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Der „Hirn­tod“ – kein über­zeu­gen­des Todes­kri­te­ri­um

[Quel­le: Neue Jus­tiz, Heft 7/​2020, S. 298–303]

Der Deut­sche Bun­des­tag hat den Vor­stoß einer Grup­pe von Abge­ord­ne­ten, eine „Wider­spruchs­re­ge­lung“ auf dem Gebiet der Organ­trans­plan­ta­ti­on ein­zu­füh­ren, am 16. Janu­ar 2020 mit deut­li­cher Mehr­heit abge­lehnt.[1] Statt­des­sen wur­de ein Geset­zes­an­trag ver­ab­schie­det, der im Wesent­li­chen eine ver­stärk­te Infor­ma­ti­on der Bevöl­ke­rung (u. a. durch Haus­ärz­te und bei der Bean­tra­gung von Aus­weis­pa­pie­ren) sowie die Ein­füh­rung eines Organ­spen­de­re­gis­ters vor­sieht,[2] wobei die gel­ten­de (erwei­ter­te) Zustim­mungs­lö­sung bei­be­hal­ten wird. Im Mit­tel­punkt der Debat­te stand, ob durch die „Wider­spruchs­re­ge­lung“, unver­hält­nis­mä­ßig in das Selbst­be­stim­mungs­recht ein­ge­grif­fen und auf indi­rek­te Wei­se eine „Organ­ab­ga­be­pflicht“ geschaf­fen wird.

Weit­ge­hend unbe­ach­tet blieb, dass es nach wie vor erheb­li­che Zwei­fel an der Gleich­set­zung von „Hirn­tod“ und „Tod des Men­schen“ gibt. Der „Hirn­tod“ ist zwar nach dem Trans­plan­ta­tions­ge­setz (TPG) eine Min­dest­vor­aus­set­zung für die Ent­nah­me von Orga­nen, aber nicht ohne wei­te­res mit dem „Tod des Men­schen“ iden­tisch. Solan­ge es sich bei Organ­spen­dern noch nicht um „Lei­chen“, son­dern um „Ster­ben­de“ han­delt, kann eine „Wider­spruchs­re­ge­lung“ aus grund­recht­li­chen Erwä­gun­gen her­aus nicht in Betracht kom­men.[3] Denn das blo­ße Schwei­gen des Betrof­fe­nen kann es nie­mals recht­fer­ti­gen, ihm in der Ster­be­pha­se ohne sei­ne Zustim­mung Orga­ne zu ent­neh­men.

I. Pro­blem­stel­lung

Seit Jahr­zehn­ten wird mit öffent­li­chen Gel­dern inten­siv Wer­bung für Organ­spen­den betrie­ben. In den Mate­ria­li­en der Bun­des­zen­tra­le für gesund­heit­li­che Auf­klä­rung wird dabei auch das „Hirn­tod­kon­zept“, das die Grund­la­ge der Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zin in Deutsch­land dar­stellt, bewor­ben. Die zen­tra­le Fra­ge, ob der Funk­ti­ons­aus­fall des Gehirns bereits als Tod des Men­schen gewer­tet wer­den kann, wird in den Bro­schü­ren und Falt­blät­tern, die an das brei­te Publi­kum gerich­tet sind, über­haupt nicht erwähnt. Nur an ver­gleichs­wei­se „unauf­fäl­li­ger Stel­le“ im hin­te­ren Teil einer umfang­rei­chen Publi­ka­ti­on zum Hirn­tod wird auf eini­ge weni­ge Pro­blem­punk­te ein­ge­gan­gen.[4] Von einer umfas­sen­den und objek­ti­ven Auf­klä­rung der Bevöl­ke­rung kann daher kei­ne Rede sein.[5] Bereits 2010 hat die Inha­be­rin des Lehr­stuhls für Prak­ti­sche Phi­lo­so­phie der Uni­ver­si­tät Regens­burg, Wey­ma Lüb­be, auf einer Dis­kus­si­ons­ver­an­stal­tung des Deut­schen Ethik­rats beklagt, die Kom­mu­ni­ka­ti­on zum The­ma Organ­spen­de kom­me „einer mas­si­ven öffent­li­chen mora­li­schen Nöti­gung“ gleich.[6]

Es ist durch­aus ver­ständ­lich, dass über die Mög­lich­kei­ten der Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zin infor­miert und für die Bereit­schaft, Orga­ne zu spen­den, gewor­ben wird. Denn Organ­trans­plan­ta­tio­nen kön­nen lebens­ret­tend sein oder zumin­dest die Lebens­qua­li­tät Betrof­fe­ner deut­lich ver­bes­sern. Ande­rer­seits kann der „gute Zweck“ auch blind machen, wenn es dar­um geht, die Stim­mig­keit eines „nütz­li­chen Kon­zepts“ zu beur­tei­len. Ein Kon­zept, das den Rechts­sta­tus des Men­schen in grund­le­gen­der Wei­se umge­stal­tet – mit dem Tod wird das Rechts­sub­jekt „Mensch“ zur „Lei­che“ – muss auch kri­ti­schen Ein­wän­den stand­hal­ten kön­nen. Das ist bei dem in Deutsch­land prak­ti­zier­ten Hirn­tod­kon­zept nicht der Fall.

II. Zur Ent­ste­hung des „Hirn­tod­kon­zepts“

Der Begriff des „Hirn­to­des“ beschreibt einen patho­phy­sio­lo­gi­schen Zustand des mensch­li­chen Gehirns. Die­ser hat Ein­gang in § 3 Abs 2 Nr. 1 TPG gefun­den. Unter der umgangs­sprach­li­chen Bezeich­nung „Hirn­tod“ wird der „end­gül­ti­ge, nicht beheb­ba­re Aus­fall der Gesamt­funk­ti­on des Groß­hirns, des Klein­hirns und des Hirn­stamms“ bei auf­recht­erhal­te­ner Kreis­lauf­funk­ti­on durch künst­li­che Beatmung ver­stan­den.[7]

His­to­risch hat sich der Begriff „Hirn­tod“ in den 1950er Jah­ren all­mäh­lich für ein kli­ni­sches Krank­heits­bild eta­bliert, das durch den Ein­satz von Beatmungs­ge­rä­ten bei schwe­ren Hirn­schä­di­gun­gen ent­stan­den war. Trotz der künst­li­chen Beatmung wur­de in man­chen Fäl­len ein Ver­lö­schen der Hirn­funk­tio­nen fest­ge­stellt, obwohl das Herz wei­ter schlug und sauer­stoff­rei­ches Blut im Kör­per pul­sier­te. Es stell­te sich die Fra­ge, ob man nach dem Aus­fall aller Gehirn­funk­tio­nen – dem „Tod des Gehirns“ – ver­pflich­tet sei, die Beatmung fort­zu­füh­ren. Eine Grup­pe von Neu­ro­lo­gen wand­te sich sogar an Papst Pius XII., der die Zuläs­sig­keit eines Behand­lungs­ab­bruchs beim Ein­satz „außer­ge­wöhn­li­cher Mit­tel“ – wie der künst­li­chen Beatmung – bejah­te.[8]

Im Ver­lauf der 1960er Jah­re ent­wi­ckel­te sich par­al­lel zu den ers­ten Erfol­gen bei der Trans­plan­ta­ti­on „soli­der Orga­ne“ (vor allem der Nie­re) die Idee, den Tod des Organs Gehirn mit dem Tod des Men­schen gleich­zu­set­zen. Ins­be­son­de­re bei dem im Jahr 1966 von der Ciba Foun­da­ti­on orga­ni­sier­ten Sym­po­si­um „Ethics in Medi­cal Pro­gress: With Spe­cial Refe­rence to Trans­plan­ta­ti­on” wur­de über die recht­li­chen Pro­ble­me der Gewin­nung von Orga­nen und über neue, „hirn-basier­te“ Kri­te­ri­en des Todes dis­ku­tiert.[9] Von ent­schei­den­der Bedeu­tung für die künf­ti­ge Gleich­set­zung von Hirn­tod und Tod des Men­schen war jedoch der Bericht des Har­vard Ad-hoc-Komi­tees von 1968, der ohne jede inhalt­li­che Begrün­dung das irrever­si­ble Koma zu einem neu­en Todes­kri­te­ri­um umde­fi­nier­te: „Our pri­ma­ry pur­po­se is to defi­ne irrever­si­ble coma as a new cri­ter­ion for death“.[10] Dass die­se Neu­de­fi­ni­ti­on des Todes vor allem dazu die­nen soll­te, die Ent­nah­me lebens­wich­ti­ger Orga­ne aus Pati­en­ten mit schla­gen­den Her­zen abzu­si­chern, geht aus dem Ver­lauf der Dis­kus­sio­nen, die zur End­fas­sung des Har­vard-Reports führ­ten, deut­lich her­vor.[11]

Der Har­vard-Report war maß­geb­lich für den Sie­ges­zug des Hirn­tod­kon­zepts.[12] Um Pati­en­ten mit Hirn­funk­ti­ons­aus­fall ster­ben las­sen zu kön­nen, bedurf­te es kei­nes neu­en Kri­te­ri­um des Todes. Außer­dem ist ein Mensch „nicht bereits dann tot, wenn sei­ne Behand­lung aus­sicht­los und sei­ne Gene­sung aus­ge­schlos­sen ist“.[13] Um aber einen Pati­en­ten trotz Aus­sichts­lo­sig­keit der Behand­lung am Leben zu erhal­ten, damit man mög­lichst „lebens­fri­sche“ Orga­ne gewin­nen kann, war es not­wen­dig, das bis Ende der 1960er Jah­re vor­herr­schen­de „Herz­tod­kon­zept“ (Tod als „irrever­si­bler Kreis­lauf­still­stand“) durch das „Hirn­tod­kon­zept“ zu erset­zen. Dann waren die Pati­en­ten bereits mit Aus­fall der Hirn­funk­tio­nen „Lei­chen“, die stun­den- und tage­lang inten­siv­me­di­zi­nisch wei­ter­be­han­delt wer­den konn­ten, um ihnen bis zuletzt durch­blu­te­te Orga­ne ent­neh­men zu kön­nen. Das auf Organ­ge­win­nung gerich­te­te Inter­es­se der Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zin stand ein­deu­tig bei der For­mu­lie­rung des neu­en Todes­kri­te­ri­ums Pate.[14] Nicht der „Hirn­tod“ an sich, sehr wohl aber das „Hirn­tod­kon­zept“ (Gleich­set­zung von Hirn­tod und Tod des Men­schen) wur­de 1968 zum Nut­zen der Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zin „erfun­den“[15] und konn­te sich rasch inter­na­tio­nal durch­set­zen. Eine „Chro­nik des Hirn­to­des“, die 500 v. Chr. beginnt und mit der aktu­el­len Richt­li­nie der Bun­des­ärz­te­kam­mer endet,[16] ist für die Beant­wor­tung der Fra­ge, wann das Kon­zept der Gleich­set­zung von „Hirn­tod“ und „Tod des Men­schen“ eta­bliert wur­de, irrele­vant.

III. Die Dia­gnos­tik des „Hirn­to­des“ und sei­ne anthro­po­lo­gi­sche Bedeu­tung

Wel­che Bedeu­tung hat der „Hirn­tod“ für den Men­schen? Ist er tat­säch­lich bereits ein „siche­res Todes­zei­chen“ des Men­schen – oder gibt es kon­zep­tio­nel­le Wider­sprü­che? Wel­che Argu­men­te spre­chen gegen die Gleich­set­zung von „Hirn­tod“ und „Tod des Men­schen“?

1. Vali­di­tät von „Hirn­tod­dia­gnos­tik“ und „Hirn­tod­kon­zept“

Die Befür­wor­ter des „Hirn­tod­kon­zepts“ beto­nen immer wie­der, dass die Dia­gno­se des Hirn­tods sicher sei. Es sei bis­lang kein Fall bekannt gewor­den, bei dem trotz kor­rek­ter Anwen­dung der Richt­li­ni­en der Bun­des­ärz­te­kam­mer die Fest­stel­lung des „Hirn­to­des“ unzu­tref­fend gewe­sen wäre.[17] Häu­fig wer­den auch die Schrit­te, die zur Durch­füh­rung der Hirn­tod­dia­gnos­tik erfor­der­lich sind, umfang­reich dar­ge­stellt,[18] obwohl es in die­sem Bereich kei­ne nen­nens­wer­ten Kon­tro­ver­sen gibt. Dabei wird über­se­hen, dass die Kri­tik am Hirn­tod­kon­zept nicht an den Unter­su­chun­gen, mit denen der Gesamt­funk­ti­ons­aus­fall des Gehirns nach­ge­wie­sen wer­den kann (Hirn­tod­dia­gnos­tik), ansetzt, son­dern an der Behaup­tung, der Hirn­funk­ti­ons­aus­fall sei gleich­be­deu­tend mit dem Tod des Men­schen (Hirn­tod­kon­zept).

Auch die aktu­el­len Richt­li­ni­en der Bun­des­ärz­te­kam­mer gehen der ent­schei­den­den Fra­ge­stel­lung aus dem Weg. Am Anfang wird die Behaup­tung auf­ge­stellt: „Mit der Fest­stel­lung des end­gül­ti­gen, nicht beheb­ba­ren Aus­falls der Gesamt­funk­ti­on des Groß­hirns, des Klein­hirns und des Hirn­stamms (irrever­si­bler Hirn­funk­ti­ons­aus­fall) ist natur­wis­sen­schaft­lich-medi­zi­nisch der Tod des Men­schen fest­ge­stellt“.[19] Dann fol­gen 20 Sei­ten Aus­füh­run­gen zu den Ver­fah­rens­re­geln, nach denen der Hirn­funk­ti­ons­aus­fall im Ein­zel­nen über­prüft und fest­ge­stellt wer­den kann, obwohl die­se prak­tisch nicht umstrit­ten sind.[20] Die Richt­li­ni­en der Bun­des­ärz­te­kam­mer beschäf­ti­gen sich allein mit der Fest­stel­lung des „Hirn­to­des“, lie­fern aber kei­ner­lei Begrün­dung für die Rich­tig­keit oder Ange­mes­sen­heit des „Hirn­tod­kon­zepts“, näm­lich der Gleich­set­zung von Hirn­funk­ti­ons­aus­fall und Tod des Men­schen.

Auch wenn kei­ner­lei Zwei­fel an der Vali­di­tät der „Hirn­tod­dia­gnos­tik“ bestehen, kann die Fest­stel­lung des „Hirn­tods“ immer „falsch“ sein, näm­lich dann, wenn die Gleich­set­zung von „Hirn­tod“ und „Tod des Men­schen“ unbe­rech­tigt ist. Die Dia­gno­se „Hirn­tod“ beweist dann nicht das, was sie zu bewei­sen vor­gibt, näm­lich den „Tod des Men­schen“.[21]

2. Anthro­po­lo­gi­sche Bedeu­tung des „Hirn­to­des“

Betrach­tet man die Argu­men­te, die im All­ge­mei­nen für die Gleich­set­zung von „Hirn­tod“ und „Tod des Men­schen“ vor­ge­bracht wer­den, sind schwer­wie­gen­de Unge­reimt­hei­ten zu erken­nen. Die Argu­men­ta­ti­on ist in mehr­fa­cher Hin­sicht frag­wür­dig und inko­hä­rent.

a) Beschrän­kung des Mensch­seins auf kognitive/​geistige Leis­tun­gen?

Befür­wor­ter des Hirn­tod­kon­zepts bemü­hen sich regel­mä­ßig, die Gleich­set­zung von „Hirn­tod“ und „Tod des Men­schen“ dadurch zu recht­fer­ti­gen, dass sie auf den Ver­lust der kogni­ti­ven Fähig­kei­ten im Zustand des „Hirn­to­des“ hin­wei­sen.[22] Tat­säch­lich ist davon aus­zu­ge­hen, dass bei Pati­en­ten mit Hirn­funk­ti­ons­aus­fall auch all die Fähig­kei­ten ver­lo­ren gegan­gen sind, die übli­cher­wei­se mit einem nor­ma­len „Leben als Mensch“ in Ver­bin­dung gebracht wer­den: Bewusst­sein, ziel­ge­rich­te­tes Han­deln, Kom­mu­ni­ka­ti­ons- und Emp­fin­dungs­fä­hig­keit etc.[23]

Wenn Mensch­sein allein durch die­se kogni­ti­ven bzw. „geis­ti­gen“ Leis­tun­gen des Gehirns defi­niert wäre, müss­te man den „Tod des Gehirns“ tat­säch­lich mit dem „Tod des Men­schen“ gleich­set­zen. Aber ein sol­ches „cere­bra­les Men­schen­bild“ ent­spricht nicht dem Men­schen­bild des Grund­ge­set­zes, was hier nicht näher aus­ge­führt wer­den kann.[24] Vor allem ent­spricht die Bezug­nah­me auf kogni­ti­ve oder geis­ti­ge Leis­tun­gen nicht ein­mal den eige­nen Vor­stel­lun­gen der Befür­wor­ter des „Ganz­hir­n­tod-Kon­zepts“. Denn die Richt­li­ni­en der Bun­des­ärz­te­kam­mer erfor­dern nicht nur den Aus­fall des Groß­hirns, das die bio­lo­gi­sche Grund­la­ge für alle „höhe­ren geis­ti­gen Leis­tun­gen“ (Bewusst­sein, Kom­mu­ni­ka­ti­on etc.) bil­det, son­dern auch den Aus­fall einer Rei­he von Refle­xen des Stamm­hirns, die zu den spe­zi­fi­schen kogni­ti­ven Fähig­kei­ten des Men­schen nichts bei­tra­gen.[25]

Nach wie vor ist nicht geklärt, zu wel­chem Sub­jekt des Todes das Ganz­hir­n­tod-Kon­zept eigent­lich pas­sen soll.[26] Wenn das „Eigent­li­che“ des Mensch­seins sich im Groß­hirn abspielt, dann müss­te das Ganz­hir­n­tod-Kon­zept, das den Richt­li­ni­en der Bun­des­ärz­te­kam­mer und § 3 Abs. 2 Nr. 2 TPG zugrun­de liegt, durch ein „Teil­hirn­tod-Kon­zept“ („Groß­hirn­tod“ oder „Cor­ti­cal­tod“) ersetzt wer­den. Das wird aber von den Anhän­gern des Ganz­tod-Kri­te­ri­ums abge­lehnt.[27] Dem aktu­ell vor­herr­schen­den Hirn­tod­kon­zept liegt viel­mehr die Annah­me zugrun­de, dass der Funk­ti­ons­aus­fall des Gehirns auch in kör­per­li­cher Hin­sicht rele­vant ist und zu einem Ver­lust der Inte­gra­ti­on des Orga­nis­mus als Ein­heit führt. Auf den Ver­lust des Bewusst­seins, der kogni­ti­ven Fähig­kei­ten und der Emp­fin­dungs­fä­hig­keit kommt es damit nicht mehr ent­schei­dend an, weil er zwar eine not­wen­di­ge, aber kei­ne hin­rei­chen­de Bedin­gung für den Tod des Men­schen dar­stellt.[28]

b) Ver­lust der Inte­gra­ti­on des mensch­li­chen Orga­nis­mus?

Als „Stan­dard-Begrün­dung“ für das „Hirn­tod­kon­zept“ fun­giert die Annah­me, dass mit dem Ver­lust der Funk­ti­ons­fä­hig­keit des Gehirns die Inte­gra­ti­on des mensch­li­chen Orga­nis­mus als Gan­zes ver­lo­ren gegan­gen sei.[29] Dem Gehirn kommt im Rah­men die­ser Theo­rie die Funk­ti­on der „Inte­gra­ti­ons­in­stanz“ zu. Das Gehirn soll dafür ver­ant­wort­lich sein, dass die Orga­ne und Gewe­be des mensch­li­chen Kör­pers zu einer Ein­heit zusam­men­ge­fasst wer­den.[30]

Wäh­rend die Richt­li­ni­en der Bun­des­ärz­te­kam­mer von 2015 zu die­ser Fra­ge wie­der­um schwei­gen, hat der Wis­sen­schaft­li­che Bei­rat der Bun­des­ärz­te­kam­mer im Jahr 2018 in einer Stel­lung­nah­me ver­sucht, die­se „ratio“ des Hirn­tod­kon­zepts zu ver­tei­di­gen.[31] Zur Bedeu­tung des irrever­si­blen Hirn­funk­ti­ons­aus­falls als „siche­res Todes­zei­chen“ wird her­vor­ge­ho­ben, dass der irrever­si­ble Hirn­funk­ti­ons­aus­fall „ein Kri­te­ri­um für den Tod als bio­lo­gi­sches Lebens­en­de des Men­schen“ sei; es gehe u. a. um den „Ver­lust der Inte­gra­ti­on der Kör­per­funk­tio­nen zur Ein­heit als Lebe­we­sen“.[32]

Dem muss ent­ge­gen­ge­hal­ten wer­den, dass Pati­en­ten mit Hirn­funk­ti­ons­aus­fall bio­lo­gisch offen­sicht­lich noch leben­dig sind und zwar nicht nur auf der Ebe­ne ein­zel­ner Orga­ne, Gewe­be oder Zel­len, son­dern als gan­zer Orga­nis­mus.[33] Dass die­ser Orga­nis­mus von Beatmung und Nah­rungs-/Flüs­sig­keits­zu­fuhr abhän­gig ist, macht ihn in die­sem Zustand noch nicht zur Lei­che. Solan­ge die zuge­führ­ten Stof­fe auf­ge­nom­men und ver­ar­bei­tet wer­den, lebt der Orga­nis­mus in allen sei­nen kör­per­li­chen Funk­tio­nen wei­ter. Lei­chen kön­nen weder der Luft Sauer­stoff ent­neh­men noch Nähr­stof­fe ver­dau­en. Nicht umsonst bezeich­net man die inten­siv­me­di­zi­ni­schen Maß­nah­men, die bei „Hirn­to­ten“ zur Vor­be­rei­tung einer Organ­ent­nah­me durch­ge­führt wer­den, als lebens­ver­län­gern­de Maß­nah­men.

Auf Detail­fra­gen der Theo­rie des „Orga­nis­mus als Gan­zen“ kann im Rah­men die­ses Bei­trags nicht ein­ge­gan­gen wer­den. Im anglo-ame­ri­ka­ni­schen Raum hat Alan D. Shew­mon (ein frü­he­rer Befür­wor­ter des „Hirn­tod­kon­zepts“) ver­tieft die Idee des „Orga­nism as a Who­le“ unter­sucht.[34] Sei­ne Argu­men­ta­ti­on ver­an­lass­te den US-ame­ri­ka­ni­schen President‘s Coun­cil on Bio­ethics bereits 2008, die­se Theo­rie im Grun­de auf­zu­ge­ben.[35] Inte­gra­ti­on beruht letzt­lich nicht auf einem ein­zel­nen „Steuer­or­gan“, son­dern auf dem Zusam­men­wir­ken aller Gewe­be und Zel­len, deren Funk­tio­na­li­tät durch die Zir­ku­la­ti­on sauer­stoff­rei­chen Blu­tes erhal­ten bleibt.[36]

Die­ser Umstand wird auch von den Autoren des Wis­sen­schaft­li­chen Bei­rats der Bun­des­ärz­te­kam­mer erkannt und als Ein­wand gegen die Bedeu­tung des Hirn­funk­ti­ons­aus­falls als „siche­res Todes­zei­chen“ for­mu­liert. Sie zitie­ren in indi­rek­ter Rede die Auf­fas­sung von Shew­mon, das Gehirn „habe für die Lebens­fä­hig­keit eine mehr regeln­de, die Qua­li­tät und das Über­le­bens­po­ten­zi­al erhö­hen­de, als eine kon­sti­tu­ie­ren­de Bedeu­tung. Die inte­gra­ti­ve Ein­heit sei ein inhä­ren­tes, nicht loka­li­sier­ba­res Merk­mal eines kom­ple­xen Orga­nis­mus“.[37] Bemer­kens­wert ist, wie Brandt/​Angstwurm dar­auf ant­wor­ten: „Mit dem IHA[38] feh­len die mit dem Gehirn ver­bun­de­nen Rege­lungs­krei­se; sowohl die Spon­ta­ni­tät der ande­ren Organ­funk­tio­nen als auch deren Inte­gra­ti­on zur Ein­heit des Men­schen als Lebe­we­sen ist unmög­lich gewor­den“.[39] Die­ser Satz ent­hält kein wirk­li­ches Gegen­ar­gu­ment. Er stellt eine blo­ße Ver­nei­nung des Ein­wands dar. Hin­wei­se auf bes­se­re bio­lo­gi­sche, medi­zi­ni­sche oder sys­tem­theo­re­ti­sche Erkennt­nis­se feh­len.

c) Will­kür­li­che Miss­ach­tung von Lebens­zei­chen

Dass das Hirn­tod­kon­zept unschlüs­sig ist, zeigt sich u. a. an der unter­schied­li­chen Bewer­tung von Kör­per­re­fle­xen. Wenn ein Pati­ent kör­per­li­che Refle­xe zeigt, die über das Stamm­hirn lau­fen, wie z. B. den Hus­ten­re­flex, den Blin­zel­re­flex oder das Pup­pen­kopf-Phä­no­men,[40] dann sehen Hirn­tod­be­für­wor­ter in die­sen Refle­xe Lebens­zei­chen. Pati­en­ten, die noch einen die­ser Refle­xe zei­gen, kön­nen nach den Richt­li­ni­en der Bun­des­ärz­te­kam­mer nicht als „hirn­tot“ dekla­riert wer­den.[41] Pati­en­ten mit voll­stän­dig erlo­sche­nen Hirn­funk­tio­nen kön­nen aber auch Bewe­gun­gen zei­gen („Laza­rus-Syn­drom“) und bei der Organ­ent­nah­me mit einem mar­kan­ten Blut­druck­an­stieg, Haut­rö­tun­gen oder Schwit­zen reagie­ren.[42] Die­se Reak­tio­nen wer­den über das vege­ta­ti­ve Ner­ven­sys­tem oder das Rücken­mark gesteu­ert. Von den Ver­tre­tern des „Hirn­tod­kon­zepts“ wer­den die­se Kör­per­re­fle­xe nicht als Lebens­zei­chen des mensch­li­chen Orga­nis­mus gewer­tet. Bis­lang hat aller­dings nie­mand erklä­ren kön­nen, war­um die oben ange­führ­ten Stamm­hirn­re­fle­xe „bes­se­re“ Lebens­äu­ße­run­gen sein sol­len, als ande­re Kör­per­re­fle­xe. Bei­de Mecha­nis­men habe nichts mit „Bewusst­sein“ oder den spe­zi­fisch mensch­li­chen kogni­ti­ven Fähig­kei­ten oder einer „Inte­gra­ti­on“ des Orga­nis­mus zu tun.

Die Bun­des­ärz­te­kam­mer kann die spi­na­len Refle­xe, Extre­mi­tä­ten-Bewe­gun­gen und vege­ta­ti­ven Sym­pto­me bei „Hirn­to­ten“ nicht leug­nen, beschränkt sich in ihren Richt­li­ni­en aber auf die Anmer­kung, dass die­se Kon­stel­la­tio­nen „die Dia­gno­se des irrever­si­blen Hirn­funk­ti­ons­aus­falls nicht aus­schlie­ßen“.[43] Das ist zwei­fel­los rich­tig – erklärt aber nichts. Das „Hirn­tod­kon­zept“ beruht schlicht auf dem „Vor-Urteil“, alle Lebens­zei­chen, die nicht vom Gehirn gesteu­ert wer­den, sei­en irrele­vant. Eine Begrün­dung, war­um dies (gera­de aus rein bio­lo­gi­scher Sicht, s.o.) ange­mes­sen oder ver­nünf­tig sein soll, kön­nen Hirn­tod­be­für­wor­ter nicht geben.

d) Beheb­bar­keit des Aus­falls ein­zel­ner Gehirn­funk­tio­nen

Die medi­zin­tech­ni­sche und ärzt­li­che Unter­stüt­zung von Pati­en­ten mit Hirn­funk­ti­ons­aus­fall führt dazu, dass genau genom­men die gesetz­li­che Defi­ni­ti­on, die den Zustand „Hirn­tod“ umschreibt und Min­dest­vor­aus­set­zung für eine Organ­ent­nah­me ist, in allen Fäl­len, in denen Pati­en­ten mit Hirn­funk­ti­ons­aus­fall wei­ter­be­han­delt wer­den, nicht erfüllt ist. Gem. § 3 Abs. 2 Nr. 2 TPG ist eine Ent­nah­me von Orga­nen oder Gewe­ben unzu­läs­sig, wenn nicht vor der Ent­nah­me der end­gül­ti­ge, „nicht beheb­ba­re“ Aus­fall der Gesamt­funk­ti­on des Groß­hirns, des Klein­hirns und des Hirn­stamms fest­ge­stellt wor­den ist. Der Aus­fall von Gehirn­funk­tio­nen kann zwar nicht umfang­reich oder gar völ­lig, aber doch teil­wei­se beho­ben wer­den. So kann die Atmung dadurch unter­stützt wer­den, dass von einem Beatmungs­ge­rät Luft in die Lun­gen­flü­gel gebla­sen wird. Damit wird der feh­len­de Impuls zur Eigen­at­mung, der vom Stamm­hirn aus­geht, funk­tio­nell aus­ge­gli­chen. Der Gas­aus­tausch in der Lun­ge und der Wei­ter­trans­port des Sauer­stoffs im Blut erfolgt dann auf natür­li­chem Weg.

Weil somit eine Teil­funk­ti­on des Gehirns maschi­nell durch den Ein­satz eines Beatmungs­ge­rä­tes ersetzt wer­den kann, liegt kein „nicht beheb­ba­rer“ Aus­fall der „Gesamt­funk­ti­on“ des Gehirns vor.[44] Hirn­tod­be­für­wor­ter knüp­fen ihre Bewer­tung des „Hirn­tods“ offen­bar an die Fol­gen eines unbe­han­del­ten „Hirn­tod-Syn­droms“: in kür­zes­ter Zeit wür­de es ohne ärzt­li­che Behand­lung zu einem völ­li­gen Zusam­men­bruch aller Kör­per­funk­tio­nen und damit zum Ein­tritt des Todes kom­men. Durch das ärzt­li­che Ein­grei­fen in Form der Beatmung wird jedoch der sonst natür­li­cher­wei­se rasch fort­schrei­ten­de Ster­be­pro­zess auf­ge­hal­ten. Solan­ge der Ster­be­pro­zess nicht zu einem „Sys­tem­zu­sam­men­bruch“ in Form der Des­in­te­gra­ti­on des mensch­li­chen Orga­nis­mus geführt hat, hat der Hirn­funk­ti­ons­aus­fall noch nicht den Tod her­bei­ge­führt und kann auch nicht mit die­sem gleich­ge­setzt wer­den.

Dass die Atmung maschi­nell unter­stützt wird, ist in die­sem Zusam­men­hang genau­so unbe­acht­lich, wie etwa die Auf­recht­erhal­tung des Blut­kreis­laufs durch Kunst­herz-Sys­te­me[45] oder eine extra­kor­po­ra­le Mem­bran­oxy­ge­nie­rung (ECMO).[46]

IV. Ver­an­schau­li­chung am Bei­spiel des Phä­no­mens der Schwan­ger­schaft bei „Hirn­tod“

Am Phä­no­men der „hirn­to­ten Schwan­ge­ren“ lässt sich anschau­lich demons­trie­ren, dass bei Pati­en­ten mit Hirn­funk­ti­ons­aus­fall ein „Orga­nis­mus als Gan­zer“ erhal­ten ist, der jede Men­ge Lebens­zei­chen auf­weist.

Frau­en, bei denen es zu einem voll­stän­di­gen Hirn­funk­ti­ons­aus­fall gekom­men ist, sind mit inten­siv­me­di­zi­ni­scher Unter­stüt­zung in der Lage, über Wochen und Mona­te eine Schwan­ger­schaft aus­zu­tra­gen. Der jüngs­te in Deutsch­land doku­men­tier­te Fall ereig­ne­te sich im Jahr 2018.[47] Eine 29-jäh­ri­ge Frau war bei einem Ver­kehrs­un­fall im Hals-/Kopf­be­reich schwer ver­letzt wor­den. Nach eini­gen Tagen wur­de der irrever­si­ble Hirn­funk­ti­ons­aus­fall fest­ge­stellt. Sie befand sich zu die­sem Zeit­punkt in der 11. Schwan­ger­schafts­wo­che. Die Behand­lung der Betrof­fe­nen wur­de nach Fest­stel­lung des Hirn­funk­ti­ons­aus­falls 20 Wochen lang fort­ge­setzt, bis es in der 31. Schwan­ger­schafts­wo­che zu einer Spon­tan­ge­burt kam.[48]

Anhand die­ses Fal­les ist zu erken­nen, zu wel­chen umfang­rei­chen Inte­gra­ti­ons­leis­tun­gen Pati­en­ten mit Hirn­funk­ti­ons­aus­fall über einen lan­gen Zeit­raum fähig sind. Zu nen­nen sind ins­be­son­de­re:

Sauer­stoff­auf­nah­me durch die Lun­ge und Sauer­stoff­an­rei­che­rung des Blu­tes,

  • Blut­zir­ku­la­ti­on und damit Sauer­stoff­ver­sor­gung aller Orga­ne, Gewe­be und Kör­per­zel­len (abzüg­lich des Gehirns),
  • Ver­wer­tung von Nah­rung und Flüs­sig­keit,
  • Aus­schei­dung von Abfall­stof­fen,
  • Abwehr von Fremd­kör­pern (Immun­sys­tem),
  • Reak­tio­nen auf Umwelt­rei­ze über das vege­ta­ti­ve Ner­ven­sys­tem und das Rücken­mark,
  • Wund­hei­lung,
  • Wachs­tum (bei län­ger andau­ern­dem Hirn­funk­ti­ons­aus­fall jün­ge­rer Pati­en­ten),[49]
  • Aus­tra­gen einer Schwan­ger­schaft (bei weib­li­chen Pati­en­tin­nen).[50]

Auch hin­sicht­lich des Phä­no­mens der Schwan­ger­schaft bei „Hirn­tod“ zieht sich die Richt­li­nie der Bun­des­ärz­te­kam­mer von 2015 auf die Bemer­kung zurück, dass die­se „nicht dem ein­ge­tre­te­nen irrever­si­blen Hirn­funk­ti­ons­aus­fall der Mut­ter“ wider­spre­che.[51] Das ist für sich genom­men for­mal zutref­fend, erklärt aber nicht, wes­halb die Mut­ter bei der Geburt des Kin­des bereits seit Mona­ten „tot“ gewe­sen sein soll. Das Aus­tra­gen einer Schwan­ger­schaft setzt auf Sei­ten der Mut­ter einen leben­di­gen Orga­nis­mus vor­aus, völ­lig unab­hän­gig davon, ob – wie es in der Richt­li­nie heißt – eine Schwan­ger­schaft „endo­kri­no­lo­gisch von der Pla­zen­ta auf­recht­erhal­ten“ wird.[52] Die Pla­zen­ta kann nur dann ihre Funk­ti­on erfül­len, wenn sie von einem funk­tio­nie­ren­den müt­ter­li­chen Orga­nis­mus mit Sauer­stoff und Nähr­stof­fen ver­sorgt wird. Eine wirk­li­che Lei­che wäre nie­mals in der Lage, ein Kind aus­zu­tra­gen.[53]

Ins­be­son­de­re an dem Phä­no­men „Schwan­ger­schaft bei Hirn­tod“ lässt sich erken­nen, dass die The­se der Befür­wor­ter des Hirn­tod­kon­zepts, die „Inte­gra­ti­on des Kör­pers als Gan­zes“ sei mit Fest­stel­lung der Funk­ti­ons­un­fä­hig­keit des Gehirns ver­lo­ren gegan­gen, nicht trägt. Ein Pati­ent oder eine Pati­en­tin mit Hirn­funk­ti­ons­aus­fall stellt bio­lo­gisch einen Orga­nis­mus dar, der – mit inten­siv­me­di­zi­ni­scher Unter­stüt­zung – als Gan­zes erhal­ten bleibt. Er ist auf der Ebe­ne des gesam­ten Orga­nis­mus leben­dig, nicht nur auf der Ebe­ne ein­zel­ner Orga­ne oder Zel­len. Die Fähig­keit zur Inte­gra­ti­on bleibt offen­bar für einen län­ge­ren Zeit­raum erhal­ten, solan­ge die Sauer­stoff­zu­fuhr über ein Beatmungs­ge­rät gewähr­leis­tet ist. Eine Des­in­te­gra­ti­on der Orga­ne, Gewe­be und Zel­len ist im Zustand des „Hirn­to­des“ nicht zu beob­ach­ten.

Nur wenn die inten­siv­me­di­zi­ni­schen Maß­nah­men abge­bro­chen wer­den, kommt es zu fort­schrei­ten­den Funk­ti­ons­aus­fäl­len, Zer­falls­er­schei­nun­gen und schließ­lich zum tat­säch­li­chen Tod des Men­schen. Die Pha­se der Des­in­te­gra­ti­on (des kör­per­li­chen Zer­falls) und der Zustand davor sind klar unter­scheid­bar und von unter­schied­li­cher Qua­li­tät. Nach dem Organ­tod des Gehirns kann das Leben des Men­schen zwar nur noch mit erheb­li­chem Auf­wand und in der Regel für begrenz­te Zeit auf­recht­erhal­ten wer­den. Gera­de die inten­siv­me­di­zi­ni­sche Unter­stüt­zung erhält aber „die Ein­heit des hirn­to­ten Kör­pers als orga­nis­mi­sche Ganz­heit“.[54] Die noch vor­han­de­ne Inte­gra­ti­ons­fä­hig­keit des Kör­pers eines Pati­en­ten mit Hirn­funk­ti­ons­aus­fall lässt es – vor­sich­tig for­mu­liert – nicht als ange­mes­sen erschei­nen, ihn bereits in die­sem Zustand für tot zu erklä­ren und als Lei­che zu behan­deln.[55]

IV. Fazit

Unter­schied­li­che Auf­fas­sun­gen zur sach­li­chen Berech­ti­gung der Gleich­set­zung von „Hirn­tod“ und „Tod des Men­schen“ beru­hen nicht auf einem Fehl­ver­ständ­nis des „Hirn­to­des“ oder einem Infor­ma­ti­ons­de­fi­zit,[56] son­dern auf unter­schied­li­chen Inter­pre­ta­tio­nen der Lebens­zei­chen, die auch „hirn­to­te“ Pati­en­ten auf­wei­sen. Solan­ge die Befür­wor­ter des Hirn­tod­kon­zepts nicht in der Lage sind, eine schlüs­si­ge und in sich wider­spruchs­freie Begrün­dung für die Gleich­set­zung von „Hirn­tod“ und „Tod des Men­schen“ vor­zu­wei­sen, soll­ten Poli­tik und Recht­spre­chung die­sem Kon­zept kri­tisch gegen­über­ste­hen. Auch in der juris­ti­schen Lite­ra­tur wer­den die „Vor­ga­ben“ der Bun­des­ärz­te­kam­mer weit­ge­hend kri­tik­los und ohne nähe­re Prü­fung über­nom­men. Die umfang­rei­che, detail­lier­te und anhal­ten­de inter­na­tio­na­le Debat­te über die Vali­di­tät des Hirn­tod­kon­zepts wird prak­tisch nicht zur Kennt­nis genom­men.[57]

Die an sich ver­ständ­li­che und ethisch posi­tiv zu wer­ten­de Moti­va­ti­on, schwer­kran­ken Pati­en­ten auf der War­te­lis­te für ein Spen­der­or­gan hel­fen zu wol­len, macht eine ratio­na­le und schlüs­si­ge Argu­men­ta­ti­on in Sachen „Hirn­tod“ nicht ent­behr­lich. Bis zum Beweis des Gegen­teils müs­sen Pati­en­ten mit Hirn­funk­ti­ons­aus­fall als Ster­ben­de betrach­tet und auch ent­spre­chend behan­delt wer­den. Die Ein­füh­rung einer „Wider­spruchs­lö­sung“ für Organ­ent­nah­men kommt daher auch künf­tig nicht in Betracht.


  1. Vgl. Ple­nar­Prot 19/​140, S. 17456.
  2. BT-Drs. 19/​11087.
  3. Vgl. Höf­ling, Organ­spen­de oder Organ­ge­win­nung?, ZRP 2019, 3.
  4. Von den fast 150 Sei­ten der Bro­schü­re „Was ist der Hirn­tod?“ (down­load mög­lich über die Sei­te der BZgA www​.bzga​.de) befas­sen sich ledig­lich drei Text­sei­ten mit Fra­gen, die Pro­ble­me des Hirn­tod­kon­zepts betref­fen.
  5. Vgl. auch Denkhaus/​ Dabrock: Grau­zo­nen zwi­schen Leben und Tod. Ein Plä­doy­er für mehr Ehr­lich­keit in der Debat­te um das Hirn­tod­kri­te­ri­um. Zeit­schrift für medi­zi­ni­sche Ethik 2012, 135 ff., 138.
  6. Sie­he Pro­to­koll der Ver­an­stal­tung „Äuße­rungs­pflicht zur Organ­spen­de: Soll­te der Staat ver­lan­gen, dass sich jeder erklärt?“, 27. Okto­ber 2010, S. 22 (https://www.ethikrat.org/fileadmin/PDF-Dateien/Veranstaltungen/Simultanmitschrift_FB_2010-10–27.pdf; abge­ru­fen am 8.4.2020).
  7. Sie­he Bun­des­ärz­te­kam­mer: Richt­li­nie gemäß § 16 Abs. 1 S. 1 Nr. 1 TPG für die Regeln zur Fest­stel­lung des Todes nach § 3 Abs. 1 S. 1 Nr. 2 TPG und die Ver­fah­rens­re­geln zur Fest­stel­lung des end­gül­ti­gen, nicht beheb­ba­ren Aus­falls der Gesamt­funk­ti­on des Groß­hirns, des Klein­hirns und des Hirn­stamms nach § 3 Abs. 2 Nr. 2 TPG, Vier­te Fort­schrei­bung. Bekannt­ma­chung in Deut­sches Ärz­te­blatt (DÄBl.) 2015, A‑1256 (Text: http://​www​.baek​.de/​d​o​w​n​l​o​a​d​s​/​i​r​r​e​v​.​H​i​r​n​f​u​n​k​t​i​o​n​s​a​u​s​f​a​l​l.pdf).
  8. Vgl. Pius XII: Respon­se à trois ques­ti­ons de mora­le médi­ca­le au sujet de ce qu’on appel­le «la réani­ma­ti­on». Acta Apos­to­li­cae Sedis 1957, 1027 ff.
  9. Vgl. Gia­co­mi­ni: A Chan­ge of Heart and a Chan­ge of Mind? Tech­no­lo­gy and the Rede­fi­ni­ti­on of Death in 1968. Social Sci­ence & Medi­ci­ne 1997, 1465 ff.
  10. Ad Hoc Com­mit­tee of the Har­vard Medi­cal School to Exami­ne the Defi­ni­ti­on of Brain Death: A Defi­ni­ti­on of Irrever­si­ble Coma. Jour­nal of the Ame­ri­can Medi­cal Asso­cia­ti­on 1968, 337.
  11. Vgl. Gia­co­mi­ni (Fn. 9), S. 1474 ff.; Micha­el A. De Geor­gia: Histo­ry of brain death as death: 1968 to the pre­sent, Jour­nal of Cri­ti­cal Care 2014, 674 f.
  12. Sie­he auch Man­zei, Tod oder ster­bend? Inten­siv 2015, 148 ff.
  13. Inso­weit zutref­fend: Wis­sen­schaft­li­cher Bei­rat der Bun­des­ärz­te­kam­mer, DÄBl. 1993, 1976.
  14. Die­sen Umstand hat schon früh Hans Jonas mit nach wie vor lesens­wer­ter Begrün­dung kri­ti­siert: Jonas: Gehirn­tod und mensch­li­che Organ­bank. Zur prag­ma­ti­schen Umde­fi­nie­rung des Todes. In: ders., Tech­nik, Medi­zin und Ethik, 1985, 219 ff.
  15. A. A. Schä­fer, NJ 2018, 190, 192.
  16. Vgl. Schä­fer, NJ 2018, 190, 191 f.
  17. Vgl. Brandt/​Angstwurm, Bedeu­tung des irrever­si­blen Hirn­funk­ti­ons­aus­falls als siche­res Todes­zei­chen, DÄBl. 2018, 676.
  18. Vgl. Brandt/​Angstwurm (Fn. 17), 676 ff.; Schä­fer, NJ 2018, 190, 192 f.
  19. Bun­des­ärz­te­kam­mer (Fn. 7), 2.
  20. Auf Details der zu prü­fen­den Para­me­ter, der War­te­fris­ten oder der appa­ra­ti­ven Zusatz­un­ter­su­chun­gen soll es hier nicht ankom­men. Inso­weit ist auch ein Vor­rang der Exper­ti­se von Neu­ro­lo­gen anzu­er­ken­nen.
  21. Vgl. hier­zu Beck­mann: Der „Hirn­tod“ – die unsi­chers­te Dia­gno­se der Welt, ZfL 2011, 122 ff.
  22. So z. B. Schä­fer, NJ 2018, 190, 193; Brandt/​Angstwurm (Fn. 17), 678.
  23. Die­se Auf­fas­sung wird auch als „Geis­tig­keits­theo­rie“ bezeich­net (Beck­OK GG-Lang, Stand 1. Dezem­ber 2019, Art. 2 GG, Rn. 60). Ähn­lich Deut­scher Ethik­rat: Hirn­tod und Ent­schei­dung zur Organ­spen­de, Stel­lung­nah­me. Ber­lin 2015, 51: „Ver­lust der für das Mensch­sein als essen­ti­ell ange­se­he­nen men­ta­len Funk­tio­nen.“.
  24. Vgl. dazu schon Höfling/​Rixen: Ver­fas­sungs­fra­gen der Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zin, Tübin­gen 1996, 69 ff. Nach­wei­se zu den kri­ti­schen Stim­men zum Hirn­tod­kon­zept in der ver­fas­sungs­recht­li­chen Lite­ra­tur bei Höfling/​Rixen, Trans­plan­ta­tions­ge­setz, Kom­men­tar, 2. Aufl. 2013, § 3 TPG, Rn. 19; Beck­OK GG-Lang (Fn. 23), Art. 2 GG, Rn. 60 f.
  25. S. dazu noch unten II. 2. c).
  26. Die Pro­ble­me der Zuord­nung des in Deutsch­land gel­ten­den Hirn­tod­kon­zepts zu einem pas­sen­den Sub­jekt des Todes wer­den ins­be­son­de­re erör­tert von Kurthen/​Linke, Vom Hirn­tod zum Teil­hirn­tod; in: Hoff/​Schmitten (Hrsg.): Wann ist der Mensch tot? 1994, 82 ff. Vgl. fer­ner Shew­mon, Brain Death: A Con­clu­si­on in Search of a Jus­ti­fi­ca­ti­on. Has­tings Cen­ter Report 2018, S22 ff.
  27. Vgl. Deut­scher Ethik­rat (Fn. 23), 67 f.; Brandt/​Angstwurm (Fn. 17), 676; MüKo- StGB-Schnei­der (3. Aufl. 2017), Vor­bem. zu § 211 StGB, Rn. 21.
  28. Vgl. Deut­scher Ethik­rat (Fn. 23), 66 ff.
  29. Vgl. Bernat/​Culver/​Gert: On the Defi­ni­ti­on and Cri­ter­ion of Death. Annals of Inter­nal Medi­ci­ne 1981, 389 ff.; Wis­sen­schaft­li­cher Bei­rat der Bun­des­ärz­te­kam­mer, Der end­gül­ti­ge Aus­fall der gesam­ten Hirn­funk­ti­on („Hirn­tod“) als siche­res Todes­zei­chen, DÄBl. 1993, A‑2933; Deut­scher Ethik­rat (Fn. 23), 69 ff.
  30. Schä­fer, NJ 2018, 190, erwähnt die­sen Gesichts­punkt nicht, son­dern ver­gleicht einen Pati­en­ten mit Hirn­funk­ti­ons­aus­fall mit einem „defek­ten PC“, bei dem der Zen­tral­pro­zes­sor und die Fest­plat­te aus­ge­fal­len sind.
  31. Vgl. Brandt/​Angstwurm (Fn. 17), 678 f.
  32. VGl. Brandt/​Angstwurm (Fn. 17), 678 – Her­vor­he­bung durch den Verf.
  33. S. unten IV.
  34. Vgl. insb. Shew­mon: The brain and soma­tic inte­gra­ti­on: insights into the stan­dard bio­lo­gi­cal ratio­na­le for equa­ting ‘brain death’ with death. Jour­nal of Medi­ci­ne and Phi­lo­so­phy 2001, S. 457 ff.
  35. Vgl. President’s Coun­cil on Bio­ethics: Con­tro­ver­sies in the Deter­mi­na­ti­on of Death, Washing­ton 2008, 57: “If being ali­ve as a bio­lo­gi­cal orga­nism requi­res being a who­le that is more than the mere sum of its parts, then it would be dif­fi­cult to deny that the body of a pati­ent with total brain fail­u­re can still be ali­ve, at least in some cases” (dt: ”Wenn es für das Leben als bio­lo­gi­scher Orga­nis­mus erfor­der­lich ist, ein Gan­zes zu sein, das mehr ist als die blo­ße Sum­me sei­ner Tei­le, dann kann man nur schwer leug­nen, dass der Kör­per eines Pati­en­ten mit völ­li­gem Hirn­ver­sa­gen noch am Leben sein kann, zumin­dest in eini­gen Fäl­len.”).
  36. Vgl. Shew­mon (Fn. 34), S. 473.
  37. Vgl. Brandt/​Angstwurm (Fn. 17), 679.
  38. IHA = Irrever­si­bler Hirn­funk­ti­ons­aus­fall.
  39. Vgl. Brandt/​Angstwurm (Fn. 17), 679.
  40. Die reflek­to­ri­sche Bewe­gung der Aug­äp­fel bei plötz­li­cher Kopf­dre­hung (oku­lo-zepha­ler Reflex; „Pup­pen­kopf­phä­no­men).
  41. Vgl. Bun­des­ärz­te­kam­mer (Anm. 7), 3, dort Ziff. 2.3, 2.4 und 2.6.
  42. Vgl. BT-Drs. 11/​7980, 32; Schlake/​Rosen: Der Hirn­tod als der Tod des Men­schen (hrsg. von der Dt. Stif­tung Organ­trans­plan­ta­ti­on) 1995, 52.
  43. Vgl. Bun­des­ärz­te­kam­mer (Fn. 7), 6; Schä­fer NJ 2018. 190. 193 f.
  44. Vgl. Beck­mann (Fn. 21), 122 ff.
  45. Der „Euro­pa­re­kord“ für das Leben mit einem Kunst­herz­sys­tem lag im Jahr 2015 bei 10 Jah­ren, vgl. https://​idw​-online​.de/​d​e​/​n​e​w​s​6​41761 (abge­ru­fen am 6. April 2020).
  46. Hier­bei han­delt es sich um eine maschi­nel­le Sauer­stoff­an­rei­che­rung des Blu­tes außer­halb des Kör­pers, die bei schwers­ten Lun­gen­funk­ti­ons­stö­run­gen ein­ge­setzt wird.
  47. Vgl. Beschluss des AG Würz­burg, NJ 2020, 70; s. fer­ner auch den Fall­be­richt von Rein­hold u. a.: Vagi­nal deli­very in the 30+4 weeks of pregnan­cy and organ dona­ti­on after brain death in ear­ly pregnan­cy. BMJ Case Rep 2019;12:e231601. doi:10.1136/bcr-2019231601.
  48. Die Betrof­fe­ne wur­de von einem gesun­den Mäd­chen ent­bun­den, vgl. NJ 2020, 72.
  49. Vgl. Shew­mon: Chro­nic „brain death”. Meta-ana­ly­sis and con­cep­tu­al con­se­quen­ces. Neu­ro­lo­gy 1998, 1538 ff.
  50. Zu all die­sen Lebens­zei­chen schweigt Schä­fer, NJ 2018, 190.
  51. Vgl. Bun­des­ärz­te­kam­mer (Fn. 7), 6.
  52. Vgl. Bun­des­ärz­te­kam­mer (Fn. 7), 6.
  53. Vgl. dazu ins­ge­samt schon Beck­mann, Ist der hirn­to­te Mensch eine „Lei­che“? ZRP 1996, 219 ff.
  54. Vgl. Deut­scher Ethik­rat (Fn. 23), S. 80. Die Mehr­heit des Ethik­rats, die das Hirn­tod­kon­zept ver­tei­digt, wider­spricht sich mit die­ser For­mu­lie­rung selbst.
  55. Es bestehen zumin­dest „begrün­de­te Zwei­fel“, vgl. President’s Coun­cil on Bio­ethics (Fn. 35), 57 f.; Brug­ger: Are Brain Dead Indi­vi­du­als Dead? Grounds for Rea­son­ab­le Doubt. Jour­nal of Medi­ci­ne and Phi­lo­so­phy 2016, 329 ff.
  56. So Schä­fer, NJ 2018. 190.
  57. So z. B. bei Heyers, Wann ist der Mensch tot? Jura 2016, 709 ff.
Rich­ter am Amts­ge­richt Gemün­den am Main Web­sei­te

Seit Anfang 2019 wei­te­rer auf­sicht­füh­ren­der Rich­ter am Amts­ge­richt Gemün­den am Main.

Seit 1997 stell­ver­tre­ten­der Vor­sit­zen­der der Juris­ten-Ver­ei­ni­gung Lebens­recht e. V. (Köln). Von 2001 bis 2016 Schrift­lei­ter der „Zeit­schrift für Lebens­recht“ (ZfL). Mit­glied des Her­aus­ge­ber­bei­rats der ZfL.

In der 14. Wahl­pe­ri­ode des Deut­schen Bun­des­ta­ges sach­ver­stän­di­ges Mit­glied der Enquete-Kom­mis­si­on „Recht und Ethik der moder­nen Medi­zin“ (2000 – 2002). Von 2003 bis 2005 wie­der­um Mit­glied der Enquete-Kom­mis­si­on „Ethik und Recht der moder­nen Medi­zin“ des Deut­schen Bun­des­ta­ges (15. WP).

Dozent an der Juli­us­spi­tal Pal­li­ta­tiv­aka­de­mie in Würz­burg.
Lehr­be­auf­trag­ter für Medi­zin­recht an der Medi­zi­ni­schen Fakul­tät Mann­heim der Uni­ver­si­tät Hei­del­berg.

Zahl­rei­che Ver­öf­fent­li­chun­gen zu rechts­po­li­ti­schen und bio­ethi­schen The­men. Umfang­rei­che Vor­trags­tä­tig­keit im glei­chen The­men­spek­trum.

von Rainer Beckmann