Organspende nach Herz-Kreislauf-Stillstand (DCD)

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Auf­grund der per­ma­nent als zu nied­rig emp­fun­de­nen Organ­spen­der­zahl wird der­zeit geprüft, ob die Organ­spen­de nach Herz-Kreis­lauf-Still­stand (DCD: Dona­ti­on after Circu­la­to­ry Death) in Deutsch­land ein­ge­führt wer­den kann. Das Ver­fah­ren ist bereits in den USA und in vie­len euro­päi­schen Län­dern eta­bliert (Bel­gi­en, Frank­reich, Groß­bri­tan­ni­en, Ita­li­en, den Nie­der­lan­den, Öster­reich, der Schweiz, Spa­ni­en und Tsche­chi­en, neu­er­dings auch in Däne­mark, Finn­land, Nor­we­gen und Schweden).

Als Spen­der bie­tet sich die gro­ße Grup­pe der unheil­bar Kran­ken an, die zum Bei­spiel auf Inten­siv­sta­tio­nen aus­sichts­los behan­delt wer­den. Wenn sie per Pati­en­ten­ver­fü­gung eine Lebens­ver­län­ge­rung aus­ge­schlos­sen haben oder wenn im Kon­sens mit den Ange­hö­ri­gen eine The­ra­pie­be­gren­zung ver­ein­bart wur­de, soll vor Been­di­gung der The­ra­pie geprüft wer­den, ob eine Organ­ent­nah­me bejaht wird. In die­sem Fall gehö­ren sie zu der Spen­der­grup­pe, die inter­na­tio­nal seit 1995 als Maas­tricht III-Spen­der klas­si­fi­ziert wird. 

Herz­still­stands­kri­te­ri­en nach Maastrichtprotokoll 

Kate­go­rie

Defi­ni­ti­on

Sta­tus

Herz­still­stand bei Ankunft in der Klinik 

unkontrolliert 

II 

Herz­still­stand nach erfolg­lo­ser Reanimation 

unkontrolliert 

III

Erwar­te­ter Herz­still­stand mit Ver­zicht auf Reanimation

kon­trol­liert

IV 

Herz­still­stand bei Hirnstammtod 

(un)kontrolliert

Geplan­ter Ablauf einer Organ­ent­nah­me bei Spen­dern der Kate­go­rie III 

Die lebens­er­hal­ten­de The­ra­pie wird kon­trol­liert abge­bro­chen, gege­be­nen­falls im Bei­sein der Ange­hö­ri­gen, immer aber in der Nähe des Ope­ra­ti­ons­saals. Nach dem Herz­still­stand wird eine Zeit abge­war­tet, in der der Spen­der nicht ange­rührt wird. Die­se „No-Touch-Peri­ode“ beträgt in den USA viel­fach nur zwei Minu­ten, in Euro­pa zwi­schen 5 und 20 Minu­ten. Sobald die No Touch-Peri­ode abge­lau­fen ist, müs­sen die Ange­hö­ri­gen den Raum ver­las­sen. Der Spen­der wird für tot erklärt, und unmit­tel­bar dar­auf wird der Kreis­lauf des Spen­ders wie­der­her­ge­stellt, ent­we­der durch klas­si­sche Reani­ma­ti­on oder neu­er­dings auch durch Norm­o­ther­me Regio­na­le Per­fu­si­on (NRP): Der Orga­nis­mus wird nach groß­ka­li­bri­ger Kanü­lie­rung der gro­ßen Gefä­ße von einer exter­nen Pum­pe mit war­mem Blut durch­strömt. Vor­her wer­den die Gehirn­ar­te­ri­en abge­klemmt, um eine Rück­kehr des Bewusst­seins sicher zu ver­hin­dern. Die Organ­ent­nah­men kön­nen dann in aller Ruhe erfol­gen (Simon 2026, 25 ff.).

Ist die DCD ein Modell, das in Deutsch­land ein­ge­führt wer­den kann?

Das ist sehr frag­lich, denn es bestehen ernst­haf­te Zwei­fel, ob die Spen­der bei der Organ­ent­nah­me schon tot sind. 

Dead Donor Rule (DDR)

Die über­wie­gen­de Mehr­heit der Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zi­ner bekennt sich zur Dead Donor Rule: Nur Tote dür­fen lebens­wich­ti­ge Orga­ne spen­den (Robert­son 1999). Die­se Regel liegt auch allen geplan­ten DCD-Pro­gram­men zugrun­de, denn sie erhöht die Akzep­tanz von Organ­ent­nah­men und sichert gleich­zei­tig den Chir­ur­gen Straffreiheit.

Damit haben Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zi­ner ein struk­tu­rel­les Pro­blem: Sie kön­nen dem Emp­fän­ger nur mit lebens­fri­schen Orga­nen hel­fen. Woher sol­len sie aber leben­di­ge Orga­ne neh­men, wenn die Spen­der tot sein müssen? 

Es ist kei­ne wirk­li­che Lösung des Pro­blems, Zustän­de des Lebens als „Tod“ zu defi­nie­ren und recht­lich abzu­si­chern. Denn wenn der Spen­der bei der Organ­ent­nah­me in Wirk­lich­keit noch lebt, ändert auch eine juris­ti­sche Defi­ni­ti­on nichts dar­an, dass er den gro­ßen Ein­griff mit­er­lebt. Bei aller Sym­pa­thie für Schwer­kran­ke, die auf ein Organ war­ten, dür­fen die Inter­es­sen des Spen­ders auf kei­nen Fall hint­an­ge­stellt wer­den (Simon 2026, 73, 99).

Daher ist zunächst dring­lich die Fra­ge zu klä­ren, was der Tod bedeu­tet und wann genau er eintritt. 

Defi­ni­ti­on und Wirk­lich­keit – Wann tritt der Tod ein?

Laut abend­län­di­scher Tra­di­ti­on bedeu­tet der Tod die Auf­lö­sung der leib-see­li­schen Ein­heit. Wie lan­ge die See­le braucht, um sich aus allen Orga­nen und Zel­len des Kör­pers zurück­zu­zie­hen, kön­nen weder Medi­zi­ner noch Juris­ten fest­le­gen. Sicher ist: Das Ster­ben ist ein höchst indi­vi­du­el­ler Pro­zess, und der genaue Todes­zeit­punkt ist nicht bekannt. 

Ist der „Hirn­tod“ ein Zustand des Lebens?

Bis­her wird in Deutsch­land nur der Irrever­si­ble Hirn­funk­tions­aus­fall (IHA), popu­lär „Hirn­tod“ genannt, als Vor­aus­set­zung für eine Ent­nah­me lebens­wich­ti­ger Orga­ne aner­kannt und gefor­dert. Es erfor­dert schon eine Men­ge geschul­ten medi­zi­ni­schen Den­kens, in einem Pati­en­ten, der als „hirn­tot“ dia­gnos­ti­ziert wur­de, einen Toten zu erken­nen, denn bis auf das Gehirn funk­tio­nie­ren in der Regel alle ande­ren Orga­ne, und „Hirn­to­te“ unter­schei­den sich nicht von koma­tö­sen Pati­en­ten. Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zi­ner begrün­den das Hirn­tod­kon­zept damit, dass mit dem Aus­fall des Gehirns die Organ­sys­te­me und Regel­krei­se des Orga­nis­mus zwangs­läu­fig zusam­men­bre­chen, und igno­rie­ren vehe­ment allen Augen­schein und das Gegen­teil bewei­sen­de Stu­di­en (Shew­mon 2001, Beck­mann 2025). Vie­le Kri­ti­ker gehen davon aus, dass „Hirn­to­te“ Ster­ben­de sind, aber durch­aus noch leben.

Ist der „Herz­tod“ eine Gewähr für den Tod?

Als tot und zur Organ­spen­de frei­ge­ge­ben soll künf­tig gel­ten, wer 

  • einen Herz-Kreis­lauf-Still­stand hat,
  • eine Reani­ma­ti­on im Vor­feld abge­lehnt hat,
  • nach einer No-Touch-Peri­ode von eini­gen Minu­ten nicht spon­tan wie­der wach wird 
  • und natür­lich in eine Organ­spen­de ein­ge­wil­ligt hat.

Die Zwei­fel an die­ser Todes­de­fi­ni­ti­on sind erheb­lich. Ein Herz-Kreis­lauf-Toter kann prin­zi­pi­ell wie­der­be­lebt wer­den, unab­hän­gig davon, ob als No Touch-Peri­ode fünf oder zwan­zig Minu­ten gewählt wur­den. Die­se Zeit lässt sich nur will­kür­lich fest­le­gen und durch kei­ne wis­sen­schaft­li­che Theo­rie berechnen. 

Eines hin­ge­gen lässt sich sicher sagen: Je kür­zer die No-Touch-Peri­ode, um so bes­ser die Organ­qua­li­tät. Ohne­hin gel­ten die Orga­ne von DCD-Spen­dern auf­grund der lan­gen durch­blu­tungs­lo­sen Zeit gene­rell als „mar­gi­nal“, also von gerin­ge­rer Qua­li­tät und weni­ger erfolgversprechend.

In dem Bemü­hen, den „Herz­tod“ mit der Dead Donor Rule zu ver­ein­ba­ren, wird von einem per­ma­nen­ten Tod gespro­chen: Nach Ablauf der No-Touch-Peri­ode ist der Tod noch nicht irrever­si­bel, denn eine Reani­ma­ti­on könn­te noch erfolg­reich sein, aber per­ma­nent, weil eine Reani­ma­ti­on zunächst unter­bleibt. Die­se Dis­kus­si­on ist nicht mehr als ein Ver­wirr­spiel mit Begrif­fen und kann nicht über die Tat­sa­che hin­weg­täu­schen, dass jemand, der noch reani­miert wer­den könn­te und für die Organ­spen­de auch reani­miert wird, ein noch Leben­der ist.

In der Schweiz wird vor der DCD eine Prü­fung der Hirn­stamm­re­fle­xe durch­ge­führt, um den Spen­der als „hirn­tot“ bezeich­nen zu kön­nen. In der gebo­te­nen Eile ist aber eine regel­rech­te Hirn­tod­fest­stel­lung nicht mög­lich, und die Schwei­zer Pra­xis wird fol­ge­rich­tig inter­na­tio­nal eher als Umeti­ket­tie­rung angesehen. 

Somit ist nicht aus­zu­schlie­ßen, dass bei­de Todes­ar­ten, „Hirn­tod“ und Herz­tod“, Zeit­punk­te defi­nie­ren, die vor dem Ein­tre­ten des indi­vi­du­el­len Todes lie­gen. Eine siche­re Todes­fest­stel­lung setzt vor­aus, dass 

  • alle Orga­ne ihre Tätig­keit ein­ge­stellt haben und
  • eine Reani­ma­ti­on nicht mehr mög­lich ist.

Alter­na­ti­ve: Jus­ti­fied Killing

In den USA haben eini­ge Medi­zin­ethi­ker einen ande­ren Weg vor­ge­schla­gen: Grund­sätz­lich ist es mög­lich, die DDR zu igno­rie­ren und noch Leben­de, aber unheil­ba­re Pati­en­ten nach Ein­wil­li­gung als Organ­spen­der zu nut­zen (Mil­ler 2008). Wenn mit einer aus­rei­chen­den Nar­ko­se dafür gesorgt wer­de, dass die Spen­der nicht lei­den, sei es gerecht­fer­tigt, sie zu töten, um ande­ren zu hel­fen. Laut Gun­nar Dutt­ge käme eine sol­che gesetz­li­che Rege­lung dem Öff­nen einer juris­ti­schen Pan­do­rabüch­se gleich, mit unab­seh­ba­ren Fol­gen zum Bei­spiel für die akti­ve Ster­be­hil­fe (Simon 2026, 95)

Unver­ein­bar mit pal­lia­ti­ver Sterbebegleitung

Die DCD hat mit der Organ­spen­de nach „Hirn­tod“ wei­te­re Pro­ble­me gemein: 

Organ­pro­tek­ti­on

Mit der Ent­schei­dung für eine Organ­spen­de beginnt unver­züg­lich eine neue Behand­lungs­stra­te­gie, die Spen­der­kon­di­tio­nie­rung oder Organ­pro­tek­ti­on, deren Ziel eine gute Organ-Qua­li­tät ist. Dies ist gän­gi­ge Pra­xis bei „Hirn­to­ten“ und wird bei der DCD wohl nicht anders gere­gelt wer­den. Da die The­ra­pie vor der Fest­stel­lung des Todes ein­setzt, muss sie als fremd­nüt­zig ange­se­hen wer­den. Wenn der Spen­der nicht sicher tot ist, sind die zum Teil sehr inva­si­ven Maß­nah­men für ihn eine schwer­lich zumut­ba­re Belastung. 

Pal­lia­ti­ve Begleitung

Den wenigs­ten Organ­spen­dern ist bewusst, dass eine pal­lia­tiv­me­di­zi­ni­sche Betreu­ung mit einer Ein­wil­li­gung in eine Organ­spen­de kaum ver­ein­bar ist. Auf der einen Sei­te ver­zich­ten sie auf lebens­ver­län­gern­de Maß­nah­men und wün­schen eine pal­lia­tiv­me­di­zi­ni­sche Ver­sor­gung bis zum Lebens­en­de. Auf der ande­ren Sei­te führt die Ein­wil­li­gung in eine Organ­ent­nah­me dazu, dass ihre lebens­er­hal­ten­de The­ra­pie bis zur letz­ten Organ­ent­nah­me fort­ge­führt wird. 

Abschied­neh­men

In der abend­län­di­schen Tra­di­ti­on ist es selbst­ver­ständ­lich, dass Ange­hö­ri­ge von Ster­ben­den Abschied neh­men und die Toten vor der Bei­set­zung eini­ge Tage in Ruhe auf­ge­bahrt wer­den. Dies ist bei einer Organ­ent­nah­me nicht mög­lich. Auch die kur­ze bei der DCD ein­ge­plan­te Zeit kann nicht als wirk­li­cher Abschied ange­se­hen werden. 

Quel­len:

  1. Simon, Alfred; Dutt­ge, Gun­nar: Dona­ti­on after Car­diac Death (DCD) – Eine Land­kar­te medi­zi­ni­scher, ethi­scher und recht­li­cher Per­spek­ti­ven. Göt­tin­gen 2026.
  2. Robert­son, John A.: The dead donor rule. Has­tings Cen­ter Report 29 (1999, 6, Novem­ber), 6 – 14
  3. Shew­mon, D. Alan: The brain and soma­tic inte­gra­ti­on: insights into the stan­dard bio­lo­gi­cal ratio­na­le of equa­ting “brain death” with death. The Jour­nal of Medi­ci­ne and Phi­lo­so­phy 26 (2001, 5, Janu­ar), 457 – 478
  4. Beck­mann, Rai­ner: Das „Hirntod“-Konzept und der Tod des Men­schen. Baden-Baden 2025
  5. Mil­ler, Frank­lin G.; Truog, D. Robert: Rethin­king the ethics of vital organ dona­ti­ons. Has­tings Cen­ter Report 38 (2008, 6, Novem­ber), 38 – 46