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Organentnahme verhindert menschenwürdiges Sterben

Gisela Meyer, Mutter von Lorenz
 

Unser fast 16jähriger Sohn Lorenz verunglückte im Urlaub. Er schlug mit dem Hinterkopf auf einen Stein auf. Nachdem wir gerade einen wunderschönen Moment mit ihm verbracht hatten und auseinandergegangen waren, sahen wir ihn im Krankenhaus wieder, völlig unverletzt aussehend. Sein Gesicht wies weder eine Schramme noch eine Blutspur noch einen Bluterguss auf. Das Bedrohliche war nur durch die Beatmung wahrzunehmen. So begriffen wir auch nicht die Aussichtslosigkeit der Situation, als ein jüngerer Arzt uns kurz - im Stehen - den Zustand mitteilte. Ich wachte am Bett meines Sohnes, hoffte und betete, dass er die Augen wieder aufmachen möge und glaubte ganz fest an dieses Wunder.

Am nächsten Mittag, - es waren ca. 18 Std. nach seiner Einlieferung vergangen und kein Arzt hatte es bis dahin für nötig gehalten, sich blicken zu lassen und mit uns ein Gespräch zu führen - erschien der Chefarzt der Intensivstation, als ich allein draußen vor der Tür warten musste, und fragte, ob ich die Mutter sei. Er sagte dann, quasi im Vorbeigehen und zu einem Zeitpunkt, als der "Hirntod" überhaupt noch nicht feststand, er müsse mir bedauerlicherweise mitteilen, dass mein Kind tot sei ( er benutzte nicht das Wort Hirntod ) und dass die Apparate am nächsten Morgen abgestellt würden. Bis dahin sollten wir bitte überlegen, ob wir Organe spenden könnten. Gebraucht würden Herz, Leber, Nieren, Augen, es folgten noch andere Organe. Damit ließ er mich stehen und verschwand. Das Ganze fand auf dem Flur im Stehen statt, als mein Mann gerade abwesend war. Es dauerte ca. zwei Minuten.

Mich überkam für einen Moment ein großes Zittern, ich suchte Halt, dann war alles wie ausgelöscht.

Unser Kind war trotz dieser Todesmitteilung völlig unverändert. Es wurde weiter behandelt, seine volle Urinflasche gewechselt, gebettet, es bekam Medikamente. Ich dachte natürlich, alles sei zu seiner Heilung, worauf wir hofften. Erst später erfuhr ich, dass da schon die sog. Spenderkonditionierung begonnen hatte und unser Kind schon Material in den Augen der Mediziner war. Das empfinde ich als unerhört! Unser Kind bekam zu diesem Zeitpunkt einen Hautausschlag, der später wieder verschwand. Wie grotesk! Ich glaubte keinen Moment an seinen Tod, ich sah mein lebendes Kind und hielt seine warme Hand!

Nach einer weiteren durchwachten Nacht wurde die Frage nach den Organen wiederholt. Als wir nichts dazu sagen konnten, setzte man uns eine Frist von einer halben Stunde, in der wir unser Kind allein ließen und uns den Kopf zerbrachen, was wir wohl tun sollten, aber im Grunde konnten wir keinen klaren Gedanken fassen. Dann wurde uns zum dritten Mal von einem Arzt - wiederum im Stehen - erneut die Frage nach Organspende gestellt, und wieder erfolgte die Aufzählung der Organe.

Bei uns war inzwischen ein Krankenhausseelsorger, der sich zwar zurückhielt, aber doch unmissverständlich zu verstehen gab, dass in dieser Situation ein anderer Mensch gerettet werden könne. Auch ihm ging es nicht um die Fürsorge für uns und nicht um die Frage: "Was brauchen diese Eltern und ihr sterbendes Kind jetzt."

Es erfüllt mich mit Empörung und noch nach Jahren mit ganz großer Wut, wenn ich an diese Situation denke. Ich fühlte mich nach zwei durchwachten Nächten so unerträglich elend. Ich fühlte mich schuldig, mein Kind würde sterben, mein ganzes Selbstwertgefühl war zusammengebrochen. Was hatte ich getan, dass so ein Unglück über uns kam?

Ich wusste nicht aus noch ein. Wie in einer Riesenzange wurde mir immer mehr die Luft weggenommen. Und wenn ich nicht einwilligen würde, wäre ich auch noch schuldig am Tod eines anderen. Ich wollte ja auch nicht, dass noch jemand in so eine elende Lage kommt. Später wurde mir klar, was hier so subtil abgelaufen ist. In meinen eigenen überwältigenden Schuldgefühlen hatte ich Angst, noch mehr Schuld auf mich zu laden, wenn ich nicht einwilligen würde. Es steht dazu im Raum, dass man doch mit so einer schlechten Situation noch etwas Gutes tun könne, dass eine Einwilligung diese schlimme, unerträgliche Situation "sinnvoll" beenden würde, und dass einem der Anblick des sterbenden, bewusstlosen Kindes weiterhin erspart bleibe. So würde dem Tod ein Schnippchen geschlagen. Das Kind lebe ja in anderen weiter, das sei doch Trost, und du und dein Kind - ihr seid Helden! Dies alles suggeriert die Transplantationsmedizin und raubt unter dem Deckmantel der Nächstenliebe dem Sterbenden und den Angehörigen die Begleitung und den letzten Abschied.

Wir rangen uns endlich zur Freigabe der Nieren durch, aber in der Meinung, die Nieren würden nach dem Abstellen der Apparate entnommen. Da erfuhren wir nur soviel, dass das nicht ginge, waren aber auch nicht in der Lage zu fragen, was es denn konkret heiße, die Nieren zu entnehmen. Wir sind völlig uninformiert in unserem schwächsten Moment in eine Einwilligung manipuliert worden, deren Folgen wir gar nicht absehen konnten. Wir bestanden lediglich darauf, dass wir nach der Entnahme wiederkommen würden, um noch einmal bei unserem Kind zu sein. Es war ja alles ganz und gar unbegreiflich. Irgendwie habe ich nur funktioniert und nach wie vor alles für einen Alptraum gehalten. Es wurde uns zugesichert, dass unser Kind auf Station aufgebahrt würde und wir Zeit genug zum Abschiednehmen hätten.

Wir wurden betrogen. Als wir zurückkamen, war unser Kind nicht mehr da, die diensthabende Schwester wusste von nichts. Für die Ärzte waren wir, nachdem sie die Einwilligung hatten, uninteressant.

Wir sahen nach einer Wartezeit von eineinhalb Stunden und gegen viel Widerstand unser Kind im Leichenkeller wieder. Bei seinem Anblick glaubte ich zunächst an einen Irrtum, so entstellt war sein zuvor unverletztes Gesicht. Ich hatte bis dahin schon Sterbende begleitet und in das Gesicht von Verstorbenen geschaut, ich hatte keine Berührungsängste, ich kannte den friedlichen und entspannten Gesichtsausdruck, der sich oft bei Verstorbenen einstellt. Das Gesicht meines Kindes war ganz klein geworden, die Lippen, seine schönen vollen Lippen, waren zusammengebissen, der Gesichtsausdruck sah nach Schmerzen aus. Die Augen waren mit Mulllagen bedeckt und kreuzweise verklebt. Ich wollte nachsehen, was sie mit unserem Kind gemacht hatten. Daran hinderte mich mein in Panik geratener Mann. Wir liefen stumm und ohne Abschied von unserem Kind davon, voller Schuldgefühle.

Ich bin überzeugt, dass mein Kind bei der Organentnahme Schmerzen erlitten hat. Es bekam keine Narkose, wie es inzwischen weitgehend üblich ist, nur eine Lokalanästhesie.

Schon im Krankheitsfall hätte ich doch mein Kind nie verlassen! Doch im Sterben habe ich mich wegschicken lassen und es an Chirurgen ausgeliefert. Sie waren nun seine Sterbebegleiter am Operationstisch.

Es ist doch ein menschliches Urbedürfnis, im Sterben nicht verlassen zu werden und Abschied nehmen zu können. Schon bei einer Reise ist das Abschiednehmen wichtig! Hier ging es um den letzten, den endgültigen Abschied.

Er wurde uns genommen und wir haben ihn uns nehmen lassen. Das hat die Trauer unendlich verschlimmert und ist quälend bis zum heutigen Tag. Einen geliebten Angehörigen im Sterben nicht zu verlassen und ihm die letzten Liebesdienste zu erweisen, gibt dagegen Trost und Kraft zur Bewältigung der Trauer.

Es ist ebenso tröstlich zu erleben, wie mit dem Eintritt des Todes ein entspannter, friedlicher Ausdruck im Gesicht des Verstorbenen erscheint, wenn sein Sterben behütet war. Uns fehlt dieser kostbare Trost, der zum Weiterleben so wichtig gewesen wäre.

Unser sterbendes Kind, seine 3 Geschwister und seine Eltern waren die Nächsten, denen die Fürsorge und die Nächstenliebe (mit der beim Thema Organspende immer argumentiert wird) der Ärzte und des Seelsorgers hätten gelten müssen.

Kein Leid eines Dritten rechtfertigt einen so würdelosen Umgang mit Menschen in ihrem schwächsten Moment. Kein Leid eines Dritten rechtfertigt, dass hier bei Sterbenden und ihren Angehörigen das Leid vergrößert wird. Kein Leid eines Dritten rechtfertigt, dass letzte Liebesdienste und Abschiednehmen keinen Wert haben, einfach gestohlen werden können.

Ich hätte mein sterbendes Kind unbedingt bis zuletzt begleiten und es nach seinem Tod unbedingt ein letztes Mal in die Arme nehmen müssen.

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