Bene­det­ta Fri­ge­rio:

Seifert: Den Hirntod gibt es nicht — Ich erkläre Ihnen die Gründe

Der bekann­te katho­li­sche Phi­lo­soph Josef Sei­fert erklärt Nue­va BQ.it „den Uti­li­ta­ris­mus“, der die neue Defi­ni­ti­on des „Hirn­to­des“ her­vor­ge­bracht hat, um dadurch Organ­ent­nah­men zu ermög­li­chen, die Rede von Johan­nes Paul II und den Gedan­ken­aus­tausch mit Bene­dikt XVI. Klar­stel­lung: „Die Per­son (See­le) ist ein eigen­stän­di­ges Wesen und darf nicht auf das Bewusst­sein redu­ziert wer­den. Außer­dem ist die The­se, dass das Gehirn das Zen­trum aller inte­gra­ti­ven Lebens­funk­tio­nen sei, wis­sen­schaft­lich wider­legt wor­den.“

Über­set­zung von Rena­te Focke

Nach der Ent­de­ckung der Instru­men­ta­li­sie­rung der neu­en Defi­ni­ti­on „Hirn­tod“ als Recht­fer­ti­gung für die Ent­nah­me von Orga­nen und nach den Inter­views mit Dr. Byr­ne, der den Ursprung die­ses neu­en Todes­kri­te­ri­ums erklär­te, das 1968 in Har­vard ent­wi­ckelt wur­de mit schreck­li­chen Fol­gen, erklärt der bekann­te öster­rei­chi­sche Phi­lo­soph Joseph Sei­fert, Freund von Bene­dikt XVI und ehe­ma­li­ges Mit­glied des PAV (Pon­ti­fi­ca­le Aka­de­mie für das Leben — d.Übers.) den zugrun­de­lie­gen­den wis­sen­schaft­li­chen Irr­tum und war­um Katho­li­ken nicht die­sen „fal­schen Tod“ aner­ken­nen soll­ten.

Pro­fes­sor Sei­fert, Sie waren einer der ers­ten inner­halb der katho­li­schen Kir­che, der sich gegen das „Hirntod“-Kriterium aus­sprach. War­um?“

Von Anfang an, als ich von die­ser neu­en Todes­de­fi­ni­ti­on erfuhr wäh­rend der „Esse­ner Con­ver­sa­ti­ons on Sta­te and Church“, war ich davon über­zeugt, dass die neue Defi­ni­ti­on bzw. die neu­en Kri­te­ri­en für den Tod infol­ge einer irrever­si­blen Fehl­funk­ti­on des Gehirns abso­lut falsch waren. Mei­ne Grün­de waren und sind sehr ein­fach für jeden nach­voll­zieh­bar:

1. Ein Jahr nach der ers­ten erfolg­rei­chen Herz­trans­plan­ta­ti­on wur­de das prag­ma­ti­sche Inter­es­se an die­ser Neu­de­fi­ni­ti­on des Todes, um an Orga­ne zu kom­men, öffent­lich und unver­fro­ren aus­ge­drückt (im Report des Adhoc-Kom­mit­tees der Har­vard Medi­cal School to Exami­ne the Defi­ni­ti­on of Brain Death: 1868). Die Absicht, Orga­ne ent­neh­men zu wol­len, brach­te die Har­vard-Kom­mis­si­on dazu, den Tod neu zu defi­nie­ren. Der „Har­vard Report“ führ­te kei­nen ein­zi­gen Grund an außer zwei prag­ma­ti­schen Begrün­dun­gen, war­um der „hirn­to­te“ Pati­ent tot war. Es gibt dar­um vie­le Anzei­chen und Bewei­se, dass die „Hirn­tod-Defi­ni­ti­on“ größ­ten­teils auf ihren Nut­zen, aber nicht auf Wahr­heit begrün­det war. Die Tat­sa­che, dass das Har­vard-Kom­mit­tee nur zwei prag­ma­ti­sche Grün­de für die­se Neu­de­fi­ni­ti­on des Todes angab, macht es zutiefst unglaub­wür­dig. Men­schen aus Nütz­lich­keits-Erwä­gun­gen für tot zu erklä­ren oder „weil man sei­ne Orga­ne benö­tigt“, macht die­sen Men­schen noch nicht zu einem Toten. Aber es gab mehr viel Grün­de für mei­ne Zwei­fel:

2. Wie kann man einen Men­schen für tot erklä­ren, des­sen Herz schlägt, des­sen Atmung in der Lun­ge und allen Kör­per­zel­len voll funk­tio­niert, (wenn auch die Spon­tan-Atmung aus­ge­fal­len ist, die aber durch Beatmungs­ge­rä­te ersetzt wer­den kann), und der vie­le ande­re Lebens­zei­chen auf­weist? Wie kann man eine „hirn­to­te“ Mut­ter für tot erklä­ren, die ein Kind in ihrem Leib aus­trägt und es neun Mona­te spä­ter zur Welt bringt? Wenn man das Beatmungs­ge­rät abstellt, tötet man sie und ihr Kind. Wie kann ein mensch­li­cher Leib „tot“ sein, der noch Refle­xe auf­weist, ernährt wird und Flüs­sig­kei­ten absor­biert, das Wun­der des Stoff­wech­sels auf­weist und Nah­rung ver­daut, Krank­hei­ten mit Hil­fe sei­nes Immun­sys­tems bekämpft, eine nor­ma­le Kör­per­tem­pe­ra­tur auf­recht erhält, nor­ma­les Kör­per­wachs­tum auf­weist (bei einem chro­nisch hirn­to­ten Jun­gen …, der angeb­lich über zwan­zig Jah­re hin­durch „tot“ war)? Wider­spricht es nicht jedem Anzei­chen von Leben, zu behaup­ten, dass jemand tot ist, der zahl­lo­se Lebens­zei­chen auf­weist, in die Puber­tät kommt, schwan­ger ist und ein Kind zur Welt bringt? Wann hat jemals eine Lei­che ein Kind zur Welt gebracht?

3. Eine bio-phi­lo­so­phi­sche Begrün­dung für den „Hirn­tod“ behaup­tet, der Mensch sei ohne ein funk­tio­nie­ren­des Gehirn nur noch eine Ansamm­lung von dis­so­zi­ier­ten Zel­len und Orga­nen. Nur das Gehirn mache den Kör­per zu einer Ein­heit. Wie kann man dem Gehirn, einem rela­tiv spät ent­wi­ckel­ten Organ, dem vie­le Wochen der Ent­wick­lung des leben­den mensch­li­chen Orga­nis­mus vor­aus­ge­hen, des­sen Gehirn es ist, die Rol­le des zen­tra­len Inte­gra­tors zuschrei­ben oder den ein­zi­gen über das Leben ent­schei­den­den Teil des Kör­pers? Ein gro­ßer Teil von inte­grier­tem mensch­li­chem Leben ent­steht offen­sicht­lich vor der Ent­wick­lung des Gehirns. Das Gehirn ist das Pro­dukt die­ses inte­grier­ten und sich ent­wi­ckeln­den mensch­li­chen Wesens, es ist weder sei­ne Ursa­che noch sein ein­zi­ger Trä­ger.

4. Der Begriff „Hirn­tod“ ist sehr viel­deu­tig und bezeich­net völ­lig unter­schied­li­che Din­ge: 1) den Tod eines Organs, 2) den Tod eines Men­schen infol­ge einer Fehl­funk­ti­on sei­nes Gehirns. Zudem ist der phy­si­sche Zustand des Gesamt-Hirn­to­des viel­deu­tig: 1a )Tod des Hirn­stamms), 1b) Tod des Groß­hirns (zere­b­ra­ler Tod), 1c) Ganz­hir­n­tod usw. Für kei­nes die­ser extrem unter­schied­li­chen Kon­zep­te zur Defi­ni­ti­on des „Todes“ gibt es trif­ti­ge Argu­men­te. Dazu kommt, solan­ge völ­lig unklar ist, wel­cher die­ser „Hirn­to­de“ mut­maß­lich der Tod des Men­schen ist und solan­ge völ­li­ge Kon­fu­si­on und Unsi­cher­hei­ten bestehen in Bezug auf die Grün­de für die jewei­li­ge Todes-Behaup­tung, ist jede sol­cher unkla­ren Defi­ni­tio­nen ver­wir­rend im Inhalt und in Bezug auf die Grün­de, war­um es der Tod des Men­schen sein soll. Es ist voll­kom­men unethisch und wider­spricht den Men­schen­rech­ten, auf­grund sol­cher zwei­fel­haf­ten Defi­ni­tio­nen die Ent­nah­me von unpaa­ri­gen vita­len Orga­nen zu erlau­ben und dadurch in der Tat oder zumin­dest poten­zi­ell einen Men­schen zu töten.

5. Die mensch­li­che Per­son (See­le) hat ein sub­stan­zi­el­les Wesen und darf nicht redu­ziert wer­den auf die mensch­li­che Fähig­keit, sei­nen Ver­stand auf empi­risch nach­weis­ba­re Wei­se ein­zu­set­zen oder ein Bewusst­sein zu haben. Dar­um sind vie­le Argu­men­te der „Hirntod“-Befürworter, die mit dem angeb­li­chen Ver­lust des Bewusst­seins, des Den­kens oder der Gefüh­le argu­men­tie­ren, auf einem völ­lig fal­schen mate­ria­lis­ti­schen Men­schen­bild begrün­det, das „eine Per­son zu sein“ gleich­setzt mit „wie eine Per­son zu han­deln“. Auch wenn wir schla­fen oder bewusst­los sind, sind wir eine Per­son, obwohl wir nicht als Per­son han­deln kön­nen.

6. Die hef­ti­gen Reak­tio­nen von soge­nann­ten toten Pati­en­ten bei der Ent­nah­me ihrer Orga­ne ana­log zu den hef­ti­gen Reak­tio­nen von Embryo­nen bei ihrer Abtrei­bung, wie es im Film „The silent cry“ doku­men­tiert wird, wei­sen dar­auf hin, dass es zumin­dest wahr­schein­lich ist, dass die „Hirn­to­ten“ etwas spü­ren kön­nen und dass die­se Reak­tio­nen nicht auf den „Laza­rus-Effekt“ bei einer Lei­che zurück­zu­füh­ren sind. (Nebenbei:Lazarus leb­te).

Johan­nes Paul II sprach in einem Vor­trag beim inter­na­tio­na­len Kon­gress der Trans­plan­ta­ti­ons­ge­sell­schaft 2000 vom Hirn­tod als einem Kri­te­ri­um, das von der inter­na­tio­na­len Wis­sen­schaft akzep­tiert wird und dem die Kir­che nicht wider­spricht. War­um? Sind Katho­li­ken ver­pflich­tet, dem zu fol­gen?

Ich weiß nicht, war­um der Papst die­se Rede gehal­ten hat. Mög­li­cher­wei­se ver­trau­te er den Mit­glie­dern und Vor­sit­zen­den der „Pon­ti­fi­cal Aca­de­my of Sci­ence“, die sich zwei­mal, 1984 ein­stim­mig und 1989 mit gro­ßer Mehr­heit für die Akzep­tanz der Hirn­tod-Defi­ni­ti­on aus­ge­spro­chen hat­ten. (Pro­fes­sor Alan Shew­mon, ein bekann­ter Kin­der­neu­ro­lo­ge und mög­li­cher­wei­se der füh­ren­de Medi­zin-Exper­te für den „Hirn­tod“, begann bei die­sem Tref­fen an der Rich­tig­keit sei­ner star­ken Befür­wor­tung des „Hirntod“-Konzeptes zu zwei­feln, die er 1985 und 1987 vor­ge­tra­gen hat­te, und ich, der von PAV als Exper­te ein­ge­la­den wor­den war, hielt strikt dage­gen). Aber die bevor­zug­te Posi­ti­on der Pon­ti­fi­cal Aca­de­my of Sci­ence (PAS) bestand dar­in, den Hirn­tod dem Tod gleich­zu­set­zen, jedoch gab es dafür abso­lut kei­nen Nach­weis, und der PAS, der vie­le phi­lo­so­phi­sche, moral­theo­lo­gi­sche und ande­re Irr­tü­mer ver­tei­digt hat, hat kei­ner­lei Lehr-Auto­ri­tät. Der Vize-Prä­si­dent und spä­te­re Prä­si­dent der Pon­ti­fi­cal Aca­de­my for Life, Mon­si­gno­re Elio Segreccia, ein Mann, der über viel Wis­sen und Weis­heit ver­fügt, hat­te eben­falls die vie­len Stim­men nicht akzep­tiert (von D. Alan Shew­mon, von Pro­fes­sor Cice­ro Coim­bra, von mir und ande­ren), die die­se Umde­fi­ni­ti­on des Todes kri­ti­siert hat­ten. Auf die­se Wei­se könn­te er die Stel­lung­nah­me des Paps­tes beein­flusst haben. Die Anspra­che von Johan­nes Paul II an die Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zi­ner ist nicht wirk­lich ein „Kirch­li­ches Doku­ment“, das eine ein­heit­li­che Zustim­mung erfor­dert, ins­be­son­de­re nicht in Bezug zu den dar­in ent­hal­ten­den empi­ri­schen medi­zi­ni­schen Ein­schät­zun­gen. Dar­um sind wir nicht ver­pflich­tet, die­sen Bei­trag von Johan­nes Paul II in vol­ler Gän­ze zu über­neh­men. Wir müs­sen nur die offi­zi­el­le Stel­lung­nah­me über­neh­men, dass wir unpaa­ri­ge vita­le Orga­ne nur von ein­deu­tig toten Men­schen ent­neh­men dür­fen („ex cada­ve­re“, wie es Papst Bene­dikt XVI for­mu­lier­te).

Aller­dings kön­nen wir der offen­sicht­lich nicht kor­rek­ten Aus­sa­ge von Johan­nes Paul II in sei­ner Rede nicht zustim­men, dass es eine uni­ver­sel­le Über­ein­stim­mung in der Medi­zin gäbe, dass der „Hirn­tod“ dem Tod ent­spricht, und wir müs­sen dem nicht zustim­men, dass es daher gerecht­fer­tigt sei, die Orga­ne von Pati­en­ten zu ent­neh­men, die für „hirn­tot“ erklärt wor­den sind. Die ers­te die­ser Aus­sa­gen stimmt nicht mit der Tat­sa­che über­ein, dass es eine beträcht­li­che (und wach­sen­de) Zahl von Medi­zi­nern und her­vor­ra­gen­den Wis­sen­schaft­lern gibt, die der Hirn­tod-Defi­ni­ti­on NICHT zustim­men. Das zwei­te Argu­ment wur­de vom Papst abge­lei­tet von der fal­schen Behaup­tung einer ein­heit­li­chen medi­zi­ni­schen Mei­nung. Auch wenn es eine uni­ver­sel­le Zustim­mung in der Medi­zin gäbe, wür­den den­noch die Hirn­tod-Defi­ni­tio­nen nicht wah­rer durch die Zustim­mung der Mehr­heit.

Die (ein­zi­ge) dok­tri­nä­re Fest­le­gung, an die wir gebun­den sind, besteht dar­in, dass der Mensch not­wen­di­ger­wei­se tot sein muss, bevor man die unpaa­ri­gen Orga­ne ent­nimmt. Die­ser Fest­stel­lung, die eine Lehr­dok­trin ist, müs­sen wir aus phi­lo­so­phi­schen Grün­den und, als Katho­li­ken, auch aus reli­giö­sen Grün­den zustim­men. Alles ande­re sind nur medi­zi­ni­sche oder phi­lo­so­phi­sche Behaup­tun­gen, dass Men­schen, deren Gehirn aus­ge­fal­len ist, tot sind, und wir sind kei­nes­wegs ver­pflich­tet, sol­chen Fest­stel­lun­gen zuzu­stim­men, vor allem wenn wir erken­nen, dass sie falsch sind. Außer­dem hat­te Papst Johan­nes Paul II erns­te Zwei­fel an der Wahr­heit sei­ner Aus­sa­ge, und berief daher 2005 eine wei­te­re Zusam­men­kunft von Exper­ten in der Pon­ti­fi­cal Aca­de­my of Sci­ence ein, an der auch ich teil­nahm, und die­je­ni­gen, die an die­sem die­sem Tref­fen der Pon­ti­fi­cal Aca­de­my of Sci­ence teil­nah­men, lehn­ten größ­ten­teils und aus guten Grün­den die Gleich­set­zung des Hirn­to­des mit dem Tod des Men­schen ab. Die Berich­te über die­se Zusam­men­kunft waren schon druck­fer­tig kor­ri­giert wor­den, aber dann wur­de die Her­aus­ga­be vom PAS unter­drückt, Ein wei­te­res Tref­fen wur­de vom PAS ein­be­ru­fen, in dem die Mehr­heit (bei eini­gen ein­deu­ti­gen Gegen­stim­men) sich für das Hirn­tod-Kon­zept aus­sprach. Aber weder fal­sche Machen­schaf­ten noch die Ansich­ten von Mehr­hei­ten zäh­len, wenn die Wahr­heit auf dem Spiel steht.

Pro­fes­sor Shew­mon hat die­se Fra­gen her­vor­ra­gend erklärt in „You die only once. Why Brain Death is not Death of the Human Being. A Reply to Nicho­las Ton­ti-Phiip­pi­ni“, Com­mu­nio 39, Herbst 2012, pp. 422–494.

Auf ähn­li­che Weí­se hat Dr. med. und Dr. theol. Doy­en Ngu­y­en dies in ihrem her­vor­ra­gen­den Arti­kel beschrie­ben, der aufs höchs­te gelobt wur­de: „Pope John Paul II and the Neu­ro­lo­gi­cal Stan­dard for the Deter­mi­na­ti­on of Death: A Cri­ti­cal Ana­ly­sis of his Address to the Trans­plan­ta­ti­on Socie­ty.“ The Linacre Quar­ter­ly 84(2):155–186, 2017.

Man sagt, das Kri­te­ri­um des Leben sei immer das eine, näm­lich die inte­gra­ti­ven Funk­tio­nen des Kör­pers gewe­sen, ohne die wir nur von den Funk­tio­nen bestimm­ter Orga­ne oder Zel­len spre­chen könn­ten. Kurz gesagt, der Leib eines Men­schen mit schla­gen­dem Her­zen, des­sen Gehirn und Hirn­stamm völ­lig zer­stört sind, wären eine Mas­se von bio­lo­gisch leben­der Mate­rie. Womit recht­fer­ti­gen Sie Ihre Posi­ti­on ange­sichts der Theo­rie (die der Homöo­sta­se und der inte­gra­ti­ven Funk­ti­ons­ein­heit), für die sich alle mensch­li­che Phy­sio­lo­gie und Wis­sen­schaft seit Aris­to­te­les ein­ge­setzt hat, um die Anwe­sen­heit von Leben und See­le in einem Kör­per nach­zu­wei­sen?

Offen­sicht­lich gibt es einen Unter­schied zwi­schen dem Leben des Orga­nis­mus an sich (oder als Gan­zes), und dem Leben in einer ein­zel­nen Haar-oder Haut­zel­le oder der Leber, die in einem Kühl­schrank nach einem töd­li­chen Unfall auf­be­wahrt wird. Aber die kor­rek­te Fra­ge ist, ob das Gehirn der zen­tra­le Inte­gra­tor ist und ob alle inte­gra­len Lebens­ak­ti­vi­tä­ten von einem funk­tio­nie­ren­den Gehirn abhän­gen.

Die­ses ist offen­sicht­lich falsch aus fol­gen­den Grün­den:

1. Es gibt vie­le inte­gra­ti­ve Lebens­funk­tio­nen, die bei „hirn­to­ten“ Pati­en­ten beob­ach­tet wer­den (Wachs­tum, Immun­sys­tem, Atmung der Lun­gen und Zel­len bei fort­ge­führ­ter künst­li­cher Beatmung, Durch­blu­tung, Bei­be­hal­tung der Kör­per­tem­pe­ra­tur und vie­les ande­re). Die Behaup­tung, das Gehirn sei der ent­schei­den­de Inte­gra­tor, wur­de wis­sen­schaft­lich von Shew­mon wider­legt, und die­ses wur­de akzep­tiert vom „Ame­ri­can Coun­cil on Bio­ethics“ und dem „Deut­schen Ethik­rat“.

2. Die inte­grier­te Ganz­heit des mensch­li­chen Orga­nis­mus geht der Ent­wick­lung des Gehirns vor­aus, und man kann nicht plötz­lich behaup­ten, dass nach der Ent­wick­lung des Gehirns aus dem ganz­heit­li­chen Leben eines Orga­nis­mus dies von der Hirn­funk­ti­on abhän­gig sei.

Was ist der Beweis dafür, dass das Gehirn nicht das Zen­trum der inte­gra­ti­ven Funk­tio­nen ist, so dass man im Fal­le des Hirn­to­des nicht sagen kann, die­ser Mensch sei tot?

Wie schon zuvor fest­ge­stellt, ist es ein­deu­tig NICHT der Fall, dass der „Hirn­tod“ den Ver­lust des inte­gra­ti­ven mensch­li­chen Lebens bedeu­tet. In Fäl­len von „chro­ni­schem Hirn­tod“( in einem Fall ein Wei­ter­le­ben von mehr als 20 Jah­ren im Zustand des „Hirn­to­des“) kann das Leben noch über Jahr­zehn­te wei­ter­ge­hen. Dass ein „hirn­to­ter“ Pati­ent, wenn die künst­li­che Beatmung abge­bro­chen wird und sei­ne Mus­ku­la­tur und Atmung nicht auto­nom Sauer­stoff auf­neh­men kön­nen, BALD DARAUF STERBEN wird, bedeu­tet nicht, dass er „TOT“ ist. Im Gegen­teil: Er kann nur des­halb ster­ben, weil er noch am Leben ist: Lei­chen ster­ben nicht.

Die spi­ri­tu­el­le mensch­li­che See­le hat ihren Sitz nicht im Gehirn oder einem ande­ren ein­zel­nen Teil des Kör­pers. Es gibt kein kirch­li­ches Dog­ma, das besagt, dass die See­le den Kör­per eines Men­schen ver­lässt, wenn das Gehirn nicht mehr funk­tio­niert.

Dar­um ist es nicht hete­ro­dox zu sagen, dass die See­le bis zum natür­li­chen Tod des Men­schen im Kör­per lebt. Das Gegen­teil ist hete­ro­dox, weil die Kir­che es zum Dog­ma erklärt hat, dass der Mensch eine ein­zi­ge See­le hat (nicht drei ver­schie­de­ne See­len: eine vegetativ–pflanzliche See­le, eine füh­len­de tie­ri­sche und eine ratio­na­le See­le) .Solan­ge dar­um ein inte­gra­ti­ves Leben oder ein emp­fin­dungs­fä­hi­ges Leben im Men­schen vor­han­den ist (bei­des ist nach­weis­lich vor­han­den bei „hirn­to­ten“ Pati­en­ten) ist die eine mensch­li­che See­le, die alle Lebens­be­rei­che des Lei­bes umfasst, noch da.

Wenn es nicht die inte­gra­ti­ven Funk­tio­nen sind, die vom Gehirn ermög­licht wer­den, was bringt den Kör­per dazu, dass er die See­le inkar­nie­ren kann?

Die inte­gra­ti­ve Ganz­heit des mensch­li­chen Lebens hängt nicht, wie schon erwähnt, nur vom Hirn­stamm ab. Pro­fes­sor Shew­mon hat in einem berühm­ten Arti­kel beschrie­ben, dass wir zwei Lis­ten von „inte­gra­ti­ven Lebens­funk­tio­nen“ machen kön­nen: eine ist abhän­gig vom funk­tio­nie­ren­den Hirn­stamm, die ande­re über­haupt nicht. Er hat nach­ge­wie­sen, dass sei­ne frü­he­re Ver­tei­di­gung der Hirn­tod-Defi­ni­ti­on falsch war, weil es wis­sen­schaft­lich völ­lig will­kür­lich sei zu behaup­ten, dass, wenn die inte­gra­ti­ven Funk­tio­nen auf Lis­te 1 vor­han­den sind, der Mensch noch lebt, wenn nur die auf der zwei­ten Lis­te berück­sich­tigt wer­den, der Mensch tot sei.

Was hielt Bene­dikt XVI von Organ­spen­de, weil man sagt, er habe der Rede von Johan­nes Paul II zuge­stimmt, danach aber die Hirn­tod-Defi­ni­ti­on aus dem Kate­chis­mus gestri­chen, und in sei­nen Vor­trä­gen habe er sich nur für die Organ­spen­de von Toten aus­ge­spro­chen. Haben Sie jemals die Mög­lich­keit gehabt, ihn danach zu fra­gen oder zu wis­sen, wie er dar­über dach­te?

Ich sprach mit Papst Bene­dikt dar­über, als er noch Kar­di­nal war, aber er sag­te mir nur, dass Pro­fes­sor Spa­e­mann wie auch ich ihn schon seit lan­gem zu über­zeu­gen ver­sucht hät­ten, die „Hirntod“-Definitionen als unzu­rei­chen­de Kri­te­ri­en für den Tod abzu­leh­nen. Ich schrieb ihm zu die­ser Fra­ge auch einen Brief, als er Papst gewor­den war. Aber er sag­te mir nichts ande­res als das, was er in sei­ner berühm­ten Anspra­che als Papst gesagt hat­te, dass „vita­le unpaa­ri­ge“ Orga­ne nur „ex cada­ve­re“ (von einer Lei­che) ent­nom­men wer­den dür­fen. Die­se Aus­sa­ge und die Fak­ten, die Sie auf­ge­führt haben, wei­sen klar dar­auf hin, dass er den „Hirn­tod-Defi­ni­tio­nen“ nicht unkri­tisch gegen­über­stand.

Wel­che Kri­te­ri­en soll­ten ange­wandt wer­den, um das Ende der inte­gra­ti­ven Funk­tio­nen des Kör­pers und somit den Tod des Men­schen fest­zu­le­gen, wenn es nicht die Fähig­keit des Gehirns ist, die Ein­heit der inte­grier­ten Kör­per­funk­tio­nen zu gewähr­leis­ten?

Mei­ne Ant­wort wäre: Nur die her­kömm­li­chen Jahr­tau­sen­de alten Kri­te­ri­en, die mit dem gesun­den Men­schen­ver­stand über­ein­stim­men, näm­lich des völ­li­gen Zusam­men­bruchs aller vita­len Funk­tio­nen ein­schließ­lich von Herz­schlag und Atmung.

Aber auch den­je­ni­gen, die eine Ent­nah­me der vita­len Orga­ne kurz nach dem Herz­still­stand bei „non-heart-beating“-Patienten“ befür­wor­ten, wür­de ich ent­ge­gen­hal­ten, solan­ge Reani­ma­ti­on mög­lich ist, obwohl dies in man­chen Fäl­len medi­zi­nisch und ethisch nicht ange­mes­sen wäre, dür­fen wir die­sen Pati­en­ten nicht für tot erklä­ren, solan­ge wir ihn „wie­der­be­le­ben“ könn­ten. Bis dahin muss man davon aus­ge­hen, dass das Leben und sei­ne See­le „in ihm“ sind. Das Argu­ment, er benö­ti­ge sein Herz nicht mehr in sei­ner Situa­ti­on als „non-heart-beating“-Patient ist nicht über­zeu­gend. Um sein Herz ent­neh­men zu kön­nen, müss­te man ihn immer noch töten und sein Leben been­den, das noch in ihm ist und wie­der­be­lebt wer­den könn­te.

Ist es Ihrer Mei­nung nach aber den­noch erlaubt, nach einer sorg­fäl­ti­gen Dia­gno­se der völ­li­gen Zer­stö­rung von Hirn und Hirn­stamm, aus frei­em Wil­len her­aus Orga­ne (wie das Herz) zu spen­den, wodurch das Leben eines Men­schen im irrever­si­blen Koma been­det wür­de – als altru­is­ti­sche Tat?

Nein, weil ich glau­be, das wäre Selbst­tö­tung oder Mord – wenn auch aus edlen Moti­ven her­aus. Aber auch wenn wir einen ande­ren Men­schen mehr als uns selbst lie­ben und bereit sind, für ihn oder sie zu ster­ben wie der hei­li­ge Maxi­mi­li­an Kol­be, sind wir nicht Her­ren über Leben und Tod eines ande­ren Men­schen und unse­res eige­nen Lebens. Wir kön­nen den Platz eines unschul­di­gen Mord­op­fers ein­neh­men und ster­ben, damit ein ande­rer lebt, wie Pater Kol­be, aber nur, wenn ein ande­rer den Mord begeht, aber wir kön­nen von nie­mand ande­rem for­dern, dass er uns tötet. Dies nicht zu respek­tie­ren wäre so, als ob man Selbst­mord begin­ge oder genau­er gesagt, jemand ande­ren (der unse­re Orga­ne ent­neh­men müss­te) dadurch zum Mör­der zu machen.
Der gute Zweck hei­ligt nicht die Mit­tel.

Unter wel­chen Bedin­gun­gen ist es mög­lich, Orga­ne zu spen­den, wenn das Hirn­tod-Kri­te­ri­um nie­mals ange­wen­det wer­den darf?

Wenn der „Hirn­tod“ nicht dem wah­ren Tod ent­spricht, dann ist sowohl der Han­del mit und die Spen­de von vita­len unpaa­ri­gen Orga­nen von einem „Hirn­to­ten“ falsch, weil dies bedeu­tet, ihn zu töten. Das schließt aber nicht aus, dass wir fest­le­gen könn­ten, dass wir ein paa­ri­ges Organ spen­den wür­den für den Fall, wenn wir zwei­fels­frei in einem Zustand sind, in dem das Gehirn voll­stän­dig und irrever­si­bel aus­ge­fal­len ist. Denn die Spen­de die­ser Orga­ne bringt uns nicht um, und wir könn­ten sie auch zu unse­ren Leb­zei­ten spen­den. Aber ich wür­de davon abra­ten, weil manch­mal die „Hirn­tod-Dia­gno­se“ falsch ist, und falls wir in einem sol­chen Fall auf­wa­chen wür­den ohne unse­re Nie­ren und bei­de Augen usw., könn­te dies uner­freu­lich und unbe­ab­sich­tigt sein. Zudem, wenn wir fest­le­gen, dass wir nur unse­re paa­ri­gen und nicht über­le­bens­not­wen­di­gen Orga­ne spen­den wür­den, bestün­de die Mög­lich­keit, dass die Kli­nik unse­re Ver­fü­gung nicht gründ­lich liest und auch unse­re unpaa­ri­gen vita­len Orga­ne wie das Herz ent­nimmt und uns dadurch umbringt.

Englischsprachiges Originalinterview
Deutsche Übersetzung

Rena­te Focke