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Organentnahme - Lassen Sie sich nicht durch einseitige Werbung manipulieren

Bericht des Vaters eines Organspenders aus Frankreich

von Alain Tesniere

Am Sonntag, den 28. Juli 1991, war mein Sohn Christophe mit dem Fahrrad auf dem Heimweg, als er vom Auto eines jungen Fahrers erfasst und vom Fahrrad gerissen wurde, wodurch er einen schweren Schlag am Kopf erlitt. Mein schwerverletzter Sohn wurde auf dem schnellsten Weg ins Krankenhaus nach Dieppe gebracht. In Dieppe war das Verhältnis von meiner Frau und mir zu den Ärzten auf der Intensivstation angespannt.

Die Ärzte bemängelten, dass wir den Krankenpflegern zu viele Fragen stellten (zum Koma, zum Beispiel) und dass wir den reibungslosen Ablauf auf der Station durcheinander brächten. Sie untersagten uns, die Krankenpfleger nach Christophes gesundheitlichem Zustand zu fragen. Ausschließlich die Ärzte würden unsere Fragen beantworten. Ich hatte einen ziemlich heftigen Wortwechsel mit einem der Ärzte, als ich ihn fragte, ob Christophes Leben in Gefahr sei. Er wich meiner Frage aus und verwendete dabei medizinische Fachbegriffe, und um ihn herauszufordern, sagte ich, ich sei Französischlehrer und kenne die Bedeutung der Fachbegriffe sehr gut.

Daraufhin baten wir darum, unseren Sohn unverzüglich zum Universitätskrankenhaus in Rouen zu überführen. Das lehnten sie ab mit der Begründung, wegen der Sommer- und Ferienzeit stünde kein Hubschrauber zur Verfügung, der Christophe in ein anderes Krankenhaus bringen könne. Außerdem meinten sie, wegen seines schlechten Gesundheitszustands könne Christophe auf keinen Fall transportiert werden.

Aber zu unserer Überraschung informierten uns die Ärzte drei Tage später, sie hätten sich entschieden, Christophe mit dem Hubschrauber in das Universitätskrankenhaus in Nord-Amiens zu bringen, das besser für Patienten mit schweren Kopfverletzungen ausgerüstet sei. Eine Messung des Hirndrucks könne dort vorgenommen werden.

Wir fuhren sofort nach Amiens. Dort wurden wir freundlich aufgenommen: Man fand eine Unterkunft für uns in Krankenhausnähe, die Pfleger waren freundlich, und die Ärzte beantworteten unsere Fragen. Es gab nur ein Problem: Eine ziemlich strenge Besuchsregelung besagte, wir sollten uns entscheiden, wer von uns Christophe zehn Minuten am Tag sehen durfte. Wir handelten längere Besuchszeiten aus.

Und die übrige Zeit saßen wir in einem kleinen Raum, wo wir unseren Sohn auf einem Monitor sahen.

Am Samstag wurden wir freundlich dazu aufgefordert, nach Hause nach Dieppe zu fahren.

Am Montagmorgen teilte man uns telefonisch mit, wir sollten auf dem schnellsten Weg nach Amiens kommen.

Bei unserer Ankunft wurden wir in ein kleines Büro der neurochirurgischen Abteilung geführt, wo uns einer der beiden Ärzte mitteilte, Christophes Hirn sei tot. Er erklärte uns die Hirntoddefinition der Medizinischen Akademie. Er fügte hinzu, er sei über unsere Beschwerde, was die Betreuung in Dieppe betreffe, informiert, und falls wir Beschwerde einreichen wollten, er sei ein Fachmann. Er verließ das Büro und ließ uns mit dem anderen Arzt allein.

Dieser stellte sich als Mitglied der nördlichen Abteilung der französischen Transplantationsgesellschaft vor und fragte uns, ob Christophe jemals den Wunsch geäußert hatte, Organspender sein zu wollen.

Warum sollte ein junger gesunder Mann sich Gedanken über seinen Tod machen?
Warum sollte er annehmen, dass er beim Radfahren tödlich verunglücken könnte?
Wir wussten es nicht.

Der Transplantations-Koordinator fragte uns nach unserer Einstellung zur Organspende. Gemäß der Informationslösung war er gesetzlich nicht verpflichtet, uns diese beiden Fragen zu stellen. Dem Cavaillet-Gesetz entsprechend hätte er fragen müssen, ob sich Christophe jemals gegen eine Organentnahme ausgesprochen hatte.

Ich war durch eine Fernsehsendung über einen Jungen, der auf ein Organ wartete, sehr bewegt worden und hatte keine Einwände. Aber meine Frau wollte wissen, welche Organe entnommen würden und wie sehr die Organentnahme ihn entstellen könne.

Der Körper unseres Sohnes hatte durch den Unfall schon schwere Schädigungen erlitten, und wir wollten ihn nicht noch mehr verstümmeln lassen. Der Arzt zählte vier Organe auf: das Herz, die Leber und die Nieren. Er versicherte uns, dass die Entnahme der Nieren nur kleine Narben verursachen werde.

Als meine Frau unseren Hausarzt anrufen wollte, um sich zu vergewissern, dass der Hirntod den Tod bedeutete, hatte der Arzt keine Einwände. Aber als sie Christophes Kinderarzt anrufen wollte, um seine Meinung einzuholen, wurde der Transplantations-Koordinator ganz aufgeregt: Es sei reine Zeitverschwendung, und er fügte hinzu: "Beeilen Sie sich! Er ist gerade dabei zu pinkeln!"

Der Kummer fing mit einem Abrechnungsfehler an. Wir erhielten eine Rechnung über einen Betrag von 300 Franc für Unterbringungskosten von der Universitätsklinik Amiens-Süd, wo Christophes Organe entnommen worden waren. Die Rechnung hätte nicht an uns geschickt werden dürfen, und man entschuldigte sich bei uns.

Was uns zu denken gab, war die Vielzahl von medizinischen Maßnahmen, die an Christophes Körper am Tag seines Todes vorgenommen wurde. Wir schrieben an den Transplantations-Koordinator. Er gab zu, dass er die Hornhäute entnommen hatte.

Aber als wir gegen den Unfallverursacher Klage einreichten, erhielten wir einen kompletten Bericht über die Entnahmen. Die Chirurgen hatten nicht nur das Herz, die Leber und beide Nieren entnommen, sondern auch Venen und Arterien, und das Schlimmste war, dass sie Christophes beide Augen entnommen und durch übergroße Glasaugen ersetzt hatten.

Wir fanden heraus, dass die Ärzte, die Christophes Augen entnahmen, trotz der geltenden Informationslösung gegen ein Gesetz verstoßen hatten. In der Tat führte das Cavaillet-Gesetz von 1976 die Informationslösung bei Organentnahmen ein. Dieses Gesetz erlaubte die Entnahme von Organen, ohne die Angehörigen nach ihrer Zustimmung fragen zu müssen. Aber es gab ein anderes Gesetz aus dem Jahr 1949 (das Lafay-Gesetz), das die Entnahme der Augen nur dann erlaubte, wenn der Verstorbene das testamentarisch verfügt hatte.

Weil Hornhäute Gewebe sind und keine Organe, verstieß die Entnahme der Augen gegen die Informationslösung. Darum stellten wir 1992 einen Strafantrag gegen X wegen Raubes und Schändung der Leiche unseres Sohnes. Das ist es, was die Medien als die "Amiens-Affaire" bezeichneten.

1993 schrieb ich das Buch "Les Yeux de Christophe" ("Die Augen von Christophe").

Zur Zeit bin ich dabei, zwei Bücher zu veröffentlichen, das eine:
"Les artifices du consentement présumé et de la mort cérébrale"
("Die Erfindung der mutmaßlichen Zustimmung und des Hirntodes"),
das andere:
"Histoire de la transplantation d'organes: de Carrel à Barnard"
("Geschichte der Organtransplantation: Von Carrell bis Barnard")

Im ersten berichte ich von den zehnjährigen Gerichtsverfahren, die mit einer Klageabweisung endeten. Folglich wurde mein Sohn vom Gesetz weder als "Sache" noch als "Person" geschützt. Die Richter kamen zu der Schlussfolgerung, dass eine Gesetzeslücke besteht. Ich würde daraus eher folgern, dass sie das Gesetz in ihrem Sinne zurechtgebogen haben, weil die Richter nicht die Absicht hatten, den Transplantationschirurgen zu schaden.

(Übersetzung aus dem Englischen ins Deutsche: Renate Focke)

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