Benedet­ta Frige­rio:

Seifert: Den Hirntod gibt es nicht — Ich erkläre Ihnen die Gründe

Der bekan­nte katholis­che Philosoph Josef Seifert erk­lärt Nue­va BQ.it „den Util­i­taris­mus“, der die neue Def­i­n­i­tion des „Hirn­todes“ her­vorge­bracht hat, um dadurch Orga­nent­nah­men zu ermöglichen, die Rede von Johannes Paul II und den Gedanke­naus­tausch mit Benedikt XVI. Klarstel­lung: „Die Per­son (Seele) ist ein eigen­ständi­ges Wesen und darf nicht auf das Bewusst­sein reduziert wer­den. Außer­dem ist die These, dass das Gehirn das Zen­trum aller inte­gra­tiv­en Lebens­funk­tio­nen sei, wis­senschaftlich wider­legt wor­den.“

Über­set­zung von Renate Focke

Nach der Ent­deck­ung der Instru­men­tal­isierung der neuen Def­i­n­i­tion „Hirn­tod“ als Recht­fer­ti­gung für die Ent­nahme von Orga­nen und nach den Inter­views mit Dr. Byrne, der den Ursprung dieses neuen Todeskri­teri­ums erk­lärte, das 1968 in Har­vard entwick­elt wurde mit schreck­lichen Fol­gen, erk­lärt der bekan­nte öster­re­ichis­che Philosoph Joseph Seifert, Fre­und von Benedikt XVI und ehe­ma­liges Mit­glied des PAV (Pon­tif­i­cale Akademie für das Leben — d.Übers.) den zugrun­deliegen­den wis­senschaftlichen Irrtum und warum Katho­liken nicht diesen „falschen Tod“ anerken­nen soll­ten.

Pro­fes­sor Seifert, Sie waren ein­er der ersten inner­halb der katholis­chen Kirche, der sich gegen das „Hirntod“-Kriterium aussprach. Warum?“

Von Anfang an, als ich von dieser neuen Todes­de­f­i­n­i­tion erfuhr während der „Essen­er Con­ver­sa­tions on State and Church“, war ich davon überzeugt, dass die neue Def­i­n­i­tion bzw. die neuen Kri­te­rien für den Tod infolge ein­er irre­versiblen Fehlfunk­tion des Gehirns abso­lut falsch waren. Meine Gründe waren und sind sehr ein­fach für jeden nachvol­lziehbar:

1. Ein Jahr nach der ersten erfol­gre­ichen Herz­trans­plan­ta­tion wurde das prag­ma­tis­che Inter­esse an dieser Neude­f­i­n­i­tion des Todes, um an Organe zu kom­men, öffentlich und unver­froren aus­ge­drückt (im Report des Adhoc-Kom­mit­tees der Har­vard Med­ical School to Exam­ine the Def­i­n­i­tion of Brain Death: 1868). Die Absicht, Organe ent­nehmen zu wollen, brachte die Har­vard-Kom­mis­sion dazu, den Tod neu zu definieren. Der „Har­vard Report“ führte keinen einzi­gen Grund an außer zwei prag­ma­tis­chen Begrün­dun­gen, warum der „hirn­tote“ Patient tot war. Es gibt darum viele Anze­ichen und Beweise, dass die „Hirn­tod-Def­i­n­i­tion“ größ­ten­teils auf ihren Nutzen, aber nicht auf Wahrheit begrün­det war. Die Tat­sache, dass das Har­vard-Kom­mit­tee nur zwei prag­ma­tis­che Gründe für diese Neude­f­i­n­i­tion des Todes angab, macht es zutief­st unglaub­würdig. Men­schen aus Nüt­zlichkeits-Erwä­gun­gen für tot zu erk­lären oder „weil man seine Organe benötigt“, macht diesen Men­schen noch nicht zu einem Toten. Aber es gab mehr viel Gründe für meine Zweifel:

2. Wie kann man einen Men­schen für tot erk­lären, dessen Herz schlägt, dessen Atmung in der Lunge und allen Kör­perzellen voll funk­tion­iert, (wenn auch die Spon­tan-Atmung aus­ge­fall­en ist, die aber durch Beat­mungs­geräte erset­zt wer­den kann), und der viele andere Leben­sze­ichen aufweist? Wie kann man eine „hirn­tote“ Mut­ter für tot erk­lären, die ein Kind in ihrem Leib aus­trägt und es neun Monate später zur Welt bringt? Wenn man das Beat­mungs­gerät abstellt, tötet man sie und ihr Kind. Wie kann ein men­schlich­er Leib „tot“ sein, der noch Reflexe aufweist, ernährt wird und Flüs­sigkeit­en absorbiert, das Wun­der des Stof­fwech­sels aufweist und Nahrung ver­daut, Krankheit­en mit Hil­fe seines Immun­sys­tems bekämpft, eine nor­male Kör­pertem­per­atur aufrecht erhält, nor­males Kör­perwach­s­tum aufweist (bei einem chro­nisch hirn­toten Jun­gen …, der ange­blich über zwanzig Jahre hin­durch „tot“ war)? Wider­spricht es nicht jedem Anze­ichen von Leben, zu behaupten, dass jemand tot ist, der zahllose Leben­sze­ichen aufweist, in die Pubertät kommt, schwanger ist und ein Kind zur Welt bringt? Wann hat jemals eine Leiche ein Kind zur Welt gebracht?

3. Eine bio-philosophis­che Begrün­dung für den „Hirn­tod“ behauptet, der Men­sch sei ohne ein funk­tion­ieren­des Gehirn nur noch eine Ansamm­lung von dis­sozi­ierten Zellen und Orga­nen. Nur das Gehirn mache den Kör­p­er zu ein­er Ein­heit. Wie kann man dem Gehirn, einem rel­a­tiv spät entwick­el­ten Organ, dem viele Wochen der Entwick­lung des leben­den men­schlichen Organ­is­mus voraus­ge­hen, dessen Gehirn es ist, die Rolle des zen­tralen Inte­gra­tors zuschreiben oder den einzi­gen über das Leben entschei­den­den Teil des Kör­pers? Ein großer Teil von inte­gri­ertem men­schlichem Leben entste­ht offen­sichtlich vor der Entwick­lung des Gehirns. Das Gehirn ist das Pro­dukt dieses inte­gri­erten und sich entwick­el­nden men­schlichen Wesens, es ist wed­er seine Ursache noch sein einziger Träger.

4. Der Begriff „Hirn­tod“ ist sehr vieldeutig und beze­ich­net völ­lig unter­schiedliche Dinge: 1) den Tod eines Organs, 2) den Tod eines Men­schen infolge ein­er Fehlfunk­tion seines Gehirns. Zudem ist der physis­che Zus­tand des Gesamt-Hirn­todes vieldeutig: 1a )Tod des Hirn­stamms), 1b) Tod des Großhirns (zere­braler Tod), 1c) Ganzhirn­tod usw. Für keines dieser extrem unter­schiedlichen Konzepte zur Def­i­n­i­tion des „Todes“ gibt es triftige Argu­mente. Dazu kommt, solange völ­lig unklar ist, welch­er dieser „Hirn­tode“ mut­maßlich der Tod des Men­schen ist und solange völ­lige Kon­fu­sion und Unsicher­heit­en beste­hen in Bezug auf die Gründe für die jew­eilige Todes-Behaup­tung, ist jede solch­er unklaren Def­i­n­i­tio­nen ver­wirrend im Inhalt und in Bezug auf die Gründe, warum es der Tod des Men­schen sein soll. Es ist vol­lkom­men unethisch und wider­spricht den Men­schen­recht­en, auf­grund solch­er zweifel­haften Def­i­n­i­tio­nen die Ent­nahme von unpaari­gen vital­en Orga­nen zu erlauben und dadurch in der Tat oder zumin­d­est poten­ziell einen Men­schen zu töten.

5. Die men­schliche Per­son (Seele) hat ein sub­stanzielles Wesen und darf nicht reduziert wer­den auf die men­schliche Fähigkeit, seinen Ver­stand auf empirisch nach­weis­bare Weise einzuset­zen oder ein Bewusst­sein zu haben. Darum sind viele Argu­mente der „Hirntod“-Befürworter, die mit dem ange­blichen Ver­lust des Bewusst­seins, des Denkens oder der Gefüh­le argu­men­tieren, auf einem völ­lig falschen mate­ri­al­is­tis­chen Men­schen­bild begrün­det, das „eine Per­son zu sein“ gle­ich­set­zt mit „wie eine Per­son zu han­deln“. Auch wenn wir schlafen oder bewusst­los sind, sind wir eine Per­son, obwohl wir nicht als Per­son han­deln kön­nen.

6. Die hefti­gen Reak­tio­nen von soge­nan­nten toten Patien­ten bei der Ent­nahme ihrer Organe ana­log zu den hefti­gen Reak­tio­nen von Embry­onen bei ihrer Abtrei­bung, wie es im Film „The silent cry“ doku­men­tiert wird, weisen darauf hin, dass es zumin­d­est wahrschein­lich ist, dass die „Hirn­toten“ etwas spüren kön­nen und dass diese Reak­tio­nen nicht auf den „Lazarus-Effekt“ bei ein­er Leiche zurück­zuführen sind. (Nebenbei:Lazarus lebte).

Johannes Paul II sprach in einem Vor­trag beim inter­na­tionalen Kongress der Trans­plan­ta­tion­s­ge­sellschaft 2000 vom Hirn­tod als einem Kri­teri­um, das von der inter­na­tionalen Wis­senschaft akzep­tiert wird und dem die Kirche nicht wider­spricht. Warum? Sind Katho­liken verpflichtet, dem zu fol­gen?

Ich weiß nicht, warum der Papst diese Rede gehal­ten hat. Möglicher­weise ver­traute er den Mit­gliedern und Vor­sitzen­den der „Pon­tif­i­cal Acad­e­my of Sci­ence“, die sich zweimal, 1984 ein­stim­mig und 1989 mit großer Mehrheit für die Akzep­tanz der Hirn­tod-Def­i­n­i­tion aus­ge­sprochen hat­ten. (Pro­fes­sor Alan Shew­mon, ein bekan­nter Kinderneu­rologe und möglicher­weise der führende Medi­zin-Experte für den „Hirn­tod“, begann bei diesem Tre­f­fen an der Richtigkeit sein­er starken Befür­wor­tung des „Hirntod“-Konzeptes zu zweifeln, die er 1985 und 1987 vor­ge­tra­gen hat­te, und ich, der von PAV als Experte ein­ge­laden wor­den war, hielt strikt dage­gen). Aber die bevorzugte Posi­tion der Pon­tif­i­cal Acad­e­my of Sci­ence (PAS) bestand darin, den Hirn­tod dem Tod gle­ichzuset­zen, jedoch gab es dafür abso­lut keinen Nach­weis, und der PAS, der viele philosophis­che, moralthe­ol­o­gis­che und andere Irrtümer vertei­digt hat, hat kein­er­lei Lehr-Autorität. Der Vize-Präsi­dent und spätere Präsi­dent der Pon­tif­i­cal Acad­e­my for Life, Mon­signore Elio Seg­rec­cia, ein Mann, der über viel Wis­sen und Weisheit ver­fügt, hat­te eben­falls die vie­len Stim­men nicht akzep­tiert (von D. Alan Shew­mon, von Pro­fes­sor Cicero Coim­bra, von mir und anderen), die diese Umde­f­i­n­i­tion des Todes kri­tisiert hat­ten. Auf diese Weise kön­nte er die Stel­lung­nahme des Pap­stes bee­in­flusst haben. Die Ansprache von Johannes Paul II an die Trans­plan­ta­tion­s­medi­zin­er ist nicht wirk­lich ein „Kirch­lich­es Doku­ment“, das eine ein­heitliche Zus­tim­mung erfordert, ins­beson­dere nicht in Bezug zu den darin enthal­tenden empirischen medi­zinis­chen Ein­schätzun­gen. Darum sind wir nicht verpflichtet, diesen Beitrag von Johannes Paul II in voller Gänze zu übernehmen. Wir müssen nur die offizielle Stel­lung­nahme übernehmen, dass wir unpaarige vitale Organe nur von ein­deutig toten Men­schen ent­nehmen dür­fen („ex cada­v­ere“, wie es Papst Benedikt XVI for­mulierte).

Allerd­ings kön­nen wir der offen­sichtlich nicht kor­rek­ten Aus­sage von Johannes Paul II in sein­er Rede nicht zus­tim­men, dass es eine uni­verselle Übere­in­stim­mung in der Medi­zin gäbe, dass der „Hirn­tod“ dem Tod entspricht, und wir müssen dem nicht zus­tim­men, dass es daher gerecht­fer­tigt sei, die Organe von Patien­ten zu ent­nehmen, die für „hirn­tot“ erk­lärt wor­den sind. Die erste dieser Aus­sagen stimmt nicht mit der Tat­sache übere­in, dass es eine beträchtliche (und wach­sende) Zahl von Medi­zin­ern und her­vor­ra­gen­den Wis­senschaftlern gibt, die der Hirn­tod-Def­i­n­i­tion NICHT zus­tim­men. Das zweite Argu­ment wurde vom Papst abgeleit­et von der falschen Behaup­tung ein­er ein­heitlichen medi­zinis­chen Mei­n­ung. Auch wenn es eine uni­verselle Zus­tim­mung in der Medi­zin gäbe, wür­den den­noch die Hirn­tod-Def­i­n­i­tio­nen nicht wahrer durch die Zus­tim­mung der Mehrheit.

Die (einzige) dok­trinäre Fes­tle­gung, an die wir gebun­den sind, beste­ht darin, dass der Men­sch notwendi­ger­weise tot sein muss, bevor man die unpaari­gen Organe ent­nimmt. Dieser Fest­stel­lung, die eine Lehrdok­trin ist, müssen wir aus philosophis­chen Grün­den und, als Katho­liken, auch aus religiösen Grün­den zus­tim­men. Alles andere sind nur medi­zinis­che oder philosophis­che Behaup­tun­gen, dass Men­schen, deren Gehirn aus­ge­fall­en ist, tot sind, und wir sind keineswegs verpflichtet, solchen Fest­stel­lun­gen zuzus­tim­men, vor allem wenn wir erken­nen, dass sie falsch sind. Außer­dem hat­te Papst Johannes Paul II ern­ste Zweifel an der Wahrheit sein­er Aus­sage, und berief daher 2005 eine weit­ere Zusam­menkun­ft von Experten in der Pon­tif­i­cal Acad­e­my of Sci­ence ein, an der auch ich teil­nahm, und diejeni­gen, die an diesem diesem Tre­f­fen der Pon­tif­i­cal Acad­e­my of Sci­ence teil­nah­men, lehn­ten größ­ten­teils und aus guten Grün­den die Gle­ich­set­zung des Hirn­todes mit dem Tod des Men­schen ab. Die Berichte über diese Zusam­menkun­ft waren schon druck­fer­tig kor­rigiert wor­den, aber dann wurde die Her­aus­gabe vom PAS unter­drückt, Ein weit­eres Tre­f­fen wurde vom PAS ein­berufen, in dem die Mehrheit (bei eini­gen ein­deuti­gen Gegen­stim­men) sich für das Hirn­tod-Konzept aussprach. Aber wed­er falsche Machen­schaften noch die Ansicht­en von Mehrheit­en zählen, wenn die Wahrheit auf dem Spiel ste­ht.

Pro­fes­sor Shew­mon hat diese Fra­gen her­vor­ra­gend erk­lärt in „You die only once. Why Brain Death is not Death of the Human Being. A Reply to Nicholas Ton­ti-Phi­ip­pi­ni“, Com­mu­nio 39, Herb­st 2012, pp. 422–494.

Auf ähn­liche Weíse hat Dr. med. und Dr. the­ol. Doyen Nguyen dies in ihrem her­vor­ra­gen­den Artikel beschrieben, der aufs höch­ste gelobt wurde: „Pope John Paul II and the Neu­ro­log­i­cal Stan­dard for the Deter­mi­na­tion of Death: A Crit­i­cal Analy­sis of his Address to the Trans­plan­ta­tion Soci­ety.“ The Linacre Quar­ter­ly 84(2):155–186, 2017.

Man sagt, das Kri­teri­um des Leben sei immer das eine, näm­lich die inte­gra­tiv­en Funk­tio­nen des Kör­pers gewe­sen, ohne die wir nur von den Funk­tio­nen bes­timmter Organe oder Zellen sprechen kön­nten. Kurz gesagt, der Leib eines Men­schen mit schla­gen­dem Herzen, dessen Gehirn und Hirn­stamm völ­lig zer­stört sind, wären eine Masse von biol­o­gisch leben­der Materie. Wom­it recht­fer­ti­gen Sie Ihre Posi­tion angesichts der The­o­rie (die der Homöostase und der inte­gra­tiv­en Funk­tion­sein­heit), für die sich alle men­schliche Phys­i­olo­gie und Wis­senschaft seit Aris­tote­les einge­set­zt hat, um die Anwe­sen­heit von Leben und Seele in einem Kör­p­er nachzuweisen?

Offen­sichtlich gibt es einen Unter­schied zwis­chen dem Leben des Organ­is­mus an sich (oder als Ganzes), und dem Leben in ein­er einzel­nen Haar-oder Hautzelle oder der Leber, die in einem Kühlschrank nach einem tödlichen Unfall auf­be­wahrt wird. Aber die kor­rek­te Frage ist, ob das Gehirn der zen­trale Inte­gra­tor ist und ob alle inte­gralen Leben­sak­tiv­itäten von einem funk­tion­ieren­den Gehirn abhän­gen.

Dieses ist offen­sichtlich falsch aus fol­gen­den Grün­den:

1. Es gibt viele inte­gra­tive Lebens­funk­tio­nen, die bei „hirn­toten“ Patien­ten beobachtet wer­den (Wach­s­tum, Immun­sys­tem, Atmung der Lun­gen und Zellen bei fort­ge­führter kün­stlich­er Beat­mung, Durch­blu­tung, Beibehal­tung der Kör­pertem­per­atur und vieles andere). Die Behaup­tung, das Gehirn sei der entschei­dende Inte­gra­tor, wurde wis­senschaftlich von Shew­mon wider­legt, und dieses wurde akzep­tiert vom „Amer­i­can Coun­cil on Bioethics“ und dem „Deutschen Ethikrat“.

2. Die inte­gri­erte Ganzheit des men­schlichen Organ­is­mus geht der Entwick­lung des Gehirns voraus, und man kann nicht plöt­zlich behaupten, dass nach der Entwick­lung des Gehirns aus dem ganzheitlichen Leben eines Organ­is­mus dies von der Hirn­funk­tion abhängig sei.

Was ist der Beweis dafür, dass das Gehirn nicht das Zen­trum der inte­gra­tiv­en Funk­tio­nen ist, so dass man im Falle des Hirn­todes nicht sagen kann, dieser Men­sch sei tot?

Wie schon zuvor fest­gestellt, ist es ein­deutig NICHT der Fall, dass der „Hirn­tod“ den Ver­lust des inte­gra­tiv­en men­schlichen Lebens bedeutet. In Fällen von „chro­nis­chem Hirn­tod“( in einem Fall ein Weit­er­leben von mehr als 20 Jahren im Zus­tand des „Hirn­todes“) kann das Leben noch über Jahrzehnte weit­erge­hen. Dass ein „hirn­tot­er“ Patient, wenn die kün­stliche Beat­mung abge­brochen wird und seine Musku­latur und Atmung nicht autonom Sauer­stoff aufnehmen kön­nen, BALD DARAUF STERBEN wird, bedeutet nicht, dass er „TOT“ ist. Im Gegen­teil: Er kann nur deshalb ster­ben, weil er noch am Leben ist: Leichen ster­ben nicht.

Die spir­ituelle men­schliche Seele hat ihren Sitz nicht im Gehirn oder einem anderen einzel­nen Teil des Kör­pers. Es gibt kein kirch­lich­es Dog­ma, das besagt, dass die Seele den Kör­p­er eines Men­schen ver­lässt, wenn das Gehirn nicht mehr funk­tion­iert.

Darum ist es nicht het­ero­dox zu sagen, dass die Seele bis zum natür­lichen Tod des Men­schen im Kör­p­er lebt. Das Gegen­teil ist het­ero­dox, weil die Kirche es zum Dog­ma erk­lärt hat, dass der Men­sch eine einzige Seele hat (nicht drei ver­schiedene See­len: eine vegetativ–pflanzliche Seele, eine füh­lende tierische und eine ratio­nale Seele) .Solange darum ein inte­gra­tives Leben oder ein empfind­ungs­fähiges Leben im Men­schen vorhan­den ist (bei­des ist nach­weis­lich vorhan­den bei „hirn­toten“ Patien­ten) ist die eine men­schliche Seele, die alle Lebens­bere­iche des Leibes umfasst, noch da.

Wenn es nicht die inte­gra­tiv­en Funk­tio­nen sind, die vom Gehirn ermöglicht wer­den, was bringt den Kör­p­er dazu, dass er die Seele inkarnieren kann?

Die inte­gra­tive Ganzheit des men­schlichen Lebens hängt nicht, wie schon erwäh­nt, nur vom Hirn­stamm ab. Pro­fes­sor Shew­mon hat in einem berühmten Artikel beschrieben, dass wir zwei Lis­ten von „inte­gra­tiv­en Lebens­funk­tio­nen“ machen kön­nen: eine ist abhängig vom funk­tion­ieren­den Hirn­stamm, die andere über­haupt nicht. Er hat nachgewiesen, dass seine frühere Vertei­di­gung der Hirn­tod-Def­i­n­i­tion falsch war, weil es wis­senschaftlich völ­lig willkür­lich sei zu behaupten, dass, wenn die inte­gra­tiv­en Funk­tio­nen auf Liste 1 vorhan­den sind, der Men­sch noch lebt, wenn nur die auf der zweit­en Liste berück­sichtigt wer­den, der Men­sch tot sei.

Was hielt Benedikt XVI von Organspende, weil man sagt, er habe der Rede von Johannes Paul II zuges­timmt, danach aber die Hirn­tod-Def­i­n­i­tion aus dem Kat­e­chis­mus gestrichen, und in seinen Vorträ­gen habe er sich nur für die Organspende von Toten aus­ge­sprochen. Haben Sie jemals die Möglichkeit gehabt, ihn danach zu fra­gen oder zu wis­sen, wie er darüber dachte?

Ich sprach mit Papst Benedikt darüber, als er noch Kar­di­nal war, aber er sagte mir nur, dass Pro­fes­sor Spae­mann wie auch ich ihn schon seit langem zu überzeu­gen ver­sucht hät­ten, die „Hirntod“-Definitionen als unzure­ichende Kri­te­rien für den Tod abzulehnen. Ich schrieb ihm zu dieser Frage auch einen Brief, als er Papst gewor­den war. Aber er sagte mir nichts anderes als das, was er in sein­er berühmten Ansprache als Papst gesagt hat­te, dass „vitale unpaarige“ Organe nur „ex cada­v­ere“ (von ein­er Leiche) ent­nom­men wer­den dür­fen. Diese Aus­sage und die Fak­ten, die Sie aufge­führt haben, weisen klar darauf hin, dass er den „Hirn­tod-Def­i­n­i­tio­nen“ nicht unkri­tisch gegenüber­stand.

Welche Kri­te­rien soll­ten ange­wandt wer­den, um das Ende der inte­gra­tiv­en Funk­tio­nen des Kör­pers und somit den Tod des Men­schen festzule­gen, wenn es nicht die Fähigkeit des Gehirns ist, die Ein­heit der inte­gri­erten Kör­per­funk­tio­nen zu gewährleis­ten?

Meine Antwort wäre: Nur die herkömm­lichen Jahrtausende alten Kri­te­rien, die mit dem gesun­den Men­schen­ver­stand übere­in­stim­men, näm­lich des völ­li­gen Zusam­men­bruchs aller vital­en Funk­tio­nen ein­schließlich von Herz­schlag und Atmung.

Aber auch den­jeni­gen, die eine Ent­nahme der vital­en Organe kurz nach dem Herzstill­stand bei „non-heart-beating“-Patienten“ befür­worten, würde ich ent­ge­gen­hal­ten, solange Rean­i­ma­tion möglich ist, obwohl dies in manchen Fällen medi­zinisch und ethisch nicht angemessen wäre, dür­fen wir diesen Patien­ten nicht für tot erk­lären, solange wir ihn „wieder­beleben“ kön­nten. Bis dahin muss man davon aus­ge­hen, dass das Leben und seine Seele „in ihm“ sind. Das Argu­ment, er benötige sein Herz nicht mehr in sein­er Sit­u­a­tion als „non-heart-beating“-Patient ist nicht überzeu­gend. Um sein Herz ent­nehmen zu kön­nen, müsste man ihn immer noch töten und sein Leben been­den, das noch in ihm ist und wieder­belebt wer­den kön­nte.

Ist es Ihrer Mei­n­ung nach aber den­noch erlaubt, nach ein­er sorgfälti­gen Diag­nose der völ­li­gen Zer­störung von Hirn und Hirn­stamm, aus freiem Willen her­aus Organe (wie das Herz) zu spenden, wodurch das Leben eines Men­schen im irre­versiblen Koma been­det würde – als altru­is­tis­che Tat?

Nein, weil ich glaube, das wäre Selb­st­tö­tung oder Mord – wenn auch aus edlen Motiv­en her­aus. Aber auch wenn wir einen anderen Men­schen mehr als uns selb­st lieben und bere­it sind, für ihn oder sie zu ster­ben wie der heilige Max­i­m­il­ian Kolbe, sind wir nicht Her­ren über Leben und Tod eines anderen Men­schen und unseres eige­nen Lebens. Wir kön­nen den Platz eines unschuldigen Mor­dopfers ein­nehmen und ster­ben, damit ein ander­er lebt, wie Pater Kolbe, aber nur, wenn ein ander­er den Mord bege­ht, aber wir kön­nen von nie­mand anderem fordern, dass er uns tötet. Dies nicht zu respek­tieren wäre so, als ob man Selb­st­mord beg­in­ge oder genauer gesagt, jemand anderen (der unsere Organe ent­nehmen müsste) dadurch zum Mörder zu machen.
Der gute Zweck heiligt nicht die Mit­tel.

Unter welchen Bedin­gun­gen ist es möglich, Organe zu spenden, wenn das Hirn­tod-Kri­teri­um niemals angewen­det wer­den darf?

Wenn der „Hirn­tod“ nicht dem wahren Tod entspricht, dann ist sowohl der Han­del mit und die Spende von vital­en unpaari­gen Orga­nen von einem „Hirn­toten“ falsch, weil dies bedeutet, ihn zu töten. Das schließt aber nicht aus, dass wir fes­tle­gen kön­nten, dass wir ein paariges Organ spenden wür­den für den Fall, wenn wir zweifels­frei in einem Zus­tand sind, in dem das Gehirn voll­ständig und irre­versibel aus­ge­fall­en ist. Denn die Spende dieser Organe bringt uns nicht um, und wir kön­nten sie auch zu unseren Lebzeit­en spenden. Aber ich würde davon abrat­en, weil manch­mal die „Hirn­tod-Diag­nose“ falsch ist, und falls wir in einem solchen Fall aufwachen wür­den ohne unsere Nieren und bei­de Augen usw., kön­nte dies uner­freulich und unbe­ab­sichtigt sein. Zudem, wenn wir fes­tle­gen, dass wir nur unsere paari­gen und nicht über­leben­snotwendi­gen Organe spenden wür­den, bestünde die Möglichkeit, dass die Klinik unsere Ver­fü­gung nicht gründlich liest und auch unsere unpaari­gen vital­en Organe wie das Herz ent­nimmt und uns dadurch umbringt.

Englischsprachiges Originalinterview
Deutsche Übersetzung

Renate Focke