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Angehörigensicht

Erlebnisse mit der Organspende beim Tod unserer Tochter

Gisela und Helmut Ewe
 

Im Jahr 1995 wurde unsere Tochter nach einem Hirnbluten in die Universitätsklinik Mainz eingeliefert. Dort wurde nach unserem Empfinden alles getan, um das Mädchen (23 Jahre alt) zu retten. Nach einer mehrstündigen Operation an einem Dienstag schien es mir als Mutter, dass einige Ärzte sie schon aufgegeben hatten, besonders einer der Ärzte. Er trug zu dem Zeitpunkt, als er am Bett unserer Tochter war, eine Jacke mit der Aufschrift NOTARZT. Er äußerte sich irgendwie, es sei doch zwecklos. Er bemerkte wohl nicht, dass ich es hörte. Aber dennoch hatte ich den Eindruck, man tat alles, um ihr das Leben zu retten. Besonders der Chefarzt Dr. P. gab mir große Hoffnung.

Am Mittwochnachmittag, also etwa 20 Stunden nach der Operation, fragte mich eine Ärztin, ob mein Mann nicht am Donnertag käme. Es sei doch Feiertag (Fronleichnam), aber eben nicht bei uns in Sachsen-Anhalt. Ich stellte klar, mein Mann kommt am Freitag. Das war dann auch so, und wir konnten gemeinsam am Freitagabend (etwa 20 Uhr) am Bett sein.

Am Sonnabend teilte man uns mit, am Sonntag gäbe es eine umfassende Untersuchung des Gehirns. Als wir schließlich am Sonntag gegen Mittag zu unserer Tochter konnten, war die Kühlung abgeschaltet, alle anderen Geräte liefen noch. Man teilte mit, das Gehirn sei nur noch eine schwarze Masse, nicht mehr lebensfähig und wie es wohl mit Organspende sei. Eine Weiterbehandlung sei auch absolut unangemessen, denn das sei zwecklos, bringe nichts, und was wir eventuell über Koma, Wachkoma usw. gehört hätten, könnten wir alles vergessen, Bettina ist nicht zu retten. Man gab uns Zeit bis Montag zu entscheiden. Bettina hatte einen Organspendeausweis. Das wusste aber nicht einmal mein Mann und schon gar nicht die Klinik.

Auf dem Weg in die Intensivstation morgens trafen wir eine behandelnde Ärztin. Die redete uns zur Spende zu und sprach z.B. von der Seele, die den Körper schon verlassen hätte und dass wir mit der Spende nichts falsch machen könnten und wie viele Leben noch gerettet werden könnten. Niemand klärte auf, wie eigentlich die Organe entnommen werden und dass der Mensch ja gewissermaßen noch leben muss, wenn die Organe noch verwertbar sein sollen.

Nachdem wir zugestimmt hatten und den Ausweis vorwiesen, wurde der uns sofort aus den Händen genommen, wir mussten eigentlich nicht mehr zustimmen, und die "Maschinerie" begann zu laufen. Wir waren plötzlich Luft, mussten sehen, wie wir unsere Tochter nach Hause bekommen. Die einzige Hilfe war der evangelische Klinikseelsorger.

Jahre später kamen die Zweifel auf. War es richtig? Nein und tausendmal nein, denn das Kind durfte nicht ruhig in unseren Armen sterben, wir haben sie allein gelassen in der schwersten Stunde. Niemand darf so etwas einem Menschen zumuten. Und wo war Gott? Nicht nur dass er zuließ, dass so ein junger Mensch so früh sterben muss, sondern es auch zuließ, so allein zu sterben.

Wir haben es viele Jahre nicht wahrhaben wollen, schon am Mittwoch war es aussichtslos (siehe oben), aber, da mein Mann nicht kam, wollte man mich nicht allein befragen betreffs Spende. Wir sind davon überzeugt, man hat das damals Mögliche getan, um Bettina zu retten, aber dann letztlich war sie eben ein Organspender. Mein Mann und ich sind NICHT gläubig, aber in der schweren Stunde sucht man doch Trost bei Gott. Unsere Tochter wurde auch christlich beerdigt, dennoch fühlen wir noch heute Schuld, nicht bis in den endgültigen Tod bei ihr gewesen zu sein.

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