Sie urinieren. Sie haben Herzanfälle und Liegegeschwüre. Sie tragen Kinder aus. Sie könnten sogar Schmerzen empfinden. Sehen Sie sich die Organspender an, die „ziemlich tot“ sind.

Autor: Dick Teresi, 2012-05-02

Im Jahr 1968 versammelten sich 13 Männer an der Harvard Medical School, um faktisch 5.000 Jahre der Beschäftigung mit dem Tod umzustoßen. Innerhalb von drei Monaten produzierte das Harvard-Komitee (unter der Bezeichnung: „the Ad Hoc Committee of the Harvard Medical School to Examine the Definition of Brain Death“) eine simple Zusammenstellung von Kriterien, die es heute Ärzten erlauben, einen Menschen in einem kürzeren Zeitraum für tot zu erklären, als man für eine gründliche Augen-Untersuchung benötigt. Man verwendete viele medizinische Fachbegriffe, aber letztendlich bezogen sich die Kriterien des Komitees nicht mehr auf biologische Fakten, sondern auf philosophische Erwägungen. Nach wenigen Jahren wurde vom größten Teil des medizinischen Establishments akzeptiert, dass der Tod nicht dadurch definiert wurde, dass ein Herz nicht meht zum Schlagen gebracht werden konnte oder dass die Lungen nicht mehr atmen konnten. Nein, man wurde für tot gehalten, wenn man unter einem Verlust der Persönlichkeit litt.

Aber bevor wir erkennen, was es für reale Patienten bedeutet, wenn Philosophie an Stelle von Wissenschaft eingesetzt wird, lassen Sie uns die Kriterien betrachten, von denen die Autoren der Harvard Medical School glaubten, dass sie auf ein „dauerhaft nicht funktionierendes Gehirn“ hinwiesen:

  • Keine Reaktionen auf äußere Reize. „Sogar die äußerst intensiven schmerzhaften Reize bewirken keine verbalen oder anderen Reaktionen, nicht einmal ein Stöhnen, Zucken eines Gliedes oder die Erhöhung der Atemfrequenz“ nach den Richtlinien des Komitees.
  • Keine Bewegungen oder Spontan-Atmung (wobei die künstliche Beatmung nicht als Atmung gewertet wird.) Die Ärzte müssen den Patienten über mindestens eine Stunde beobachten, um sicherzugehen, dass er keine spontanen Bewegungen macht oder spontan atmet. Um den Atemstillstand zu überprüfen, müssen die Ärzte die künstliche Beatmung für drei Minuten abstellen, um feststellen zu können, ob der Patient eigenständig zu atmen beginnt ( der Apnoe-Test).
  • Keine Reflexe. Um die Reflexe zu überprüfen, müssen die Ärzte in die Augen leuchten, um sicherzugehen, dass die Pupillen geweitet sind. Die Muskeln werden getestet. Eiswasser wird in die Ohren geleitet.
  • Null-Linien-EEG. Die Ärzte sollten ein Elektro-Encephalogramm durchführen, ein Test, der „sehr geeignet ist“, um feststellen zu können, dass der Patient keine Hirnwellen aufweist.

Das Komitee legte fest, dass alle oben aufgeführten Tests nach mindestens 24 Stunden ohne Veränderung des Zustands wiederholt werden müssen, aber es führte zwei Vorbehalte an: Zu hoher Blutdruck und Einfluss von Drogen können einen Hirntod vortäuschen. Und seit 1968 ist die Liste der entsprechenden Zustände länger geworden.

Obwohl die Harvard-Kriterien ohne Untersuchungen an Patienten und ohne Versuche an Tieren oder Menschen definiert worden waren, wurden sie bald zum Standard, um Menschen in mehreren Bundesstaaten für tot zu erklären, und im Jahr 1981 wurde der „Uniform Determination of Death Act“ (UDDA) von der National Conference of Commissioners on Uniform State Laws verabschiedet. Der UDDA beruft sich auf den Bericht des „Harvard Ad Hoc Committee“.

Dass ein vierseitiger Artikel, der den Tod definierte, von allen 50 Bundesstaaten innerhalb von 13 Jahren in Gesetzesform gebracht wurde, ist erschütternd.

Ebenso wie einige unserer Vorfahren das Herz als den Sitz der Seele betrachteten, geht heute die etablierte Medizin davon aus, dass das Gehirn den Menschen definiert und dass ein funktionierendes Gehirn entscheidend ist für das, was man eine menschliche Person nennt.
D. Alan Shewmon, Kinder-Neurologe am UCLA, der ursprünglich das Hirntod-Konzept befürwortete, hat heute dieses Konzept fallengelassen. Der bestmögliche wissenschaftliche Umgang mit dem Tod, so sagt er, sei es, Menschen wie alle anderen Lebewesen auch zu behandeln. Menschen sollten aufgrund von biologischen Fakten beurteilt werden, ob sie lebendig oder tot sind, und nicht aufgrund von vagen Vorstellungen über den Status „Person“. Es gibt keine abstrakte Vorstellung davon, was es bedeutet, ein „Eichhörnchen“ oder ein „Gorilla“ zu sein, wodurch wir den Tod einer anderen Spezies festlegen.

Die Frage ist: Warum brauchen wir überhaupt Konzepte wie Persönlichkeit und Hirntod? Trotz bombastischer Versuche, die Harvard-Kriterien zu erklären und zu rechtfertigen, bleiben sie undurchsichtig, irreführend und widersprüchlich. Falls, wie die Befürworter sagen, die Hirntod-Kriterien denselben Zustand beschreiben – d.h. den Tod – wie den nach Herzstillstand, warum sollte man sich darüber Sorgen machen? Vor allem, seit man über die Möglichkeiten verfügt, den Tod nach Herzstillstand feststellen zu können, und diese Möglichkeiten bedauerlicherweise fehlen oder zumindest ignoriert werden, wenn es um die Feststellung geht, ob das das gesamte Gehirn tatsächlich abgestorben ist.

Shewmon sammelte 150 dokumentierte Fälle von hirntoten Patienten, deren Herzen weiterschlugen, und deren Körper sich nicht nach einer Woche auflösten. In einem bemerkenswerten Fall überlebte ein Patient seinen Hirntod um 20 Jahre, bis er einen Herzstillstand erlitt.
Befürworter des Hirntod-Konzepts haben immer darauf bestanden, dass jeder, der diese Kriterien erfüllt, alsbald zerfällt und kurz darauf die Herzkreislauf-Kriterien für den eingetretenen Tod erfüllt. Aber Shewmon präsentiert eine Vielzahl von Lebensprozessen, die hirntote Patienten weiterhin aufweisen:

  • Abfallprodukte des Körpers werden weiterhin ausgeschieden, entgiftet und wiederverwertet.
  • Die Körpertemperatur wird aufrecht erhalten, allerdings bei einer Temperatur, die unter der Norm liegt, und mit Hilfe von Decken.
  • Wunden heilen.
  • Infektionen werden vom Körper bekämpft.
  • Infektionen führen zu Fieber.
  • Organe und Gewebe funktionieren weiterhin.
  • Hirntote schwangere Frauen können ein Kind austragen.
  • Hirntote Kinder reifen sexuell und weisen Wachstum auf.

Was brachte also das Harvard Ad Hoc Committee dazu, die Zeit zurückzudrehen und einen geringeren Todes-Standard zu konstruieren? Für eine wachsende Zahl von wissenschaftlichen Kritikern scheint es so zu sein, dass das Komitee darauf fxiert war, menschliche Organe für Transplantationszwecke frei zu machen.
In den 1960er Jahren wurden diese Art der Transplantationen – früher als Science Fiction bezeichnet - dank bemerkenswerter Fortschritte in der Technologie Realität. Aber um dies ethisch und gesetzlich abzusichern, musste eine neue Todesdefinition erfunden werden, eine, bei der die Organe am Leben erhalten werden. Heute ist die Transplantations-Industrie ein jährliches 20-Milliarden-Dollar-Geschäft. Sie gibt mehr als eine Milliarde Dollar im Jahr allein für Immunsuppressiva aus, die das Immunsystem des Empfängers daran hindern, das transplantierte Organ abzustoßen. Transplantations-Chirurgen sind fast an der Spitze der „Mediziner-Nahrungskette“ und verdienen durchschnittlich etwa 400.000 Dollar jährlich. Sie und ihre Mitarbeiter fliegen oft mit ihrem Privatjet zur Organentnahme. Finderlohn in Form von „administrativen Kosten“ wird häufig an die Kliniken gezahlt.

Die einzigen, die nicht am Transplantationsgewinn teilhaben, sind die entscheidenden: die Spender und ihre Angehörigen. Nach den gesetzlichen Regeln sind sie die einzigen, die keine Entschädigung erhalten können. Joseph Murray, der Chirurg, der die erste Organtransplantation durchführte, beharrt darauf, dass Spender nicht bezahlt werden dürfen, um die Integrität in diesem Bereich zu wahren.

Es ist die Aufgabe der Organ-Entnahme-Organisationen und ihrer Befürworter, der Familie die Organe abzuschwatzen, die einem bald toten Sohn, einer Tochter, einem Ehemann, der Ehefrau, dem Neffen, der Nichte oder einem anderen Verwandten gehören. Das muss einer der härtesten Verkaufsjobs der Welt sein. Verzweifelte Eltern, deren Kind tot ist oder im Sterben liegt, müssen gefragt werden, ob sie noch ein weiteres Opfer bringen wollen. Aber es ist dieser heftige Schmerz und die Verwirrung, die den Organtransplantations- Organisationen dabei hilft, ihnen den Weg zu ebnen.

Jim McCabe, rangältester Koordinator für die New England Organ Bank, erklärt, es „sei eine Möglichkeit, dem Tod einen Sinn zu geben, aus einer schlimmen Situation das Beste zu machen. Ich komme auf die Intensivstation, um der Familie eine Wahlmöglichkeit aufzuzeigen.“ Die Option, die die meisten Familien wünschen, ist, dass ihr geliebter Angehöriger am Leben erhalten wird. Ein „Hirntod-Team“ teilt ihnen mit, dass ein Überleben nicht möglich ist. Danach zeigt ihnen McCabe eine andere Möglichkeit: jemand anderen am Leben zu erhalten. Seine Erfolgs-Bilanz ist exzellent. Er bringt 50 bis 60 Prozent der Angehörigen dazu, ihre Zustimmung zu geben.

Joanne Lynn, Ärztin für Geriatrie und Leiterin des „Altarum Center for Elder Care and Advanced Illness“ in Washington D.C. sagt: „Diese berufsmäßigen Befürworter wollen einfach nur die Organe. Die Transplantationsdebatte ignoriert die Spender und hat nur die Empfänger im Blick.“
Organtransplantationen wären nebensächlich im Zusammenhang mit dem Tod, wenn sie so wären, wie es der Organhandel behauptet: klinisch saubere Entnahme von Körperteilen von völlig toten, fühllosen Leichen. Aber es ist komplizierter und schmutziger als das. Die schauerlichen Fakten, die in diesem Artikel genannt werden, sind kein Versuch, die Organtransplantation auszuhebeln – ein Ding der Unmöglichkeit, wenn man sieht, wie tief verankert diese Industrie ist – aber man erkennt die Versessenheit des Medizinbetriebs, Organe von Menschen wiederzuverwerten, die, wie es Dr. Michael De Vita vom „University of Pittsburgh’s Medical Center“ formuliert, nur „fast tot“ sind.

Oder, wenn man einen optimistischeren Standpunkt einnehmen will, sind diese Tatsachen ein Beweis für die Zähigkeit des menschlichen Lebens. Im Gegensatz zur Behauptung des „Harvard Ad Hoc Committee“, dass seine Kriterien für den Hirntod und den Tod nach Herzstillstand denselben Zustand beschreiben, unterscheiden sich Menschen mit schlagendem Herzen (BHCs) definitiv von normalen Leichen. „ Ich mag meine Toten kalt, steif, grau und ohne Atmung“, sagt DeVita. „Die Hirntoten sind warm, rosig und atmen. Sie sehen krank aus, nicht tot.“

Leichen mit schlagendem Herzen wurden als eine Art Untergruppe geschaffen für den Zweck, ihre Organe für die zukünftigen Besitzer frisch zu halten. McCabe sagt, wenn man den Körper vom Hirnstamm abwärts am Leben erhält, bekämpft man dadurch die warme Ischämie, eine verringerte Durchblutung oder deren Ende nach dem herkömmlichen Tod. Wenn der Kreislauf stillsteht, werden die Organe nicht mehr mit Sauerstoff versorgt, und die Zellen beginnen abzusterben.

McCabe sagt, dass er mit seiner Ausstattung einen hirntoten Spender innerhalb von 12 Stunden in den OP bringen könne. Manchmal könne es bis zu einer Stunde nach der Todeserklärung dauern, bis man die Zustimmung erhält, wobei die künstliche Beatmung fortgeführt wird, während die Verhandlungen weitergehen. Eine Stunde später wird eine Blutprobe entnommen, und es dauert acht Stunden, bis die Untersuchungen auf AIDS, Hepatitis und Krebs abgeschlossen sind, welche eine Leiche mit schlagendem Herzen (BHC - Beating Heart Cadaver) von einer möglichen Organspende ausschließen. Die Zeit spielt eine entscheidende Rolle, weil die „Leiche mit schlagendem Herzen“ – eine ganz neue Art von Kreatur, die erst seit der Einführung des Hirntodes bekannt ist, einfach einen Herzanfall erleiden und noch einmal sterben könnte, bevor seine Organe entnommen sind.

Sobald ein Patient hirntot ist und seine Angehörigen ihre schriftliche Zustimmung zur Organspende erteilt haben, bekommt er die beste medizinische Versorgung seines Lebens.
„Code blue“ in Kliniken bedeutet vielleicht, dass die Ärzte schnell ans Bett der „Leiche mit schlagendem Herzen“ eilen sollen, weil er einen Defibrillator für sein Herz benötigen könnte. BHCs (Leichen mit schlagendem Herzen - Anmerkung der Übersetzerin) werden auch routinemäßig in ihrem Bett umgelagert, damit sie keine Liegegeschwüre bekommen. Ihre Nieren werden behandelt, um ihr Versagen zu verhindern. Flüssigkeiten werden regelmäßig zugeführt, um unter anderem Diabetes Insipidus zu verhindern; eine gesunde BHC (Leiche mit schlagendem Herzen - Anmerkung der Übersetzerin) sollte pro Stunde 100 bis zu 250 Milliliter Urin abgeben. Die Lungen müssen ständig überwacht werden, um sie für den nächsten Eigentümer instand zu halten, und der Schleim wird abgesaugt.

Steven Ross vom „Cooper University Hospital “ in Camden, New Jersey, und Dan Teres vom Bayside Medical Center in Springfield, Massachusetts, sagen beide, dass es eine schwere Aufgabe ist für die Krankenpfleger und andere, die „BHCs“ (Leichen mit schlagendem Herzen - Anmerkung der Übersetzerin) am Leben zu erhalten. Ross sagt, es sei eine „sehr aggressive Behandlung“. Aber dass man sie überhaupt mit Erfolg behandeln kann, wie Alan Shewmon bei seinen 150 Fällen nachgewiesen hat, lässt einen an der Gültigkeit ihres Todes zweifeln.

Es gibt mehrere Vorgehensweisen, wie man die Organe einer Leiche mit schlagendem Herzen entnehmen kann. McCabe benötigt ein Team von sieben Leuten im OP: einen Chirurgen, einen Arzt aus der Klinik, einen Techniker von der Organbank, einen Koordinator der Intensivstation, zwei Krankenpfleger und einen Anästhesisten. Manche Teams bringen auch einen zweiten Chirurgen mit, wenn viele Organe entnommen werden sollen.

Bei einer typíschen Entnahme wird ein Einschnitt vom Hals bis zum Schambein gemacht. Das Brustbein wird gespalten mit einer elektrischen Säge oder einem Lebschen Messer, einem meißelähnlichen Instrument, das der Arzt mit einem Holzhammer eintreibt. Ein Brustbein-Spreizer mit Widerhaken wird eingesetzt, um das Brustbein zu öffnen. Manchmal wird die Aorta zu Beginn der Explantation abgeklemmt und das Blut durch eine Kühlflüssigkeit ersetzt, um Verklumpungen zu vermeiden und die Temperatur zu regeln. Beim herkömmlichen Verfahren lässt man das Spenderblut einfach an Ort und Stelle.
Mark Schlesinger mag es nicht, dass seine Patienten während der herkömmlichen Operation Schmerzen erleiden. Er ist Leiter der Anaesthesie-Abteilung am Hackensack University Medical Center in New Jersey, und er sagt, dass ein Anaesthesist jeden Tag hirntote Patienten „produziert“: Wir geben ihnen Medikamente, um sie sterben zu lassen. Und wir holen sie zurück (nach der Operation)“.

Ein Patient, der anaesthesiert wurde, ist eine der vielen zunehmenden Ausnahmen gegenüber den Harvard-Kriterien. Er würde, oberflächlich gesehen, die Kriterien erfüllen, aber er würde nicht in Frage kommen (also als noch lebend betrachtet), wenn der untersuchende Arzt wüsste, dass sein Körper mit Medikamenten vollgepumpt ist. „Der einzige Test, den man unter Narkose nicht besteht, ist die Unumkehrbarkeit“, sagt Schlesinger. Das bedeutet, dass bei einem narkotisierten Patienten der Hirnstamm für eine Zeitlang heruntergefahren wird.
Der Hirnstamm eines hirntoten Organspenders ist ebenfalls heruntergefahren, aber wir wissen nicht – unter den begrenzten Bedingungen der Harvard-Kriterien und ihrem Fokus nur auf den Hirnstamm, was im Großhirn des Spenders oder außerhalb des Hirnstammes abläuft.

Anaesthesisten waren mit die ersten, die die Endgültigkeit des Hirntodes in Frage gestellt und sich gefragt haben, ob Tote mit schlagendem Herzen tatsächlich fühllose, sich ihrer selbst nicht bewusste Leichen sind. Sie haben auch angefangen sich zu fragen, was ein „ziemlich toter“ Spender während einer drei-bis fünfstündigen Organexplantation ohne Anaesthesie spüren mag - und sie sprechen dieses Thema an.

Gail A.Van Norman, Professorin für Anaesthesie und Bioethik an der Universität Washington, führt einige beunruhigende Fälle auf.

In einem Fall verabreichte der Anaesthesist dem Hirntoten ein Medikament, um eine Episode von Herzjagen während der Organexplantation zu behandeln. Der Spender begann spontan zu atmen, gerade als der Chirurg seine Leber entnahm. Der Anaesthesist überprüfte noch einmal die Krankenakte des Spenders und stellte fest, dass er am Ende eines Apnoe- Tests gekeucht hatte, aber ein Neurochirurg hatte ihn trotzdem für tot erklärt.

In einem anderen Fall wurde ein dreißigjähriger Patient mit schwerem Schädel-Trauma von zwei Ärzten für tot erklärt. Vorbereitungen zur Organentnahme wurden getroffen. Der diensthabende Anaesthesist stellte fest, dass „die Leiche mit schlagendem Herzen“ spontan atmete. Aber die feststellenden Ärzte sagten, weil er nicht wieder gesund werden könne, könnte er für tot erklärt werden. Die Entnahme seiner Organe erfolgte trotz der Einwände des Anaesthesisten, der beobachtete, wie sich der Spender bewegte und auf das Skalpell mit erhöhtem Blutdruck reagierte, welcher behandelt werden musste. Es war vergeblich, da der vorgesehene Leber-Empfänger starb, bevor er das Organ bekommen konnte; und dieses blieb untransplantiert.

Und in einem dritten Fall erlitt eine junge Frau Anfälle, wenige Stunden, nachdem sie ihr Kind geboren hatte. Ein Neurologe sagte, es sei „ein katastrophales neurologisches Vorkommnis“, und sie wurde für die Organentnahme vorbereitet. Zu diesem Zeitpunkt stellte der Anaesthesist fest, dass sie kleine, aber dennoch reaktive Pupillen hatte, schwache Hornhautreflexe aufwies und einen schwachen Würgereflex. Nach der Behandlung „hustete die Patientin, machte Grimassen und bewegte alle Gliedmaßen.“ Sie kam wieder zu Bewusstsein. Sie litt unter erheblichen neurologischen Einschränkungen, aber war klar und orientiert.

Die etablierten Hirntod-Befürworter bezeichnen Berichte dieser Art als „Anekdoten“, als hätte man sie vom National Enquirer übernommen. Aber über diese drei Fälle wurde in Anaesthesiology berichtet, der Zeitschrift der „American Society of Anesthesiologists“ mit 44.000 Mitgliedern.

Die Harvard-Kriterien legen fest, dass der hirntote Patient keine Bewegungen aufweisen darf. Van Norman jedoch betont, dass einige von ihnen Rückenmarks-Automatismen aufweisen, ein komplexes Spektrum von Bewegungsabläufen einschließlich der Bewegung von Gliedern und Rumpf, schrittartigen Bewegungen, Greifbewegungen und Drehen des Kopfes.
Dr. Gregory Liptak schrieb im Journal of the American Medical Association: „Hirntote Patienten weisen oft ungewöhnliche spontane Bewegungen auf, wenn man sie vom Beatmungsgerät abnimmt: Gänsehaut, Zittern, Streckmuskel-Bewegungen der Arme, schnelle Beugungen der Ellenbogen, Heben der Arme über dem Bett, Kreuzen der Hände, Berühren des Nackens mit den Händen, heftiges Ausatmen, und Bewegungen des Oberkörpers, die dem Einatmen ähneln ... Diese komplexen Bewegungs-Abläufe werden für Phänome gehalten, ausgelöst vom Rückenmark, einschließlich des oberen Halswirbel-Bereichs, und bedeuten nicht (Hervorhebung des Verfassers), dass der Patient nicht mehr hirntot ist.“

Man kann nicht mit Sicherheit sagen, was Organspender spüren, falls sie etwas spüren, wenn man ihre Organe entnimmt. Die Logik des Hirntodes ist folgendermaßen: Wenn der Hirnstamm tot ist, dann sind die höheren Bereiche des Gehirns wahrscheinlich auch tot, und wenn das gesamte Gehirn tot ist, dann ist alles unterhalb des Hirnstammes bedeutungslos. Da in der Praxis nur der Hirnstamm routinemäßig getestet wird, zählt der überwiegende Teil des Körpers, alles oberhalb des Hirnstammes und alles darunter, nicht mehr als menschlich.

Der Grund, warum man Leichen mit schlagendem Herzen nicht narkotisiert, lässt sich schwer herausfinden. (Manche Experten sagen, weil die Narkosemittel die Organe schädigen.)
Jedoch wird die Gabe von Anaesthetika während der Organexplantation in Europa immer häufiger eingesetzt, wie Robert Truog sagt, Professor für Ethik in der Medizin, Anaesthesie und Kinderheilkunde an der Harvard Medical School. Trotz ihrer starken Ablehnung des Hirntod-Konzepts weigern sich Truog und Shewmon, die Möglichkeit zu akzeptieren, dass einige Spender starke Schmerzen bei der Organentnahme haben könnten, obwohl sie einräumen, dass manche Spender Reaktionen zeigten, ähnlich wie bei unzureichend betäubten Patienten bei Operationen, die hinterher über Schmerzen und Bewusstsein währenddessen berichteten. Shewmon sagte, die Reaktionen der Spender seien einfach „körperliche Reaktionen auf schädliche Reize“. Ich fragte, ob man ein Experiment entwickeln könne, das eine Antwort darauf geben könnte, ob die Spender Schmerzen empfinden. Er sagte nein.

Truog wollte nicht einmal über die Möglichkeit von Schmerzen beim Organspender diskutieren.
Aber als ich Experimente vorschlug, wie es auch andere Anästhesisten getan hatten – wenn hirntote Organspender Schmerzreaktionen während der Organentnahme aufweisen, sie zu narkotisieren, um zu sehen, ob die Reaktionen aufhören, überraschte er mich, indem er sagte, dass er dies auch schon gemacht habe. Er verwendete zwei unterschiedliche Arten der Schmerzmitteln, welche die Organe nicht schädigen durch Erzeugung von Symptomen wie hohem Blutdruck oder Beschleunigung des Herzschlags. „Aber nur weil die Symptome zurückgehen“, fügte er hinzu, „bedeutet dies nicht, dass der Patient Schmerzen hat. Schmerzempfinden ist subjektiv.“ Genauso wie Shewmon fragte ich auch Truog, ob es keinen Versuch dazu gab. Er sagte, es gebe keinen Versuch, der die Frage, ob der Spender Schmerzen empfindet, beantworten könne.

Darüber hinaus gibt es viele erstaunliche Funde in einem Paper aus dem Jahr 1971: „Brain Death: A Clinical and Pathological Study“, das im Journal of Neurosurgery veröffentlicht wurde.
Das Team aus Minnesota, das diesen Artikel veröffentlicht hatte, hatte 25 sterbende Patienten untersucht und bei allen eine Autopsie durchgeführt und ein EEG bei einigen davon. Sie überprüften auch die Reflexe und fanden etwas Ungewöhnliches. Fünf der 25 Hirntoten reagierten auf sexuelle Reize. Die Forscher strichen sanft über die „Brustwarze und den Brustwarzenhof“ aller Patienten und stellten Reaktionen bei fünf der Patienten fest, vier Männern und einer Frau. Dann streichelten sie die Haut an der Penis-Wurzel bei den 18 männlichen Patienten, und vier reagierten darauf „mit sanften Schaukelbewegungen des Penis.“ Die Forscher hatten den Eindruck, diese Reaktion sei „eine Art unvollständiger oder erfolgloser Penis-Erektion“. Erfolglos oder nicht, für den ungeübten Blick könnte es ein Lebenszeichen sein.

Viel dramatischer sind hirntote schwangere Frauen. Der erste Fall, über den berichtet wurde, geschah 1981, als eine 24jährige Frau, 23 Wochen schwanger, in das „Women and Children`s Hospital“ in Buffalo eingeliefert wurde. Nach 18 Tagen zeigte das EEG keine Hirnaktivität mehr an, und sie wurde in eine Entbindungsklinik eingeliefert. Einen Tag später erklärte man sie für hirntot, vermutlich in der 25. Woche schwanger. Sie war tot, aber immer noch schwanger, und die Ärzte entschieden, ihren Leib – technisch betrachtet eine Leiche – als Inkubator zu nutzen. Es war keine leichte Aufgabe. Sie entwickelte Diabetes Insipidus, Herzrasen und Kontraktionen des Uterus. Später hatte sie heftige Blutdruck-Schwankungen, und der Herzschlag des Kindes wurde langsamer. Man führte sofort einen Kaiserschnitt durch, und ein „kräftiges“ Mädchen mit dem Gewicht von einem Kilo kam zur Welt in der 26. Schwangerschaftswoche. Drei Monate später wurde das Kind aus der Klinik entlassen bei einem Gewicht von 4.4 Pfund.

Sechs Monate zuvor war eine andere Schwangere in diese Klinik als Notfall eingeliefert worden mit einem ganz anderen Ergebnis. Die Ärzte beendeten die lebenserhaltenden Maßnahmen kurz nach dem Hirntod, da der Fetus 19 Wochen alt war, und die behandelnden Ärzte akzeptierten die Überzeugung, dass ein Körper nicht lange überleben könnte, nachdem der Hirntod erklärt war. Der Zeitraum genügte theoretisch nicht, um den Fötus noch 3 Wochen lang wachsen zu lassen, da mindestens 22 Schwangerschaftswochen erforderlich sind, um ein lebendes Kind zur Welt zu bringen.

Mehr hirntote Schwangere folgten. Bis zum Zeitpunkt dieses Berichts gab es weltweit 22 Publikationen in Brasilien, Deutschland, Irland, Neuseeland, Frankreich, Finnland, Korea, Spanien und den USA. Diese 22 hirntoten Mütter brachten 20 Kinder zur Welt, ohne bemerkenswerte gesundheitliche Beeinträchtigungen. Eine Frau trug ein Kind über 107 Tage aus, nachdem sie für hirntot erklärt worden war.

Die wahre Bedeutung von schwangeren hirntoten Müttern liegt darin, dass sie das Totenglöckchen für den „Hirntod“ als Definition bedeuten. Wie Shewmon und viele andere betont haben: Was ist ein besseres Kennzeichen von Leben, als ein Kind auszutragen und es lebendig zu gebären? Eine schwangere hirntote Frau und ihr Kind 107 Tage lang „am Leben zu erhalten“ entlarvt die Theorie als Lüge, dass die Hirntoten alsbald den konventionellen Herz-/Lungentod erleiden. Anfangs sagten die Hirntod-Befürworter, es sei eine Frage von Stunden. Dann sprachen sie von höchstens 3 bis 5 Tagen. Dann von 7, 9, dann von 14 Tagen. Jetzt sprechen wir von einer hirntoten Mutter, die nicht nur 107 Tage am Leben geblieben ist, sondern auch ihr Kind im Leib versorgen konnte.

Eine letzte Anmerkung: Hirntote Mütter können immer noch ihre Organe spenden. Und so kann die Patientin noch in den OP gebracht werden, damit ihre Organe entnommen werden, nachdem sie nicht nur eine neurologische Katastrophe erlitten hat, sondern auch für tot erklärt worden ist und einige Wochen der Schwangerschaft erduldet und ein Kind per Kaiserschnitt zur Welt gebracht hat. Die Arbeit einer Frau geht nie zu Ende.

Auszug aus dem Buch The Undead: Organ Harvesting, the Ice-Water Test, Beating- Heart-Cadavers – How medicine is Blurring the Line Between Life and Death
Autor: Dick Teresi
Published by Pantheon Books, a division of Random House. Copyright 2010 by Dick Teresi.Excerpted by permission.

Auszug aus dem Buch:

The Undead: Organ Harvesting, the Ice-Water Test, Beating- Heart-Cadavers – How medicine is Blurring the Line Between Life and Death (Die Untoten: Organentnahme, der Eiswasser-Test, Leichen mit schlagendem Herzen – Wie die Medizin die Grenze zwischen Leben und Tod verschiebt)
Autor: Dick Teresi
Veröffentlicht bei: Pantheon Books, zu „Random House“ gehörig. Copyright 2012 Dick Teresi. Genehmigter Texauszug.

Deutsche Übersetzung

Renate Focke

Englischsprachiger Originaltext
Siehe auch

Dick Teresi, The Undead: Organ Harvesting, the Ice-Water Test, Beating- Heart-Cadavers – How medicine is Blurring the Line Between Life and Death (Die Untoten: Organentnahme, der Eiswasser-Test, Leichen mit schlagendem Herzen – Wie die Medizin die Grenze zwischen Leben und Tod verschiebt), 2012
Bisher leider nur in Englischer Sprache erhältlich

Interview mt Dick Teresi in Englisch
Herr Teresi macht die kontroverse Aussage, dass das Geschäft der Organbeschaffung die Grenze zwischen Leben und Tod verwischt. Er erklärt, dass Organbeschaffung Druck auf Mediziner ausübt, um Patienten für tot zu erklären, statt lebenserhaltende Maßnahmen fortzusetzen und zu versuchen, sie zu retten.

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