig unbe­rührt von
der aktu­el­len inter­na­tio­na­len wis­sen­schaft­li­chen Kri­tik
am Hirn­tod­kon­zept
for­dern in Deutsch­land Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zi­ner
die Ein­füh­rung der Wider­spruchs­re­ge­lung.
Das heißt, jeder ist Organg­eber,
es sei denn,
er doku­men­tiert sei­nen Wider­spruch.

Rena­te Grei­nert in „Es reicht!“